MYTHOS
Vor zahllosen Äonen lebte in
einer unaussprechlichen Welt ganz alleine eine kleine Göttin, die war wunderschön und hatte mindestens zwanzig Brüste und ein gnomenhaftes pelziges Gesicht und lachte immerzu. Irgendwann erschuf sie die vier Elemente, um etwas zu haben,
worauf sie tanzen und womit sie spielen konnte, und von nun an sprang und tobte sie glückselig und selbstvergessen über ihr bebendes Parkett; wirbelte graziös durch das Feuer und glitt schlangengleich über das Wasser hinweg, taumelte sich
unentwegt drehend über die Hügel und Täler der Erde und flog vollkommen schwerelos mit dem Wind... Einmal senkte sich jedoch eine tiefe, moordunkle Traurigkeit über ihr Dasein, schwer wie eine sternenlose Winternacht, und die Göttin begann
zum ersten Mal in ihrem Leben, sich einsam zu fühlen und weinte kummervoll. Und um nicht mehr alleine tanzen zu müssen, formte sie aus ihren Tränen einen Mann, einen funkelnden, schimmernden, lotusäugigen Magier mit einem zarten,
honigglatten Leib, und umarmte ihn, um ihn zum Leben zu erwecken. Dann zeigte sie ihm ihre Welt, und der Magier schaute sich um und sprach: „Es macht mir Angst, dass du nicht versuchst, die vier machtvollen Elemente zu besiegen und
beherrschen, sondern bloß mit ihnen spielst; naiv wie ein Kind, das sich einer reißenden Bestie nähert... Schon bald könnten sie sich ihrer Stärke und ihrer Überlegenheit bewusst werden, und dann vermögen sie dich innerhalb von einem einzigen
Atemzug mühelos
auszulöschen!“ Die Göttin
musste ob dieser absurden Vorstellung kichern; und als der Magier weiterhin beschwörend auf sie einredete, verstand sie, die der Sprache nur sehr mangelhaft mächtig war und schon von jeher Gesten bevorzugt hatte, nicht, welch heiligen Ernst er
in seine Worte legte; aber es freute sie, dass er sich offensichtlich für ihre Schöpfung interessierte, und zärtlich lächelnd strich sie ihm über das wallende azurblaue Haar und küsste sanft seine duftende Wange. Da hielt der sich ereifernde
Magier erbost in seiner Rede inne; überzeugt, sie wolle ihn auf diese Weise lächerlich machen; sich in seiner Ehre gekränkt fühlend wurde er wütend, und in seinem unermesslichen Zorn erschlug er die kleine Göttin. Anschließend entbrannte ein
wilder, furioser Kampf, in dessen Verlauf es ihm letztlich gelang, die vier Elemente zu unterwerfen, und von nun an regierte er sie über viele Zeitalter hinweg weise, gerecht und mildtätig; erhaben weilte er als gütiger Herrscher auf
seinem Weltenthron und bemühte sich, die Elemente in Harmonie wirken zu lassen. Als er älter und schwächer wurde, schien er dieser Aufgabe jedoch nicht mehr gewachsen; noch immer gelüstete es seine vier unruhig lauernden Untertanen nach Rache,
und eines Tages gerieten sie außer Kontrolle. Das Wasser handelte als erstes; es dehnte sich immer mehr aus, bildete gewaltige, rauschende Wogen, donnerte wütend als schäumende, tosende, strudelnde
Brandung gegen seine Fesseln, rollte schließlich gnadenlos über alles hinweg und überschwemmte auf diese Weise das gesamte Reich des Magiers und die Erde weigerte sich, ihm zu Hilfe zu kommen; statt wie bisher in ähnlichen Situationen rettende
Hügel emporzuwölben und seichte Täler entstehen zu lassen, in welchen das brodelnde Wasser sich hätte sammeln und beruhigen können, präsentierte sie sich diesmal als glatte, kahle, feste, kompakte Ebene, auf der sich jene Sintflut ungehindert
auszubreiten vermochte, so dass dem Magier nichts anderes übrig blieb, als auf den spitzen, zufällig aus dem weiten Meer herausragenden Gipfel des letzten Berges zu fliehen. Jetzt reagierte auch das Feuer; es loderte heftig auf und raste als
riesige funkensprühende Flammensäule flackernd und glühend auf den hilflosen Magier zu, der nicht mehr ausweichen konnte, und verbrannte ihn in einem gewaltigen Inferno; und die Luft schließlich verwandelte sich in einen wilden
Wirbelsturm und brauste über den jetzt schweigenden Ozean hinweg, bis sie die Asche des Magiers gefunden hatte; und mit einer tonlos kichernden Windbö packte sie diese und wehte sie davon, verteilte sie in alle Himmelsrichtungen; nach
Nord, Ost, Süd und West, wo sie noch immer liegt, unkenntlich und vermischt mit dem Staub der Gosse... Die vier Söhne jedoch, die aus der wonnevollen,
innigen Umarmung der Göttin und des Magiers entstanden waren, der Forscher, der Farmer, der Handwerker und der Poet, hatten jene Katastrophe bereits vorausgeahnt und vermochten sich noch im letzten Moment zu retten, und nun trieben sie einsam
in ihrem Schiff mit dem hohen Bug und den buntbemalten Segeln auf dem gewaltigen dunklen Meer, das so salzig schmeckte wie die letzten Tränen des Magiers. Schon nach kurzer Zeit hatten sie ihr elendes
Schicksal vollkommen vergessen; der Poet erträumte stets neue zauberhafte Welten und Imperien, die der Forscher dann analysierte und erklärte, damit der Farmer sie bebauen und kultivieren konnte mit Geräten, die der Handwerker herstellte aus
Materialien, die der Poet wiederum speziell zu diesem Zweck erfand... Und sobald sie ihrem momentanen Dasein überdrüssig wurden, dachte der Poet sich für sie alle eine
noch viel schönere, faszinierendere Existenz aus; inspiriert durch das, was er zuvor bei seinen Brüdern beobachtet hatte, und das geheimnisvolle Spiel begann von Neuem... Dies hätte sich wohl auch bis in alle Ewigkeit ununterbrochen so
fortgesetzt, wenn nicht irgendwann der Poet sich selbst übertroffen und eine Welt kreiert hätte, die so berauschend schön war, dass es ihnen plötzlich nicht mehr genügte, bloß darauf zu
leben... Und in einer heißen, stürmischen, sehnsuchtstrunkenen Gewitternacht vereinigten sie alle sich mit
dieser magischen Vision; torkelnd, taumelnd, schwitzend und in exstatischer Lust schreiend fielen sie darüber her; über den bleichen Sand der Wüsten und die still atmenden Bäume, über eisige Schneestürme aus dem Gebirge und über
schattenäugige, schlafende Blumen... Doch ohne dass sie es je geahnt hätten, entstanden aus dieser Symbiose Kinder; halb Welt, halb Wesen; und diese vermehrten sich ebenfalls rasch, genauso wie deren Nachkommen; und schon bald lagen so viele
Generationen dazwischen, dass niemand sich mehr an den Ursprung erinnern
konnte.
Als die vier Brüder aus der schweren Müdigkeit, die ihrem orgastischen Liebestaumel gefolgt war, erwachten und sahen, welch unerfreuliche Gestalten nun massenhaft auf jener allein durch sie verdorbenen Welt herumkrochen, schämten sie sich
fürchterlich und verhüllten reuevoll ihre
Gesichter.
Dann bekamen sie Streit, denn jeder von ihnen behauptete, er sei der Einzige, der ein Anrecht auf diese Welt gehabt hätte, und alle anderen trügen nun die Schuld, dass sie für immer entweiht und zerstört
ist.
„Ich war es, dem diese Welt eigentlich zustand, weil ich allein war derjenige, der sie vollkommen Ihr Zorn und ihre Raserei nahmen immer mehr zu und schließlich begannen sie zu kämpfen; sie rissen Bretter von den Seitenwänden des Schiffes und droschen damit auf einander ein; der Mast zerbrach und das einst bunte Segel, das
nun auf dem Boden lag, färbte sich rot von all dem vergossenen
Blut...
Und da inzwischen niemand mehr das kleine Schiff steuerte, lief es eines Tages auf ein Riff und zerschellte gleich einer Muschelschale; jedem blieb nur eine kümmerliche Planke, an die er sich klammern konnte, um nicht zu ertrinken; und sie
trieben alle fort... Getrennt von einander schaukeln und
hüpfen sie nun hilflos auf den Wellen auf und ab und erinnern sich bloß gelegentlich voll Melancholie an eine ganz besondere Welt, auf der zahllose weiche, ängstliche Kreaturen umherirren, getrieben von den Wechselfällen des unergründlichen
Daseins; halb Welt, halb Wesen; schattengejagt in der Nacht; und die höchstens in ihren Träumen oder wenn sie den wehmütigen Liedern ihrer Barden lauschen, erahnen können, wer sie tatsächlich sind...
