Eternal Dancing Transit Town

Fortschritt
!
Fort von Woodstocks schmutzigem
Schlamm,
von Tränen, Blut und
Exkrementen,
immer
weiter,
über stählerne Highways und durch dunkle
Tunnel
in Richtung einer hochtechnisierten, logisch erklärbaren Cyberspacewelt; Air Conditioned
Porzellanäugig makellose Luxuslandschaft... Schon lange befand mein Volk sich auf dieser Wanderung; ungeduldig zunächst, heftig drängend, wird in den "Chroniken der tausend Schritte" berichtet, dann allmählich der Lethargie des
täglichen Marschierens ergeben; und irgendwann muss ihnen auch dieses geheimnisvolle, glückverheißende Wort verlorengegangen
sein... Nein, ich erinnere mich an
nichts. Bin unterwegs zur Welt gekommen. Von Geburt an heimatlos. Und wir, die jungen Reisenden, fragten nie. Nur manchmal, wenn die Nacht ihren Rachen aufsperrte und der samtige Wind seine sternenfremden Lieder wisperte, wagten wir es,
heimlich von uralten Legenden zu zehren und uns ein freudvolles Sein im Glanze einer ewigen Heimat
vorzustellen...
Und am Morgen danach fehlte manchmal einer. Die Alten nickten wissend und errichteten keine
Grabstätte.
Aber man hatte es ja immer so gut mit mir gemeint! Damit ich nicht selbst laufen musste und in Ruhe an meiner Colaflasche nuckeln konnte, hatten sie mich in ein Wägelchen gesetzt, das zunächst von einem knochigen weißen Pony gezogen wurde;
irgendwann Jahre später schirrten sie mein Pony dann aus, ließen es frei und bauten stattdessen einen Motor ein... Und schließlich kam der Zeitpunkt, als ich mich entschied, ab jetzt ebenfalls zu Fuß weiterzugehen; ich fühlte mich
unglaublich stark und war stolz, bereits mit der Masse Schritt halten zu
können...
Dann : nicht mehr fort-schreiten, sondern
fort-laufen;
andere überholen und zur Seite
drängen,
Erste sein
wollen,
ohne zu wissen, was an dieser Position überhaupt so erstrebenswert sein mag, und dennoch im Eifer allmählich die sehnsuchtstrunkenen Nächte vergessen ...
Ehrgeiziges Gaukelspiel! Eines Tages beschloss ich, die anderen auszutricksen und eine Abkürzung zu nehmen; ich sprang über den Straßengraben und rannte quer über eine große Blumenwiese auf den Waldrand zu; erst als ich dort ankam, stoppte
ich und schaute zurück... Eine schmale Spur aus zertretenem Gras zeigte an, wo ich gelaufen war. Glücklicherweise folgte mir niemand; allerdings sah ich gerade noch, wie die letzten Nachzügler unseres Trecks um die Kurve bogen und aus meinem
Blickfeld verschwanden. Nun war ich also endgültig auf mich alleine gestellt. Eigentlich hatte ich vorgehabt, mich geradeaus durch den Wald zu schlagen, um dann auf der anderen Seite mein Volk abzupassen und mich zu den stolzen Stürmern an
der Spitze zu gesellen, ruhmglänzend und verwegen, doch ich hatte nicht damit gerechnet, dass ausgerechnet hier das Gebüsch derart undurchdringlich sein würde... Ich gab mir zwar alle erdenkliche Mühe; kroch bäuchlings über Wurzeln,
modernde Baumstümpfe und große, moosbewachsene Steine, schwitzte, zwängte mich durch Blätter und Dornen, trat kleine Sträucher nieder, riss Zweige aus, bis meine Finger bluteten; schließlich brach ich sogar einen knorrigen Ast ab und
versuchte, damit die ineinander verflochtenen Ranken zu zerreißen... Doch vergeblich; der Ast splitterte, ich schien völlig machtlos zu sein, und mir blieb nichts anderes übrig, als Stellen zu suchen, an denen die Büsche nicht ganz so dicht
standen, auch wenn mir klar war, dass ich dadurch einen beachtlichen Umweg in Kauf nehmen musste, der mich sicherlich meinem hart errungenen Sieg kosten würde... Mit eiserner
Disziplin kämpfte ich mich voran. Kaum spürte ich noch den dumpfen, pochenden Schmerz in meinen Handgelenken. Das Blut rauschte und pulsierte in meinen Ohren. In meinen Haaren klebte Harz. Die Schatten wurden länger und der allmählich
zunehmende rötliche Schimmer am Himmel schien auf obszöne Weise meiner Hilflosigkeit zu spotten. Betäubende Müdigkeit machte sich in mir breit. Meine Gruppe vermochte ich nirgends zu erblicken. Langsam keimte Panik in mir auf und drängte die
Wut über meine Niederlage nach und nach in den Hintergrund. So irrte ich einsam durch den Wald. Ich verfluchte meinen schlechten Orientierungssinn und wusste nicht, wohin ich mich wenden sollte... Plötzlich jedoch stutze ich. In der Ferne
scheint sich, zunächst noch unklar und verschwommen, dann immer deutlicher, die Silhouette von "Eternal Dancing Transit Town" abzuzeichnen; jener magischen Stadt, die stets im Zentrum all unserer verbotenen Mythen und Geschichten
stand, doch an deren Existenz ich im Grunde genommen nie wirklich zu glauben gewagt hatte... Dunkel und erhaben, beinahe würdevoll ragen ihre mächtigen Türme und Zinnen gegen den nun blutrot glühenden Horizont. Eine nie gekannte Ehrfurcht
ergreift mich. Ich weiß nicht, ob ich tatsächlich wünsche, diesen Ort zu betreten; entscheide mich aber, dass es besser ist, dort um Unterkunft zu bitten, als die Nacht allein im Wald zu verbringen, und so lenke ich meine Schritte in jene
Richtung, gleichsam ängstlich und fasziniert... Ich habe keine Ahnung, was mich erwarten wird, entsinne mich jedoch, dass es stets hieß, wer immer den traumgeweihten Boden dieser Stadt betritt, für den könne danach nichts mehr so sein wie
zuvor. Das Tor scheint
unbewacht.
Bunte, graffitibesprühte Häuser. Rauchende Schornsteine. Motten taumeln verstört durch die laue
Luft.
Hinter einer Glasscheibe postkartengroße Kunstdrucke von Gemälden aus verschiedenen
Epochen.
Aquarien. Kräne am
Hafen.
Sämtliche Schilder sind in fremden, elegant verzierten und verschnörkelten Buchstaben
geschrieben.
Auf der Straße spielen Kinder "Himmel und Hölle" in einem Kreidefeld, welches bereits so verwischt ist, dass die trennenden Linien beim besten Willen nicht mehr zu erkennen sind. Ein kleiner Junge auf einer Schaukel juchzt
laut.
Als ich eine Gruppe von Passanten frage, wo ich eventuell einen Stadtplan kaufen könnte, ernte ich bloß erstauntes Gelächter: Hier gebe es keine starr festgelegte Ordnung, klärt eine bebrillte, stark geschminkte Frau mich auf; die Gebäude
stehen da, wo sie eben zufällig stehen, und wohin die Straßen führen, muss ich schon selbst herausfinden! Also schlendere ich
noch ein wenig umher; dabei wächst bei mir jedoch immer mehr der Eindruck, dass diese Stadt gar nicht so konzeptlos angelegt ist, wie man mir noch eben klarzumachen versuchte - vielmehr scheint hier eine Art subtiles System das
augenscheinliche Chaos zu beherrschen, dessen genaue Regeln ich allerdings noch nicht erfassen
kann...
Breite Kanäle und Wasserstraßen ziehen sich durch das angebliche Labyrinth. Hohe, pittoresk gewölbte Brücken. Blumengeschmückte Hausboote. Auf einem von langen, schmalen Fassaden gesäumten Platz heischen Gaukler und Akrobaten um
Aufmerksamkeit. Ein junger Mann im Harlekinskostüm jongliert mit brennenden Stöcken, und von der Schulter des Leierkastenspielers aus blinzelt mich ein Äffchen mit obsidianchwarzen Augen neugierig
an.
Im "Hotel New Vineta", das mir wegen seiner großen, gläsernen Drehtür sogleich auffällt, erkundige ich mich nach einem Nachtquartier und bekomme von der Wirtin ein Zimmer auf der vorletzten Etage zugewiesen, welches - abgesehen von
einem seltsamen, bräunlichroten, eingetrockneten Fleck an der Decke - ausgesprochen gemütlich
wirkt. Vor dem Schlafengehen möchte ich mir noch etwas die Beine vertreten;
einen kurzen Augenblick zögere ich zwar, als ich an der Türschwelle stehe, hinter mir die freundliche Wärme meines gemieteten Gemachs, vor mir unebene Straßen einer fremden Stadt; doch dann marschiere ich entschlossen drauflos... Enge,
gewundene Gassen, darüber der Nachthimmel: Tiefschwarz und mit goldenen Sternen
gesprenkelt.
Es riecht nach Reseden, wildem Thymian und geschmolzenem Teer. Scheinwerfer spiegeln sich in
Fensterscheiben.
Ein Hund döst träge auf einer
Treppe.
Der Boden strahlt noch immer Tageswärme
aus.
Mittsommernacht.
Alle Menschen, denen ich begegne, scheinen zufrieden zu lächeln; dabei murmeln sie halblaut unverständliche Silben und Satzfetzen vor sich
hin.
Sollte sie wirklich wahr sein, jene Sage, dass man hier noch das geheimnisvolle, glückverheißende Wort
kennt, welches bei meinem Volk aus unerklärbaren Gründen schon vor langer Zeit in Vergessenheit geraten war...? Ich bin viel zu sehr in meine Gedanken versunken, um zu bemerken, dass im Kopfsteinpflaster der Straße einige Steine fehlen, bis ich plötzlich in eine dadurch entstandene Lücke trete und stolpere...
Ein lotusäugiger junger Mann mit blonden Haaren und einem perlenbestickten Stirnband fängt mich auf und legt den Arm um mich; gemeinsam gehen wir weiter, quer über einen Platz mit einem Springbrunnen. Fein geäderte Muster ziehen sich durch
den Stein der marmornen Statuen. Erstarrte Einhörner und Faune speien glitzernde Fontänen. Im Wasser schimmern verzerrte Spiegelungen von unseren Gesichtern und dem anschwellenden Mond, scheinbar auf der gleichen
Ebene.
Ich möchte noch etwas verweilen; mein Begleiter drängt jedoch weiter und führt mich in einen
Park.
Die Hitze und der Blumenduft sind hier
betäubend.
Eine Band
spielt.
Die Wiese ist voll von jungen Menschen in bunten Gewändern; einige tanzen barfuss und mit fest geschlossenen Augen zu den sphärischen Klängen der Musik, andere sitzen auf dem grasbewachsenen Boden und unterhalten sich. Ich lasse mich ebenfalls
nieder. Jemand drückt mir ein Glas Rotwein in die Hand; ich trinke aus und sofort wird nachgeschenkt. Überall sind Kerzen aufgestellt, deren Flammen im leichten Nachtwind flackern und zuckende Schatten auf die Gesichter meiner Mitmenschen
werfen, welche in diesem Licht rätselhaft, unergründlich, fast schon wie edle Phantasiegestalten aus einer fremden Sage
wirken...
Eine zierliche Frau mit langen, glatten Haaren und einem Kranz aus Gänseblümchen auf dem Kopf kniet sich neben mich und dreht sich eine Zigarette; mit der Zeit gesellen sich immer mehr Leute dazu. Ich erkundige mich danach, wo sie
ursprünglich herkommen, erhalte jedoch nur vage, ausweichende Antworten. Von furchtsamen Karawanen ist gelegentlich die Rede, von goldenen Pionieren des Schreckens, von Patrouillen vor russgeschwärzten Hütten, doch niemand möchte seine
Andeutungen näher erklären. Ich wundere mich: Fürchtet man sich vor den eigenen Erinnerungen? Oder haben solche Erlebnisse für diese Leute tatsächlich keinerlei Wichtigkeit mehr? Ist vielleicht die Allgegenwart des geheimnisvollen,
glückverheißenden Wortes
hier einfach so stark, so mächtig, so überwältigend, dass jede Vergangenheit daneben bedeutungslos erscheinen muss? Eine neue Rotweinflasche wird entkorkt. Unsere Gruppe wächst. Wir stoßen an. Auf "Eternal Dancing Transit Town", auf diesen Park, auf unsere Gemeinschaft. Ich fühle mich geborgen. Zu Hause angekommen.
Hier
möchte ich bleiben; jetzt und für immer! Ich stehe auf und spaziere ein wenig zwischen den einzelnen Gruppen umher. Der Boden scheint leicht zu schwanken. Zwei Frauen in langen, wallenden Kleidern und mit feder- und muschelbesetzten besetzten Masken vollführen ekstatische Bewegungen, dem Zauber der Musik völlig hingegeben, und eine gnomenhaft verwachsene Gestalt mit einem aus Rinde und Laub gewundenen Gürtel und Narrenkappe trommelt und kichert dabei manisch. Auf einer Plane sind Kräuter zum Trocknen ausgebreitet. Ein magerer Junge im Peter-Pan-Kostüm steigt auf seinen Stelzen geschickt darüber hinweg. Irgendwo brennt ein riesiges Lagerfeuer. Ich setze mich und werde auch an diesem Ort sofort mit Rotwein und freundlichem Lachen willkommen geheißen. Funken stieben schalkhaft in den Himmel, und rege nähren wir die zuckenden, züngelnden Flammen mit kleinen Ästen. Schließlich beginne ich ebenfalls zu tanzen; der junge Mann mit dem Stirnband hält mich an den Händen, unsere langen Haare fliegen, die Band spielt die moderne Version irgendeines Volksliedes, und gemeinsam wirbeln wir rauschhaft durch einen Strudel freudiger Gesichter...
Der Morgen dämmert, im Osten verfärbt sich der schmelzende Himmel eisblau, und kühle Luft, die aus dem magischen Moment zwischen den Zeiten aufzusteigen scheint, umstreicht
mich.
Behutsam berührt mein schöner Begleiter meine zitternde
Haut. "Frierst
du?"
"Ich weiß nicht. Vielleicht ist es auch nur der Tribut, den die Nacht jetzt fordert." "Wo wohnst
du?"
"Im Hotel >>New Vineta<<. Möchtest du
mitkommen?"
"Hotel >>New
Vineta<<?!"
Ein ängstlicher Schatten scheint für einen kurzen Moment seine Augen zu umschleiern. "Stimmt irgend etwas damit
nicht?"
"Nein, nein, es ist nur... Nichts! Nein, nichts. Ein alter Aberglaube, nichts weiter. Gerüchte. Unhaltbar. Sollen sie in die Schluchten des Vergessens
sinken!"
"Also..."
"Lass uns gehen. Ich habe keine Angst. Nicht an deiner Seite, geliebte Abendsternfrau!" Als ich, Tausende von taumelnden Träumen und tränenbenetzten Augenblicken später, wie mir scheint, erwache und die Augen aufschlage, bin ich
alleine, und mein erster Blick fällt auf diesen merkwürdigen Fleck an der Decke, der über Nacht ein beachtliches Stück gewachsen sein muss und mir nun saftig und dunkelrot entgegenleuchtet. Vom Flur her ertönt Staubsaugergebrumm, ähnlich dem
drohenden Summen eines metallenen Hornissenschwarmes, der immer näher zu kommen scheint und sich mit dem schmerzhaften Pochen in meinem Kopf zu einer unerfreulichen Melodie
vermischt. Ich stehe auf und verlasse das
Hotel.
Einsam trotte ich durch öde Straßen; ständig in der Hoffnung, zufällig irgendwo auf einen meiner neuen Freunde zu stoßen, doch alles Suchen ist
vergeblich. Vor Kaffeehäusern sitzen auf metallenen
Stühlen Herren mit hohen Zylindern und lederbezogenen Aktentaschen und mustern mich gleichmütig aus ihren goldenen Augen. Ich friere mehr denn
je.
Ein Gebäude mit einem Wetterhahn, der sich knirschend im Wind dreht, fällt mir auf; überrascht trete ich näher und erkenne, dass es sich um eine Boutique handelt, in deren blankgeputzten Scheiben ich mich
spiegele.
Ich schreite über die Türschwelle. Ein elektrischer Ofen verbreitet angenehme Wärme. In meiner Nase kitzelt trockener
Staub.
Der Inhaber des Geschäfts, ein feister Mittvierziger im zeitlos-dezenten Anzug und mit karierter Krawatte, begrüßt mich höflich. Seine goldschimmernden Pupillen lassen keine Gefühlsregung erkennen. Nach kurzem Anprobieren wähle ich eine
hüftlange Jacke aus Kunstpelz. Neben der Kasse steht ein Schiff in einer gesprungenen Flasche. Während ich bezahle, kommt mir eine Idee. "Entschuldigen Sie bitte,"
spreche ich den jugendlich wirkenden Verkäufer mit der pickligen, ungesund geröteten Haut an, "aber ich habe da gestern einen netten Menschen getroffen und würde ihn gerne noch mal sehen... Vielleicht kennen Sie ihn ja ebenfalls und
könnten mir einen kleinen Gefallen tun, indem Sie mir helfen, ihn wiederzufinden... Es handelt sich um einen jungen Mann, etwa diese Größe," - ich fuchtele vage mit der linken Hand oberhalb meines Kopfes in der Luft herum - "lange
blonde Haare, milchweiße Haut, funkelnde Augen, sympathisches Lächeln..." Der Verkäufer wirkt für einen kurzen Augenblick irritiert, beinahe
fassungslos, dann schüttelt er vehement den Kopf; nein, er kenne solch eine Person nicht, und auch der Geschäftsinhaber, der sich bisher im Hintergrund gehalten hat, zuckt bedauernd die Schultern. Sein goldener Blick streift jetzt fast schon
verächtlich über mich hinweg. Unsicher wandere ich umher, durchkreuze heruntergekommene Gassen, spähe verstohlen in dunkle Hinterhöfe, doch die einzigen Wesen, denen ich begegne, sind räudige Ratten, die empört vor meinen Schritten
flüchten, um sich dann in Müllcontainern zu verkriechen. Gegen Gitterzäune gekehrter Unrat. Verwitterte Plakate werben für eine karnevaleske
Parade.
Aber vielleicht müsste ich ja einfach nur zu diesem Park zurückkehren... Ich laufe drauflos;
erreiche den Platz mit dem Springbrunnen... Diesmal
sprüht jedoch keine glitzernde Fontäne empor, und im trüben, abgestandenen Wasser des Beckens treiben verrostete Coladosen sowie ein Teddybär mit fahl gewordenen Glasaugen und aufgeschlitztem
Bauch.
Soll das hier tatsächlich noch "Eternal Dancing Transit Town" sein, jener angeblich einzigartige Ort, an dem das geheimnisvolle, glückverheißende Wort lebendig ist...? Ich kehre ins Hotel "New Vineta"
zurück, verzehre hungrig einen Apfel und beginne dann, die kahlen Wände meines Zimmers mit Wachsmalzeichnungen zu verzieren; dabei berühre ich versehentlich den roten Fleck an der Decke und mir fällt auf, dass er sich feucht, beinahe klebrig
anfühlt. Ich
erschauere.
Es dämmert bereits; ich möchte noch einen letzten Versuch wagen, begebe mich nach draußen ins Zwielicht von "Eternal Dancing Transit Town" - und richtig, nun finde ich auch mühelos unseren verwunschenen Park... Ein Blumenkind mit
fiebrig-glasigem Blick tanzt an mir vorbei. In ihren zottigen Haaren hat sich eine Libelle verfangen, die verzweifelt strampelt, um
freizukommen. Es riecht nach Räucherstäbchen. Rosenduft. Dazu die modrigen Dünste
verrottender
Morcheln.
Der verzerrte Sound einer
E-Gitarre.
Erst jetzt bemerke ich, dass heute keine Band spielt; irgend jemand hat bloß einen Plattenspieler mitgebracht, und nun dudelt immer wieder das gleiche Lied über die Wiese. Schrille Töne schlängeln sich zwischen Menschenleibern hindurch und
fallen in mein Weinglas, das unter dem Druck zu bersten droht. Der aufsteigende Zigarettenrauch scheint sich zu grotesken, boshaft verzerrten Fratzen zu formen, und Schatten wirken mit einem Mal wie Spuren aus geronnenem Blut, die jede Person
unweigerlich hinter sich herzieht... Aus den Blicken der Menschen lodern mir Abgründe entgegen, welche mich schaudern
machen.
In einiger Entfernung entdecke ich Bekannte von gestern. Phlegmatisch kauern sie auf Decken und Tüchern mit psychedelischen Mustern und nehmen mich zunächst offenbar kaum wahr, als ich ihnen erleichtert zuwinke. Ich geselle mich dennoch dazu
und erkundige mich nach meinem einstigen Begleiter. Niemand weiß, weshalb er verschwunden ist. Man scheint sich vage über mein Auftauchen zu freuen, doch meine Fragen stoßen auf keinerlei Interesse. Wen kümmert schon, was geschehen sein
mag... Trotzdem: Es gibt Rotwein.
Lachsschnitten und eisgekühlten Champagner. Zufriedene Lächeln. Sommersprossengesichter. Wir erzählen orientalische
Märchen. Ich gehöre dazu. Unverstanden, aber zumindest nicht verstoßen. Bin dankbar für diese
tröstende
Zusammengehörigkeit.
Von Fäulnis zerfressene
Holzbänke.
Der Junge im Peter-Pan-Kostüm zeichnet einen Phoenix. Ganz in unserer Nähe wird eine Pantomime mit offenbar frivolem Inhalt aufgeführt. Da die Zuschauer ebenfalls verkleidet sind, vermag man sie kaum von den Akteuren zu unterscheiden. Eine
Gruppe junger Leute spielt Karten. Der bucklige Gnom sitzt daneben, die Narrenkappe auf dem Kopf, und ein lautloses Lachen schüttelt seinen gekrümmten
Körper.
Dann beginnen wir zu tanzen, halten einander an den Händen, bilden einen Kreis und lassen uns so mit geschlossenen Augen lasziv von der Musik
treiben.
Endzeitstimmung.
Generation X, Aufbruch zum
Untergang?!
Und wennschon! Ich fürchte mich nicht; nicht in dieser Gruppe! Will dem Vulkan des Daseins, was auch immer er bringen mag, ohne zu zaudern ins brodelnde Auge schauen, ekstatisch und voller Leidenschaft; meiner dunklen, sinistren Lebenslust
ergeben... Live every day as if it were your last, because it is already your
first! Eine fast schon sündhaft anmutende, morbide Freude erfüllt mich.
Abrupt bricht die Musik ab. Dumpfe Lautsprecherstimmen: "Achtung, Passkontrolle! Bitte zum Parkeingang kommen und dort die Ausweise
vorzeigen!"
Ich blinzle zwischen den Lidern hindurch. Verschwommen erkenne ich einige uniformierte Polizisten in Begleitung elegant gekleideter, goldäugiger Herren mit hohem Zylinder - unter ihnen auch der Inhaber jener Boutique - , die herumgehen und
einzelne Personen extra
auffordern.
Sofort schließe ich die Augen
wieder.
Jetzt bloß keine Störung zulassen und einfach genüsslich weitertanzen zu der imaginären Melodie in unsere Köpfen; alle zusammen als magischer, undurchdringbarer Kreis aus verschlungenen Körpern, rhythmisch und
hingebungsvoll...
Doch ich spüre bereits, wie mein rechter Nachbar den Griff lockert und dann seine Finger ganz zurückzieht; mein linker Nachbar tut das gleiche, und mit einem Mal stehe ich erneut völlig alleine da... Ich schaue mich um und sehe nur noch, wie
all meine Freunde sich von mir entfernen und durch eine Allee aus schlanken Zypressen in Richtung Parkausgang streben. Der Abend ist mir verdorben, und statt den anderen zu folgen schleiche ich auf Umwegen zurück ins Hotel "New
Vineta". Dort arbeite ich stetig an meiner Wandzeichnung weiter, bis plötzlich etwas Warmes, Feuchtes auf meine Stirn fällt. Unwillkürlich schaue ich nach oben und stelle fest, dass der Fleck an der Decke schon wieder größer geworden ist
und darüber hinaus zu tropfen begonnen hat. Ich fahre mit dem Finger darüber und lecke ab - eindeutig, es handelt sich um
Blut.
Klaustrophobische Angst packt mich. Ein einziges Wort beherrscht mein Denken: Flucht! Für einen kurzen Moment stehe ich starr, vor Schreck paralysiert, dann stürze ich panikerfüllt durch die gläserne Drehtür nach
draußen.
Haste stolpernd durch nächtliche Gassen.
Ziellos.
An einer Straßenecke haben sich Jugendliche versammelt. Wachsbleich sind ihre Gesichter, und ihre Kleidung strahlt eine Art sorgfältig gepflegte Vulgarität aus. Ich kann die Einsamkeit nicht mehr länger ertragen und begebe mich zu ihnen.
Hinter ihren dunklen, spiegelnden Sonnenbrillen vermag ich die Augen nicht zu
erkennen. Gemeinsam
klettern wir durch das zerbrochene Kellerfenster eines Abbruchhauses. Schweigen.
Finsternis.
Jemand schaltet eine Taschenlampe
an.
Grob verputze Wände. Der Spiegel ist mit einem Tuch verhängt. Ich frage nach dem Grund dafür, und ein Mädchen mit blutrot geschminkten Lippen und abblätterndem schwarzem Nagellack erklärt mir vertraulich, keiner aus der Gruppe könne mehr den
Anblick seines eigenen Spiegelbildes
ertragen.
Langsam beginne ich zu
begreifen...
Vielleicht sind dies ja die Menschen, die - ohne es selbst zu wissen - die Fähigkeit besitzen, in ihren eigenen reflektierten Gesichtern das geheimnisvolle Wort
zu lesen, welches sowohl glückverheißend sein als auch durch seine Intensität in den tiefsten, qualvollsten Wahnsinn treiben kann... In jeder der vier Ecken steht eine mit Kräutern gefüllte Glasschale; jemand zündet sie an und sofort
schießen lodernde Stichflammen empor, die wie winzige purgatorische Feuer aus fremden Gefilden flackern und schwelen. Moschusähnlich duftender Rauch breitet sich aus. Allmählich überkommt mich das Gefühl, alles, was mich umgebe, sei bloß der
halluzinatorische Schatten irgendeiner viel tieferen, profunderen Wahrheit, in die ich nun hinabzugleiten beginne, die Ruine meines Bewusstseins stetig hinter mir lassend; immer schneller, ohne Möglichkeit, diese wilde Fahrt inmitten der
knochigen Fragmente meiner Gedanken zu unterbrechen. Offenbar soll hier ein Zeremoniell stattfinden, bei dem rasende Geister heraufbeschworen werden, welche man vielleicht besser ruhen
ließe... Mein Körper prickelt. Gleißende Feuerräder scheinen vor meinen Augen zu rotieren. Ein Kartenhaus aus grellen Visionen stürzt über mir
zusammen. Irgendwer steigt auf einen Stuhl
und beginnt zu predigen:
"Zeitalter des Wassermann - - Chaos, Tod und Neubeginn!
Asiutamen, das Tanzhaus der Unterwelt, lockt mit Orgien und Ekstase. Blutige Sintflut. Götterdämmerung. Bilderbuchschmerzen.
Angekommen im eiternden Bauchnabel der Weltgeschichte. Doch: Pegasus' beschnittene Schwingen wachsen nach. Shiva tanzt im Flammenkreis, und Die Nacht der Schamanin beginnt. Wir verbrennen Schaumstofffiguren mit aufgemalten Gesichtern - billige Voodoopuppen unserer Seelen - und warten auf den Dornröschen-Kuss aus einer anderen Dimension!"
Die Luft löst sich in ihre einzelnen Partikel auf und mein Bild der Welt zerfällt in winzige, lyrische Mosaiksteine voll Schmerz und Anmut. Der Lichtschein
der Flammen zuckt; dann verformt er sich zu den Umrissen von nackten, tanzenden Gestalten aus Feuer, die lautlos zwischen uns hindurchgleiten. Langsam begreife ich, dass bei dieser Séance nicht ein einziges, außenstehendes Wesen gerufen
wird - vielmehr steigt aus jedem von uns jetzt eine düstere, kultische Schattengestalt
auf...
So sehr ich mich auch bemühe, ich kann meinen Blick nicht von jener predigenden, inbrünstig deklamierenden Person lösen, deren Gesicht von Sekunde zu Sekunde schuppiger, beinahe reptilienhaft wirkt, während die Bewegungen auf eine clowneske
Weise unbeholfen sind. Tigeräugig schauen die anderen mich an, gleich unruhig lauernde Raubtieren in einem girlandenbekränzten
Käfig...
Und plötzlich scheint meine Wahrnehmung endgültig Achterbahn zu fahren, denn jetzt befinde ich mich nicht mehr in unserem Keller, sondern auf einer großen Lichtung mit seltsamen, bunten Objekten, und ich bin von Werwölfen umgeben, die hungrig
den blutroten Mond anheulen... Und dann... Es ist kaum zu fassen... Dann öffnet sich ein riesiges Auge, welches von einem Ende des Horizonts zum anderen reicht... Der gesamte Himmel ist nichts weiter als ein Lid, das sich nun schwerfällig hebt
und mir den Blick in eine Pupille gewährt, so profund, so erhaben, so gewaltig, so endlos, dass ich glaube, mein Herz müsse stehen bleiben... Kristallklar, glänzend, wie in Kerosin getaucht wirkt die Landschaft unter diesem Schimmer, und ich
weiß nicht, wie lange ich das alles noch ertragen kann... Und immerzu kichert der Wind monoton, leise klirrend; vollkommen unberührt von meinen peinigenden Ängsten... Stunden später erwache ich aus wirren, apokalyptischen Träumen und taumele
zurück zum "Hotel New Vineta", das trotz allem mein einziger Zufluchtsort ist. Die Drehtür klemmt, und ich stehle mich durch den Hintereingang in mein Zimmer und lasse mich auf den samtig bezogenen Sessel fallen. Erleichtert atme ich
auf. Selbst der unheilvolle Fleck an der Decke kommt mir jetzt wohltuend vertraut
vor.
Verwegener Leichtsinn macht sich in mir
breit.
Geschlafen habe ich eigentlich genug - warum sollte ich also nicht versuchen, herauszufinden, woher das Blut stammt?! Schließlich, so denke ich, wird mich nach den Ereignissen dieser Nacht kaum noch etwas in Schrecken versetzen
können... Ich fahre mit dem Aufzug ins obere Stockwerk und steige dann eine Wendeltreppe empor, die so schmal ist, dass hier keine zwei
Menschen nebeneinander gehen könnten; am Ende angekommen zwänge ich mich durch eine angelehnte Tür... Und
erstarre: Ich befinde mich in einem eiskalten Speicherraum, der vollkommen mit Gold ausgekleidet ist...
Mitten auf dem Fußboden liegt, das Gesicht nach unten, die Hüften in einer unnatürlichen Stellung abgewinkelt, ein Mensch... Ich knie mich neben ihn, drehe ihn um... Es ist der leblose Körper des jungen Mannes, der mich in den Park geführt und
dort mit mir getanzt hat! Sein Brustkorb ist aufgerissen und aus der Wunde sickert ununterbrochen rotes, klebriges Blut, von dem die Dielen bereits aufgeweicht
sind... Dumpfes Entsetzen packt mich und erstickt
jede weitere Gefühlsregung im Keim. Ich wende mich ab und mustere den Computer, der auf einem Pult an der Wand thront. Dort scheint die Einwohnerliste von "Eternal Dancing
Transit Town" gespeichert zu sein, denn der Bildschirm zeigt unzählige Namen und Geburtsdaten an; einige mit Fragezeichen versehen, andere unterstrichen oder sogar
eingerahmt...
Plötzlich höre ich schwere, eisenbeschlagene Stiefel die Treppe hinaufpoltern; rasch gleite ich durch eine geöffnete Luke nach draußen und schaffe es mühsam, mich an den rutschigen Schindeln festzuklammern und auf den Dachfirst zu ziehen. Hier
habe ich einen großartigen Ausblick über die gesamte Fläche von "Eternal Dancing Transit Town", wo zur Zeit ein eigenartiges Durcheinander zu herrschen
scheint... Menschen verfolgen sich
gegenseitig oder reden erregt aufeinander ein, überall brechen Kämpfe aus, die zwar zunächst nur zwischen Einzelpersonen stattfinden, innerhalb von Sekundenschnelle jedoch zu regelrechten Straßenschlachten ausarten... Steine fliegen, Leute
gehen, die Fäuste geballt, aufeinander los, prügeln sich und dreschen mit Brettern und Pfählen aufeinander ein, Barrikaden werden errichtet, Verwundete schleppen sich in Hauseingänge... Und auf fast allen größeren Plätzen versammeln sich
schwer bepackte Personen zu Gruppen, die, sobald eine bestimmte Anzahl erreicht ist, gemeinsam losziehen und sich entschlossen ihren Weg durch das Stadttor bahnen... Abrupt fahre ich auf, weil ich höre, wie jemand meinen Namen zischt. Ich
drehe mich um – und tatsächlich, im Nachbarhaus, das Wand an Wand mit dem „Hotel New Vineta“ steht, beugt sich jene gnomenhaft verwachsene Gestalt, die am ersten Abend im Park getrommelt hat, aus dem Dachfenster und winkt mir verstohlen
zu.
„He, komm her, ehe sie dich entdecken... Ja, genau, hier herüber... Aber pass auf...“ So schnell ich kann, krieche ich auf dem Bauch über den schmalen First. Die Gestalt hilft mir, in ihr Zimmer zu
klettern. Mein Körper bebt vor Erschöpfung. „Wer bist du?“ frage
ich.
Mein Gegenüber grinst. „Ich bin der Joker. Die letzte Karte im Spiel. Zu keiner Farbe gehörend. Der Possenreißer; der Clown, der immer abseits steht und lediglich beobachtet. Das stupide Lachen im Hintergrund. Und niemand ahnt, dass allein
mein Trommeln das Finale einzuläuten
vermag...“
„Das
Finale?!“
Er winkt er ab. Seine eisblauen Augen wirken wie zwei stille Seen und bilden so einen eigentümlichen Kontrast zu dem bunten Gewand und der Narrenkappe mit den obligatorischen
Glöckchen.
„Ihr seid so stolz, du und deine angeblichen Freunde, so stolz und jung und übermütig... Glaubt, „Eternal Dancing Transit Town“ sei euer eigenes Werk, welches ihr stets mit der Macht eurer Jugend zu beherrschen vermögt... Doch schon längst
wird diese Stadt nicht mehr von euch, den Bewohnern, oder gar von einer Art generellen Harmonie regiert, auch wenn ihr bereit seid, alles zu tun, immer wieder zu vergessen, um weiterhin auf diesen süßen Mythos vertrauen zu dürfen... Es ist
eine Clique goldäugiger Herren, denen das Traumgebilde eurer Stadt untersteht; allerdings hat sie kaum jemand hier je wirklich kennen gelernt... Sie leben nach Gesetzen, die ihr nicht zu begreifen gewillt seid, obschon allein dies eure Rettung
sein könnte, da ihr dann vielleicht in der Lage wärt, gegen ihre überlegene Anwesenheit anzugehen... Ihr Ziel ist, „reich“ zu sein, und um das zu erlangen, haben sie untereinander seltsame Handelsbeziehungen abgeschlossen, und als
Zahlungsmittel verwenden sie herausgerissene Menschenherzen... Ich bezweifle, ob ihnen allen überhaupt bewusst ist, dass sie dazu morden müssen... Ihr Anführer soll der Inhaber einer gewissen Kleiderboutique sein, und ihm gehört auch das
„Hotel New Vineta“... Denn du musst wissen, dass das Schicksal von „Eternal Dancing Transit
Town“ sich gleich einem Karussell immerfort im Kreise dreht: Wochen- oder gar monatelang verschwinden hier Leute, ohne dass irgendwer daran Anstoß nimmt oder diesen Zustand zumindest hinterfragt, doch dann bricht irgendwann plötzlich Panik
unter den Bewohnern aus; von einem Tag auf den anderen verlieren sie das Vertrauen zueinander, und jeder erachtet seine ehemals besten Freunde nun als potentielle Mörder, welche für alles Unheil, das bisher geschah, verantwortlich sein
könnten... Der Einzelne hat nur wenige Möglichkeiten, wie dies für ihn enden kann: Entweder er wird in irgendeine Kämpferei hineingezogen und kommt dort ums Leben, oder er schließt sich einem der Flüchtlingstrecks an und verlässt diese Stadt
für immer, auf der Suche nach einer wahrhaftigeren Welt, oder aber er bleibt hier, hält sich im Hintergrund und wartet ab, bis die Situation sich wieder beruhigt hat, die Eskalation vorüber ist, um anschließend den verklärten Plastikzauber von
„Eternal Dancing Transit Town“ erneut aufleben zu lassen - eine vermeintlich glückselige Gesellschaft, sich ungeachtet aller finsteren Geschehnisse im Untergrund in einem euphorischen, rauschhaften Taumel selbst feiernd, und deren verbotene
Kunde sich schon bald verbreiten und die nächste Generation enttäuschter Nachkommen von einstigen Flüchtlingen in ihren Bann ziehen
wird..."
Ich beiße mir auf die
Lippen.
"Aber das Wort," stoße ich schließlich hervor, "man behauptet, allein hier sei noch das geheimnisvolle, glücklichverheißende Wort
bekannt, und... Verdammt, niemals will ich jene gepriesenen Nächte vergessen, in denen wir schlaflos lagen, gemeinsam eingesponnen in ein dicht verwobenes Netz aus Sehnsucht, der Magie unbegreiflicher Visionen hingegeben..." „Gerüchte! Gaukeleien!“ Der Joker kichert höhnisch. „Schon so lange kursieren sie unter den jungen Reisenden und locken sie immer wieder nach >>Eternal Dancing Transit Town<<... Doch sag mir, wieso seid ihr derart vermessen und selbstherrlich, zu glauben, dass ihr das
Wort einst besessen haben müsst und es euch bloß kurzzeitig verloren gegangen ist?! Könnte es nicht auch sein, dass es noch nie über die Lippen eines Sterblichen gekommen ist?! Dass ihr vielleicht gar nicht in der Lage seid, solch ein
Wunder zu
vollbringen?!“
„Aber... Aber
wir...“
„Und muss es ausgerechnet ein Wort
sein?! Sieh mich an: Ich bin der Joker. Die Karte ohne Farbe, ohne Zugehörigkeit, ohne Sinn und Zweck! Der unverdiente Glücksgriff, der zufällige Sieg. Kann die Welt nicht begreifen, aber zumindest vermag ich über sie zu lachen, laut und hemmungslos. Das skurrile Labyrinth des Daseins ist mir fremd; dennoch fürchte ich es nicht, da es mir trotz allem immer noch ein Grinsen entlockt. Willst du mit mir kommen?!“
Und ekstatisch laufen wir in den Wald, atemlos, berauscht an unserem eigenen dröhnenden Gelächter, während hinter uns „Eternal Dancing Transit Town“ in Flammen aufgeht.










