TRAUM - REISE Ohne jemals darum gebeten zu haben,
wurdest du in eine fremde, kalte Welt geworfen. Gleich zu Beginn erweist sich deine neue Realität als grob, rücksichtslos und dir offenbar feindlich oder zumindest auf grausame Weise gleichgültig
gesinnt.
Du hast keine Ahnung, wo du dich befindest. Finsternis umgibt dich. Unter dir wölbt sich die Oberfläche eines tristen Planeten, der dich nicht will, der dich niemals aufgefordert hat, auf ihm zu leben und den es nicht im Geringsten
kümmert, wie du dich
fühlst...
Ein plumpes, klumpengleiches Gebilde aus Fleisch und Sehnen engt deine bisher freie Seele ein und zwängt sie in eine bestimmte Gestalt. Deine Umgebung, von welcher du aufgrund jener dich umschließenden Masse getrennt bist, vermagst du
lediglich durch einige vergleichsweise kleine Öffnungen in deinem "Hautmantel" wahrzunehmen. Noch weißt du nicht, daß man da, wo du gelandet bist, dieses Objekt üblicherweise als "Körper"
bezeichnet... Pulsierendes Blut rauscht in deinen
Ohren. Bei jedem einzelnen Schritt
schlägt dir von unten harter Boden gegen die empfindlichen
Sohlen.
Sauerstoff dringt durch deine zitternd geblähten Nasenflügel in dein Inneres ein, erfüllt dich mit eisiger Luft, so daß du glaubst, im nächsten Moment platzen zu müssen, und zwingt dich dadurch zum regelmäßigen, rhythmischen, krampfähnlichen
Dehnen und Zusammenziehen der Lungenflügel... Atmen. Wabernde Nebelschwaden hüllen dich allmählich ein; verwehren dir die Sicht; legen sich dir um Kopf, Brust, Bauch und Beine; dämpfen das Geräusch deiner sich unsicher
vorwärts tastenden
Füße... Im Grunde
genommen torkelst oder taumelst du eher, als daß du gehst. Mit einem Mal fällt von oben ein winziges, weiches und dennoch erstaunlich kompaktes "Etwas" auf dein gen Himmel
gerichtetes Gesicht, zergeht dort langsam, reizt so deine Sinne und läßt das auf diese Weise entstandene Signal in Windeseile über straff gespannte, vibrierende Nervenbahnen durch deinen gesamten Körper rasen wie über Schnellstraßen und
Highways, bis all jene einzelnen Meldungen sich wieder im Zentrum deines Gehirns konzentrieren und dort unauslöschlich als "Erfahrung"
einprägen... Weitere, gleichgeartete Objekte folgen dem
ersten. Auch für dieses Phänomen gibt es einen eigenen Namen:
Regen... Dann huscht plötzlich ein dunkles, pelziges Wesen zwischen deinen Knöcheln hindurch. Vor Schreck strauchelst du und stürzt auf den harten, felsigen
Grund: Deine erste direkte Konfrontation mit dem Schmerz. Mehrmals versuchst du behutsam, dich zu erheben; eine
unsichtbare, gewaltige, beinahe magnetische Macht - die Schwerkraft - überwältigt dich jedoch immer wieder, reißt dich nach unten und schleudert dich stets brutal auf die Erde zurück. Letztendlich entschließt du dich, diesen Kampf aufzugeben
und nur noch auf allen Vieren
weiterzukriechen.
Du wagst es nicht mehr, dich erneut aufzurichten. Dein hilfloses, noch größtenteils aus
unartikulierten Lauten bestehendes Schluchzen verhallt
ungehört.
Holzsplitter bohren sich in deine Fingerkuppen, feuchte Zweige und dornige Ranken peitschen gegen deinen nackten Leib und raue, spitze Steine schürfen dir mitleidlos die Haut von Händen und Knien ab. Um dieses entsetzliche Brennen zu lindern
leckst Du sie ab und lernst jetzt fassungslos den Geschmack deines eigenen Blutes
kennen.
Jede Bewegung artet zur beinahe unerträglichen Qual aus. Trotzdem schleppst du dich mühsam vorwärts: bloß fort, fort von hier... Irgendwann greifst
Du dabei mit deinen scheu tastenden Fingern ins Leere und weißt instinktiv, daß Du jetzt nicht mehr weiter darfst... Also rollst Du Dich
zusammen, schließt die Augen und läßt noch einmal bewußt alle Erfahrungen, welche diese Welt Dir bisher bescherte, auf Dich
einwirken:
Unsicherheit,
Leiden,
Schmerz,
Angst
-
- Begriffe, die du nur deshalb definieren kannst, weil du dich schemenhaft erinnerst, in irgendeiner wunderschönen, längst vergangenen Epoche auch die Gegenteile dieser Gefühle gekannt zu haben... Unermeßliche Sehnsucht nach jenem alten,
unwiederbringlich verlorenen Zustand Überfällt dich. Du
weinst.
So verbringst du deine erste Erdennacht. Am nächsten Morgen lichtet sich der Nebel, und nun vermagst du deine Umgebung deutlich zu sehen: du bist völlig alleine auf dem Gipfel eines riesigen Berges, in dessen Schatten sich - weit entfernt
und von deiner Position aus klein wie Miniaturspielzeuge wirkend - eine Art Siedlung befindet. Bei diesem Anblick fühlst du dich einsam und sehnst dich nach Zuneigung und Freundschaft, doch der Berghang fällt so steil ab, daß du es dir nicht
zutraust, deinen Platz zu verlassen und hinunter zu steigen in das Reich jener anderen Gestalten, deshalb wartest du einfach ab und hoffst nur im Stillen, irgendwer möge sich vielleicht zufällig in deine Nähe verirren, dich finden und sich
bereit zeigen, dich mit nach Hause zu nehmen und dort mit den Regeln und Gesetzen seines Volkes vertraut zu machen. Ein Tag vergeht, und noch einer, und noch einer. Der tonlos pfeifende und im Geäst der kahlen Sträucher flüsternde Wind ist
und bleibt dein einziger
Gefährte.
Aus der Ferne beobachtest du die Bürger der Stadt, wie sie Morgens in ihre Autos steigen und zur Arbeit fahren; wie sie hektisch in großen, mal mehr, mal weniger kompakten Kolonnen auf den grauen Straßen zwischen ihren sterilen Häusern entlang
eilen - teils miteinander, teils gleichgültig nebeneinander, teils sogar gegeneinander - und wie sie Abends wieder zurückkehren, jeder für sich alleine in ihren Wohnungen verschwinden und dort nach und nach das Licht löschen, bis schließlich
alles vollkommen in Dunkelheit versinkt; bloß um am nächsten Tag aus für dich nicht nachvollziehbaren Gründen aufs Neue mit diesem sinnlosen, sich kontinuierlich wiederholenden Spiel zu beginnen... Zunächst bist du überzeugt, es müsse
sich bei jenem Verhalten um irgendein wichtiges Ritual handeln, da seine Regeln immerzu streng eingehalten werden und offenbar niemand bereit ist, von dieser allgemeinen Ordnung abzuweichen; erst mit der Zeit erkennst du an den trägen,
gelangweilten, resigniert wirkenden Gesten, daß diese Leute gewiß nicht von einer Begeisterung für das, was sie tun, getrieben werden; vielmehr scheinen sie lediglich einer täglichen Monotonie zu gehorchen, die zu hinterfragen sie sich längst
abgewöhnt haben... Du wunderst dich, wieso sie derart rigoros an Traditionen festhalten, die ihnen doch
eindeutig keine Freude mehr bereiten und wieso sie sich und ihr individuelles Leben von solch einem starren Normgefüge gestalten lassen, statt aktiv zu sein und selbst ihre Normen zu gestalten, kommst jedoch zu keinem Ergebnis. Jetzt bemühst
du dich angestrengt, Kontakt aufzunehmen, doch die Menschen sind derart in ihre Routine vertieft, daß keiner von ihnen auf den Gedanken käme, dieses sture Einerlei zu durchbrechen und zufällig den Kopf in Richtung deines Berges zu wenden; so
sehr du dich auch bemühst, durch Winken und lautes Rufen ihre Aufmerksamkeit zu
erregen...
Heiser, erschöpft und frustriert gibst du schließlich auf. Du wirst apathisch in deiner
Isolation. Langeweile läßt die einheitlich an dir
vorüberziehenden Stunden schier endlos erscheinen. Irgendwann hörst du auf, mit in die Baumrinde geritzten Kerben die Tage zu zählen, da sie es in ihrer Freudlosigkeit nicht wert sind, einzeln registriert und gefeiert zu werden...
Stumpfsinn quält dich. Du leidest an deinem eigenen
Dasein.
Nur um irgendeine Beschäftigung zu haben und ohne dabei ein spezielles Ziel zu verfolgen hackst du mit einem selbstgebastelten Spaten eine Grube in den Boden... Und stellst plötzlich überrascht fest, daß es sich bei deinem angeblichen
"Felsen" in Wahrheit um einen riesigen Kristall handelt, dessen Oberfläche jedoch völlig von Schmutz und Geröll überkrustet ist. Die Begeisterung für deine
Entdeckung siegt über dein bisheriges Phlegma; unter Einsatz aller Kräfte bohrst du einen schmalen, spiralförmig gewundenen, steil abwärts führenden Stollen und dringst allmählich immer tiefer ins Innere jenes geheimnisvollen Berges ein. Auf
diese Weise förderst du traumhaft schöne, milchig-durchsichtige Kristallbrocken zu Tage, die im Sonnenlicht in den verschiedensten Farben und Schattierungen glitzern und funkeln. Zunächst
hortest du deine neugewonnenen Schätze sorgsam wie bedeutungsvolle Reliquien in einer niedrigen, geschützten Mulde, aber irgendwann reicht dort der Platz nicht mehr aus... Da kommt dir eine Idee: Von nun an fügst du in mühseliger Kleinarbeit
all die glänzenden Stückchen zu bestimmten Formen zusammen und schaffst dir so mit der Zeit eine eigene Nachbildung der menschlichen Siedlung - nur daß deine Version dieser Stadt unendlich viel feiner, zarter, zerbrechlicher
wirkt!
Du freust dich, denn in diesen Objekten vermagst du zum ersten Mal dein eigenes Spiegelbild
wahrzunehmen.
Dann beginnst du, auch Bauwerke zu errichten, welche im Original der Stadt gar nicht existieren: wundersame Paläste, Kuppelgewölbe, Pavillons; riesige pilzähnliche Gebilde; kompliziert ineinander verschachtelte Häuser, die ausgestattet sind
mit prächtigen Emporen, Balkonen, Brüstungen und Kaskaden sowie mit reichhaltig und prunkvoll verzierten, fast schon barock anmutenden Fassaden; gläserne Arkaden, durch die das Sonnenlicht fällt und sich in zahllosen winzigen Strahlen bricht;
spitze, wie Schneckenhäuser gedrehte und gedrechselte Türme; durchsichtige Kegel und Kugeln, in deren Inneren ein bunter Kern schimmert; dazwischen immer wieder Obelisken und Säulen mit pompösen Kapitellen; Mauern und Zäune, die aus Millionen
und Abermillionen von Kristallsplittern zusammengesetzt sind und so ein filigranes, mosaikähnliches Netz bilden, welches sich - im Grunde genommen ohne irgendeinen wirklichen Zweck zu erfüllen - durch deine gesamte Schöpfung zieht...
überall läßt du Efeu, Lianen und andere ineinander verflochtene Schlingpflanzen ranken und sehnsüchtig die gebogenen und gewundenen Zweige nach den einzelnen Elementen strecken. Dein Imperium
wächst.
Du bist unbeschreiblich stolz auf dein Werk! Aus
besonders schön geschliffenen Scherben formst du nun auch Tiere sowie Menschen mit edlen, gütigen, engelhaften Gesichtszügen. Scheinbar direkt in der Bewegung erstarrt stehen sie schweigend und reglos zwischen den bisherigen Gebäuden deiner
rätselhaften Traumwelt aus Glas; fast so, als ob sie nur darauf warten, von irgendeinem gespenstischen Bann befreit und wieder zum Leben erweckt zu werden... Harlekine, Astronauten, Troubadoure, Priester in Kutte und Kapuze und spielende
Kinder mit hingebungsvollem, ernsthaft-verklärtem Gesichtsausdruck bevölkern nun deine Stadt; und ungeniert flanieren durch die Straßen glamouröse Huren, Haremsdamen sowie Prinzen und Prinzessinnen mit erstaunter oder melancholischer Miene.
Sie tragen eleganten Perlenschmuck, tropfenförmige Ohrgehänge und kunstvolle Broschen; und jede einzelne Falte ihrer vornehmen Gewänder ist exakt von dir herausgearbeitet.
Knospen sprießen und einzigartige, herrliche Blüten wuchern wild. Hinter einer gigantischen Lotusblume befindet sich ein blutroter Stier in Angriffspositur, der von innen heraus gleich einem Grablicht leuchtet. Possenreißer vollführen die
seltsamsten Verrenkungen. In einem zirkelähnlichen Kreis aus Kristallscherben liegt ein kopulierendes, zärtlich ineinander verschlungenes Liebespaar. Raben und Sperlinge lassen sich auf den überdimensionalen Körpern von Salamandern, Pottwalen,
Maulwürfen und Tauben nieder. Eines Tages beobachtest du zufällig, wie in der Stadt der "echten" Menschen ein mageres Pferd mit struppigem, verklebtem Fell und Druckstellen von zu eng geschnalltem Zaumzeug am Kopf aus seinem
erbärmlichen Stall geführt, erschossen und ausgeweidet
wird.
Das Tier tut dir leid, und du beschließt, ihm ein Denkmal zu setzen... Etwas erhöht, auf einem Sockel aus Glas, errichtest du das Standbild einer graziösen, lilienweißen Stute, die gerade anmutig einen ihrer zierlichen Hufe hebt und
deren wie eine Unzahl aus diamantbesetzten Schnüren und Bändern wirkende Mähne im imaginären Wind
weht.
Dieses Motiv gefällt dir besonders gut; und rein aus Freude am willkürlichen Experimentieren stattest du dein tapferes Roß mit riesigen Fittichen und einem hübschen Horn auf der Stirn aus. Scherzeshalber befestigst du noch eine Rebe mit
frischen Trauben daran und taufst deine neue Kreatur auf den Namen "Weinhorn". Du bist begeistert! Von jetzt an sind deiner Phantasie keine Grenzen mehr gesetzt; glücklich bevölkerst du deine sich stetig ausdehnende Stadt mit den
merkwürdigsten Gebilden und Fabelwesen... Furchtbare Dämonen, Monster
Ungeheuer und Furien hausen nun in den engen Gassen. In einer gläsernen Grotte kauern bucklige, auf den ersten Blick erschreckend anmutende Zwerge und Gnome. Drachen speien starres, kaltes Feuer. An einem See, dessen unbewegliche, wie
eingefroren wirkende Wellen du aus zahllosen winzigen Splittern und Scherben geformt hast, knien mehrere elegante Nixen, Nymphen Undinen und Meerjungfrauen, scheinen mit rosig schimmernden, beinahe durchsichtigen Seesternen und Algen zu
spielen, sich gegenseitig zu kämmen, einander Muscheln in die Haare zu stecken oder einfach nur feinste Kristallkörner durch die schmalen Finger rieseln zu lassen wie Meeressand, während sie gleichzeitig freundlich und verstört lächeln; so,
als habe man sie unerwartet in eine fremdartige, bizarre Welt gestoßen, ohne ihnen zuvor jegliche Anleitung zu geben, wie sie sich in solch einer Situation zurechtfinden
sollen...
Ein stolzer Zentaur verharrt mitten im Galoppsprung. Chimären schreiten gravitätisch durch ein weitläufiges Geflecht aus gläsernen, paradieshaft anmutenden Gärten sowie zwischen den von dir geschaffenen, bunt gescheckten und marmorierten
Planeten, Sternen, Kometen und anderen Himmelskörpern hindurch. Yetis preisen den heiligen Gral. Fische in sämtlichen Formen, Farben und Variationen gehen spazieren und lüften grüßend ihre Zylinder vor Vögeln mit tintenschwarzem und azurblauem
Gefieder. Blinde Narren und Gaukler reiten auf feingliedrigen Seepferdchen und liefern sich wilde Turniere. Gynäkologische Meerschweinchen beschäftigen sich mit den von ihnen bevorzugten Abstrusitäten. Neben einem Brunnen, aus dem eine Hand
ragt, als sei so eben jemand am Ertrinken, stehen wie versteinert ein alter Mann mit nur einem Auge und ein blauer, vierarmiger Flötespieler und mustern einander scheu. Schlanke Elfen und Feen tanzen zusammen mit einigen girlandenbekränzten
Zofen einen Reigen. Lange Karawanen von Kamelen und Dromedaren ziehen entlang an Kirchen, Kapellen, Kathedralen und Tempeln, von denen du nicht einmal weißt, welchen Gottheiten sie überhaupt geweiht sein sollen; und Tiger schlafen friedlich
zwischen Zebrafohlen - nur in deiner vollkommenen Naivität und Unschuld konntest du auf die irrsinnige Idee kommen, sie direkt beieinander zu platzieren, weil beide Tierarten gestreift sind... Diverse reife, pralle Früchte schmücken das
Ganze. Manche Scherben sind lediglich zu phantastischen, runen- oder mandalaähnlichen, fast schon sakral anmutenden Mustern angeordnet; und auch eigentlich rein zweckmäßige, funktionale Gegenstände arrangierst du zu beeindruckenden Bildern.
Sogar körperlose Phänomene wie Blitze oder Wolken werden von dir als Statuen festgehalten und in deine Stadt versetzt. Aus einigen Scherben machst du Mobile und Windspiele, die leise klingen, sobald ein Luftzug durch sie hindurchweht und ihre
einzelnen Elemente sanft schwingen und gegeneinander schlagen läßt... Dein Werk scheint auf diese Weise sein eigenes Leben anzunehmen und nun in einer fremden, melodischen Sprache zu dir zu sprechen und dir etwas Unergründliches
mitzuteilen... Du bist ganz versunken in die Gestaltung einer eigenen, zauberhaften und geheimnisvollen Welt. Je intensiver du dich in deine Schöpfung vertiefst und je mehr du dich ihrer sich stetig entfaltenden Magie hingibst, desto
gleichgültiger wird dir die sogenannte Realität. Längst orientierst du dich nicht mehr an solch simplen, banalen Kriterien wie "Echt beziehungsweise unecht wirkend"... Von derartigen Zwängen bist du absolut frei. Ästhetik ist
dein einziges Gesetz. All dein Bestreben besteht jetzt darin, Schönes zu erschaffen. Irgendwann hast du die kleine, armselige Siedlung unten am Berghang einfach
vergessen.
Tagelang kannst du still auf einem Stein sitzen, staunend dein mystisches Imperium betrachten und dabei immer neue, spannende Abenteuer und Heldentaten erfinden, welche die von dir kreierten kristallinen Wesen in ihrem rätselhaften Reich aus
Glas bestehen müssen. Währenddessen fällt dir dann stets ein, was für Gestalten du als nächstes erstellen möchtest; genauso, wie jede weitere Figur dich wiederum zu anderen genialen Geschichten
inspiriert... Du lebst jetzt in einer eigenen, grandiosen Welt der heroischen Träume und Mysterien, die alles übrige bei weitem
übertrifft! Dein ganzes Handeln ist nur noch beseelt vom Wunsch nach neuen, sagenhaften Gebilden. All die wundersamen Visionen, welche bisher bloß vage und unbestimmt als bleiche Imaginationen in deinem Hirn schlummerten, nehmen nun endlich
Form und Gestalt an. Inzwischen ist es dir auch nicht mehr unangenehm, das einzige "organische" Wesen in einem Land aus purem Glas zu sein; ohne es zu bemerken hast du dich an diesen Zustand gewöhnt und
aufgehört, ihn zu hinterfragen... Mit der Zeit erstreckt sich deine Stadt zu ungeheuren Ausmaßen. Wenn Mittags die Sonne im Zenit steht und ihre hellen Strahlen gebündelt auf all die unzähligen zusammengesetzten Kristallscherben treffen,
scheint sich die gesamte Bergkuppe in ein einziges leuchtendes, wallendes Flammenmeer buntem, gleißendem, wild und leidenschaftlich flackerndem Feuer zu verwandeln. Dieses Schauspiel ist so gigantisch, daß man es schon von weitem sehen kann.
Die Bewohner der Siedlung unten am Hang müssen immer wieder, vom gewaltigen, apollinischen Glanz geblendet, ihre Augen schließen und sind aus diesem Grund häufig sogar gezwungen, für einige Zeit ihre Arbeit
niederzulegen. Sie lernen rasch, solche Ablenkungen nicht nur als unabwendbares Übel hinzunehmen, sondern sie richtiggehend zu
genießen. Jeden Tag wird während dieser Pause eifrig debattiert und man stellt die absonderlichsten
Vermutungen an, was sich dort oben, weit entfernt und außerhalb der eigenen Reichweite, wohl tatsächlich abspielen mag: Leben an diesem Ort vielleicht völlig verborgen die letzten
Nachkommen altsibirischer Schamanen und probieren jetzt die gefährlichen Zauberformeln ihrer Vorväter
aus?
Wird nun ein längst vergessenen Orakel wahr? Ist es
Gott, der so das jüngste Gericht einläutet? Oder steht hier etwa ein Atomkraftwerk, von
dessen Existenz bisher niemand etwas wußte und das regelmäßig giftige Strahlungen ausstößt? Geht jetzt die Welt
unter?
Bricht auf diese Weise die unabwendbare Apokalypse über uns alle herein? Findet hier die blutige Rache der Tamagocchis
statt? Aber möglicherweise sind ja auch Außerirdische gelandet, die lediglich versuchen, Kontakt zu uns
aufzunehmen...? Jeder hat seine eigene
Theorie.
Auch nach Büro- und Fabrikschluß eilen die Leute nun nicht mehr sofort in ihre einsamen Wohnungen und Appartements; meist bleiben sie noch lange beisammen und diskutieren. Endlich unterhält man sich wieder über andere Dinge als Beruf und Geld
miteinander und tauscht mehr aus als das übliche Repertoire an belanglosen, abgegriffenen Floskeln! Thesen werden erstellt und wieder verworfen; die Leitartikel von renommierten Zeitschriften haben ausnahmslos jenes "sensationelle Wunder
auf dem Berg" zum Thema; im Fernsehen laufen regelmäßig Talkshows, in denen berühmte Wissenschaftler zu Wort kommen und die Chance haben, ihre Meinung zu diesem unerklärlichen Phänomen kundzutun und so das allgemeine Interesse noch mehr
anzustacheln; nachts träumen die Menschen von glühenden, glimmenden Horizonten, die brennen können, ohne sich dabei jedoch selbst zu verzehren; und sogar beim Küssen denken sie nicht mehr wie bisher gelangweilt an Finanzen, Kontoauszüge und
ihre rentablen Lebensversicherungen, sondern vermögen wieder die Augen zu schließen und das gewaltige, bunte, euphorisch rasende Feuer vor sich zu sehen... ... Es
ist, als sei eine mächtige Axt über die Bürger der Stadt hereingebrochen und habe mit einem Schlag die vereiste Oberfläche des gefrorenen Sees ihrer Seelen zerschmettert! Dieser utopische Zustand währt allerdings nur für kurze
Zeit. Irgendwann halten die Leute es nicht mehr aus, über die Ursache dieses herrlichen, lodernden Brandes lediglich zu spekulieren, ohne sich dabei auf konkrete Fakten oder Tatsachen
berufen zu können; es genügt ihnen nicht, immer wieder den Blick teils sehnsüchtig, teils scheu und ängstlich gen Bergkuppe schweifen zu lassen und allein vom imposanten Anblick der fernen Pracht zu zehren; sie fordern handfeste Beweise, um
logische Rückschlüsse zu ziehen, so dem Geheimnis auf den Grund zu gehen und auch der letzten Wahrheit habhaft zu werden, deshalb schreiten sie entschlossen los in Richtung deiner Heimat... Dieser "Besuch" trifft dich völlig
unerwartet. Du hattest dich mit deinem einsamen Schicksal
ausgesöhnt und all die Leute längst nicht mehr hierher gewünscht, geschweige denn gerufen; trotzdem sind sie einfach so gekommen und gnadenlos über deine fragile Schöpfung hergefallen wie gierige Eintagsfliegen über den blutverkrusteten Leib
eines todgeweihten
Lebewesens...
Aufgeregt stürmen sie durch die schmalen, labyrinthartigen Gassen, ohne Rücksicht auf die bebenden, klirrenden Objekte zu nehmen; zeigen einander besonders hübsche oder in ihren Augen auffällige Figuren; jubeln lautstark, wenn sie zauberhaft
schöne Duplikate von ihnen bekannten Gebäuden oder Personen entdecken; schubsen, stoßen, drücken, drängeln; jeder will der erste sein, der etwas Neues, ganz Einmaliges findet; ungelenk greifen sie nach den empfindlichen Glasobjekten...
Die Erde dröhnt richtiggehend unter dem Getrampel ihrer schweren, plumpen
Füße. Lautlos zerfallen prunkvolle Fassaden
mit grotesken Fresken zu buntem Staub. Lange, diamantgleiche Schnüre reißen. Ein schwerfälliger Basilisk beginnt zu wackeln und zu beben, neigt sich dann zur Seite und stürzt schließlich langsam, wie in Zeitlupentempo, ganz um und zerschellt.
Die fragilen, phantastisch wirkenden Schwingen des weißen Pferdes splittern. Mit weit ausholenden Gesten deutet ein hagerer alter Mann im abgeschabten Sacco auf diverse Gebilde um ihn herum, deklamiert pathetisch und registriert währenddessen
nicht, daß er jener Figur - nun, da sie ihres einzigartigen Schmucks beraubt ist, nichts weiter als das klägliche Abbild einer traurigen Rosinante - auch ihr magisches, silbrig schimmerndes, pfeilähnlich gen Himmel gerichtetes Horn von der
Stirn schlägt. Kurz darauf zerfällt das gesamte Tier. Niemand außer dir bemerkt es im allgemeinen
Tumult.
Walküren in gläsernen Rüstungen, das kristallene Schwert angriffslustig in Richtung eines imaginären Gegners gezückt, zerbersten. Eine mächtige Esche löst sich von unten her in winzige Partikel auf und bricht
zusammen. Mehrere Personen begutachten deine Maschinerien mit dem komplizierten, verwirrenden Getriebe; disputieren; stellen offenbar Mutmaßungen an, welche wichtige Funktion solche Objekte
wohl erfüllen sollen, ohne jedoch auch nur einen Gedanken an die Möglichkeit zu verschwenden, daß du sie allein um ihrer Schönheit willen konzipiert hast; fachmännisch nickend und technisches Verständnis heuchelnd betasten sie die einzelnen
Drähte, Röhrchen, Schienen, Schrauben und Zahnräder; versuchen, diesen ihnen unverständlichen Mechanismus irgendwie zum Laufen zu bringen und wenden sich schließlich, als das zarte Material unter ihren groben Fingern zerspringt,
desinteressiert wieder ab. Andere Leute grinsen und schütteln ungläubig den Kopf, weil du Löwen zwischen Antilopen platziert
hast.
Schuppige Eidechsen, warzige, fett grinsende Kröten und Mäuse mit filigranem, straff gespanntem, funkelndem Schnurrbart und winzigen Krallen, die vor einem deiner wenigen Hochhäuser auf dem Boden kauern, werden achtlos zertreten, da die
Menschen ihre Aufmerksamkeit ausschließlich auf die ikonengleichen, zweidimensionalen Mosaike oberhalb ihrer Köpfe richten und so nicht jene Geschöpfe weiter unten sehen. Mit lautem, frenetischen Hohngelächter prügeln einige Leute auf den
buckligen, widernatürlich gekrümmten und deformierten Fährmann einer schwarzen Barke ein, bis seine dunklen Splitter und Scherben wie tödliche Regentropfen beim Beginn einer kommenden Sintflut sprühen - augenscheinlich ist solch ein Motiv bei
deinen Eindringen nicht sonderlich beliebt, auch wenn du keine Ahnung hast, warum. Genauso entsteht bei dir der Eindruck, als ob die Nacktheit der dicken, breithüftigen Bauchtänzerinnen irgendwie anstößig und sittenwidrig wirkt, denn innerhalb
kürzester Zeit hat man diese Gestalten mit Jacken und Mänteln verhüllt und so ihre üppigen Formen versteckt. Du staunst; zu provozieren war keinesfalls deine Absicht! Viele Personen kreischen hysterisch auf,
als sie deine reichhaltige Sammlung von überlebensgroßen Asseln, Schlangen, Spinnen, Schnecken, Tausendfüßlern und Hirschkäfern mit langen, bizarr geformten Zangen erblicken und werfen angeekelt Steine nach diesen ihrer Meinung nach eindeutig
abstoßenden Kreaturen... In deiner Unwissenheit wärst du früher nie auf die Idee gekommen, solche Tiere als häßlich zu empfinden; vielmehr hast du es genossen, sorgfältig und kunstvoll jedes einzelne Glied und Segment auszuformen und
anzupassen. Du bemühst dich, das Verhalten der Menschen zu begreifen, dich in sie hineinzuversetzen und deine gläserne Stadt aus ihrer
Perspektive zu betrachten... Und tatsächlich; mit einem Mal zweifelst du selbst; es erscheint dir plötzlich ebenfalls unsinnig und sogar lächerlich, einst zahllose Treppen errichtet zu haben, welche zwar alle ein extravagant
geschwungenes, mit prachtvollen Ornamenten versehenes Geländer besitzen, davon abgesehen aber lediglich ins Leere führen und somit absolut nutzlos sind; und du schämst du dich jetzt für jene lange, beeindruckende Reihe glänzender, weit
geöffneter Türen, Tore und Pforten, von denen keine einzige in irgendeine Form von Wand oder Mauer eingelassen ist und die somit ausnahmslos einfach nur ohne einen Zweck zu erfüllen im Raum stehen und genauso gut auch nicht vorhanden sein
könnten, ohne daß es jemanden stören würde... Ein
monumentaler, purpur- und goldfarbener Elefant, der bisher ziemlich stabil gewirkt hatte, weist plötzlich überall feine Risse auf, die sich in Sekundenschnelle immer mehr ausbreiten und wie ein Geflecht aus Spinnweben netzartig über den
gesamten Körper ziehen, bis schließlich die gesamte Figur auseinander fällt. Rasch springst du herbei, in der vergeblichen Hoffnung, dieses Werk noch irgendwie retten zu können, und reißt dabei versehentlich einen weinenden Clown, dessen
schimmerndes, paillettenbesetztes Gewand du durch unzählige Splitter exakt herausarbeiten konntest, zu Boden. Dir bleibt keine Zeit, diesen Verlust zu betrauern, denn schon im nächsten Moment siehst du, wie eine stupide lächelnde Frau im
Begriff ist, einen ausgesprochen korpulenten, glücklich juchzenden Jungen auf den Rücken einer zierlichen Gazelle zu heben. Einen heiseren Warnschrei ausstoßend stürmst du auf sie zu und prallst gegen einen anmutig die Saiten seiner Harfe
zupfenden Akrobaten, der sofort in tausend Stücke
zerspringt.
Mit einem Mal richtet sich die allgemeine Aufmerksamkeit auf dich. Unzählige Augenpaare starren dich an und mustern dich neugierig. Die
analytischen Blicke, die jetzt auf dir lasten, sind röntgenstrahlengleich - alles erfassend, alles durchdringend; und dennoch vermögen sie niemals zu begreifen, wer oder was du WIRKLICH
bist... Du fühlst dich nackt, hilflos,
ausgeliefert. Bist gefangen in einem Neongeflimmer aus bleichen
Gesichtern. Überall sind Hände; man
greift nach dir, streicht dir mitleidig über das verfilzte Haar, befühlt den Stoff deiner schmutzigen Lumpen, hält dir hilfsbereit ein Taschentuch vor die triefende Nase... Furchtsam weichst du zurück und rempelst dabei einen von innen
heraus illuminierten Magier mit kirchenfensterähnlich gemusterter Robe an, der zu den zentralen Gestalten einer dir besonders wichtigen Geschichte gehörte. Von heillosem Entsetzen gepackt drehst du dich um und blickst fassungslos auf seinen
Scherbenhaufen. Deine hektischen, ungelenken, fahrigen Bewegungen rufen bei sämtlichen Beobachtern bloß größte Heiterkeit hervor. Vor Aufregung stößt du gegen ein riesiges kristallenes Piratenschiff mit wunderschönen, bunten, geblähten Segeln
und einem hexenähnlichen Wesen als Galionsfigur, so daß es, statt in See zu stechen und sagenumwobene, ferne Kontinente zu erkunden, wie du es dir in deinen Träumen bisher stets ausgemalt hattest, umstürzt und mehrere andere Figuren - Medusen,
Igel und graziöse Flamingos - unter sich begräbt. Jemand tritt mutwillig gegen die durchsichtigen Kugeln, nur um den funkelnden Kern besser betrachten zu
können. Ihre Splitter fliegen wie karnevalistisches Konfetti durch die Luft. Mehrere Leute zupfen die hauchdünnen Schuppen vom Panzer des kolibribunten Drachen, um sie als wertvolle, besonders originelle Souvenirs mitzunehmen oder teuer an zu
Hause gebliebene Bekannte zu verkaufen. Quallen und Tintenfische explodieren; majestätische Pyramiden bröckeln; ein prächtiger Schmetterling zerschellt; und Rispen, Dolden sowie gerippte und gezackte Blätter reißen während dieser gewaltigen
Apokalypse auseinander. Eine bloß fragmenthafte, noch nicht fertiggestellte Burg zerbirst. Ihre im Licht der untergehenden Sonne rot und golden aufblitzenden Splitter schlagen zunächst gleich glühender, lodernder Lohe empor; und
anschließend wirken die Überreste noch immer wie ein schwelender Scheiterhaufen aus Glas. Feingliedrige Libellen und vorsichtig witternde Kaninchen werden zerschmettert; einst imposante Kronleuchter und Kandelaber prasseln als Scherbenregen
auf farbig marmorierte Schafe und Lämmer nieder und zerreißen diese; ein krähender Hahn wird gnadenlos zerfetzt; und Schwäne mit vornehm gebeugtem Hals und styxdunklen Augen hauchen klirrend und seufzend ihr imaginäres Leben aus. Ein festlich
geschmückter Seiltänzer in orientalisch anmutender Tracht, der behutsam in einer Art golddurchwirkten, senkrecht zwischen mehreren Hütten aufgehängten Spinnengewebe balancierte, neigt sich zur Seite, fällt hinab und zerplatzt. Kurz darauf wird
seine gesamte gläserne Umgebung vom gleichen Schicksal ereilt. Nixen, Pharaonen und sphinxähnliche Kreaturen gehen reihenweise zu Boden und zersplittern. Ihre Gesichter bleiben währenddessen bis zur letzten Sekunde stolz, milde, starr und
gleichmütig; offenbar völlig unbeteiligt lächeln sie, als sei nichts geschehen und erscheinen dadurch selbst in ihrem totalen Niedergang noch würdevoll und erhaben - im Gegensatz zu dir, die du panisch und verzweifelt, mit von Wut und Angst
besessenem Blick, durch diesen Wahnsinn irrst, ohne jedoch auch nur im Geringsten irgend etwas gegen die kontinuierliche Hinrichtung deiner einzigartigen Träume tun zu können... Chaos, Zerstörung, Verwüstung und brutaler Vandalismus;
egal, wohin du schaust! Eine tiefe, unermeßliche Traurigkeit, die selbst jene aus deiner ersten Erdennacht noch in den Schatten stellt, überkommt
dich. Dir wird klar, daß dein Reich jetzt, da die Menschen es gefunden und offenbar zu ihrem Eigentum erklärt haben,
endgültig dem Untergang geweiht ist; im Grunde genommen bleibt nur noch eine einzige Möglichkeit, welche es dir erlaubt, sowohl deine eigene Ehre als auch die deines Werkes zu wahren: Eigenständig das Finale einläuten und deine Stadt letztlich
selbst zerstören, damit all diesen Leuten zumindest nicht der Triumph vergönnt ist, wenigstens für kurze Zeit vollkommen Herr über dich und deine Schöpfung gewesen zu sein...
Feierlich trittst du einen Schritt zurück, zögerst unsicher; dann plötzlich springst du entschlossen, gellend aufschreiend und mit stolz erhobenem Kopf, gegen irgendein Glasobjekt, das sofort zerbricht... Barfuß stampfst du auf den
Scherben herum und nimmst den Schmerz kaum wahr. Bereits im nächsten Moment wirfst du dich auf eine weitere Figur; scharf bohren sich ihre Splitter in deine Haut; und gemeinsam stürzt ihr in einer gigantischen Fontäne von aufsprühendem
Kristall zu Boden... Auf diese Weise zerstörst du in einem wilden, sakralen, orgastischen Rausch die gesamte Stadt; ungeachtet der Tatsache, daß dein Körper schon bald von Wunden bedeckt ist - du rast, tobst, schwankst, stolperst, sinkst
blutüberströmt auf die Erde, wälzt dich wie in qualvollen Krämpfen umher, richtest dich trotzdem wieder auf, torkelst weiter, schlägst blindlings um dich, fällst
erneut... Du hörst nichts mehr als das Prasseln,
Krachen und Knirschen des berstenden
Glases.
Irgendwann bist du derart geschwächt, daß es dir nicht mehr gelingt, dich zu erheben. Die Umgebung verschwimmt vor deinen trüben Augen; allmählich lösen sich auch ihre schemenhaften Konturen in wallenden, farblosen, nebelähnlichen Schleiern
und Schwaden ganz auf und kurz darauf fallen dir die Lider endgültig zu. Ergeben bleibst du gleich einer ausrangierten Puppe liegen. Alles ist dir egal. Vier Leute heben deinen zerschundenen Körper auf und tragen ihn davon, fort aus deiner
Heimat, hinab in Richtung jener tristen Siedlung unten am Berghang... Der Rest der Gruppe schreitet schweigend hinterher. Niemand von ihnen wäre jetzt noch in der Lage, zu erklären, was überhaupt geschehen
ist. Ganz kurz kehrst du ein letztes Mal in die menschliche Welt zurück; du öffnest matt die Augen, bewegst die spröden Lippen und flüsterst tonlos: "Mein gesamtes Dasein war
bisher nichts als ein großer, unheilvoller Schlaf... Ein Schlaf, der immer wieder von entsetzlichen Albträumen heimgesucht wurde... Doch bitte, bitte, ich flehe euch aus tiefster
Seele an; weckt mich nicht, denn ich fürchte mich so sehr vor einer Wirklichkeit, die sich möglicherweise als noch viel grausamer und schrecklicher erweisen könnte..." Dann wird dein Geist endgültig fortgezogen und gleitet hinüber in
den nächsten
Traum:
Dir ist, als habe man dich in eine fremde, unbekannte Welt gestoßen
...
Währenddessen beginnt es zu regnen; anfangs sanft und dann immer heftiger. Die plätschernden Tropfen sind dein Epitaph; und strömendes Wasser schwemmt Schlamm und Erde mit sich und spült jene Masse über die kümmerlichen Reste deiner Stadt, bis schließlich nichts mehr von ihr zu sehen ist.
