Farewell Story (Ein Tagelied)

Ich lebe in einer zwar eintönig wirkenden, sich aber ununterbrohen wandelnden Stadt. Pausenlos ist hier irgend etwas in Bewegung: Die schachtelartigen Häuserkolonnen
verschieben sich kontinuierlich, wie von unsichtbaren Fäden gezogen; Kreuzungen entstehen, wo zuvor noch keine waren, dehnen sich aus und werden mit der Zeit immer weiter, bis sie schließlich ganze Plätze bilden, oder ziehen sich an anderen
Stellen so eng zusammen, daß sie fast völlig verschwunden sind und von ihnen lediglich schmale, narbenähnlich erscheinende Durchgänge und Passagen zwischen den Rücken an Rücken stehenden Bauwerken zurückbleiben; mächtige Brücken wölben sich,
von stetig wachsenden Pfeilern getragen, langsam auf beziehungsweise sinken herab; die langen Straßenketten formen sich unaufhaltsam um und ändern ihren Verlauf, falten sich und bilden dadurch Treppen, lassen steinerne, quadratische
Verkehrsinseln entstehen, teilen sich und treffen später wieder aufeinander, nur um schon bald erneut durch wandernde Siedlungen gespalten und zerrissen zu werden... Es ist unmöglich, den Überblick zu behalten und zu
wissen, wo man sich augenblicklich
befindet. Auch einen Kompaß zu
Hilfe zu nehmen wäre vollkommen unsinnig: Was würde es mir nützen, zwar einschätzen zu können, in welcher Richtung Norden liegt, wenn ich doch keine Ahnung habe, was mich dort
erwartet...
Maßeinheiten für Distanzen sind angesichts der permanenten Mobilität aller Strukturen dieser Stadt nichts weiter als euphemistische Illusion! Morgens stehe ich regelmäßig auf, verlasse mein jeweiliges, angeblich sicheres und geschütztes
Nachtquartier und beginne einen Weg mit für mich nicht planbarer Strecke und unvorhersehbarem Ziel. Gebe mich einfach nur resigniert und fatalistisch der hier herrschenden Willkür
hin. Zufälle der Zivilisation treiben mich orientierungslos
umher.
Apathisch akzeptiere ich, was sie mir bieten, ohne auch nur im geringsten dagegen aufzubegehren... ... Aber warum sollte ich auch versuchen, mich nach etwas Bestimmten zu richten?! Im Grunde genommen ist es doch egal, wohin ich gehe; die
einzelnen Häuser, Straßen und Plätze sind sich so ähnlich wie ein Ei dem anderen; nichts wirkt auf irgendeine Art "herausragend" und könnte mich deshalb besonders erschrecken, erfreuen oder
faszinieren...
Sogar die Grenze zwischen "bekannt" und "unbekannt" verschwimmt für mich: Da die gesamte Stadt einheitlich und steril ist, vermag ich zu nichts eine wirkliche Beziehung aufzubauen, so daß grundsätzlich alles auf mich fremd
wirkt; und dennoch sind die einzelnen Elemente in ihrem Hauptmerkmal, nämlich der totalen Charakterlosigkeit, völlig identisch und mir deshalb ausnahmslos sofort vertraut; egal, wo ich mich gerade
aufhalte.
Auch Menschen sind hier bloß konforme Masse, verloren auf der trostlosen Oberfläche ihres Planeten, und keine
Individuen.
Anstatt sich darauf zu konzentrieren, ein eigenes , interessantes und ganz persönliches Leben zu führen, übernimmt jeder lieber das banale, leidenschaftslose Verhalten der anderen; er gibt sein einzigartiges Wesen auf und wird dadurch
austauschbar und unwichtig... Leicht ersetzbar und langweilig, sowohl für sich selbst als auch für die übrigen
Bürger.
Man begegnet einander, legt hin und wieder ein Stück seiner Route zusammen zurück und trennt sich dann irgendwann, ohne daß der Abschied schwer
fällt.
Den Wunsch, manche Leute oder Orte wiederzusehen, verspürt in dieser tristen, anonymen Welt für gewöhnlich
niemand.
In den überfüllten Straßenbahnen stehen wir meist dichtgedrängt; verschwitzte Leiber reiben und stoßen sich gegenseitig, vom allgemeinen Menschengewühl willkürlich umhergeschubst; doch unsere leeren, durch subtile Angst und Einsamkeit
geplagten Seelen können sich trotz dieser Nähe noch immer nicht
berühren...
Kontaktlos irrt jeder für sich alleine umher, der ständigen Unsicherheit ausgeliefert. Namen tragen wir alle nicht - wozu auch?! Da es keinerlei Kommunikation, geschweige denn wirkliche Bindungen zwischen einzelnen Menschen gibt, hat auch
niemand das Bedürfnis, ein konkretes Gesicht aus der Menge herauszugreifen, um es durch eine eigene Bezeichnung von den anderen abzugrenzen und so zu etwas Besonderem zu machen. Das letzte Merkmal, welches mich noch von den restlichen Bürgern
unterscheidet, ist eine private Nummer, mit der ich bei der Stadtverwaltung registriert und als Einwohnerin gemeldet
bin.
Zusammengehalten werden wir längst nicht mehr durch irgendeine Form von Gemeinschaftsgefühl oder gegenseitiger Verantwortung, sondern lediglich durch bürokratische, institutionell festgelegte
Sozialstrukturen.
Absolute Beziehungsunfähigkeit und bedingungsloser Egoismus, häufig als "fortschrittliche Autonomie des Individuums" propagiert, dominieren unser Leben, und die dadurch entstehenden Defizite im emotionalen Bereich versuchen wir zu
kaschieren, indem wir uns völlig den Zwängen und Regeln dieser unpersönlichen, seelenlosen Gesellschaft unterwerfen, nur um der tröstlichen Illusion zu erliegen, "dazuzugehören" und so endlich jenes quälende, peinigende Alleine-Sein
überwunden zu haben... Auf Werbeplakaten aus Papier prangen zwar in grellbunten, riesigen Lettern Worte wie "Freundschaft", "Heimat" oder "Geborgenheit", aber da man ihren
eigentlichen Sinn vergessen hat, handelt es sich in Wahrheit nur noch um billige, zur Banalität verkommene Floskeln, die niemand mehr versteht oder die höchstens eine unbestimmte nostalgische Sehnsucht und Melancholie
hervorrufen... Vor anderen alten Begriffen, beispielsweise "Treue" oder
"Vertrauen", fürchtet man sich inzwischen regelrecht. Aber es ist Nacht, als wir vollkommen zufällig
zusammentreffen.
Kein weiteres menschliches Wesen befindet sich auf der öden, wie ausgestorben wirkenden Straße; wir sind allein. Über uns wölbt sich schweigend das hohe, dunkle, gleichgültige Firmament; durchbrochen nur vom kalten Strahl eines uralten Mondes.
Eine Zeitlang schreiten wir nebeneinander her, ohne eigentlich erklären oder rechtfertigen zu können,
wieso.
Wir hatten uns beide nie nach dieser Begegnung gesehnt und vermutlich sind wir zunächst nicht einmal sonderlich erfreut darüber; seltsamerweise wollen wir jedoch trotzdem keinesfalls mehr darauf
verzichten.
Wind kommt auf und treibt schwarze, zerrissene Wolkenfetzen vor sich her, zunächst noch vereinzelt, doch rasch ballen diese faserigen Objekte sich zusammen, verdichten sich immer mehr und erscheinen fast schon wie der neu entstehende Körper
eines unheilvollen Schattentieres aus fernen Dimensionen, welches leise in unsere Welt eingedrungen ist und für das ich nun keine genauere Bezeichnung weiß, da man mir nie beigebracht hat, mich mit derartigen Phänomenen auseinander zu
setzen... Absolute Finsternis breitet zärtlich ihren samtenen Mantel über uns
aus.
Plötzlich jedoch zuckt ein greller Blitz durch diese Düsterkeit und zerschneidet mit einem Hieb die glatte Wand des Himmelszeltes, dumpfer Donner grollt, und im nächsten Moment setzt der prasselnde Regen ein. Schwere Tropfen trommeln auf die
mit Asphalt versiegelte Erde, und anstatt wie früher im weichen Boden zu versickern ist das Wasser jetzt gezwungen, in Form eines schmutzigen Rinnsals am Bordstein entlang zu strömen, wobei es Kot und Unrat mit sich spült und schließlich in
der Öffnung zum Schacht irgendeines Kanalisationssystems verschwindet, welches einst angelegt wurde, um die Stadt vor drohenden Überschwemmungen zu schützen... Geduckt laufen wir fort, drängen uns durch den gleißenden Vorhang des Regens,
dringen tiefer in die Nacht ein und taumeln dabei durch mehrere Pfützen, so daß der glatte, matt glänzende Ölfilm, von dem sie überzogen sind, zerbirst und sich in eine flimmernde Fusion farbiger, regenbogenbunter Wellen, Tröpfchen, Spritzer
und Miniaturfontänen verwandelt... Ich schaue genauer hin und erblicke dort unten, vom Schimmer einiger langsam erlöschender Glühbirnen in gesplitterten Straßenlaternen erhellt, mein eigenes fragmentarisches Spiegelbild, welches in diesem
bewegten Wasser irgendwie uneinheitlich wirkt; facettenhaft, mosaikähnlich; fast so, als sei es gerade im Begriff, sich auf apokalyptische Weise selbst aufzulösen und zu zerstören... Das dichte Netz des Regens umschließt uns wie ein
kristallener Vorhang. Seine sprühenden Schleier hüllen uns beide sanft
ein.
Mir fällt auf, daß unsere Straße ihre Form geändert hat; statt wie zu Anfang mit ihren breiten, absolut starren Bürgersteigen strikt geradeaus zu führen schlängelt sie sich nun kurvenreich als gewundene Gasse an den uniformen Gebäuden
vorbei.
Auch der Abendstern
leuchtet.
Feuchtigkeit hat sich auf den Dächern ausgebreitet und läßt nun deren verschiedenfarbige Schindeln alle gleich
glänzen.
Aufgrund der kalten Luft steigt zwischen unseren spröden Lippen der Atem als kleine Dampfwölkchen empor, welche wie zerfließende, essentielle Geister vor uns herschweben und manchmal scheinbar vergeblich danach streben, zu einer einzigen,
phantomhaften Gestalt zu verschmelzen, ehe sie sich ins Nichts
auflösen...
Wasser perlt über mein
Gesicht.
Irgendwann erreichen wir den Stadtrand - jene sagenumwobene Grenze, an deren Existenz ich bisher nicht einmal zu denken gewagt hatte... Die ordentlich asphaltierte Straße endet; wir schreiten unter einer Art verrostetem Torbogen mit rauen
Spitzen und einer Verzierung aus kunstvoll geschwungenen Metallornamenten hindurch und befinden uns auf einem freien, verwilderten Feld jenseits der Konventionen. Anscheinend gibt es hier schon lange keine Bauern mehr, die sich für Aufgaben
wie pflügen oder gar säen verantwortlich fühlen... Zwischen den Schollen wuchert Unkraut. Über die halbgeöffneten Knospen und auf den ersten Blick fleischig wirkenden Blätter dieser niedrigen Pflanzen rollen langsam klare, durchsichtige,
tränengleiche Tropfen, die, ähnlich dem Glas einer Lupe, das darunter liegende filigrane Gewebe vergrößern und deutlicher erscheinen lassen und die, sobald sie die Blattenden erreicht haben, noch für einen kurzen Moment fast freischwebend in
der Luft hängen, zögernd sich dehnen, dann doch ihr Schicksal akzeptieren und schließlich lautlos herabfallen... Instinktiv wollen wir weiter, doch ständig versinken wir knöcheltief in den vom Regen aufgeweichten, morastartigen Furchen, und
zäher, schwarzer Schlamm klebt an unseren Sohlen, so daß unsere Beine bleischwer wirken und jeder einzelne Schritt zur kampfähnlichen Anstrengung wird. Letztlich entscheiden wir uns in schweigender Übereinkunft, unsere Schuhe auszuziehen. Das
Gehen ist nun wesentlich angenehmer; zum ersten Mal im Leben spüre ich die Beschaffenheit des Bodens direkt an meiner Haut. Warmer, feuchter Lehm quillt zwischen meinen gespreizten Zehen hervor, und manchmal trete ich versehentlich auf Steine,
die ich ansonsten kaum wahrgenommen hätte. Schuppengleiche Spritzer an meinen
BlueJeans.
Der heftige Regenschauer ist inzwischen in ein leichtes, stetiges Nieseln übergegangen. Auf der nachgiebigen, dunkelbraunen Erde hinterlassen unsere bloßen Füße sanft gerundete
Spuren. Nebel steigt auf, schwebt in silbrig schimmernden Schwaden über das Feld, hängt als feiner Dunst in der Luft und verwandelt sie in eine trübe, milchige, schleierartige Masse,
durch welche sich nur die Konturen eines einzelnen, skelettähnlich anmutenden Baumes schemenhaft abzeichnen, so daß dieser wie der letzte Bote einer greifbaren Realität erscheint, von welcher wir uns jedoch allmählich mehr und mehr entfernen...
Wir lassen uns nieder, schauen einander in die styxdunklen Augen und beginnen jetzt endlich zu
sprechen...
Kosmische Geschwister, zufällig auf dem gleichen Floß im weiten Universum treibend! Mit zunächst scheuen, zitternden Worten
legen wir die sieben bannenden Ringe um einen bleichen Saturn und stellen verwundert fest, daß wir zu dieser rituellen Beschwörung die selbe rätselhafte Sprache verwenden, weshalb sich jeder rein intuitiv den hypnotischen Zauberformeln des
Anderen hinzugeben und bedingungslos anzuvertrauen
vermag,
bis wir diese Worte nicht mehr nur noch hören, sondern ihren betörenden Klang richtiggehend spüren; und während dieser sinnlichen Séance birst selbst jener letzte, imaginäre Spiegel, der noch zwischen uns stand und uns
trennte,
so daß von nun an während unseres Beisammenseins nicht mehr jeder unentwegt nach seinem EIGENEN reflektierten Bild schielen muß, sondern abdriften kann durch den finsteren, kryptischen, röhrenförmig gewundenen Brunnen in den Pupillen seines
Gegenüber, um auf diesem Weg reptiliengleich bis in dessen Hirn
hineinzukriechen;
wir gleiten ängstlich, doch ohne zu Zögern entlang an versteinerten, erschreckend surrealistisch anmutenden
Kreaturen,
dringen so immer tiefer
vor;
auf der letzten Ebene begegnen wir uns unerwartet
wieder,
irren einander
entgegen,
durchschwimmen nun gemeinsam ein salziges, verwegenes
Meer,
und begreifen hier die mystischen Geheimnisse fremder Unterwasserwelten
- -
Tintenfische und Seesterne; weiche, pulsierende, fast schon durchsichtige, Quallen; sich in Schlick und Treibsand windende Muränen; pechschwarze, halbgeöffnete Venusmuscheln; von Ebbe und Flut sowie diversen Strudeln unerforschten Ursprungs
sanft bewegte Algen; ein allmählich verrottendes Wrack; Seeanemonen, die mit ihren feinen, phosphoreszierenden, tödlich klebrigen Tentakeln auf Beute lauern; rosengetünchte prächtige Korallenpaläste; graziös durch diese Welt huschende
Gestalten mit lilienweiß und perlmuttfarben glänzendem, wallendem Haar; bunte, drachenhaft schuppige Fische, deren Rücken von bizarr geformten Flossen geziert
sind-
Venus' anmutige Tochter, heimliche Hüterin dieses lichtlosen Kontinents, heißt uns willkommen, lädt uns ein, führt uns in ihre lieblichen
Gemächer;
wir trinken dickflüssigen, blutrot und purpurfarben funkelnden Wein aus einem Pokal; der nektarsüße, berauschende Geschmack liegt schwer auf unseren
Zungen,
und so bestärkt wagen wir es, die dumpfen Särge, in welchen bisher verborgen unsere konturlosen Träume ruhten, zu öffnen
-
- und jene Träume, endlich befreit, nehmen plötzlich Form und Farbe an und entwickeln sich zu glimmenden, lodernden Feuerstellen, die sich gegenseitig immer wieder neu entzünden, sobald die eine zu erlöschen
droht;
Holzstücke explodieren und zerfallen dann zu
Asche;
gigantische Flammen schlagen wild und gierig
empor;
und in jenem unfaßbaren, züngelnden, flackernden Scheiterhaufen glauben wir nackte, begeistert und euphorisch umherspringende Glutgestalten zu sehen, deren neue, hexenhafte Kreaturen sich stets aus den formlos zergehenden Körpern der alten zu
erheben scheinen; Phoenixkinder,
endlos;
ein rotgolden leuchtender Funkenregen
sprüht;
alles knistert, glimmt und schwelt, flammende Wellen rollen durch unsere Welt und machen sie zu einem imposanten Imperium lodernder
Lohe;
und dank der jetzt verströmten Hitze schmelzen auch die starren, wächsernen, künstliche Milde und Freundlichkeit ausdrückenden Totenmasken unserer Seelen dahin, so daß wir einander WIRKLICH und WAHRHAFT im rasenden Taumel erkennen
können;
mit einem hölzernen Schiffchen verweben wir die hauchdünnen Fäden und herrlichen bunten Bänder unserer offenbarten Psychen zu einem einzigen, wunderbar golddurchwirkten Teppich, welchen wir in einem katakombengleichen Keller
ausbreiten,
denn nun können sich an diesem schicksalsträchtigen Ort Druiden, Magier und Troubadoure versammeln, um HIER bei Kerzenschimmer ihre Mirakelschriften zu studieren, aphroditische, honigduftende Tränke zu brauen und Lieder zu komponieren, die das
feierliche Zelebrieren jenes uralten, heidnischen Rituals zu Ehren von Blut, rauschhafter Extase und Ewigkeit preisen soll; tosende, wirbelnde Stürme brausen nun durch unsere Welt, erfassen und tragen uns einfach
davon; wir werden rückwärts durch enge, spiralförmige Tunnel und sternenlose Horizonte geschleudert und wissen offenbar selbst nicht, ob wir diese Situation nun fürchten oder sie genießen
sollen; doch dann gelingt es uns, jenes rasende Element zu bändigen und auf seinen wilden Böen nebeneinander herzureiten wie auf visionären,
blumenbekränzten
Zigeunerponys;
der Erdenkreis zerschmettert unter ihren Hufen, und die in allen Farben funkelnden und blitzenden Splitter spritzen fontänengleich in sämtliche Richtungen
davon;
wir stoßen auf unseren stolzen Tieren immer mehr
vor;
eine majestätische Sphinx erscheint zwischen den auseinanderklaffenden Rändern der Äonen, lächelt uns huldvoll an und gewährt uns so sekundenlang den Hauch einer Ahnung ihres ewigen, unergründlichen
Geheimnisses;
doch jener strudelnde Sog zieht uns weiter,
weiter;
wir erreichen fremdartige, tropisch anmutende Gärten mit uns unbekannten Pflanzen; die elegischen Lieder der Barden sind noch immer aus weiter Ferne zu vernehmen, und zu dieser wehmütigen Musik - einer seltsamen, treibenden, doch langsam
verklingenden Melodie mit dem rhythmischen Pochen unserer Herzen als Grundmotiv - lassen wir unsere sensiblen Seelen zärtlich umschlungen einen letzten Abschiedstanz genießen... Schließlich graut der Morgen über unserem Feld und wie immer
können für die Dauer einer kurzen Zeitspanne Tag und Nacht miteinander
verschmelzen.
Tautropfen glitzern in zarten Spinnweben gleich winzigen, schmückenden Perlen, die Elfen versehentlich nach einem Ballabend vergessen haben und die deshalb nun dazu bestimmt sind, durch die warme Sonne aufgesogen und oxydiert zu
werden...
Ich schaue mich
um.
Über mir erhebt sich würdevoll die gewölbte, herbstlich rot und golden verfärbte Krone jener einzelnen Esche inmitten des Feldes, unter deren Laubdach wir gestern anscheinend Schutz gesucht haben, ohne dies in der Dunkelheit zu
bemerken... Noch immer schlaftrunken lehne ich das Gesicht gegen ihren moosbewachsenen Stamm und spüre an meiner Wange die raue, von Furchen durchzogene Rinde - ähnlich der faltigen, wettergegerbten Haut im Antlitz einer
jahrhundertealten Schamanin oder einer frommen Wächterin, die gütig unser Beisammensein behütete... Im noch schwachen Morgenlicht funkeln und glänzen die feuchten Blätter und verkünden so das Anbrechen eines neuen
Tages. Ein Vogel zwitschert uns den Weckruf entgegen. Laut schallt sein Gesang über die Weiden. Meine Hände und Füße sind
vollkommen mit Schlamm verkrustet. Vorsichtig strecke und dehne ich mich, bis der größte Teil des Schmutzes abbröckelt und ich meine Finger wieder frei bewegen kann. Ein leichter Geruch nach moderndem Laub und Pilzen hängt in der
Luft.
Erst jetzt erinnere ich mich auch an meinen Gegenüber; wir blicken uns an und scheinen gleichzeitig zu erkennen, daß wir vermutlich irgendwann im Laufe der letzten Stunden aufgehört haben, uns mit Worten zu verständigen, um stattdessen auf
eine urtümliche, nicht-verbale und dennoch universelle Sprache zurückzugreifen, deren Zauber jedoch jetzt vom schalen Tageslicht gebrochen wird... Wir sind beide leicht von Tau
benetzt.
Die Nacht neigt sich immer mehr ihrem Ende
zu.
Mühsam rappeln wir uns auf; bereit, zur Stadt zurückzukehren und dort unseren einstigen, scheinbar keiner kausalen Logik gehorchenden Weg fortzuführen. Insgeheim weiß jeder von uns tief im Inneren, dies bedeutet, wir werden einander
zwangsläufig verlieren müssen, und dennoch setzen wir beharrlich einen Fuß vor den anderen; nähern uns unaufhaltsam jenem Ort, der uns Abschiedsschmerz, Angst und dumpfe, quälende Einsamkeit bringt
-
-
Warum?
Vielleicht, weil wir zu stolz und trotzig sind, uns eingestehen zu wollen, wie wenig wir eigentlich den Verlauf sämtlicher Strecken - und damit auch des ganzen eigenen Lebens - im Griff haben und selbst lenken und koordinieren können;
stattdessen reden wir uns krampfhaft, fast schon wie besessen, ein, "frei" zu sein, und hoffen nun vergeblich, uns sowohl selbst als auch gegenseitig zu beweisen, daß wir stets die Möglichkeit haben, beisammen zu bleiben
beziehungsweise den anderen jederzeit wiederzufinden, wenn wir uns nur intensiv genug
bemühen...
Oder besteht der wahre Grund darin, daß es uns noch immer nicht gelungen ist, diesen alten, eigentlich völlig absurden Glauben aufzugeben, an den die Bewohner unserer Stadt sich beinahe panisch klammern, um im sinnlosen, unberechenbaren Chaos
ihres täglichen Labyrinths nicht vollends zu verzweifeln, und der besagt, alles, was um sie herum und mit ihnen geschehe, müsse wohl irgendeine wichtige, schicksalhafte Bedeutung haben und sei nur zu ihrem allgemeinen Wohlergehen nützlich;
deshalb mögen sie sich besser nicht dagegen auflehnen und versuchen, auszubrechen oder sonst in irgendeiner Form zu rebellieren, sprich: jene Trägheit bezüglich den sie beherrschenden und kontrollierenden Ereignissen aufzugeben und ihr
zukünftiges Dasein selbst in die Hand zu nehmen... Wie eine gewaltige, mitleidlose Bestie schlägt der kommende Tag seine scharfen Klauen durch die Wolkendecke, zerreißt diese und greift nach
uns.
Der matte, fahle Schein einer verschlafenen Sonne läßt die gesamte Landschaft viel zu hell und grausam realistisch
wirken.
In der Ferne höre ich leise einen kleinen Strom plätschern - bewegte Wellen, die sich zwischen Mohnblumen, Schachtelhalm und blühendem Löwenzahn hindurchwinden und dabei gleichmäßig über glatte Steine rauschen, sie abschmirgeln und langsam
deren ansonsten kantige Konturen körperhafter gestalten - und ganz kurz schiebt sich in mein Bewußtsein das Bild, wie herrlich alles werden könnte, falls wir es wagten, doch noch die Richtung zu ändern, um gemeinsam dieses Gewässer zu suchen;
möglicherweise gäbe es dort ja tatsächlich eine Gegend, die den traumhaften, verwunschenen Gärten unserer versunkenen inneren Welt zumindest etwas ähnlich ist... Aber sofort wird mir klar, daß solch eine Idee absolut illusorisch wäre: Da
ich bisher ausschließlich in der Stadt gelebt hatte und somit pausenlos einem unvorhersehbaren Wechsel der Umgebung ausgesetzt war, ist mein Orientierungssinn inzwischen völlig verkümmert; ich erachte mich keinesfalls als in der Lage, uns
richtig und verantwortungsbewußt zu leiten; und selbst wenn ich meinen Begleiter überzeugen könnte, mir zu folgen, so würden wir vermutlich niemals unser Ziel erreichen und wohl auch nicht mehr zum Ausgangspunkt zurückfinden, wären also
zeitlebens gezwungen, bloß über weite, offene Wiesen und Felder zu streifen, dem Kummer schutzlos preisgegeben, ohne Hoffnung, daß diese freudlose Situation sich für uns je verbessern wird... Die Frage, ob das nicht zumindest eine etwas
angenehmere Alternative zum tristen Dahinvegetieren in der Stadt bieten könnte, wage ich mir erst gar nicht zu stellen, und so strenge ich mich an, das verlockende Murmeln des schlangenhaft dahingleitenden Baches strikt aus meinen Gedanken zu
verbannen.
Die alte Esche ist bereits aus meinem Gesichtsfeld
verschwunden.
Traurig lausche ich den singenden
Vögeln.
Der morgendliche Dunst hat sich inzwischen aufgelöst, selbst die Zwielicht-Zeit ist vorbei, die Nacht hat uns endgültig ausgespuckt in eine grelle, erbarmungslose Welt, unsere Entscheidung ist gefällt, es gibt kein Zurück
mehr...
In stummer, paralysierter Entschlossenheit marschieren wir konsequent weiter. Unsere dunklen, fest am Boden haftenden Schatten folgen uns, werden bei jedem Schritt mitgezogen, gleiten wie Gespenster über die Unebenheiten des Erdreichs
hinweg...
Irgendwann passieren wir zufällig einen Friedhof. Verwitterte Holzkreuze sowie von Moos bewachsene, unförmige Grabsteine mit nicht mehr leserlichen Inschriften und längst vom Zahn der Zeit zernagten Epitaphs ragen aus dem hügeligen Lehmboden
empor. Dazwischen immer wieder frisch ausgehobene Gruben. Etwas abseits sind morsche, verstaubte Särge gestapelt. Das Gras sprießt hier in dichten, fruchtbaren, saftigen Büscheln. Üppige Rosen blühen. Die Tür des reich mit Stuck verzierten
Gebeinshauses klappert trostlos im Luftzug. Von den Hecken und Resedenbüschen fallen bereits die ersten vertrockneten Blätter ab und taumeln sanft zu
Boden.
Wir gehen weiter auf einer Allee aus ordentlich beschnittenen und zurechtgestutzten Trauerweiden mit schmalen, ästhetisch gebogenen Zweigen. In einer nicht abzuschätzenden Entfernung hebt sich die Shilouette der Stadt wie ein dunkler,
gezackter Scherenschnitt vom Himmel ab. Zinnen ragen gen Horizont. Deutlich sind die scharfkantigen Konturen eines spitzen Kirchturms zu erkennen. Noch immer leuchtet uns
schwach der Morgenstern. Kurz darauf gelangen wir zu der Einmündung in eine schmale, gepflasterte Passage. Unsere letzte Chance zur Freiheit ist somit endgültig
vertan.
Zunächst wirkt der Raum zwischen den Gebäudefronten derart eng, daß wir gezwungen sind, dicht nebeneinander herzuschreiten; manchmal berühren sich sogar unsere Hüften, und unsere locker baumelnden Hände schlagen hin und wieder lose
gegeneinander. Dennoch fällt kein einziges
Wort.
Nur das hohe, monotone, elektrische Surren der Trafokästen liegt in der Luft; und zum ersten Mal nehme ich jenen leblosen Ton bewußt als störend und in gewissem Sinne vielleicht sogar bedrohlich wahr, obwohl er doch schon seit ich mich
erinnere zur stets latent im Hintergrund vorhandenen Geräuschkulisse unserer Stadt gehörte... Über den Boden der Gasse zieht sich nun ein gerader, weißer
Mittelstreifen.
Ruinen von Häusern, welche im geheimnisvoll verhüllenden Dunkel der Nacht wohl unbemerkt zusammengestürzt sein müssen und unserer Umgebung dadurch noch immer zumindest ein flüchtiges Flair der Endzeitstimmung und melancholischen Romantik
verleihen, setzen sich allmählich zusammen und bilden wieder neue, ihren Vorgängern in Sterilität und Unpersönlichkeit exakt identische Bauwerke. Mit der Zeit wird unsere Straße breiter und entwickelt sich zu einer vielspurigen grauen Route.
Ihr Asphalt dehnt sich aus; ähnlich der Haut eines Luftballons, den gerade jemand aufbläst. Die begrenzenden steinernen Fassaden stellen keine vollkommen parallelen, symmetrischen Linien mehr dar, sondern driften immer weiter auseinander.
Jeder von uns bleibt agoraphobisch streng auf seiner Seite, was dazu führt, daß wir kontinuierlich voneinander abrücken und uns so mehr und mehr entfernen, bis wir schließlich auf verschiedenen Bürgersteigen gehen; der eine rechts, der andere
links. Die Lücke, welche dazwischen klafft, wächst von Sekunde zu Sekunde. Anfangs streifen sich zwar manchmal noch die Kanten unserer weiten, sanft im Wind flatternden und sich bauschenden Kunstledermäntel, doch schon bald ist unser Abstand
so groß, daß selbst dieser minimale Kontakt nicht mehr möglich ist. Wir erscheinen unerreichbar für
einander...
Keiner von uns weiß, wie er sich dagegen wehren soll; wir gehören zu einer Generation, die vom pausenlosen, fast schon perverse Ausmaße annehmenden Existenzkamp in einer abartigen und unnatürlichen Stadt bereits derart abgestumpft ist, daß sie
sich angewöhnt hat, jede Revolution aufzugeben, ehe diese überhaupt beginnen
konnte...
Am Haus neben mir ist zwischen den vergitterten Fenster ein schmutziges Schild mit der Aufschrift "Café Alba"
angebracht.
Ein letztes Mal schauen wir einander hoffnungslos in die wie weit geöffnete Pforten wirkenden Augen; unsere sehnsüchtigen Blicke umschmeicheln und umkreisen sich gegenseitig, gleiten einer ängstlich an dem anderen entlang, umschlingen sich
schließlich, verflechten sich und wispern einander so Geheimnisse aus fast vergessenen Welten zu... Mir ist, als seien wir uns in diesem Augenblick so nahe, daß nicht mal die Sonnenstrahlen zwischen uns hindurchfallen
können.
Ganz schwach dringt trotz der smogartigen, abgestandenen Abgase ein Hauch des Geruchs von Baldrian, Klee und wildem Thymian zu uns durch und streift flüchtig unsere Wahrnehmung... Weit entfernt
singt noch immer eine Nachtigall. Dann setzt mit einem Mal die alltägliche morgendliche Hektik ein; automatische Schiebetüren öffnen sich und speien Menschenmassen aus, welche sich rasch über die gesamte Straße ergießen; Leute huschen konfus
umher; abgenutzte Aktentaschen tragend und nervös auf ihre digitalen Uhren schauend, die doch alle unterschiedliche Zeiten angeben; getrieben von ihrem sinnentleerten, zwanghaften Hang zur Bewegung durchkreuzen sie grob und rücksichtslos unser
Blickfeld und zerstören so - unabsichtlich und ohne sich dessen überhaupt bewußt zu sein - jene letzte, wirkliche, intensive Berührung unserer
Seelen...
Auch der brausende Verkehr nimmt permanent zu. Schrilles Hupen vermischt sich mit den üblichen Motorengeräuschen sowie dem Klappern von ziellos über die harte Oberfläche der Straße hastenden
Schuhen.
Lange Masten entstehen, richten sich auf und ragen als streichholzartige Strukturen im weiten Raum nach oben; zwischen ihnen entrollen sich zahllose Hochspannungsdrähte, die schnell ein wirres Netzwerk bilden und über uns den Himmel in
einzelne, kleine, abgetrennte Parzellen zu unterteilen scheinen. Gleichzeitig platzt der Asphalt auf, und aus diesen Rissen zwängen sich eiserne Schienen empor. Eine vollbesetzte Straßenbahn mit noch nicht festgelegter Endstation rattert
darüber hinweg, genau zwischen uns hindurch, und sekundenlang sind wir total voneinander getrennt. Anschließend kann ich meinen ehemaligen Gegenüber kaum noch unter all den chaotisch durcheinanderwogenden Personen ausfindig machen, so sehr ich
mich auch bemühe... Dieses angestrengte, forcierte Umherspähen und verkrampfte visuelle Festsaugen an einem einzigen Objekt wird für mich immer mehr zu einer unangenehmen, bedeutungslosen Verpflichtung, die ich mir einst aus allmählich
in Vergessenheit geratenden Gründen und Prinzipien selbst auferlegt habe und deshalb auch einhalten muß. Der harte, körnige Asphalt sticht und drückt
unter meinen Fußsohlen, und ich erinnere mich, bei unserem traurigen Aufbruch von dem nächtlichen Feld in einen viel zu hellen Morgen hinein derart in mein Abschiedsleid versunken gewesen zu sein, daß ich vergessen habe, meine schützenden
Schuhe wieder
anzuziehen...
Inzwischen ist unsere ehemals schmale Gasse zu einem mächtigen Highway mutiert, welcher in der Mitte durch eine hüfthohe Leitplanke in zwei Hälften zerschnitten wird und von dem bereits die ersten Ausfahrten und Nebenstrecken abzweigen. Je
stärker ich mich nun gezwungenermaßen auf meinen Weg konzentriere, desto schwerer fällt es mir, zusätzlich dazu auch noch jene jetzt schon traumähnlich wirkende, langsam verblassende Erinnerung an die Geschehnisse der vergangenen Nacht vor
meinem inneren Auge lebendig zu
halten...
Das heftige Gedränge eskaliert; ich werde von rastlosen Menschen, deren nächste Bewegungen grundsätzlich nicht vorauszusehen sind, umhergeschubst und angerempelt, stolpere und drohe jeden Moment zu stürzen und unter die Räder eines zufällig
vorbeifahrenden, doppelstöckigen Linienbusses zu geraten, rette mich jedoch gerade noch, indem ich mich an irgendeinem Zaun mit rostigem, verriegeltem Tor festhalte und es so knapp schaffe, meinen Fall wieder aufzufangen. Vorbeihetzende
Passanten treten mir versehentlich auf die bloßen Füße, nehmen dies durch ihre hohen, gummierten Schuhsohlen hindurch jedoch überhaupt nicht wahr und eilen achtlos weiter, ohne mich auch nur eines Blickes zu würdigen. Von hinten kickt
mir jemand schmerzhaft gegen die Ferse. Trotzdem bemühe ich mich, mit roboterhaft unbewegter Mimik mechanisch meinen Weg fortzusetzen; peinlich darauf bedacht, meine eiserne Selbstbeherrschung zu wahren und hier keinerlei Gefühlsregung zu
zeigen, geschweige denn irgendeine Art von individueller Schwäche oder gar Verletzlichkeit
preiszugeben... Dann schaue ich mich um, aber obwohl diese ganze Aktion wohl nur wenige
Minuten gedauert haben mag, kann ich jene bestimmte Person anschließend nirgends mehr erblicken... Sie ist während meiner kurzzeitigen geistigen Abwesenheit zu einem winzigen, unauffällig geringen Partikel des einheitlich dahingleitenden
Menschenstroms geworden - uniform und unwichtig wie irgendeine gewöhnliche Ähre inmitten eines sich über mehrere Kilometer erstreckenden Kornfeldes; oder wie eine einzelne, mikroskopisch kleine Zelle im Organismus eines mammuthaft riesigen
Tieres; oder wie ein Asteroid ohne Namen als Element im Spiralnebel einer für unsere Verhältnisse zwar gigantischen, aber im Grunde genommen dennoch genauso bedeutungslosen Milchstraße im unendlichen
Weltall... Hilflose Traurigkeit schlägt gleich dunklen Meereswogen über mir zusammen, scheint mich beinahe zu ertränken; und trotzdem
fühle ich mich seltsamerweise zumindest anfangs in gewissem Sinne auch irgendwie
befreit...
Bin stolz, dass ich diesen Abschied, den ich schon so lange fürchtete, nun schließlich doch noch hinter mich gebracht
habe.
Genieße meine neue
Ungebundenheit.
Brauche endlich keine Rücksicht mehr zu nehmen! Kompakte, einförmige Fabrikgebäude reihen sich aneinander. Dazwischen hin und wieder provisorisch verbarrikadierte Schächte zu Unterführungen. Kasernenhöfe. Irgendwann gabelt sich die Straße
vor mir, und erst jetzt wird mir mit einem Mal bewußt, daß ich tatsächlich wieder ganz auf mich alleine angewiesen bin: Es gibt keinen konkreten Menschen mehr, an dem ich mich orientieren und dem ich - aus welchen mehr oder weniger unsinnigen,
in blinder Verzweiflung erdachten Prinzipien auch immer - folgen und somit zumindest zeitweise die Verantwortung für unseren gemeinsamen Weg übertragen
darf...
Jene seelische Symbiose, mit welcher wir uns über die Sinnlosigkeit, und Leere in unserem Leben hinwegtrösten wollten, ist jetzt
aufgelöst!
Eine vorher nie gekannte Einsamkeit packt mich. Ich fühle mich so ausgebrannt... Vakuum meiner
Seele.
Und nicht mal ein wirklicher Abschiedsschmerz ist noch in mir; vielmehr scheinen meine Emotionen richtiggehend betäubt zu sein - wie eine frische Wunde, die man im ersten Augenblick überhaupt nicht spürt, sondern bloß ängstlich erahnen kann;
zum einen, da der gesamte Körper zunächst zu sehr unter Schock steht, und zum anderen, da man die wirkliche Qual in ihrer vollen Intensität vermutlich gar nicht zu ertragen fähig
wäre...
Hochhäuser mit verschobenen Etagen, Terrassen und Balkonen wirken wie von spielenden Kindern achtlos aufeinandergestapelte Bauklötzchen aus
Zement.
Bei diversen Gebäudefassaden wölben sich Erker nach außen und erscheinen dort wie verzerrte Beulen oder auch überdimensionale, deformierte Nasen, ehe sie sich gemächlich zurückbilden. Türme und qualmende, rußgeschwärzte Fabrikschlote wachsen
empor, streben eine zeitlang zeigefingerähnlich nach oben und sinken irgendwann wieder unauffällig in sich
zusammen.
All dies ist mir momentan egal, dennoch bewege ich mich unverwandt weiter. Allmählich nimmt jener innere Schmerz über meinen Verlust zu, breitet sich in mir aus, quält mich, hängt sich an sämtliche freie Synapsenenden meiner Gedanken und
besetzt und blockiert diese, bis ich schließlich glaube, nichts anderes mehr empfinden zu können als abgrundtiefe, beinahe unerträglich erscheinende Verzweiflung und
Traurigkeit...
Ein schäbiger Wohnwagen fährt an mir vorbei; unterwegs auf seiner absurden Reise nach Nirgendwo und getrieben von jenem Fernweh, das gleichzeitig auch Heimweh
ist... Karawanenhaft anmutende
Autokolonnen.
Fußgänger mit ausdruckslosen, gleichmütigen
Durchschnittsgesichtern.
Heimlich starre ich sie mit fast schon voyeuristischer Begierde an, nur um mich jedes mal erneut für Sekundenbruchteile der trügerischen Hoffnung hingeben zu dürfen, vielleicht ausnahmsweise doch noch einmal Glück - jenes Phänomen, welches ich
früher nie benötigte, da ich, gefangen in der Monotonie meines orientierungslosen Umherirrens, keine Ideale oder Ziele hatte, die ich unbedingt erreichen wollte - zu haben und rein zufällig unter ihnen meinen ehemaligen Gegenüber
wiederzufinden... Nur langsam bin ich bereit, mir selbst einzugestehen, daß ich diesen Menschen wohl gar nicht mehr identifizieren könnte, auch wenn er jetzt direkt vor mir stünde. Selbst die letzte schemenhafte Erinnerung an ihn, jenes
nebulöse Geschöpf, welches ununterbrochen phantomhaft durch mein Denken zieht, verändert sich permanent, wird immer konturloser, "allgemeiner" sozusagen; und ich frage mich, ob diese Gestalt überhaupt noch irgendeine Ähnlichkeit mit
dem echten Menschen besitzt oder ob sie nicht inzwischen zu einem reinen Gebilde meiner Phantasie mutiert ist und im Grunde genommen nichts weiter darstellt als die Kopie meiner eigenen Ideale... Aufgrund all der uns plötzlich
auferlegten Agonie ist es mir nicht gelungen, mir auch nur ein einziges für ihn typisches Äußeres Merkmal einzuprägen; und ich fürchte, ihm geht es mit meiner Person
genauso...
Bis mir plötzlich einfällt, daß ich garantiert nicht gesehen habe, wie er
vor unserem hoffnungslosen Aufbruch in Richtung Stadt seine Schuhe angezogen oder zumindest mitgenommen hat. Vermutlich irrt er nun genauso wie ich mit bloßen Füßen durch unser Labyrinth verworrener Straßen; und daran könnten wir einander möglicherweise erkennen... Von nun an mustere ich alle Leute wieder peinlich genau. Unzählige Personen trotten an mir vorbei. Keine einzige ist barfuß.
... Trotzdem: Da ich sowohl Umgebung als auch Mitmenschen aufmerksamer betrachte denn je registriere ich jetzt plötzlich Szenen und Situationen, die ich früher wohl kaum bewußt wahrgenommen
hätte...
Ein entstellter Krüppel mit Krücken und Beinprothese schleppt sich mühselig dahin. Aussätzige schneiden
Fratzen.
In einer wie ein gläserner, isolierter Gefängnisraum wirkenden Telefonzelle erblicke ich die verwesende, aufgedunsene Leiche einer Frau mit stark geschminkten Augen und ursprünglich wohl kornblondem, jetzt jedoch chemisch aufgehelltem Haar,
auf welcher sich bereits Schwärme von gierigen Eintagsfliegen niederlassen. Fette Würmer kriechen zwischen den halbgeöffneten, farblos und blutleer erscheinenden Lippen hindurch. In ihrer steifen, verkrampften Hand hält sie noch immer einen
Hörer mit abgeschnittener Schnur. Ihr schmutziggrauer Rock ist bis zu den von Striemen, Narben und blauen Flecken übersäten Schenkeln
hochgerutscht.
Mehrere Jugendliche rotten sich an einer Straßenecke zusammen und fallen gemeinsam über einen dicken, buckligen Mann her; bespucken und treten ihn und schlagen so lange mit geballten Fäusten auf ihn ein, bis er reglos am Boden liegt; dann
schlendern sie gemütlich davon und zerstreuen sich langsam wieder in alle Richtungen, ohne noch einen einzigen Blick an jene zusammengekrümmte Gestalt auf dem Asphalt zu verschwenden. Genauso gut hätte das Schicksal dieses Menschen jeden
anderen treffen können; auch mich oder sogar meinen einstigen
Gefährten.
Ich frage mich, warum solche Details mir denn bisher nie aufgefallen sind. Das vielarmige Kreuz der Sonne steht jetzt im
Zenit.
Ich erreiche einen weiten, quadratischen Platz, der von hohen Häusern - Akademien, Laboratorien, leerstehenden Kliniken sowie Amtsgebäuden zur zwecklosen Registrierung völlig banaler, für unsere Existenz im Grunde genommen unbedeutender
Kleinigkeiten vermutlich - gesäumt ist. Aus jeder der vier Himmelsrichtungen münden jeweils zwei absolut linear verlaufende Straßen hinein. In der Mitte befindet sich auf einem würfelförmigen Sockel ein grotesk anmutendes Monument; etwa wie
ein Steinklotz, den jemand bloß laienhaft bearbeitet und durch grobe Hammerspuren verunstaltet hat, offenbar in der vergeblichen Hoffnung, so irgendeine Art tiefe, profunde "Wahrheit" plastisch darzustellen, welcher man, wie ich
inzwischen weiß, wohl nie wirklich habhaft werden kann und von der man höchstens einen unvollkommenen, im Vergleich zur Realität peinlich plumpen Abklatsch zu schaffen vermag... Trotzdem möchte ich dieses Denkmal auch aus der Nähe
besichtigen; immerhin handelt es sich doch um ein eindeutiges, für mich irgendwie tröstlich und beruhigend wirkendes Zeugnis dafür, daß es schon vor mir Menschen gegeben haben muß, welche im Laufe ihrer Wanderung ebenfalls andere Daseinsformen
als die des konformen, angepaßten Lebens in der Stadt kennen gelernt hatten; ich verlasse den belebten Bürgersteig und trete auf jene frei daliegende Fläche... Unter meinen bloßen Sohlen brennt der erhitzte Teer wie glühende Kohlen und
schleudert durch meine nackten Füße schier unerträgliche Schmerzwellen, welche von dort aus an meinen Nervenbahnen entlang rasen, grellen Kometen gleich durch meinen gesamten Körper jagen und sich schließlich wie spitze Pfeile in mein Gehirn
bohren. Ich taumele und weiche schnell wieder zurück in den Schatten der straff gespannten, baldachinähnlichen Markisen über dem
Trottoir.
Enttäuscht schlendere ich weiter, tauche erneut ein in das verästelte Wirrwarr systemloser Strukturen und suche mir einen Weg durch jene unübersichtliche Ansammlung aus Mauern, Zäunen, Gebäuden, Türschwellen und Passagen... Allerdings
kann ich mich jetzt nicht mehr so gedankenlos treiben lassen wie früher; immer wieder gerate ich in Situationen, in denen ich gezwungen bin, bestimmte Straßenzüge zu meiden, da sie ohne Schutz dem prallen Sonnenlicht ausgeliefert sind, oder in
denen ich bewußt die Entscheidung treffe, eine Gasse der anderen vorzuziehen, wenn ich dort eher die Möglichkeit habe, mich im Schatten aufzuhalten und so meine gequälten Fußsohlen zu
schonen... Ich fühle mich deutlich in meiner
Bewegungsfreiheit
eingeschränkt.
Eine zerschellte Bierflasche, deren Scherben und Splitter über den gesamten Gehweg verstreut sind, nimmt nun für mich die Ausmaße eines schier unüberwindbaren Hindernisses an. Mich stört der ausgespuckte, weißlich-graue, überall auf dem
Asphalt festklebende Kaugummi. Stellen, wo viele Menschen drängeln, stoßen, schieben und sich dabei möglicherweise gegenseitig auf die Füße treten, sind strikt
tabu!
Inzwischen lasse ich mich nicht mehr völlig fatalistisch von der Willkür des jeweiligen Augenblicks umherschubsen, sondern achte selbst darauf, welchen Weg ich
einschlage... Direkt neben einem
Fastfood-Restaurant, dessen Lokalraum mit lebensgroßen künstlichen Figuren - Tauben, Hasen, Schlangen, grinsenden Clowns, Zentauren und bernsteinäugigen Wildkatzen - geschmückt ist, erblicke ich ein Schuhgeschäft. Ich zögere; sekundenlang
überlege ich, ob jetzt für mich endgültig der Zeitpunkt gekommen sein soll, mit der Erinnerung an die vergangene Nacht abzuschließen, indem ich mir hier feste Stiefel besorge, meine gepeinigten Füße erlöse, so meine alte Freiheit und
Unabhängigkeit wiedergewinne und dadurch allerdings auch in Kauf nehme, von nun an nicht mehr bei jedem Schritt gleichzeitig mit stechenden, hämmernden Schmerzen auch jene wunderschönen, bereits nebulös zerfasernden Träume und Visionen von
meiner Zeit auf dem nächtlichen Feld
heraufzubeschwören...
Sogar mental angepaßt
sein.
Gleichmütig,
unempfindlich.
Ohne jegliche Ideale; ohne
Hoffnung.
Nicht mal zur Traurigkeit und tiefen Melancholie
fähig.
Abgestumpft durch den freudlosen Gleichtakt des
Daseins.
Das öde Dahinvegetieren in unsere Stadt nur deshalb akzeptierend, weil ich längst viel zu desillusioniert, resigniert und lethargisch bin, um mir überhaupt vorzustellen, daß auch ein Leben außerhalb ihrer Zwänge und starren, unpersönlichen
Regeln möglich sein
könnte...
Vor allem jedoch spekuliere ich noch immer darauf, auch mein ehemaliger Gegenüber müßte sich inzwischen daran erinnern, wie ich meine Schuhe vergessen habe, und würde nun aufmerksam nach mir, einer unglücklichen Gestalt mit bloßen Füßen,
Ausschau halten - denn genauso bleibt auch mir selbst, um ihn wiederzufinden, letztendlich nichts weiter übrig, als arglos darauf zu vertrauen, daß er ebenfalls stark genug ist, zugunsten von mir auf neues Schuhwerk zu verzichten und Leiden zu
akzeptieren, damit er dadurch eventuell von mir erkannt werden
kann... Barfuß
marschiere ich weiter, trotzig, verwegen, mit stolz erhobenem Kopf und bereit, meine Schmerzen bis zur Neige auszukosten! Plötzlich vernehme ich einen heiseren, zu Tode entsetzten Schrei, und im nächsten Moment den dumpfen Aufprall...
Ganz in meiner Nähe ist irgendwer vom Ende einer der unzähligen, geländerlosen Brücken, welche hier meist lediglich ins Leere führen und abrupt, fast wie abgeschnitten, mitten in der Luft enden, hinuntergestürzt und liegt nun mehrere Meter
tiefer auf dem grauen Boden. Scheu blicke ich in jene Richtung und bin mit einem Mal überzeugt, bei dieser Person könne es sich um niemand anderes als meinen einstigen Gefährten handeln... Von heilloser Panik erfaßt stürme ich los, bahne
mir hektisch meinen Weg zwischen den betriebsam umhereilenden Menschenleibern hindurch, stemme mich gegen den Sog der Masse und versuche, so rasch wie möglich zu ihm zu gelangen; komme jedoch nur langsam und mühselig vorwärts, da ich unentwegt
anderen Leuten ausweichen muß beziehungsweise immerzu unsicher zaudere oder gar stolpere, wenn vor mir der Boden erhitzt oder mit für mich gefährlichem Unrat übersät
ist...
Hilfloses Schluchzen schüttelt
mich.
Schließlich erreiche ich ihn doch noch, knie schwer atmend neben ihm
nieder... Der magere Körper ist grotesk verdreht und
abgewinkelt, das Rückgrat in einer unnatürlichen Stellung gekrümmt, das Gesicht entstellt wie eine skurrile wächserne Maske, aus dem mit abblätterndem Schorf überzogenen Mundwinkel rinnt ein dünner, korallenroter Blutfaden; doch
glücklicherweise handelt es sich eindeutig um eine mir fremde
Person...
Zunächst erleichtert stehe ich auf, setze meinen Weg fort. ... Wirklich
erleichtert?
Die Bilder der Zerstörung wollen einfach nicht mehr aus meinem Gedächtnis weichen; permanent drängt sich mir die erschreckende Vorstellung auf, daß jener Mensch, nach welchem ich suche, zur Zeit dennoch in Gefahr schweben könnte;
möglicherweise irgendwo in einem ganz anderen, für mich unerreichbaren Teil der Stadt; eventuell sogar direkt in meiner Nähe, nur wenige Passagen, Häuserblocks und Kreuzungen entfernt; und daß sich niemand dort bereit zeigt, ihm zu helfen oder
zumindest tröstend beizustehen, da alle Leute sich entweder im Laufe ihres freudlosen Lebens angewöhnt haben, absolut gleichgültig und desinteressiert zu werden gegenüber dem, was um sie herum geschieht, oder aber - genauso wie ich - viel zu
egoistisch sind, um zugunsten ihrer Mitmenschen auf den individuellen Luxus einer ihrer persönlichen Meinung nach zwar heroischen, eigentlich jedoch völlig unnötigen Quälerei zu verzichten, weshalb es ihnen nicht gelingt, sich selbst und ihre
private, trotzige Verzweiflung zu überwinden, jene unsichtbare Barriere, die uns alle voneinander trennt und zu bindungslosen, isolierten Einzelwesen macht, zu durchbrechen, veraltete Prinzipien über Bord zu werfen und so tatsächlich aktiv
etwas zu ihrem eigenen Schicksal und dem der übrigen Leute beitragen zu können... ... Oder vielleicht wandert genau jetzt eine andere Gestalt verlassen durch das kompakte, unbegreifliche Chaos im Irrgarten unserer Stadt; ebenso wie ich
ängstlich hoffend, irgend jemand möge es im Notfall auf sich nehmen, einen ihr einzigartig vertraut und wichtig erscheinenden Menschen zu retten, und ahnt nicht, daß ich ihn erst vor wenigen Augenblicken habe von der Brücke stürzen sehen, ohne
einzugreifen...
Wer weiß, wie viele der nach außen hin so emotionslos auftretenden Menschen hier insgeheim meinen Weltschmerz
teilen...?
Langsam beginne ich, mich ihnen allen verbunden zu
fühlen.
Gegenüber einer Häuserecke sehe ich einen hohen, noch nicht fertiggestellten Ziegelturm, dessen Spitze beinahe bis in den wolkenverhangenen, trüben Himmel ragt. Davor huschen aufgeregte Personen mit dunklen Sonnenbrillen umher, gestikulieren
nervös und reden wild aufeinander ein, können sich jedoch offenbar nicht
verständigen.
Ich setze mechanisch einen Fuß vor den anderen, Schritt für Schritt, heimatlos und vagabundenhaft, immer
weiter..
Irgendwann fällt mein Blick zufällig in ein frisch poliertes, sich allmählich verziehendes Schaufenster, und mein eigenes Spiegelbild kommt mir plötzlich fremdartig und unbekannt
vor. Schließlich, als dieser Tag sich bereits seinem Ende zuneigt und der blutrote, wie durch den Schimmer eines gewaltigen Scheiterhaufens
beleuchtet wirkende Himmel die neue Nacht ankündigt, erreiche ich eine Müllkippe. Ausgeschlachtete Autowracks reflektieren das strahlend helle Licht und erscheinen in solch einem Glanz fast schon würdevoll und majestätisch. Über fortgeworfene
Plastikpuppen mit geborstenem Kopf rankt Efeu. Dazwischen immer wieder vom Regen bis zur Unleserlichkeit durchweichte Bücher und Comichefte. Verrottende Kaffeefilter und Teebeutel wirken wie Reliquien. Weicher, formloser Schimmel breitet sich
auf einem hölzernen Fensterkreuz aus. Mohnblumen blühen. Ein alter Kühlschrank rostet stumm vor sich
hin.
... HIER suche ich mir ein paar schäbiger Sandalen; bereit, MEINEN EIGENEN Weg fortzusetzen - ab jetzt möchte ich mich nicht mehr völlig unmündig von Schmerzen oder Zufällen befehligen und dirigieren lassen, sondern will in diesem Wirrwarr aus
verzweigten und verästelten Gassen, Straßen und Highways selbst über die Richtung meiner zukünftigen Strecken bestimmen
können. Rein äußerlich bin ich also wieder ein uniformes Element
der Menge geworden; niemandem wird auffallen, daß tief in mir etwas Unfaßbares geschehen ist, was sich nicht mit Worten beschreiben läßt und trotzdem irgendwie alles verändert hat und für mich nichts mehr so erscheinen läßt, wie es einmal
war...
Die einzige Möglichkeit, meine Individualität auszudrücken, besteht nun darin, mich durch Taten
auszuzeichnen.
Noch immer denke ich sehnsuchtsvoll an meinen einstigen Vertrauten; frage mich, ob ich ihm nicht Unrecht tue, wenn ich ihm so endgültig die letzte Chance nehme, mich
wiederzufinden... Aber andererseits... Sicherlich hat er ebenfalls aus unserer Begegnung gelernt und ist jetzt vielleicht, wo auch immer er sich
gerade aufhalten mag, genau wie ich bereit, Schuhe zu tragen und somit seine Einzigartigkeit und gleichzeitig die Hoffnung auf ein weiteres Treffen mit mir aufzugeben, um stattdessen seinen Mitmenschen besser im unberechenbaren Alltag
beistehen zu können... Solch eine Idee läßt mir meine Entscheidung sogar noch leichter fallen; immerhin könnte demnach im Grunde genommen JEDE Person, der ich in
irgendeiner Form helfe, mein heimlich rosenbekränzter Gefährte sein; auch wenn ich ihn in diesem Augenblick möglicherweise nicht erkenne... Darüber hinaus ist es für
mich ein tröstlicher Gedanke, jene besondere Person und ich seien trotz unserer Distanz auf geheimnisvolle, mystische Weise noch immer seelisch miteinander vereint; zum einen durch unsere Erinnerung, welche wir stets teilen werden, so fern wir
uns auch sein mögen; zum anderen aber auch durch das daraus entstandene, uns gemeinsame Bedürfnis, gegen Gleichgültigkeit und Isolation - Zustände in unserer Stadt, über deren Existenz wir beide uns wohl erst aufgrund jener Erfahrung bewußt
werden konnten -
anzukämpfen...
Und sollte er tatsächlich dennoch, in alten, verkrusteten Denkmustern festgefahren, egoistisch auf seinen Wunsch beharren, ausgerechnet mich wiedersehen zu wollen, der trägen, gedankenlosen Loyalität zu einem mumifizierten alten Traum
hingegeben, so ist er es eindeutig nicht wert, hat es nicht verdient, daß ich nur seinetwegen derart leide und auch andere Menschen leiden lasse; das heißt, falls wir uns wirklich irgendwann begegneten, wären wir uns vermutlich absolut fremd
und würden einander gegenüberstehen wie zwei Menschen, die nichts gemeinsam haben außer höchstens noch der Tatsache, daß sie sich so eben selbst ihrer letzten Illusionen beraubten... Müde kauere ich mich in eine leerstehende
Wellblechbude.
Jener immense Kummer über meine Einsamkeit ist nicht geringer geworden; der profunde Schmerz in meinem Inneren nimmt nicht ab, er wird lediglich allmählich ein Teil von mir, brennt sich sozusagen unauslöschbar in mein Herz ein; ich gewöhne
mich an ihn und akzeptiere diese Melancholie als ein nicht von meinem Dasein zu trennendes Element, gegen welches ich mich längst nicht mehr in irgendeiner Form zu wehren brauche, da es inzwischen viel zu stark mit meiner Persönlichkeit
verwoben ist und bereits zu sehr zu ihr
gehört...
Es beginnt zu schneien. Weiche Flocken bedecken meinen zitternden
Leib. Ich warte