Nadine "Nadine, komm frühstücken, dein Kaffee ist
fertig!"
Das junge Mädchen stand im herbstlichen Morgenzwielicht nackt vor einem riesigen Spiegel mit kunstvoll verziertem Holzrahmen, einem Erbstück von ihrer Urgroßmutter, und gähnte lautlos, einen Gaumen präsentierend, der so zierlich und rosa war
wie bei einer
Katze.
Glasierte, fein gemaserte Blumenornamente umspielten die glatte, ihren Körper reflektierende Fläche, und wie eingefroren wirkende Wellenlinien schlängelten sich hindurch und schwangen sich bogenförmig, mäandernd, augenscheinlich stetig
aufwärts strebend, über ihren Kopf hinweg, um sich genau im Zentrum zu einer schneckengleich gedrehten Spirale zu vereinigen. An den Seiten tauchten immer wieder winzige, filigrane, detailgetreu geschnitzte Muschelschalen, Masken, Echsen,
Fratzen, Sterne, Pilze, Lilien, Segelschiffe und Fabelwesen auf. Amphoren vergossen hölzernes Wasser, und Miniaturarkaden warfen ihre schmalen Schatten auf ein offenbar mitten im Galoppsprung erstarrtes Einhorn sowie die üppig gerundeten
Formen einer sich genußvoll räkelnden Nixe mit puppenhaftem Gesicht und schuppigem Fischschwanz. Die untere Kante hingegen bestand fast ausschließlich aus einer Aneinanderreihung verschieden großer tränengleicher Tropfen, so dass sie wie ein
undefinierbares, im Schmelzen begriffenes Objekt erschien. In jeder der vier Ecken lauerte stumm eine Art Troll. Ihr Blick schweifte ab; stattdessen musterte sie sich nun selbst und begutachtete kritisch ihre schulterlangen, blonden, irgendwie
immer an ausgebleichte Algen erinnernden Haare, das schmale, melancholische Gesicht, die dunklen Schatten unter den wasserblauen Augen, die ihrer Meinung nach unangenehm großen Brüste, den flachen Bauch mit den deutlich hervorstechenden
Hüftknochen und die stelzenhaft dünnen Beine. Insgesamt empfand sie sich als eine ziemlich unscheinbare
Gestalt.
Zumindest von außen betrachtet, überlegte sie
schläfrig.
Innerlich,dagegen...
War sie ein wandelnder
Abgrund!
Labyrinth verworrener Visionen; unfaßbar wie
Meeresrauschen.
Seelenverwandte Gefährtin des bestienhaften
Minotaurus.
Verwunschene
Mitternachts-Krypta.
Katzenäugige, korallengewandete
Faunenkurtisane.
Schwarzes Echo des letzten, klagenden Schreies einer
Styxnymphe.
Heimliche
Druidenkönigin.
Gefangen in den ihr unverständlichen Formeln eines mysteriösen Zaubers. Sie wandte den Blick ab von ihren eigenen, schachtähnlichen, sie beinahe hypnotisierenden Pupillen und stieg gemächlich in die dunkel eingefärbten Jeans. Auf eine
Unterhose verzichtete sie großzügig. Die bequemen Slips waren momentan eh alle in der
Wäsche.
Blick auf die digitale Armbanduhr: Genau zwei Minuten vor
sieben.
Um sieben Uhr sieben fuhr der
Bus.
Also noch neun Minuten relative
Sicherheit.
Montag Morgen. Zum Kotzen! Das ganze Leben ist ein
Scheißdreck!
Irgendwie war ihr während der ersten Stunde nach dem Aufstehen meist so suizidal zumute, stellte Nadine betrübt fest. Man sollte zu dieser Tageszeit am besten überhaupt nicht denken, sondern versuchen, einfach nur roboterhaft und routinemäßig
zu handeln, dann war alles vielleicht noch irgendwie zu ertragen. Kein erfreulicher Start in den
Tag!
Immerhin hatte sie jetzt endlich die Nacht überstanden und der nächste böse Abend, wenn die lauernde Finsternis erneut ihre morbiden, verwesten Krallen um Nadines Hals legen, mit bleischwerer Tinte die unheimlichen, bis zur halluzinatorischen
Widernatürlichkeit verzerrten Schatten sonst harmlos erscheinender Gegenstände an die Wände zeichnen, furchtbare Albträumen zum Leben erwecken, den Staub unter den Möbeln in grauenhafte, sich an ihrer naiven Hilflosigkeit ergötzende Monster
und Dämonen mit brennenden Gesichtern und krankhaft deformierten Flossen verwandeln und sie dennoch zum Schlafen - dem kleinen, ganz alltäglichen Todeskampf - auffordern würde, lag noch in weiter Ferne... Ein schwacher
Trost.
"Los, mach' flott, oder du verpaßt deine
Bahn!"
Rasch das viel zu weite, dunkelblaue SweatShirt über den Kopf gestreift. Bloß nichts auffällig buntes! Sie setzte ein forciertes, gequältes Grinsen auf und
schlenderte in die
Küche.
"'n Morgen,
Patrizia!"
"Hi Nadine! Du bist ganz schön spät an. Hier, dein Kaffee ist jetzt garantiert nur noch lauwarm. Gut
geschlafen?"
Was für eine Frage! Humor am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen. Vor allem Galgenhumor. Strickbaumelhumor... Am schwarzen Gürtel unter Eschen. Unbeschreibliche Bilder fielen plötzlich über Nadines Bewußtsein her wie Fliegen über eine
schwärende Wunde zwischen Grablichtern. Nachtschattengewölbe ihrer
Welt.
Katakombentrauma...
Sie riß sich
zusammen.
"Ja, danke, und
selbst?"
"So lala... Meine Güte, du bist heute aber wieder erschreckend blaß! Totenbleich, glaub' mir! Richtig krank siehst du aus. Und du willst tatsächlich nichts essen zum
Frühstück?!"
"Du weißt doch, so früh am Morgen krieg' ich echt keinen Bissen runter. Muß wohl an den Hormonen liegen." Sie zwang sich ein kümmerliches, mißglücktes Lachen ab, während sie innerlich weiterhin verzweifelt mit einer dunklen,
namenlosen Angst rang. Ihre Mutter Patrizia hob die zu ordentlichen, glatten, perfekt symmetrischen Bögen gezupften Augenbrauen und zuckte bedauernd die Schultern in dem eng anliegenden, plüschigen, apricotfarbenen
Pulli.
"O.K., wenn du meinst... Aber dann nimm nachher wenigstens Geld mit und kauf´ dir unterwegs was Leckeres, ja?! Mein Portemonnaie liegt draußen bei der
Garderobe."
"Mhm. Danke. Echt lieb von
dir!"
Sie nippte an ihrem angeblich abgekühlten Kaffee, verbrannte sich die Zunge und verschüttete vor Schreck fast den gesamten restlichen Inhalt ihrer Tasse.
Scheißtag!
Patrizia seufzte. Ihre langen, bordeauxroten, exakt gefeilten Fingernägel trommelten ungeduldig auf das jetzt nicht mehr blütenreine Tischtuch, über das Nadine eifrig
rubbelte.
„Doch nicht mit dem Ärmel, was sollen... ! Also, ich muß los. Drück' mir die Daumen, daß der Nissan heute ausnahmsweise mal direkt anspringt!
Ciao!"
Mechanisch nickte Nadine. War in Gedanken bereits weit
entfernt...
Befand sich im unheilvollen Tanzhaus der Nacht; jenem archaischen, finsteren Ort, zu dem weder Patrizia noch sonst irgendwer ihr jemals würde folgen können und dessen wirre, unergründliche Geschehnisse von anderen Dingen beherrscht wurden als
der lächerlichen Frage, wie ein Tischtuch zu reinigen
ist! In der
Straßenbahn war natürlich mal wieder kein Sitzplatz mehr frei. Kein Wunder: Was kann ein Tag schon bringen, der mit dem Aufstehen
anfängt?!
Eigentlich hatte Nadine jetzt noch schnell die Latein-Hausaufgaben erledigen wollen; stehend erwies sich dies jedoch als ein recht aussichtsloses Unterfangen. Resigniert schob sie mit dem Fuß den Ranzen beiseite. Ihre Unlust, sich tatsächlich
in die verhasste Institution "Schule" zu begeben, wuchs. Durch das schmutzige Fenster beobachtete sie, wie zwischen den Trümmern der Nacht allmählich der fahle Morgen heranbleichte, indem eine matte, kränkliche, kotzegelbe Sonne über
den grauen Horizont kroch, sich gelangweilt zwischen den Wolken hervorschob, einen Blick auf die einheitlichen Vorstadthäuser mit den winzigen, akkurat abgeteilten Gärten riskierte und diesen neu angebrochenen Tag in einer tristen Stadt schon
jetzt mindestens genauso zu verabscheuen schien wie sie, Nadine selbst, es tat. Träge und stinkend zog sich der Fluß dahin gleich einem Schweißbach, der über den Körper eines Onanierenden rinnt. Über den nur schemenhaft in der Ferne
erkennbaren, weit jenseits den Grenzen der Stadt liegenden Hügeln hing schleierförmig weißer Nebel, beraubte diese Shilouette zärtlich ihrer harten, starren, kompromißlosen Formen und schien jene Gegend so in ein mystisches, sternengesäumtes
Elfenreich aus irgendeiner längst in Vergessenheit geratenen Sage zu verwandeln.
Sylvia Vrickschat-Höhlerien Montag
Morgen.
Elend. Einsamkeit.
Unglücklich-Sein.
Sich bereits beim Aufwachen fürchten, weil man nicht abzuschätzen vermag, was der kommende Tag an Tränen, Schmerz und möglichem Leid bereithalten könnte... Der erste Gedanke gilt dem eigenen unstillbaren, allgegenwärtigen Kummer; zu profund,
zu entsetzlich, als daß man es je wagen könnte, sich ihm irgendwie zu nähern oder gar, sich ihm zu stellen und gegen ihn anzukämpfen... Ihr Magen schien sich in ein steinernes, sich langsam regendes Knäuel verwandelt zu
haben.
Trotzdem öffnete Sylvia schwerfällig die
Augen.
Fahles Sonnenlicht zeichnete sich gemächlich bewegende Staubkringel in die Luft. Die kahlen Wände ihres Zimmers sendeten ihr einen bleichen, stummen, fremden Gutenmorgengruß entgegen und atmeten dabei sterile Gleichgültigkeit
aus.
Bonjour
Tristesse!
Es gab für Sylvia keinen Grund, aufzustehen und der freudlosen Welt entgegenzutreten; ebenso wenig wie gestern oder vorgestern, und ebenso wenig, wie es morgen einen geben würde, nie wieder vielleicht; dennoch fiel ihr auch keine
Rechtfertigung ein, einfach liegen zu bleiben. Sie starrte unentschlossen an die Decke. Dumpfe, müde Leere in ihrem
Hirn...
Eine Leere, die ihr immer noch besser erschien als jene gleich eisigem Frost an ihr nagende Angst, welche sich unausweichlich erneut ihrer bemächtigen und sie foltern würden, sobald sie auch nur etwas weniger schläfrig
wäre...
In der Nachbarwohnung dudelte ein Radio. Schlagermusik. Sich ausbreitende Helligkeit reizte mit unangenehmer Penetranz Sylvias Sinne. Sie drehte sich unwillig auf die Seite und zog das Bettlaken übers Gesicht. Fühlte sich momentan nicht
bereit, in eine kalte, laute, ihr offenbar feindlich oder zumindest auf eine grausame Weise gleichgültig gesinnte Realität einzutreten und erneut die Konfrontation mit einem weiteren tristen, ereignislosen Tag, den irgendwie sinnvoll zu
gestalten sie sich selbst als Pflicht gesetzt hatte, zu wagen... Schwermut kroch gleich einer kalten, müden Schlange langsam durch ihre
Gedanken. Trübsinn... Endloser, grauer Abgrund. Panik keimte in ihr auf. Niemand hielt
sie mehr fest, seit sie ihren einzigen Retter sozusagen selbst auf ferne, unerreichbare Gestade verbannt
hatte...
Einsamkeit.
Untröstliche
Melancholie.
Lähmende
Hoffnungslosigkeit.
Quälender, peinigender Weltschmerz. Subjektiver Weltschmerz! Wen kümmert schließlich schon das Ende irgendeiner
Liebe...
Ihr Herz krampfte sich zusammen. Das steinerne Knäuel bewegte sich
heftiger.
Leiden am eigenen Dasein und dessen unaussprechlicher
Absurdität.
Der Wecker zeigte halb
acht.
Bestimmt bereitete Hermann genau in diesem Augenblick auf einem Stichwortzettel bevorstehende Gespräche mit wichtigen Kunden "seiner" Firma vor. Vielbeschäftigt und unentbehrlich für alle Mitarbeiter, wie immer! Ihr Fehlen am
Küchentisch würde er in diesem Moment kaum bemerken. Vielleicht trug er gerade den Sacco, den sie ihm letztes Jahr zu Weihnachten geschenkt hatte, und trank seinen Kaffee aus jener dickbauchigen, lila gemusterten Tasse, die sie selbst sonst zu
benutzen
pflegte...
Schleppendes, endloses
Alleine-Sein.
Grauen vor einer neuen Form von "Freiheit", auf welche sie nun gern verzichtet hätte und die zu ertragen sie sich inzwischen nicht mehr
zutraute...
Vergebliche
Sehnsucht.
Wonach? Sie wußte es
nicht!
Sinnlose
Zerrissenheit.
Ein Leben mit Manfred kam ihr genauso unmöglich vor wie ein Leben ohne
ihn... Längst
hatte sie keine Wahl mehr zwischen "glücklich" und "unglücklich sein", sondern konnte nur noch die fatale Entscheidung treffen, auf welche Weise sie fortan leiden wollte... Münze-Werfen mit dem Schicksal, sozusagen: Zahl -
Ich verliere; Kopf - du
gewinnst!
Sie entsann sich, daß sie im vergangenen Jahr häufig insgeheim, ohne es auch nur vor sich selbst richtig zuzugeben, fast schon gewünscht hatte, Manfred möge, wenn er zu einer Geschäftsreise aufbrach, unterwegs in einen schrecklichen
Verkehrsunfall geraten und sterben... Denn einerseits war ihr damals längst klar, so konnte es nicht weitergehen mit ihnen, sie litt unentwegt, irgend etwas mußte passieren, und Manfred würde sein Verhalten niemals ändern; andererseits war sie
jedoch überzeugt, daß sie es letztendlich auch nicht ertragen könnte, die Konsequenzen zu ziehen und ihn zu
verlassen...
Und nun hatte sie also doch ihre Entscheidung
getroffen:
Keine Liebe. Keine Zärtlichkeit. Keine gemeinsamen Nächte, wundersam und traumumflort einst.... Endgültig! Selbst die Möglichkeit zum Hoffen schutzlos ausradiert. Die Erinnerung an ihre gemeinsame Zeit, an sein Lächeln, seine Berührungen,
wurde sauer wie alte Milch und erfüllte sie mit
Wehmut.
Sie erhob sich aus der noch körperwarmen Mulde in ihrem Bett, tappte barfuß zum Fenster und ließ die Roll-Laden herab. Den kommenden Tag, diesen ungebetenen Gast, einfach aussperren! Alles aussperren!! Sanfte, beruhigende Düsternis umhüllte
sie jetzt zärtlich, nahm den Objekten im Raum ihre unangenehmen, viel zu aufdringlich wirkenden Farben, ließ sämtliche Konturen und Kanten weniger scharf und deutlich abgegrenzt wirken... Die Dinge schienen von gewöhnlichen Gegenständen hin zu
Gefährten aus ihrer tristen, melancholischen Schattenwelt zu
mutieren.
"Hello Darkness, my old friend…"
Vielleicht würde sie ja gleich einfach friedlich eindösen und nie wieder aufwachen. An ihrem eigenen Kummer
ersticken.
Auf diese Weise für immer ihrer eigenen, kläglichen, sinnentleerten Existenz auf dem trostlosen, unerfreulichen Planeten namens Erde entrinnen und den Kerker der Welt verlassen
können...
Sylvia genoß die
Vorstellung.
Schließlich gab es nichts mehr, wofür zu leben, leiden und kämpfen es sich noch lohnen würde; ihr Leib war lediglich ein karges Verlies, in dem die Seele sich schmerzvoll dem Tod entgegensehnte; das Sein war seelenlos und ausgebrannt gleich
einer zerstörten, verlassenen Ruine; sie wollte künftig keinen Schmerz mehr empfinden, keine Freude, keine Liebe, die letztendlich doch bloß zu einer grausamen, spöttischen Karikatur ihrer selbst mutieren würde; nur ab und zu würde Rauch um
alte Steine wehen und diese in der Erinnerung an ferne Feuer
verdunkeln...
Sie legte sich erneut hin, schloß die Augen und versuchte angestrengt, nicht ausgerechnet an Hermann zu denken und daran, wie schön es zu jener Zeit gewesen war, als sie beide noch nicht lediglich nach außen hin die geforderte
Instituition eines Ehepaares darstellten, sondern sich einander auch tatsächlich auf irgendeine geheimnisvolle Weise "seelenverwandt"
fühlten...
Krampfhaft, wie unter Zwang stehend, fast schon obsessiv, bemühte sie sich, sein Bild mit den unzähligen kleinen, ihr im Laufe der Zeit so vertraut gewordenen Details - jenen pastellfarbenen Nuancen des täglichen Lebens, welche sie so
liebgewonnen hatte, daß die Vorstellung von Trennung direkt körperlich schmerzte - in ihrer Erinnerung nicht allzu klar und deutlich werden zu lassen und vor allem nicht daran zu denken, daß sie all dies nun endgültig und für immer aufgegeben
hatte - noch dazu freiwillig... ... Und dann, plötzlich, mit einem Schlag deutlich, wieder jene gefürchtete, abgrundtiefe, bodenlose Verzweiflung, der sie hilflos ausgeliefert war und die gewaltig wie ein über seine Ufer tretendes Gewässer
über sie herfiel und sich in ihr ausbreitete, mit dunklen, tosenden Wogen grausam und mitleidlos über einst sorgfältig befestigte Dämme und Ufer schlug, über alles hinwegbrauste und auf diese Art jedes weitere Gefühl in ihr gleich von Beginn
an niederschmetterte und ertränkte, bis sie schließlich überzeugt war, daß niemals mehr etwas anderes in ihr Platz finden könne als jene furchtbare, überwältigende, unerträgliche
Traurigkeit...
Alles so aussichtslos, so vollkommen ohne
Perspektive...
Sein Lächeln im Schlaf, bei dem sie sich so gut vorstellen konnte, wie er wohl als kleiner Junge ausgesehen haben mochte. Das lodernde Funkeln seiner Pupillen, wenn er sich bei einem seiner Lieblingsthemen in Begeisterung redete. Seine
Umarmungen. Sein verlegenes, meist etwas hilflos hervorgestoßenes "So what, my Honey, so what?!", sobald Sylvia - aus welchen Gründen auch immer - in seinem Beisein in Tränen ausbrach. Der beruhigende Lavendelgeruch seines
Rasierwassers im Schlafzimmer, sogar dann, wenn er gar nicht zu Hause war. Das winzige Muttermal genau zwischen seinen Schulterblättern, die wie die Schwingen eines unter der Leibeshülle gefangenen, phönixähnlichen Vogels wirkten. Seine
wunderbar weiche, glatte, beinahe seidige Haut. Überhaupt, all seine Zärtlichkeiten - auch wenn diese zumindest in den letzten Jahren wohl kaum noch ihr, Sylvia, persönlich gegolten
hatten...
Nun war es endgültig um ihre Fassung
geschehen.
Mit schweren, sich wild aufbäumenden und dann mitleidlos auf sie hernieder stürzenden Wellen fiel der bodenlose Schmerz über Sylvia her; gleich einem gewaltigen Raubtier schlug er seine Klauen in ihr Fleisch, zerrte an ihr; raste wie ein
Fegefeuer über sie hinweg; warf sich auf sie, ritt auf ihr, peitschte und spornte sie wie ein gnadenloser Jockey, der versucht, ein Pferd zuschanden zu reiten; ließ sie nicht mehr zur Ruhe
kommen...
Es ist nicht anders als bei einer Geburt,
versuchte Sylvia sich zu sagen, während ihre Augen sich mit heißen Tränen füllten;
Es ist bestimmt nicht anders als bei einer Geburt, Lina hat´s mir ja erzählt, und alles ist immer nur so schlimm, wie du es selbst
zulässt...
Es waren ihre letzten klaren Gedanken, dann verlor sie endgültig die Kontrolle; die unsagbare Pein riß ihr das Steuer ihres Bewußtseins-Schiffes aus der Hand und lieferte sie willenlos ihrer tiefsten, schier unerträglichen Verzweiflung
aus, welche sie gleich einem Hurrikan packte und
umherschleuderte...
Ihre Traurigkeit war jetzt nicht mehr poetisch, sondern verzweifelt; laut schluchzend wälzte sie sich auf der Matratze hin und her, biß in ihr Kissen, trat gegen die Wand, heulte bei manchen Rinnerungen, die jetzt wild auf sie einstürmten, auf
wie ein Werwolf bei Vollmond; und dann weinte, weinte, weinte sie, als hege sie die vergebliche Hoffnung, auf diese Weise endlich ihre verwundete Seele fortschwemmen zu können oder womöglich selbst ganz in Tränen zu
zerrinnen...
Nebenan wurde das Radio lauter gedreht.
Nadine
"... echt voll
gestört!"
"Und riechst du auch, wie's hier nach Gäulen
stinkt?!"
"Hmm, 'n ganzer
Misthaufen!"
Birte und Cora kicherten, und in der Bank vor ihnen krümmte sich Nadine gequält über ihrem Chemiebuch
zusammen.
"Vielleicht glaubt sie ja, Pferdescheiße macht
sexy?!"
"Eh, rück mal, bist eh fett
genug!"
Unauffällig schubste Mira Nadines Mäppchen vom Pult. Dreiundzwanzig Köpfe drehten sich interessiert um, als das Blech lautstark auf den Boden klapperte, und mit hochrotem Gesicht machte sich Nadine daran, ihre quer durch den Klassenraum
verstreuten Stifte wieder einzusammeln, was ihr einen wütenden Blick der Lehrerin eintrug. Eindeutig: Montag Morgen, und die Felzer total übel gelaunt! Ein Tag, der sich, wie schon so viele seiner kalten, gesichtslosen Vorgänger auch, größte
Mühe gab, unerträglich zu werden, ehe er überhaupt begonnen hatte und dessen einziger Sinn offenbar darin bestand, möglichst schnell vorbei zu
sein.
"So, und jetzt kommen alle nach vorne, und zwar ordentlich und gesittet - habt ihr gehört, ordentlich und gesittet, auch du, Nadine! - damit ihr den Versuch aus der Nähe anschauen
könnt."
Nadine erhob sich, bleich, unglücklich, die Augen verschämt nach unten gerichtet. Der viel zu weite Kapuzenpulli schlackerte um ihren mageren Körper wie ein Segel bei Flaute. Ordentlich und gesittet. Nichts täte sie jetzt lieber!
"Schneller, ey, biste
eingepennt!?"
Irgend jemand trat ihr auf den Fuß. Vielleicht auch nur aus
Versehen.
Sie spürte, daß jeder einzelne Muskel sich verkrampfte und eine Eiseskälte sich vom Nacken her über ihre gesamte Haut ausbreitete und sie gleich einem Sarg umschloß, als ausgerechnet Mira sich direkt hinter sie stellte. Gleich einem riesigen
schwarzen Vogel schlang das furchtsame Unbehagen seine gewaltigen Fittiche um sie. Bereits im nächsten Moment wurde sie unsanft nach vorne
gedrängt:
"Eh, rüber, du bist nicht aus
Glas!"
Isabell, gegen deren Rücken Nadine gestolpert war, fauchte sie böse
an:
"Sag' mal, kannst du nicht
aufpassen?!"
Überall Menschenleiber, kalt und unerbittlich, wie ein Labyrinth ohne Ausgang. Und Fratzen, dämonische Fratzen, hunderttausendfach gespiegelt in den Gewässern ihrer Angst. Dazwischen schneidend scharf die Stimme der
Lehrerin:
"Nadine, ich warne dich! Du benimmst dich in letzter Zeit mal wieder unmöglich! Egal, wo du auftauchst, überall verbreitest du Unruhe! Merkst du nicht, daß du mit deinem Verhalten die gesamte Klasse störst?! Egoistisch und unsozial, das
bist du! Ich kann dir nur raten, dich ab jetzt zusammenzureißen,
sonst..." Cora verzog höhnisch die
Mundwinkel.
Dann begann die Felzer unter knappen Erklärungen, eine seltsame, alchemistisch anmutende Konstruktion aus Bunsenbrennern, Reagenzgläsern und schmalen Röhrchen aufzubauen, stellte ab und zu Fragen an einzelne Schülerinnen, und während Nadine
angestrengt versuchte, herauszufinden, ob die Reaktion endotherm oder exotherm ist, hörte sie direkt hinter sich Mira und Birte leise tuscheln und lachen. Unwillkürlich biß sie sich auf die Unterlippe und ihre Hände zitterten, während ihr
Magen sich schmerzhaft und angstvoll zusammenzog. Schauer krochen an ihrem Rückgrat empor und ließen ihre Kopfhaut prickeln. Panik flackerte ähnlich einer bösen, beißenden Flamme in ihr
auf.
Guten Morgen, Psychose! Wie schön, daß es noch immer Beständigkeit und wahre Freundschaft in der Welt gibt und zumindest du mir stets treu und zuverlässig
beistehst!
Sarkastisch grinste sie in sich
hinein.
"Bitte wiederhole, was ich gerade gesagt
habe!"
Nadine schreckte auf. Eindeutig, sie war gemeint! Natürlich hatte sie nicht die geringste Ahnung; und wie erwartet folgte eine ausführliche Schimpftirade über ihre Faulheit, ihr notorisches Desinteresse und die unglaubliche, penetrante
Dreistigkeit, mit der es ihr gelang, jegliche Ermahnungen vollkommen zu ignorieren sowie die Auswirkungen dieses Verhaltens auf ihre nächste Mitarbeitsnote. Nadine vermochte den Worten nur mit halbem Ohr zu folgen. Ganz in ihrer Nähe flüsterte
Mira kaum hörbar mit Cora, und die beiden beugten sich leicht zu Nadine hinüber. Angst tröpfelte gleich ätzender Säure in ihr Bewußtsein und brannte tiefe, ausgefranste Löcher hinein, und ihr Herz flatterte hektisch und schreckhaft gegen die
Rippen wie ein gefangener Vogel gegen die Gitterstäbe seines
Käfigs.
Hör' auf, dich selbst verrückt zu machen;
ermahnte Nadine sich, verzweifelt gegen die dunkle, pochende Furcht ankämpfend;
du
bist nicht der Nabel der Welt; die zwei haben bestimmt längst ein ganz anderes Thema; wer weiß, über welchen Schwachsinn die sich inzwischen amüsieren, so wichtig bist du nun auch wieder nicht, daß jedes einzelne blöde Gespräch sich
ausschließlich um deine Person dreht; vielleicht hat Mira am Wochenende irgendeinen tollen Typ kennen gelernt oder zumindest einen unglaublich schicken Minirock gekauft, oder Cora gibt gerade die neuesten Tanzstunden-Updates zum Besten, oder...
Weiter kam sie nicht, denn mit einem Mal überschlugen sich die Ereignisse. Nadine spürte eine Berührung am Hinterkopf, ruckartig drehte sie sich um und sah gerade noch eine schmale Hand mit violetten Fingernägeln, die so eben dabei war,
behutsam einen Tampon in die Kapuze ihres Pullis zu versenken. Zwar handelte es sich bei dessen blaßroter, ungleichmäßiger Färbung lediglich um Filzstiftspuren, Nadine konnte es deutlich erkennen, trotzdem schrie sie im ersten Moment entsetzt
auf und stolperte nach vorne. Geistesgegenwärtig trat Isabell zur Seite, und mit voller Wucht prallte Nadine mitten in die sorgsam aufgebaute Apparatur auf dem Pult. Glas splitterte lautstark, Flüssigkeit spritzte zischend über den Tisch und
bis gegen die Tafel, ein schwarzer Kasten polterte dumpf zu Boden und zerbrach, Reagenzgläser barsten in tausend Stücke, krachend stürzte der Bunsenbrenner um und sofort fing ein längliches Holzgefäß Feuer, wilde Stichflammen schossen empor,
alle kreischten hysterisch, irgendwer drehte den Wasserhahn auf und dann öffnete sich plötzlich die Tür und der Direktor trat ein, im eleganten, schwarzen Anzug, zusammen mit einem Mitglied der SMV, und starrte fassungslos auf das sich ihm
bietende
Chaos.
Die Stunde endete für Nadine mit einem Eintrag ins Klassenbuch und der spontanen Entscheidung, heute dem restlichen Unterricht fernzubleiben. Wenn sie schon als Rebellin galt, dann wollte sie wenigstens ihren Spaß dabei haben. Immerhin,
überlegte sie, die Patrizias Unterschrift zu fälschen war für sie längst kein Kunststück mehr, sondern eher vertraute Routine, und auch irgendeine glaubwürdige Ausrede auszudenken dürfte ihr wohl keine Schwierigkeiten
bereiten...
Leise schlich Nadine aus dem Schulgebäude und schlenderte zunächst ziellos durch die Straßen, bis sie den Hohenheim-Platz erreichte, einer große, quadratisch angelegte Fläche, in welche aus jeder der vier Himmelsrichtungen wie ein
abgeschossener Pfeil eine Straße einmündete. Genau im Zentrum prangte auf einem monumentalen Sockel, der mitten in dem leeren Wasserbassin eines jetzt ausgeschalteten Springbrunnens stand, ein überlebensgroßes Standbild; vermutlich irgendein
wichtiger Admiral oder Entdecker oder sonst eine bekannte Persönlichkeit; bisher hatte Nadine noch nie darüber nachgedacht, um wen es sich bei dieser imposanten grauen Gestalt handeln mochte, die dort schon seit sie sich erinnern konnte
majestätisch über dem alltäglichen Treiben thronte und mit erstarrten, würdevollen Gesichtszügen durch ein langes Fernrohr nach einem unbegreiflichen, für die talgäugigen Menschen wohl niemals zu erreichenden Schattenland in einer Peripherie
aus Stein Ausschau hielt; ein Bein gestreckt, das andere leicht angewinkelt; auf dem wild gebauschten, lockigen Haar einen breitkrempigen, jetzt von Großstadttauben-Exkrementen befleckten Federhut und mit der linken Hand ein scheuendes, sich
andeutungsweise aufbäumendes Pferd mit prachtvollem Sattel- und Zaumzeug
führend. Nadine stieg über den niedrigen Brunnenrand, bewegte sich
zielstrebig auf jenes Denkmal zu, schleuderte schwungvoll ihren Schulranzen hinauf, welcher zunächst dumpf scheppernd gegen den Unterleib der Figur prallte und dann gleich einer magischen Opfergabe zu Füßen des Pferdes liegenblieb, griff nach
den hervorstehenden, wellenförmigen Ornamenten, die den Sockel zierten und begann mit der katzenhaften Gewandtheit regelmäßiger Übung, hinaufzuklettern. Vorbeieilende Passanten beäugten Nadine erstaunt, ohne jedoch ihre raschen Schritte zu
verlangsamen und hatten diesen Vorfall bereits in der nächsten Minute wieder
vergessen. Oben angekommen kauerte sie sich nieder und starrte dann,
reglos wie die kalte, morgendliche Statue, hinab. Unruhige Menschenmassen rollten gleich aus unterschiedlichen Strömungen erwachsende Wellen von allen Seiten her über den Platz, wogten und brandeten gegeneinander und flossen dann wieder in die
verschiedenen Richtungen ab; erstaunlicherweise ohne daß irgendwelche Leute zusammenstießen. Als Zuschauer konnte man beinahe glauben, sämtliche Bewegungen seien genau koordiniert und so perfekt aufeinander abgestimmt wie die von Marionetten
bei einem Theaterstück. Offenbar gab sich jeder hier - wie auch Nadine, die isoliert auf ihrer steinernen, vergessenen Insel hockte - größte Mühe, alle unnötigen Berührungen zu vermeiden und so die tröstende Vorstellung einer unpersönlichen
Harmonie aufrecht zu erhalten. Sie selbst jedoch befand sich außerhalb. Einsam saß sie, von niemandem gesehen, schwermütig und stolz zugleich, über allem; Pariya und Priesterin in einer Person. War jetzt unverwundbar. Verstoßene Königin über
ein winziges, verzaubertes Reich. Betrachtete nur - unbeteiligt; so, wie andere sich einen Film im Kino anschauen und mit voyeuristischer Begierde jedes einzelne Detail in sich aufsaugen, ohne gleichzeitig irgend etwas von sich selbst
preiszugeben. Allmählich nahm das Gedränge, Geschiebe und Gestoße ab. Nadine gähnte. Sie hatte jetzt alle Zeit der Welt. Irgendwo schlug eine Kirchturmuhr. Es nieselte noch immer. Die letzten Lichtreklamen verbreiteten durch diesen trüben
Sprühregen hindurch einen matten, traurigen Phosphorschein und versuchten so, lethargische Bürger zum Kauf eines Videorecorders oder eines neuen Wasserbettes zu verleiten oder sie ins Fischspezialitäten-Restaurant "Little Mermaid" zu
locken. Auf einer weißgetünchten Häuserfront war der Schatten eines sich stetig drehenden Rades zu sehen. Ein Püärchen begab sich beinahe zögernd auf den nun so gut wie vollkommen leer daliegenden Platz. Beide trugen schwarze, schäbige
Lederkleidung, und um den linken Arm des Mannes war achtlos ein schmutziger Verband geschlungen. Ihren Gesten nach befanden sie sich offenbar gerade in einer heftigen Diskussion. Nadine konnte bloß einige zusammenhanglose Wortfetzen verstehen.
Plötzlich fielen sie einander jedoch um den Hals und küssten sich leidenschaftlich. Neben ihnen trottete ein großer, dunkler, räudig wirkender Hund, schnüffelte hin und wieder gelangweilt am Boden, bewegte kurz den Kopf in Nadines Richtung,
trollte sich dann zu einem Laternenpfahl und wässerte diesen, indem er das Bein hob, mit einem so gewaltigen Strahl, als hoffe er, auf solch eine dratische Weise dessen grelles, unfreundliches Licht auspissen zu
können.
Es wurde kühler. Aus dem Schatten einer der einmündenden Gassen trat ein schlanker, bleicher Mann mit spiegelnder Brille und einem langen, weißen, wallenden, sich im Wind bauschenden und so permanent seine Konturen verändernden Mantel. Unter
seiner Schirmmütze quoll ein dichter, wasserstoffgebleichter Pferdeschwanz hervor. Geschickt beklebte er eine Litfaßsäule mit einem Plakat für den in wenigen Wochen neu im Kino anlaufenden "Undine"-Film. Dann begann es mit einem
Mal richtiggehend vom Himmel herab zu schütten. Die Wolkendecke riß auseinander, und schwere Tropfen trommelten rhythmisch auf die Dächer, auf das Monument und auf das Straßenpflaster, zerbarsten dort wie mit der Erdoberfläche kollidierende
Meteoriten in Miniaturausführung und bildeten so sekundenlang winzige Fontänen, ehe sie sich in ölig schimmernden Pfützen sammelten oder als schmale Bäche am Bordstein entlangströmten; Regen klatschte auf Kunststoffpalmen, Plastiktische und
Markisen, prasselte gegen staubige Schaufensterscheiben und floß in schlangenförmig gewundenen, sich stetig vereinigenden und wieder auseinanderdriftenden Rinnsalen daran hinab; und Regen peitschte auch gnadenlos in Nadines
Gesicht... Es wurde ungemütlich. Nadine warf ihre bedrohlich in allen Nähten ächzende Schultasche in das leere Becken und kletterte behende hinterher. Sie beschloß, zum
Bahnhof zu gehen und sich in dessen Lokal ein wenig aufzuwärmen... Auch wenn dieses zwar vielleicht, rein objektiv gesehen, nicht gerade den gediegensten Aufenthaltsort darstellen mochte, so konnte sie zumindest mit relativ großer Sicherheit
annehmen, daß niemand dort sie kannte und daß in der Anonymität des allgemeinen Reisebetriebs wohl auch kein Mensch auf die Idee käme, sie neugierig anzustarren und sich zu wundern, warum ein junges Mädchen wie sie um diese Zeit nichts
sinnvolleres zu tun hat, als irgendwo in einer billigen Spelunke herumzugammeln... Niemand würde ihr ewiges Stigma, die Einsamkeit,
bemerken!
Nadine hustete rauh. Ihr Hals schmerzte. Es war, als habe der Himmel seine mächtigen Schleusen geöffnet, so daß all seine seit langem aufgestauten Sintfluten nun ungehindert auf die Erde hinabstürzen konnten. Offenbar wollte er überhaupt
nicht mehr aufhören, sich hemmungslos zu ergießen. Nadine hatte ihre private "Arche Noah" erreicht, die für sie zwar keine mystische Heimat und erst recht nicht jenes dreistöckige, pechversiegelte Schiff, welches sie zu wundersamen,
unbekannten Ufern führen sollte, darstellte; ihr aber zumindest kurzfristig Schutz vor den wild strömenden Wassermassen bot... Träge starrte sie aus der Scheibe einer absolut trist und schmucklos eingerichteten Bahnhofskneipe wie aus einem
kranken
Auge.
Menschen mit Koffern und Reisetaschen hasteten scheinbar orientierungslos, lediglich ihrem sinnentleerten Drang nach Bewegung gehorchend, umher. Ankommende Züge. Abfahrende Züge. Leben im Sekundentakt. Die Waggons einheitlich grau oder
dunkelbraun. Ratternde Räder. Lautsprecherdurchsagen. Funken an der Oberleitung.Vollkommen parallel verlaufende Gleise, welche sich erst in weiter Ferne auf einen imaginären, in Wahrheit niemals zu erreichenden Punkt hin zu vereinigen
schienen.
Lustlos rührte Nadine in ihrem viel zu wässrigen Kaffee. Am Nachbartisch unterhielt sich stockend ein Pärchen: "Und du rufst mich an, sobald du in München bist;
versprochen?!"
"Hmm."
"Wann sehn wir uns denn
wieder?"
"Wie?"
"Ich meine, weißt du schon, wann du das nächste Mal Urlaub
kriegst?"
"Nein, keine
Ahnung!"
- Pause
-
"Muß ich erst noch mit meinem Chef drüber
reden."
"Ach
so."
"Ja."
"Hm." ... In banale, nichtssagende Formeln gepreßter Weltschmerz. Das ewige Leiden am eigenen Dasein hat hier auf subtile Weise seine Segel gebläht. Floskelhafter Ausdruck einer kollektiven Verlassenheit, welches doch jeder ganz
alleine ertragen muß. Erdrückende Sterilität, um so jenes entsetzliche, quälende Gefühl einer plötzlichen Einsamkeit und Leere zu überbrücken. Menschen jagen hier ihren aufblasbaren Träumen hinterher; getrieben von einem Fernweh, das
gleichzeitig auch unstillbares Heimweh
ist...
Unausgesprochener Abschiedsschmerz und vergebliche Sehnsucht haben sich mit der Zeit wie Spinnweben in allen Ecken eingenistet und greifen mit ihren giftigen, filigranen Fingern nach jedem, der es wagt, sich ihnen zu nähern. Gateway to
Melancholy!
Regen prasselte monoton und gleichgültig gegen das Fenster. In der Luft stand der Geruch nach erkaltetem
Zigarettenrauch.
Nadine erinnerte sich, daß sie ausgerechnet heute Nachmittagsunterricht haben sollte; sprich: ohne glaubwürdige Ausrede nicht vor siebzehn Uhr zu Hause bei Patrizia eintreffen konnte... Leider fiel ihr beim besten Willen keine ein. Es war
gerade mal halb elf! Sie überlegte krampfhaft, wie sie all die an diesem Ort völlig sinnlos und überflüssig erscheinenden Stunden bis dahin totschlagen
sollte.
Schließlich stand sie auf, zahlte - die abgehetzt wirkende Kellnerin mit dem Brandmal auf der linken Hand und dem viel zu knappen Minirock gönnte ihr nicht den Ansatz eines Lächelns; vermutlich, weil Nadine kein Trinkgeld gab - und nahm die
Straßenbahn Linie 4 gen Weststadt-Ghetto. Ihre gesamte Kleidung fühlte sich noch immer unbehaglich feucht an. Nadine sehnte sich nach jenem in ihren Augen momentan direkt utopia-ähnliche Ausmaße annehmenden Ort, der ihr Wärme und Geborgenheit
versprach...
Inzwischen hatte der Regen etwas nachgelassen. Bunte Blätter wirbelten orientierungslos über den nassen Asphalt. Als einziger Fahrgast stieg Nadine an der Station nach der Kasernenstrasse aus und betrat zögernd den Schacht der Unterführung.
Modrige, abgestandene Luft schlug ihr entgegen. Wie immer kam es ihr vor, auch wenn diese Idee vollkommen albern war, sie wußte es selbst und konnte dennoch nichts dagegen tun, als tauche sie genau in dem Augenblick ab in eine andere,
geheimnisvolle, möglicherweise bedrohliche Welt, vielleicht sogar in die Katakomben ihrer eigenen unheilvollen Seele, und erfahre so - jedes Mal aufs Neue - eine Art fremdartige Initiation, deren Ziel und Regeln sie jedoch niemals würde
verstehen können. Auf dem rostigen Treppengeländer kauerte, schuppig wie ein kleiner Drache, ein Feuersalamander und verschwand blitzschnell in einer Mauerspalte, als Nadine ihn versehentlich mit der Fingerkuppe streifte. Auch sie selbst
zuckte bei der Berührung mit der kalten, glatten Reptilienhaut unwillkürlich zusammen. Die Wände ragten ihr schwarz, feucht und mit Moos und Schimmel überzogen wie die einer uralten Gruft entgegen. Efeu schwang sich daran empor und schlang
seine tentakelähnlichen Zweige um die Belüftungsrohre, so daß es schien, die dürre Pflanze wolle diese Objekte entweder leidenschaftlich umarmen oder erdrosseln. Neonröhren flackerten bedrohlich Erleichtert verließ Nadine den finsteren
Korridor und stieg blinzelnd hinaus ins Helle. Unter ihren Füßen knirschte der Kies eines nur provisorisch befestigten Feldweges. Sie befand sich jetzt am Rand der "Hasen-Weiden"; jenem Gelände jenseits der Stadt, welches auf seinen
vier Seiten begrenzt wurde durch Weststadt-Ghetto, Bahnstrecke, Industriegebiet und Autobahn und das hauptsächlich aus Disteln, Brombeergebüsch, verwildernden Schrebergärten, einigen Koppeln, brachliegenden Feldern, einer winzigen
Apfelbaum-Plantage und - sozusagen als Hauptattraktion für sonntägliche Spaziergänge - dem Reiterhof "Rohan"
bestand.
Das beeindruckendes Portal, ein gewaltiger steinerner Torbogen, in welchen man vor langer Zeit ein Wappen mit dem Motiv von vier Lilien und einem Federhut eingemeißelt hatte, beachtete Nadine kaum noch. Eilig betrat sie den gepflasterten
Innenhof, um den sich halbkreisförmig mehrere Stallgebäude gruppierten. Neugierige Pferdeköpfe schauten ihr über die geöffneten Boxen-Trennwände hinweg entgegen. Ikarus, der stämmige Haflingerwallach mit der breiten, unregelmäßigen Blesse, die
seinem Gesicht einen fast schon gnomenhaften Ausdruck verlieh, polterte mit seinen eisenbeschlagenen Hufen ungeduldig und fordernd gegen die hölzerne Tür. Nadine lächelte bei seinem Anblick, und wieder einmal vermochte sie es kaum zu glauben,
dass es ihr im Laufe der vergangenen Monate tatsächlich gelungen war, das Vertrauen dieses Pferdes zu gewinnen, ohne ihm dadurch jedoch seine zauberhafte, graziöse Wildheit zu rauben.










