* Esther *
Ziemlich heftig abgefahrene
Welt!
Mühsam gelang es Esther, ihre so entsetzlich schweren Augenlider zu heben. Sie schaute sich um. Versuchte, den trüben Schleier vor ihrem Blick zu vertreiben, sämtliche Konturen in ihrer Umgebung klar zu definieren und das Chaos all der nun
plötzlich wie Regentropfen bei einem starken Gewitter auf sie einstürmenden Impressionen zu
begreifen...
Niedergetretene Grashalme. Schlamm. Ineinander übergehende, verschmelzende Abdrücke unterschiedlich gemusterter Sohlen. Direkt neben ihr eine zerbeulte Coladose und eine leere Chipstüte. Kabel. Kaugummipapiere. Ein filterloser, ausgedrückter
Zigarettenstummel. Verknüllte Taschentücher; eins davon mit Blutflecken bedeckt. Schuhe, deren Träger offenbar riesenhafte Ausmaße angenommen hatten und nun ins Unermeßliche zu wachsen schienen. Fester Griff um ihren Unterarm. In ihrem Mund
ein unangenehmer, schaler, säuerlicher Geschmack.
Lärm.Stimmengewirr.
... Erst allmählich erkannte sie, daß sie auf dem Boden lag. Ein junger Mann mit ihr vertraut erscheinenden Gesichtszügen hatte seine Hand auf ihren Arm gelegt, lallte aufgeregt, an vorbeigehende Leute gewandt, und produzierte so eine Art
Lautkette, welche aufgrund einer gewissen in ihr enthaltenen Kausalität und eines offiziell feststehenden Symbolcharakters für Eingeweihte wohl irgendeinen Sinn ergeben mochte, aber deren Bedeutung ihr selbst momentan noch verschlüsselt
blieb... Aliengleiche
Fremdheit!
Esther klammerte sich krampfhaft an den nebulösen, auf seltsame Weise in Auflösung begriffenen Eindrücken fest, um weiterhin bei Bewußtsein zu bleiben. Wurde langsam wieder heimisch in dieser Realität. Verstand jetzt auch zumindest teilweise,
was um sie herum gesprochen wurde. "... Ey... ey... Gell, ihr wollt doch auch nich' sehn, wie das arme, besoffene Mädel hier gleich wieder kotzt,
oder?! Issdoch kein schöner Anblick, ey, ne?! Dann bitte sch...schnell weitergehen,
weitergehen..."
Irgend jemand
lachte.
"Scheiße, Leute, was machen wir denn, wir können die Esthy doch nicht einfach so hier liegen lassen; das ist echt nicht mehr lustig, was gerade mit der
abgeht..."
Die Worte dröhnten in ihrem Schädel und hallten nach wie Choralgesänge in einer riesigen Kathedrale. Ein abartig deformiertes Gesicht tauchte direkt über ihr auf, verdeckte ihren Blick zum Himmel - und drehte sich, drehte sich, drehte
sich...
"Mensch, jetzt beruhig' dich und mach' kein' unnötigen Stress; jeder trinkt irgendwann zuviel und hängt dann erst mal voll elend da, aber das vergeht doch wieder; glaubs mir, die Esthy packt das schon..." Nun gelang es Esther
auch, jenes Gesicht, welches allmählich wieder natürliche Formen anzunehmen begann, als das ihrer Freundin Pamela zu identifizieren; und bei dem Menschen, der noch immer ihren Arm hielt, handelte es sich offensichtlich um Kai, ihren
Mitkomillitonen aus dem Philosophie-Proseminar "Platons Lehre über den Idealstaat
II".
Immerhin.
Sie mußte plötzlich an Schiffe denken; irgendwie, aus unerfindlichen Gründen. Schiffe, in langen, karawanenhaften Zügen, überall; und dahinter ein glutrot erleuchteter Horizont. Schiffe, deren gigantische Anzahl stetig zunahm. Schiffe,
eindeutig vor irgend etwas auf der Flucht. Schiffe mit hohem Bug, hölzernen Planken, merkwürdigen, blau bemalten, erschreckend surrealistisch anmutenden Kreaturen als Galionsfiguren und bunten, vom Wind geblähten Segeln, deren Ränder teilweise
wie angekohlt wirkten. Schiffe, die, über ein wildes, tosendes Meer ziehend, von gewaltigen Wogen hilflos umhergeschleudert wurden, manchmal ganz hinter den sich heftig aufbäumenden, haushohen Wellenbergen verschwanden und so permanent zu
Kentern
drohten...
Und auf einem dieser Schiffe stand, vorne am Bug, halb an den Sockel der drachenähnlich erscheinenden Galionsfigur gelehnt und sich trotzig gegen den Wind stemmend, jener einäugige Alte mit den langen, schlohweißen Haaren, dem spitzen,
federgeschmückten Hut und dem sich weit aufbauschenden Umhang, wurde von der schäumenden Gischt naßgespritzt, und starrte in die
Ferne... Mit einem Mal erschien es Esther,
als könne diese Gestalt durch Raum und Zeit hindurchsehen, direkt zu ihr; durch ihren als Tarnkappe für die Seele fungierenden Körper; bis in ihr tiefstes, intimstes, verborgenstes Inneres hinein und noch viel
weiter...
Wie ein Glasobjekt lag ihr gesamtes Ich nun nackt und schutzlos vor ihm ausgebreitet: Durchsichtig, unbeugbar und gleichzeitig doch auch so zerbrechlich und
verwundbar... Sie wollte mit Pamela sprechen, öffnete die
trockenen Lippen; aber ihre Zunge wirkte nur noch wie ein aufgedunsener Klumpen, ein echsenartiger Fremdkörper in ihrem eigenen Mund; ließ sich kaum noch bewegen; geschweige denn zum Artikulieren verständlicher, sinnvoller Worte verwenden...
Esther brachte nur ein klägliches Wimmern
hervor.
Dazu dieser entsetzliche Durst; ihre Kehle war regelrecht ausgedrrt, doch nicht einmal Wasser schien ihr nun flüssig genug zum
Trinken...
Übelkeit stieg in ihr auf. Ihr Magen revoltierte und schlug Purzelbäume. Dann wieder
Pamela:
"Hey, guckt mal, ich glaube, sie kommt zu sich - aber boah, ist die drauf, Mensch, dieser Blick..." "Hmm, scheint echt ein derber Film zu
sein!"
"Esthy, wo bist du, sag doch, in welchen Dimensionen treibst du dich denn heute rum..." "Genau! Sprich zu uns, du holde Maid, und berichte uns von fremdartigen
Stratosphären..." Gelächter, das plötzlich
verstummte.
Schwarze, fest geschnürte Stiefel direkt neben ihr. Eine Gestalt im dunklen, schmutzbespritztem Anorak beugte sich zu Esther herab. Vor ihren Augen baumelte ein
Schlagstock. Fremde Stimme, eindeutig mit ironischem
Unterton:
"Eure Freundin hier, Leute - meint ihr nicht, daß wir die lieber mal woanders hin bringen sollten?!" Pamela setzte zu einer Antwort an, wurde aber von Kai
unterbrochen: "Mit de... der iss'schon
alles O.K., das schaffen wir schon, ehrlich; mit Besoffenen kennen wir uns aus; nu' ma' keine Panik auffer Titanic,
ne..."
Irgendwer anderes mischte sich
ein:
"Kein Problem; ich denke, das kriegen wir alles alleine in den Griff, auch ohne Sie!" Esther spürte, wie sie langsam wieder abdriftete. Versuchte, Pamela oder zumindest Kai um Hilfe rufen und brachte doch keinen einzigen Ton heraus.
... Und die analytischen Blicke jenes imaginären Alten drangen weiterhin in sie ein, durchbohrten dolchartig ihr Hirn, wanden sich wie mystische, schuppige, matt schimmernde Schlangen an ihrem Rückgrat entlang; und auf diesen kalten,
glatten, serpentinenhaft gewundenen und gedrehten, fast schon spiralförmigen Bahnen glitt sie rückwärts hinab in eine fremde, düstere, irgendwie archaische Welt - zunächst noch langsam, doch dann gewann sie an Tempo, wurde immer schneller,
immer schneller, immer
schneller...
Esther wollte diese rasende Fahrt stoppen; mußte jedoch erkennen, daß sie sich nirgendwo festhalten konnte und somit hilflos den bisher nie erahnten Abgründen ihrer Seele ausgeliefert war. In Panik riß sie die Augen weit auf - und bemerkte zu
ihrem unbeschreiblichen Entsetzen, daß ihre eigene Perspektive sich wohl mit der des Alten vermischt haben mußte; wie durch eine schmale, tunnelförmige Röhre zwischen den lediglich für einen kurzen Moment auseinanderklaffenden Sphären und
Äonen hindurch sah sie sich selbst auf dem Boden liegen: Ein kleines, hellhäutiges, zierliches Wesen mit Nasenring, Sommersprossen und mädchenhaft feinen Gesichtszügen; umgeben von grotesk gekleideten und sich gebärdenden Menschen; und mit
schulterlangem, leicht gewelltem Haar, welches von seltsam bläulich-verwaschenen Strähnen durchzogen war. Inzwischen hatte irgendwer eine dreckverkrustete Armee-Wolldecke über sie
ausgebreitet. So einzigartig wirkte ihr Körper von hier aus; so wunderschön, so fragil, zart und zerbrechlich, aber auch so
rätselhaft...
Nichts, nicht einmal die ihr einst vertraute Realität, konnte noch Sicherheit bieten; jedes einzelne Detail erschien plötzlich verzerrt, skurill, unverständlich, auf grausame Weise "anders" irgendwie... Pervertierte
Welt!
Stimmen, deren Sinn nur noch einen minimal kleinen Teil ihres Verstandes erreichten und ihr Bewußtsein so geringfügig berührten wie ein schmaler, bleistiftdünner Sonnenstrahl, welcher durch ein winziges Loch in der Decke einer riesigen,
düsteren, unterirdischen Höhle fällt:
"... ich meine, was soll schon groß passieren; die pennt sich jetzt aus und damit ist die Sache erledigt; schließlich hat sie nur 'n bißchen viel getrunken, das ist
alles..." "Außerdem - sie ist doch nicht völlig alleine; wir sind bei ihr, und wir sind ihre Freunde; wir können uns bestimmt
besser um sie kümmern und sie beruhigen als jemand Fremdes..." "Hören Sie, Sie wissen nicht,
was sie Esthy damit antun; wenn ihre Eltern irgendwie von dieser Aktion erfahren, ist sie echt geliefert, sag' ich
Ihnen..."
Und wieder der dunkle
Anorak:
"Scheiße noch mal! Im Grunde genommen ist's mir ja vollkommen egal, was ihr gottverdammten Freaks hier treibt, sauft euch von mir aus zu Tode, eh, aber immerhin habe ich als Security-Beauftragter mit dafür zu sorgen, daß alles reibungslos
abläuft und niemand wirklich zu Schaden kommt bei "Summer's End Rock"; und wenn mit eurer Freundin irgendwas passiert und sie womöglich draufgeht krieg' ICH von den Veranstaltern ganz schön Ärger - und IHR wegen unterlassener oder
verweigerter Hilfeleistung garantiert
auch!"
"Aber..."
"Schluß! Aus! Kein >>aber<<! Ich rufe jetzt den Notarzt an, er soll einen Krankenwagen schicken, um das Mädchen abzuholen; das ist mein letztes Wort! Ihr bringt sie inzwischen schon mal zum Ausgang, damit die Sanitäter euch
nicht überall suchen müssen, kapiert?! Und wehe, ihr macht uns noch irgendwelche Schwierigkeiten!" Das nächste, was Esther registrierte, war, daß sie durch schiebende, stoßende, drängelnde Menschenmassen getragen
wurde.
Im Hintergrund ertönte Musik und tröpfelte in ihr Bewußtsein wie sanfter, mystischer Sommerregen, der auf die ruhende Wasseroberfläche eines Sees fällt, diese durchdringt und in Bewegung versetzt, mit sich ausdehnenden konzentrischen Kreisen
ihre uniforme Glätte zerstört, tiefer in sie hineingleitet, sich so mit jenem Element vereinigt und schließlich ein nicht mehr zu trennendes Teil von ihm wird... Leute klatschten. Es roch nach Schweiß und
Bier und Fritten. Esther öffnete die Augen. Eine Lawine neuer Eindrücke rollte gnadenlos auf sie zu. Neben ihr lief Pamela, eine Rotweinflasche in der Hand, ziemlich fertig; und dann tauchte auch Alice in ihrem Blickfeld auf, torkelte auf
Pamela zu, packte sie am Arm und jammerte
hysterisch:
"Oh Mann, schickt das mich gerade mies, was hier abgeht... Ich meine, ich muß dauernd denken, wir könnten jetzt alle an Esthys Stelle sein! Ist mir doch auch schon passiert, daß ich zu viel gesoffen und gekifft hab', und nicht gerade
selten; nur hatte ich eben Glück und war dann immer zufällig auf Privatparties, wo die Leute Verständnis für meine Exzesse hatten und ich mich einfach auskotzen und dann wieder zu mir kommen konnte, ohne daß da jemand so einen abgedrehten
Scheiß-Aufstand mit Notarzt und Krankenwagen macht... Genauso gut hätte es auch heute geschehen können, daß ich mich überschätze, ehrlich; und dann würden sie mich jetzt... Oder dich, oder den Kai; Mensch; guck doch mal, wie stramm der
gerade drauf ist, bei dem fehlt bestimmt auch nicht mehr viel... Oh Mist; ich kann mir richtig vorstellen, wie saumäßig elend Esthy sich fühlt, wenn sie später wieder nüchtern wird... Meinst du, sie ist sauer auf uns, daß wir das alles
nicht verhindern konnten...?" Pamela
antwortete irgendwas. Währenddessen schwamm Esther durch die erschreckende Leere ihres Bewußtseins.
Vakuum.
Nirvana.
Tabula
Rasa.
Ab und zu tauchten verblasste "Erinnerungsinseln" aus dem Nichts auf, und hektisch steuerte sie darauf zu, erreichte schließlich eine davon, zog sich auf den farblosen
Strand... Gleich Treibgut spülte jene wogende Leere ihr einzelne Bilder und Visionen vor die Füße
und bot so unterschiedliche Szenen und Situationen dar; reglos, starr und durchsichtig wie aus Glas oder zusammengesetzten Eiskristallen; wahllos griff Esther danach, und augenblicklich begann das Objekt, welches sie momentan in der Hand
hielt, zu schmelzen; es tropfte, zerrann, bewegte sich, nahm Leben und Farbe an, wuchs; und allmählich wurde Esther in diese merkwürdige, imaginäre Welt, welche noch vor wenigen Stunden als ihre eigene aktuelle Wirklichkeit galt,
hineingezogen... ... Sie waren in Pamelas altem roten Mazda mit dem stets überquellenden Aschenbecher und den auf die
Kühlerhaube gemalten schwarzen Augen gefahren, zu fünft auf der Rückbank, und hatten billigen Rotwein getrunken und dabei schmutzige Witze erzählt und gelacht. Als sie am Parkplatz ausstiegen, wunderte sich eine Frau, wie derart viele Menschen
in einem derart kleinen Auto Platz finden konnten, und irgendwer argwöhnte, der Fahrer müsse wohl mindestens ebenso besoffen gewesen sein wie seine Passagiere, solch ein Risiko auf sich zu nehmen. Esther hatte sich nicht angesprochen gefühlt.
Dann waren sie einen quer durch den Wald führenden Pfad entlangspaziert, folgten handgemalten Wegweisern und gröhlten in Vorfreude auf die sie erwartenden musikalischen Genüsse lauthals "Sea of Madness"; Pamela faselte irgend etwas
über zwei Flaschen Wodka und mehrere Ecken Shit, die sie aufs Konzertgelände schmuggeln wollte; Alice meckerte rum, weil der Saum ihrer neuen Schlagjeans bereits mit Schlammspritzern übersät war; dennoch waren sich alle einig, daß der Tag
bereits großartig anfing und aus unerfindlichen Gründen mußte Esther plötzlich an ihr Pferd Ikarus denken und vor allem daran, ob Nadine es wohl schaffen würde, ihm seine Wurmkur-Paste richtig zu verabreichen. ...Heulende
Sirenen.
Flackerndes blaues
Blitzlicht.
Ein bewegtes Meer aus
Gesichtern.
Eine Frau im "Radio Brackstadt"-T-Shirt hielt Alice ein Mikrofon vor die Nase, fragte irgendwas, und Alice schrie empört und kleine Spucketröpfchen versprühend, wobei das klare Aussprechen der einzelnen Wörter ihr eindeutig
Schwierigkeiten bereitete: "Was, schönes Festival - von wegen, ein Scheißdreck ist das; die bringen einfach so die Esthy weg und wir verpassen "Psychedelic Troubadix", ey, is' ja nich' mehr amüsant
hier!"
Esther wollte sich tiefer in jenes dichte, weiche Etwas vergraben, das über ihr Gesicht wallte, sie tröstend einhüllte und von dieser brutalen, grellen, viel zu lauten Welt abschirmte, wurde jedoch
fortgezogen.
Sah nun, daß es sich bei dem "Etwas" um die langen, wuscheligen Dreadlocks von Pamela, welche sich über sie gebeugt hatte,
handelte.
Alice ergriff besorgt ihre Hand und Flori strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. "Alles O.K., Esthy,
ja?!"
Allein Kai war sich offenbar nicht über die Tragweite der Situation im Klaren; er schien sich prächtig zu vergnügen, torkelte und stolperte herum, rempelte versehentlich einen Security-Man an, verschüttete seinen Whisky und erklärte jedem, der
es hören wollte oder sich zumindest nicht vehement gegen diese Belehrung wehrte, er habe schon immer gewußt, daß es nicht vier, sondern fünf Elemente gäbe und daß das fünfte Element der Alkohol
sei.
Unzählige Menschen starrten sie mit unverhohlener Neugier an und genossen ganz eindeutig dieses skandalöse Ereignis, dessen Zeugen sie nun wurden. Esther fühlte sich so schutzlos, so ausgeliefert... Dann ging plötzlich alles verdammt schnell.
Zwei Gestalten näherten sich Esther, und Alice und Flori traten zur Seite. Jemand hievte sie hoch und legte sie in eine Art breiten, weiß ausgekleideten Kasten. Fremdartige Apparaturen umgaben sie. Flößten ihr heillose Furcht ein. Helles
Neonlicht stach schmerzhaft in ihre
Augen.
Außerdem war ihr
schlecht.
Die gesamte Umgebung schien unaufhaltsam hin und her und auf und ab zu schwanken wie eine winzigkleine Jolle bei gefährlich hohem Seegang oder wie eine altertümliche Kirmes-Schiffschaukel kurz vor dem Moment des
Überschlags.
Esther zitterte. Kalter Schweiß stand auf ihrer
Stirn.
Draußen hörte sie Pamela wütend und verzweifelt mit irgendwem diskutieren: "Ihr
könnt sie doch nicht einfach so mitnehmen, heh, sie ist meine beste Freundin; wir wollten hier zusammen campen, Musik hören, das "Summer's End Rock"-Festival genießen und dabei ein bißchen lustig Party machen... Ich pass' auch gut
auf sie auf,
versprochen!"
Sie fängt manchmal an zu keifen wie ein altes Fischweib, wenn sie richtig in Fahrt kommt, dachte Esther in einem kurzfristigen Anflug von geistiger Wendigkeit
belustigt. Dann die grobe
Antwort:
"Geh zur Seite, Mädchen, du stehst voll im Weg... Und mein Gott, hör' endlich auf, rumzulabern; so besoffen, wie du bist, brauchst du wohl erst mal einen, der auf DICH
aufpasst!" "Aber darf ich nicht wenigstens mitkommen, dann ist sie nicht ganz alleine... Was glauben sie, wie
absolut unglücklich Esthy sich fühlt, wenn sie aufwacht und nicht weiß, wo sie sich befindet und was geschehen ist und wo wir alle sind...
Bitte..."
"Himmel, bist du penetrant! Nein, es geht nicht und basta - los, weg da, wir haben's eilig; es gibt auch andere Notfälle heute als eine total zugedröhnte Hippie-Braut im Vollrausch; wir können echt wichtigeres tun, als mit euch und euren
sinnlosen Debatten unsere knappe Zeit zu vertrödeln... Also dann Tschüß, Leute, und schöne Fete noch, amüsiert euch
gut!"
Die Türen wurden zugeschlagen, und das letzte, was Esther durch die trüben, abgetönten, irgendwie milchigen Scheiben sah, als der Krankenwagen sich in Bewegung setzte, waren ihre Freunde - Kai und Alice Arm in Arm; Pamela, die, einsam gegen
einen verdorrten Baum gelehnt, gerade ihre halbleere Rotweinflasche zu einem neuen Schluck ansetzte; Linda strebte bereits wieder in Richtung Konzertgelände und kramte dabei in der Tasche ihrer flickenbesetzten Jeans nach der Eintrittskarte,
Patrick pinkelte ins Gebüsch, und Flori zündete sich eine neue Zigarette an. ... Und jener Strudel in ihrem Hirn zog sie weiter, weiter; vorbei an ihr auf seltsame Weise vertraut erscheinenden steinernen Statuen; durch die wie brüchiges
Pergament zerreißenden Wände ihrer eigenen Realität hindurch und bis ans Ende aller Zeit... Sie konnte jetzt fliegen. Getragen von einer hellblauen, wolkenartigen Masse, welche sich schräg-links vom Zentrum ihrer eigenen Seele befand.
Ein so wunderschönes Gefühl, daß es in seiner Intensität kaum noch zu ertragen war. Dann der Absturz! Wie in einem außer Kontrolle geratenen Fahrstuhl raste sie hinab in die höllischen Abgründe einer monströsen, finsteren Welt... Sie schnappte
nach Luft. Schon wieder
Stimmen:
"Heute haben wir
den..."
"Zweiten neunten.
Donnerstag."
Jemand rüttelte Esther unsanft am
Arm.
"Los, komm' zu dir, wir müssen noch ein Formular ausfüllen und brauchen dazu ein paar Angaben von dir - ich meine, falls du in der Lage
bist..."
Formular. Fragebogen. Kreuzchen in vorgedruckte
Felder. Konfrontation mit
einem in ein starres, nüchternes, bürokratisches Schema gepressten Leben. Dagegen sie selbst: unfaßbares, chimärenhaftes
Wesen...
Gefangen in den verwesenden Albträumen des
Gnoms.
Phantomgestalt.
Reptilientochter.
Tanzende Gefährtin der
Mondstrahlen.
Sie mußte unwillkürlich über ihre eigenen, wirren, vermutlich bedeutungsschweren und ausgesprochen metaphorischen und dabei dennoch gleichzeitig so absurden Gedanken, welche wie orientierungslose Fische durch ihr Hirn schwammen,
kichern.
Einfach totally Chaos-Stoned
eben!
Delirium
Tremens!
Das blubbernde Gelächter wollte mit verstärkter Vehemenz aus ihr herausquellen. Nur mühsam konnte sie es
unterdrücken.
"Also, deine Freunde haben dich vorhin Esthy genannt... Esther heißt du dann wohl, hab' ich Recht?!" Sie nickte
schwerfällig.
Spürte dabei, wie die Windungen ihres Hirns im hohlen, gewölbten Innenraum des Schädels gleich trägen Schlangen aneinander entlang glitten. Ein ausgesprochen unangenehmes Gefühl. Die gesamte Atmosphäre schlug plötzlich wieder ins Bedrohliche
um.
"Na also, Esther... Und
weiter?"
"Holda."
Ihre Lippen - zwei weiche Torbögen, die sich kurz öffneten, jenes körperlose Gebilde namens Wort, welches gleichzeitig auch ein abstraktes Abbild ihrer selbst sein sollte,
hinauszulassen... Mit einem Mal wurde ihr erneut
übel.
Sie hörte deutlich ihr eigenes Blut fließen und pochen: Ein heftig rollendes, drängendes Meer innerhalb ihres Körpers, über welches sie dennoch keinerlei Kontrolle hatte! Ein unglaublich dicker Mann im weißen Kittel, dessen Bauch wie ein um
neunzig Grad gedrehter Berg nach vorne ragte, trat neben
sie.
"Sollen wir irgendwen benachrichtigen? Wissen deine Eltern, wo du bist?"
Mühsam preßte sie ein "Nein" zwischen zusammengebissenen Zähnen hindurch. Bekämpfte tapfer ihren Brechreiz. Alles schwankte und drehte sich. Irrsinnige Karussellfahrt auf einem Rummelplatz des Schreckens! Rodeo auf dem Rücken der
Welt!
Verzweifelt krallte Esther sich an die Kanten ihrer Bahre. Nebel über einer seltsamen Realität, die sich offenbar von ihr zurückzog und sie alleine zu lassen drohte... Die grauenvolle Situation spitzte sich immer mehr zu. Ihre gesamte
Lage eskalierte
irgendwie.
"Hmmm... Meinst du nicht, wir müßten zumindest deine Eltern
anrufen?" "Nein!" protestierte Esther erneut, diesmal mit
trotzigem Unterton in der Stimme. "Außerdem - meine Eltern leben über 600 km von hier entfernt in so ´nem abgesifften Kuhkaff in Bayern; da bringts doch eh nichts, die jetzt sofort zu
informieren..."
Nun wandte sich auch der andere Sanitäter ihr zu. Seine ärgerlich gerunzelte Stirn wirkte auf Esther wie eine zerklüftete, fleischige Miniaturlandschaft, bestehend aus Tälern, Schluchten, Gipfelketten und Felsmassiven. Sie erschrak. Auf seiner
Glatze spiegelte sich unregelmäßig das Licht der Deckenlampe und versah diese so mit einem eigenartigen, reflektierenden
Schecken-Muster. "Meine liebe Madame, SO läuft das hier aber nicht!" fuhr er
sie schneidend scharf an, "was bildest du dir überhaupt ein, wer du bist?! Dankbarkeit und Reue solltest du zeigen, weil wir dich in solch einem Zustand aufgegriffen und mitgenommen haben... Volljährig scheinst du deinem Aussehen nach ja
noch nicht zu sein, oder?! Wie bist du eigentlich bis hierher gekommen... Getrampt, stimmts?! Ist ja typisch! Wissen deine Eltern überhaupt, daß du dich auf diesem Rock-Festival herumtreibst? Na, mich würde echt mal brennend interessieren, was
die von den Freizeitbeschäftigungen ihrer Tochter halten!" Bei diesen Worten war Esther kurzzeitig vollkommen aus ihrem trancehnlichen Dämmerzustand der Apathie und
Gleichmütigkeit gegenüber allen sich außerhalb ihrer privaten Horrorvisionen abspielenden Ereignissen erwacht; empört schnappte sie deutlich hörbar nach Luft. Ihr Gegenüber ließ sich durch nichts beirren und fuhr genußvoll mit seinen wütend
hervorgestoßenen, in Esthers Augen von einer ausgesprochen regen Phantasie zeugenden Ausführungen
fort:
"In diesen Krankenwagen müsste man wirklich mal 'ne Kamera installieren, euch fertige Gestalten so filmen und euch den Kram anschlieáend in ganzer L"nge vorspielen - ich wette, ihr würdet danach nie wieder auch nur EINEN Tropfen
Alkohol anrühren! Aber was machst du eigentlich sonst - ich meine, wenn du nicht gerade damit beschäftigt bist, auf Konzerten rumzulungern und dich dort bis zum Stadium der Volltrunkenheit zu besaufen? Gehst du noch zur Schule... Na, wohl
kaum; ich würde auf arbeitslos
tippen!"
Esther stützte sich auf die Ellenbogen und spannte jeden einzelnen Muskel an. Ihr Kopf dröhnte. Mit bereits wieder schwindender Energie versuchte sie, sich zu konzentrieren; sie stierte zunächst dumpf auf eine Schachtel mit Einwegspritzen und
strengte sich dann an, starr jenen aufgekratzten, mit bräunlich-roter Schorfkruste überzogenen Pickel oberhalb der rechten Augenbraue des Sanitäters zu fixieren. Schließlich antwortete sie, wobei es ihr vorkam, als fallen die Worte
unkontrolliert gleich schweren, unhandlichen Wackersteinen aus ihrem Mund heraus:"Bedaure,Sie scheinen mich mit irgend jemandem zu verwechseln... Vor etwa vier Wochen habe ich meinen zweiundzwanzigsten Geburtstag gefeiert und brauche
somit laut Gesetz meinen Erzeugern keinerlei Rechenschaft mehr über meine... Dings... äh... - wie nannten sie es doch gleich? - Freizeitbeschäftigungen abzulegen; vor allem, da ich ein eigenes Zimmer hier in Brackstadt bewohne und Geschichte
und Philosophie studiere... Davon abgesehen bin ich auch nicht ihre >>liebe Madame<<; und in Anbetracht meiner Volljährigkeit würde ich es sehr schätzen, wenn Sie dazu übergehen könnten, mich zu
siezen!”
Esther fiel zurück. Vor ihren schmerzenden Augen tanzten bunte, rotierende, mandalaähnliche Kreise auf und ab und fraßen sich dann in ihr Gehirn. Sie glaubte plötzlich, ersticken zu müssen. Wußte mit einem Mal nicht mehr, wie man atmet. Hatte
offensichtlich einfach die Technik dazu vergessen oder verlernt. Ihr Rückgrat schien nichts weiter als ein stetig im Schmelzen begriffener Eiszapfen zu sein. Scheinbar aus weiter Ferne - vielleicht sogar aus einer anderen
Welt - vernahm sie die deutlich belustigte Stimme des ersten Sanitäters: "Geschichte und Philosophie, na, is' doch korrekt; höhöhö... Und das hier soll dann wohl ein empirisches Experiment im Bereich des Dyonesis-Kultes darstellen;
oder wie sonst darf ich diesen Exzess deuten, gnädige Frau
Holda..." Abrupt
wurde er von seinem Kollegen
unterbrochen:
"Gleich kommen wir am Krankenhaus an, also hör' auf mit deinem blöden Gelaber und füll lieber noch schnell das Formular aus; die nötigen Angaben haben wir ja jetzt... Ach, und in das Feld hier unten trägst du als Krankheitsbild
>>Ethylintoxikation<<
ein."
"Ähh... Was ist mit mir
los?"
Ein letztes Mal kam Esther zu
sich.
"Hochgradige Alkoholvergiftung, was sonst?!" lautete die
Antwort. Das Fahrzeug
bremste. Esther reagierte nicht mehr. Sie schlief.
* * *
Sylvia Vrickschat-Höhlerien
Straßenbahn Linie 4 ins Weststadt-Ghetto.
Am Anfang steht immer die Sehnsucht"
,
dachte Sylvia zusammenhanglos, während sie aus der regenverschmierten Scheibe auf Asphalt, Hochhäuser und die klägliche Karikatur eines Baumes hinter Maschendraht - "Projekt >Stadtbegrünung in konfliktträchtigen
Ballungsgebieten<" nannte man so was wohl in der Amtssprache - starrte; und unser Unheil beginnt stets damit, daß wir diese im Grunde genommen universelle Sehnsucht
auf ein konkretes Ziel richten und danach streben, es zu erreichen, statt jenes Gefühl, so schlimm und schmerzhaft es auch sein mag, einfach als nicht vom eigenen Dasein zu trennendes Element hinzunehmen und zu
akzeptieren...
Selbst die Liebe ist da lediglich eine Möglichkeit, aber keine Alternative! Nur noch eine Haltestelle bis zu ihrer Station. Nervös begann Sylvia, ihre schweren Aldi-Einkaufstüten vom Boden aufzuheben und lächelte den neben ihr sitzenden
Herrn unverbindlich an: "Entschuldigung, würden Sie mich bitte
rauslassen?"
Er rückte, und sie erhob sich. Konnte förmlich seine Blicke spüren, die sie nun diskret, aber doch mit einer gewissen voyeuristischen Neugier musterten und fast schon wie lange, unsichtbare Fühler "betasteten" und dabei von oben bis
unten über ihren Körper glitten - so betont gleichgültig und desinteressiert, daß es schon direkt wieder auffällig
wirkte.
Also genau so, wie auch sie selbst früher fast täglich jene Leute beäugt hatte, welche an der Kasernenstraße ausstiegen... Fremdartige Gestalten aus einer unbekannten Welt, zu der sie, Sylvia, damals noch keinen Zutritt
hatte:
Außenseiter. Asoziale. Abgeschobene.
Abartige.
Alle mit unterschiedlichen Schicksalen; verbunden lediglich durch das zweifelhafte Attribut des "Anders-Seins", mit welchem die konforme, angepasste, sich selbst als einzig gültige Norm sehende Masse sie ausgestattet und als
"hoffnungslose Fälle" abgestempelt hatte... Also Aliens. Nicht wie der Rest der Menschheit. Bemitleidenswerte Randexistenzen, deren einzige Daseinsberechtigung darin besteht, gelegentlich in den Schlagzeilen diverser
Zeitschriften für Aufsehen zu sorgen, so die Umsatzzahlen zu steigern und den leicht betroffenen Bürgern erneut die Möglichkeit zur stillen Befriedigung über das eigene Wohlergehen zu bieten. Die Straßenbahn
stoppte.
An der Litfaßsäule neben dem Wartehäuschen der Haltestelle prangten zwischen überlebensgroßen, bereits vom Regen ausgebleichten Bildern mit strahlend lächelnden Bikini-Schönheiten, die sich lasziv am Swimmingpool räkelten, exotische Cocktails
schlürften und so für Urlaub in der Karibik oder vielleicht auch eine neue Zigarettenmarke warben, Plakate für den in Kürze anlaufenden "Undine"-Film. Stacheldrahtgesäumte Straße. Dahinter klotzartige Kasernengebäude. Ein älterer
Mann in Jogginghosen und mit Bierdose in der Hand läßt seinen asthmatischen Dobermann in die einzige, quadratmetergroße Grasfläche pinkeln und mehrere Jungs mit Armeehosen und Baseballkappen stehen gelangweilt an einer Häuserecke, das
obligatorische Handy wie ein Colt am Gürtel steckend, rauchen und spucken ab und zu auf den
Boden.
Willkommen zu Hause. ... In Sekundenbruchteilen nahm Sylvia ihre Umgebung wahr, und wie jedes Mal jagten im Zeitraffertempo fragmenthaft die gleichen verzweifelten, hektischen, in Panik aufbegehrenden Gedankenfetzen durch ihr
Hirn:
Niemand zwang sie dazu, hier auszusteigen; niemand verlangte von ihr, dieses Leben zu führen, welches sie derart fürchtete; rein theoretisch könnte sie jetzt
auch...
Was?
Einfach die nächste Bahn nehmen und weiterfahren bis zur Endstation, dort in den Linienbus nach Kornweiler steigen und so zu Hermann
zurückkehren...
Sie würde erneut ihren alten Tagesablauf aufnehmen, bräuchte nicht mehr jede einzelne ihrer Tätigkeiten zu hinterfragen und stetig neu auf deren Sinngehalt zu überprüfen - schließlich, so würde sie sich wieder und wieder beruhigen können,
wären all ihre Handgriffe Dinge, die sie schon seit Jahren in dieser Form vollführte und die somit dank ihrer banalen Alltäglichkeit bereits den Status einer gewissen Legitimität besaßen, denn wenn irgend etwas davon vielleicht
"falsch" sein mochte, so hätte sie dies wohl schon längst bemerkt; warum also die sanfte, weiche, zuckersüße Routine unterbrechen und weiter unnötig grübeln und sich Sorgen machen - , Morgens würde sie neben Hermann, ihrem geliebten,
fürsorglichen Ehemann, aufwachen
und...
Verdammt,
Hermann!
Ob der jetzt überhaupt noch weiterhin mit ihr zusammenleben wollte?
Natürlich wollte er; diese Frage stand erst gar nicht zur Debatte, antwortete Sylvia sich selbst sofort. Warum sollte er auch nicht?! Bloß weil sie ihn kurzzeitig - sie konnte die Tage seit ihrem Auszug aus dem gemeinsamen Haus sogar noch an
den Fingern einer Hand abzählen - verlassen hatte?! Für Hermann wäre so etwas kein Grund. Gewiß
nicht!
Diesbezüglich brauchte sie sich keine Sorgen zu machen; dazu kannte Sylvia die Denkweise ihres phlegmatischen Gatten zu
gut.
Frauen sind eben so;
würde er sich vermutlich sagen, um sämtliche Zweifel an seiner Person zu zerstreuen und sich nicht tiefergehend mit derartigen Problemen belasten zu müssen, während er, vielleicht im taubengrauen Anzug, den sie ihm erst vor wenigen Wochen
mitgebracht hatte, die Haare straff nach hinten gekämmt, gerade damit beschäftigt ist, seine Aktenordner in die nun freigewordenen Fächer des Wohnzimmerregals
einzusortieren;
kapriziös, empfindsam, sprunghaft, launisch,
unberechenbar.
Können irgendwann ganz plötzlich, ohne jeglichen rational nachvollziehbaren Grund, beleidigt sein und schmollen oder eine riesige Szene veranstalten. Wegen völlig belangloser Lappalien, wie sich dann später mit schöner
Regelmäßigkeit stets
herausstellt.
Verdammt komplizierte
Wesen!
Außerdem haben sie ihre Geschlechtsorgane innen, sozusagen gut versteckt; sie können beim Sex einen Orgasmus vortäuschen; tragen Röcke, Strumpfhosen, Strapsen, BHs und andere merkwürdige Kleidungsstücke; weinen bei
langweiligen Filmen; schließen sich manchmal stundenlang im Bad ein, um dann perfekt geschminkt und gestylt als eine auf den ersten Blick total andere Person wieder herauszukommen; sie verführen und becircen und wissen sogar, wie man Binden
benutzt und Tampons richtig einführt - alles Dinge, mit denen kein vernünftiger Mann auch nur das geringste anfangen könnte - ; scheinen sich aber im Restaurant und auch sonst erstaunlicherweise nie alleine aufs Klo zu trauen und müssen
deshalb jedes mal unbedingt in Begleitung irgendeiner Freundin diesen Ort aufsuchen, und gemeinsam bleiben sie dort schier endlos lange, und kein Mann weiß, was sie während all dieser Zeit eigentlich tun in jenem Bereich, zu dem ihm der
Zutritt verwehrt ist; sie machen sich Sorgen über Krampfadern, Falten, Nagellack, Beziehungen, die Pille und ihre Frisur; kichern; reden dauernd über Träume; und einmal im Monat verlieren sie tagelang Blut, ohne jedoch krank oder verletzt zu
sein und ohne daran zu sterben... Wie durfte man da von ihm, dem vielbeschäftigten, wichtigen Hermann, verlangen, neben allen anderen Belastungen auch noch Verhalten und Gedankengänge
solch einer mysteriösen, fremdartigen Gestalt zu
verstehen?!
Sollte Sylvia irgendwann das Bedürfnis verspüren, sich von ihm zu trennen - nun gut, sie würde schon ihre eigenen Frauen-Gründe haben, die er wohl sowieso nie begreifen könnte; und sollte sie sich dann
einige Tage später besinnen, doch lieber zu ihm zurückzukehren - umso besser; er wußte, wie er zu reagieren hatte: Verständnis heucheln, seine süße, kleine, verzweifelte Sylvia trösten, wenn sie sich
für ihre Eskapade schämte, sie schützend in den Arm nehmen und als Beweis seiner unvergänglichen Liebe mit exquisiten Geschenken
verwöhnen...
Schließlich ist sie eine Frau. Die benehmen sich eben
so!
Etwas verrückt und überspannt zwar, aber niedlich; und eigentlich erweisen sie sich doch immer als vollkommen hilflos und unselbständig, sobald sie tatsächlich ganz auf sich alleine gestellt
sind! Er hatte ja sowieso von Anfang an prophezeit, daß sie es nicht lange aushalten würde ohne ihn! Von
wegen!
Sylvia strich sich so vehement die dauergewellten, leicht kupferrot getönten Haare aus der Stirn, daß ihre schmalen Silberarmreifen gegeneinander klirrten. Sie versuchte zum wiederholten Male vergeblich, sich einzureden, auf jeden Fall die
richtige Entscheidung getroffen zu haben und nun auch zufrieden zu sein; getrieben von der vagen Hoffnung, ihre Überzeugungskünste zumindest in Bezug auf diesen Sachverhalt im Laufe der Zeit derart zu steigern, daß sie irgendwann vielleicht
tatsächlich sich selbst glauben und ihre Situation genießen
würde.
Immerhin: häufig genug übte sie momentan ja! Eigentlich müßte sie sich für einen wahren Glückspilz
halten.
Sie fühlte sich so elend wie noch selten zuvor in ihrem
Leben. Inzwischen stand sie vor der Tür des
heruntergekommenen Mietshauses, in welchem sie seit genau drei Tagen ein winziges Ein-Zimmer-Appartment bewohnte; mit Kochecke und einer sogenannten "Naßzelle".
Alleine.
Kinder kreischten. Vor den Garagen lungerten wie immer ein paar Halbwüchsige herum und zielten betont lässig mit Kieselsteinen auf schäbige Blumenkübel und Katzen. Die Mülltonnen quollen mal wieder über. Hauptsächlich von Bierdosen. Aus weit
geöffneten Fenstern lehnten sich Frauen in Kittelschürzen, beobachteten träge das Geschehen und inhalierten Staub und Abgase. Hundekacke direkt neben der Tür. Zwei stark geschminkte junge Mädchen mit unnatürlich hellen, jeansblauen Augen -
Kontaktlinsen vermutlich - redeten hektisch aufeinander ein; dann kickte die eine von ihnen frustriert gegen einen Hydranten und brach in lautes Schluchzen aus. Die blechernen Briefkästen verbeult und die ursprünglich schmutziggraue Wand mit
stümperhaften Graffitis übersät. Größtenteils obszöne Motive. Sozusagen eine Exklusiv-Reportage aus Sodom und Gomorrha, kam es Sylvia kurz in den Sinn. Kaltes Neonlicht im
Treppenhaus.
Abgetretene
Fußmatten.
Der unangenehme Geruch nach Pisse und verbranntem
Kohl.
Am "schwarzen Brett" ein Zettel mit der Mitteilung, daß nächsten Montag aufgrund von Renovierungsarbeiten für mehrere Stunden die Wasserleitung gesperrt werden muß. Mal
wieder. Die einst kunstvoll gedrehten und gedrechselten Stäbe des hölzernen Treppengeländers zeigten Spuren von Wurmbefall - stecknadelkopfschmale Löcher und Tunnel; eins neben dem
anderen - oder fehlten teilweise sogar ganz. An manchen Stellen hatte man jene eindeutig mit Absicht herausgebrochenen Objekte provisorisch durch Metallstangen ersetzt, die nun wohlwollend vor sich hin
rosteten. Diesmal benutzte Sylvia nicht den Aufzug. Sie wollte den gefürchteten Augenblick, wenn sie ihre Wohnung betreten würde, so lange wie möglich
hinauszögern.
Ihre Schritte wurden von Etage zu Etage langsamer und schwerfälliger. Unterwegs las sie
die Schilder neben den Klingeln. Viele der Namen klangen eindeutig fremdländisch. Irgendwo waren mehrere handbeschriebene Zettel untereinander geklebt. Vielleicht eine WG. Sämtliche Feuerlöscher schienen zu
fehlen. Nicht unbedingt eine beruhigende Tatsache, fand Sylvia. Immerhin kannte sie keinen einzigen ihrer Nachbarn und hatte auch nicht die geringste Ahnung, was für Leute sich sonst noch in diesem Gebäude
herumtrieben!
Dann erreichte sie ihr Stockwerk. Versuchte, nicht zu zittern, als sie den Schlüssel ins Schloß steckte und
drehte.
Wie immer dieses leicht schmerzhafte Ziehen knapp unterhalb der Magengegend. Sylvia wußte, wer bereits hinter
der Tür lauerte und es sehnlichst erwartete, sie endlich wieder zu begrüßen und zärtlich in die langen, glatten, geschmeidigen Arme zu schließen wie eine heiß und innig geliebte, verloren geglaubte
Tochter:
Ihre einzige Gefährtin der vergangenen
Tage,
die Einsamkeit. Willkommen zu Hause! * * *
Randy Ray Mahrut
Randy Ray erwachte und fühlte sich beschissen. Irgendwo in der Nähe hatten ein paar total durchgeknallte Typen
"Bloodhound Gang" aufgelegt und hörten jetzt ununterbrochen "FireWaterBurn", immer in voller Lautstärke, und er haßte sie dafür aus tiefstem Herzen. Dem Stand der abartig hellen Sonne nach schien es etwa gegen Mittag zu
sein, die Luft im Zelt war heiß und stickig und roch nach Schweiß, Fusel und abgestandenem Rauch; und Ray glaubte, sein gottverdammter Sch"del müsse jeden Moment zerspringen, so dröhnte er. Sein Mund war trocken und pelzig und schmeckte,
als habe Ray die letzten Stunden damit verbracht, den vollgepissten Boden eines Gorillakäfigs gründlich sauber zu lecken. Automatisch, ohne hinzusehen, griff er nach dem Gitanes-Päckchen neben seinem Kopf, zündete sich eine Zigarette an und
überlegte kurz, ob er sich ganz ungeniert auf seinen eh schon vor Schmutz starrenden Schlafsack übergeben sollte, entschied sich dann aber dagegen. Um ihn herum lagen seine schwarzen Klamotten, zusammengeknüllt und wild verstreut, dazu
Rotweinflecken und Brandlöcher; und Ray, noch immer trancehaft in den öligen Klauen der Nacht gefangen und völlig orientierungslos, wie ein Fisch auf dem Trockenen, ein Raumfahrer in einer fremden Galaxis, ein Patient auf der Intensivstation
des falschen Krankenhauses, hoffte für ein paar bange, bleiche Sekunden, er möge jetzt einfach wieder in den erlösenden, halbtrunkenen Schlaf zurückfallen und so den Moment der Erinnerung an gestern, wie auch immer diese geartet sein mochte,
noch etwas hinauszögern. Er wußte aus Erfahrung, selbst ohne die genaueren Details zu kennen, daß Abende, die in seinem Hirn solche Exkremente hinterließen, im Nachhinein betrachtet oft besser nicht stattgefunden
hätten.
Dann ertönte ganz in seiner Nähe schrilles, kreischendes Gelächter, irgend jemand brüllte "verruchter Amphorenkönig", unwillkürlich hob Ray den Kopf und sein Blick fiel auf jenen fatalen Zettel... "Bin schon mal gegangen,
aber wir sehn uns später, A." hieß es dort in zierlichen, dunkelblauen Buchstaben, und augenblicklich hatte er den gesamten Verlauf des gestrigen Abends wieder mit peinlicher Genauigkeit sehr lebhaft vor
Augen...
Da war zuerst der Auftritt seiner Band gewesen, zwar bloß auf der Newcomer-Bühne und so, doch was soll's, trotzdem geil, obwohl er eigentlich schon zu Beginn völlig stoned gewesen war und nur noch mit Mühe gerade gehen konnte und zwischen den
ungeheuren Pirouetten seiner Gedanken mehrmals fast den Text vergessen hätte; aber das Publikum hatte geklatscht und gebrüllt und getobt und begeistert nach einer Zugabe verlangt, total abgefahren; und Backstage hatte dann diese junge Frau mit
den Dreadlocks und dem katzenhaften Faunengesicht gesessen, halb hinter einem ausrangierten Lautsprecher versteckt, unauffällig wie ein Schatten und ihrem trägen, verschleierten Blick nach offenbar schon ziemlich dicht, Ray kannte sie
irgendwie vage, vermutlich wohnte sie ebenfalls in Brackstadt; und sie zupfte ihn am Ärmel und bat ihn verlegen um ein Autogramm, sein erstes übrigens, "is' nich' für mich, is' für 'ne Freundin, so als Trost, die wurde abgeholt, weil sie
zuviel getrunken und gekifft hat und kriegt jetzt bestimmt tierisch Streß"; und da Ray sie sympathisch fand, lud er sie spontan ein zur Fete später auf dem Zeltplatz, und sie kam auch tatsächlich, zusammen mit ihrer Clique, Linda und
Patrick und noch'n paar Leute, unter anderem jene A., deren Name er schon wieder vergessen hatte; gemeinsam entkorkten sie eine Rotweinflasche nach der anderen, mixten Cola-Rum und Tequila Sunrise und bauten Joints so groß wie Ofenrohre;
bereit, in die Nacht einzudringen und im schwelenden Rhythmus der Erde zu tanzen, ihren stählernen Leib zu umarmen und, den Geschmack des eigenen Blutes auf der Zunge, ihre raue, uralte Oberfläche zu schürfen; auf eine gewaltige, orgiastische
Weise das Leben zu zelebrieren und sich hemmungslos dem Dasein entgegenzuwerfen; ja, hey, die Nacht ist ein wildes, unbändiges Pferd mit schwarzen Augen und exotischem Kopfschmuck, das uns in sagenumwobene Gefilde trägt; ein Highway, ein
Roadmovie, und Poesie ist mein Chevrolet; wir allein vermögen ein neues Pantheon zu kreieren und uns auf exzessive Weise hinauf zur Sonne zu schwingen, stolz und rauschhaft der ganzen Welt huldigend und immer in dem trunkenen Vertrauen, daß
unsere selbst erträumten Fittiche aus heißem, dampfendem Metall uns tragen werden bis in Dyonesis' geheimes Reich und hunderttausend Meilen weiter; das Blut brauste pompös und golden durch die Adern und jeder neue Gedanke erschien wie eine
Explosion, eine unerhörte Offenbarung; sie lachten und sangen und debattierten lautstark und vollkommen besoffen über Marx, Nietzsche und van D"nicken, Inga und Harry übten den Urschrei, Norman kotzte hinter einen Baum, Stefan schmierte
sich zu später Stunde Ruß und Asche ins Gesicht, bastelte ein provisorisches Pfeil- und Bogen-Konstrukt und verschwand dann stark schwankend zwischen fremden Zelten mit der Begründung, er müsse jetzt Bisons jagen; irgendwie fing Normans Schal
am Lagerfeuer Flammen; und schließlich, als die Nacht sich ihrem Ende zuneigte und die schmale Wand aus Wein und Musik bereits ins Leere zu kippen begann, saß A. plötzlich direkt neben Ray und hielt seine Hand; na gut, eigentlich war sie
überhaupt nicht sein Typ, aber in ihren Lotusaugen spielte der leise Mondschein, ihre Stimme, die von Isis und von namenlosen Basaren in Marrakesh sprach, klang vor dem zerrissenen Vorhang des Universums sanft wie Wind in Lindenlaub und ihr
Lachen hörte sich an, als ob Regentropfen auf einen gefrorenen See prasselten, ihre Bewegungen erinnerten an die einer verstörten, einsamen Elfe, und als Ray schließlich seinen Kopf in ihren Nacken legte roch ihre Haut leicht nach Zimt und
Whisky und dem Wald im Herbst und er wußte, für heute war er erneut dem Gesetz der tosenden Sterne verfallen. Später im Zelt war dann alles plötzlich sehr schnell und sehr mechanisch vonstatten gegangen; sie küßten und streichelten sich
kurz und hektisch, eher pflichtbewußt als leidenschaftlich; und sie stöhnte hysterisch und bohrte ihre spitzen Fingernägel in seine schweißnassen, zuckenden Hüften, obwohl er mal wieder viel zu früh kam; er hatte es genau gemerkt, fand die
ganze Situation mit einem Mal ausgesprochen absurd und drehte sich deshalb schnell zur Seite, um weitere Peinlichkeiten zu vermeiden. Ferner erinnerte er sich dunkel, daß sie irgendwann, er selbst befand sich zu diesem Zeitpunkt noch halb im
Koma, wohl versucht haben mußte, ihn zu wecken, aber da er für Frauen am Morgen, vor allem am Morgen danach, grundsätzlich nicht viel übrig hatte, ignorierte er all ihre Bemühungen und stellte er sich weiterhin schlafend, offenbar erfolgreich,
da sie ziemlich bald aufgab und sein Zelt verließ, was er erleichtert zur Kenntnis genommen hatte. Klar, Ray betete die Frauen an, aber dabei sollten sie ihm gefälligst nicht im Weg stehen! Er haßte es, wenn ein romantischer Minnetraum jäh
zerstört wurde durch den Anblick eines verquollenen, rotgesichtigen Wesens mit Mundgeruch und strähnigen Haaren; und noch mehr verabscheute er die banalen, erzwungenen Verlegenheitsgespräche oder die geheuchelte Vertrautheit beim
pseudo-romantischen Frühstück zu zweit, die schlecht gespielten, verlogenen Zärtlichkeiten, die floskelhaften Küsse und vor allem die melodramatischen Abschiede mit Adressentausch und dem billigen Versprechen, bald anzurufen. Gequält zog er
sein stinkendes T-Shirt über den
Kopf.
Na, großartig! Welcome to the Pay-TV-Graveyard-Fuck-Show! Zieh der Revolution den Zylinder an, inkognito natürlich, und vergiß' nicht, regelmäßig auf den Kalender zu schauen und deine Jahrestage neu zu glorifizieren, ölige Gedankenblasen im
Kerzenschein, für eine Welt, in der es nichts mehr zu betrauern oder zu feiern gibt und in der selbst Sex kein Vergnügen ist, sondern eine Trophäe; kauf dir pauschale Aktien am Winter, um als neuer Pausenclown im Pantheon so lange, bis es
tatsächlich zu schneien beginnt, ebenfalls pro forma teilhaben zu können am kollektiven Traum von ungeweintem Blut und um, das Portemonnaie voll aufblasbarem Weltschmerz, in verrauchten Kneipen, die Wände gekachelt mit den Illusionen eines
erfüllten Lebens, Schachpostkartentrauma sozusagen, mit Zigaretten und billigem Wein und aufgekochtem Kaffee deine behaglich-pittoreske Daseinsverachtung und dein poetisches Leiden an der eigenen Existenz zu zelebrieren; zusammen mit all den
anderen, die hier eloquent und wohlgebildet über Sartre diskutieren und dabei insgeheim doch nur davon träumen, ihr Leben sei ein einziger großer Pornofilm und sie die Hauptdarsteller; erklär "Kafka" zur neuen tschechischen Biermarke
und freu dich über jeden weiteren kugelsicheren Tag mit glasäugigen Barbiepuppen und gefühlsechten Instantwolken und Sonnensubstitut und kindersicheren Rebellen im Sonderangebot und Raben aus Pappmach‚e und Zuckerwattegebeten im Abendrot und
virtuellen Gartenzwergen mit abwaschbarem Schaum vor dem Mund. Scheiße. Selbst Traurigkeit ist für mich bloß noch eine Stilübung. Ich wünschte, mit Asphalt könnte man verhandeln und Eros würde nicht nur in einem Glas Rotwein und im Mondschein
wohnen. Er kroch aus dem Zelt. In dem spärlichen Schatten eines verkümmerten Baumes hockten Inga, Harry und Norman, bleich und übern"chtigt, kauten Kekse und teilten sich freundschaftlich eine Tasse Kaffee, in der malerisch eine tote
Mücke und mehrere aufgedunsene, helle Bröckchen schwammen, sowie eine Blechschale mit zähflüssigem, bräunlich-klumpigem Inhalt. Bei diesem Anblick fühlte sich Ray unwillkürlich an das erinnert, was Norman gestern Abend ganz hier in der Nähe
von sich gegeben hatte, und sein Magen schlug eine doppelte
Kapriole.
"Na, schöne Nacht gehabt?!" Inga grinste
anzüglich.
"Wunderbar! Ich kann mich vor Begeisterung kaum halten! Mein Kater ist gigantisch!" "Deine heimliche Geliebte ist übrigens schon vor über
zwei Stunden hier vorbeigedüst und meinte nur, ich soll dir ausrichten, sie müßte unbedingt bis mittags um eins die Pille genommen haben, deshalb sei sie so schnell weg, ohne sich zu verabschieden, aber sie meldet sich noch
mal." "Oh Fuck!" Entsetzt ließ Ray sich auf den Boden
fallen.
"Eh, komm, es ist jetzt gerade mal halb zwölf! Die packt das locker. Aber sag mal, ganz unter uns... Deine wievielte Süße für diesen Sommer ist das eigentlich? Weiß Katha überhaupt
davon?"
"Nein."
Ray verspürte keine große Lust, dieses brisante Thema weiter auszudiskutieren. Er deutete auf die undefinierbare Masse, welche Inga, Harry und Norman mit ausdruckslosem Gesicht in sich hineinlöffelten. "Was eßt ihr denn da Leckeres? Sieht
ja aus, als wärs einem von euch gerade aus dem Gesicht gefallen!"" "Cornflakes mit Bier," nuschelte Harry mit vollem Mund. "Das absolute Summer's End Rock-Luxus-Frühstück. Irgendein Depp muß gestern Abend im Vollrausch
auf die letzte Milchtüte getreten sein!" Entsetzt verzog Ray das
Gesicht.
"Boh, ekelhaft! Ihr seid ja pervers! Also, ich rühr' das Zeug nicht an! Lieber fahr ich schnell rüber nach Brackstadt und hol' frische Brötchen oder so
was!"
Norman verdrehte lakonisch die Augen. "Danke, Ray, die Idee hatten wir schon vor Stunden. Nur leider befindet sich der Autoschlüssel ausgerechnet bei Stefan in der Tasche, und der ist noch immer nicht von seiner gestrigen Bisonjagd
zurückgekehrt!"
"Toll! Und
jetzt?!"
Inga reichte ihm ein Päckchen Gauloises und
lachte.
"Erst mal eine rauchen. Dann frühstücken - du hast die Wahl, Corn-flakes an Bier, an Rotwein oder pur. Kaffee ist auch noch da. Und anschließend abwarten und hoffen, daß Manitu oder Dyonesis oder wer auch immer für so was zuständig ist,
ein Auge auf Stefan hatte und ihn samt Schlüssel wieder sicher und wohlbehalten in unsere Arme
geleitet."
In gespielter Resignation schüttelte Ray den
Kopf.
"Wenn's schon sein muß, an Rotwein; die Cornflakes, meine ich. Und ich sag' euch eins Leute: Sich ein bißchen amüsieren ist der härteste Job, den es gibt!"
* * *
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