Winter- Epitaph
Verwirklichung: Bei dem zu entstehenden Kunstwerk handelt es sich um ein zwei Quadratkilometer großes herzförmiges Labyrinth aus Eis. Die einzelnen Gänge sollten eine Breite von ca 2 - 3 m und die Wände eine Höhe von ca 2m haben. Besuchern bietet sich die Möglichkeit, sich nach vorheriger Anmeldung in dieses Gebilde hineinzubegeben und so die totale Einsamkeit und Ausweglosigkeit sowie das Ausgeliefert-Sein an Kälte und Frost zu erleben. Auch die zufälligen Begegnungen mit anderen Menschen werden in solch einer Situation nicht mehr als selbstverständlich angenommen, sondern erhalten eine ganz neue Dimension! Aus diesem Grund sollte das Labyrinth äußerst unübersichtlich konzipiert sein; es ist kaum möglich, eigenständig hinaus zu finden. Es gibt keine Führungen, jeder ist zunächst völlig auf sich alleine gestellt! Darüber hinaus befinden sich direkt neben dem Kunstwerk hohe Türme; weniger wagemutige Interessierte können von dort aus das imposante Gebilde aus der Vogelperspektive bestaunen.
Sicherheitsvorkehrungen:
Selbstverständlich dürfen die Besucher nur um der hehren Kunst willen keinesfalls an Leib, Leben und Seelenheil gefährdet werden! Gerade in solch einer extremen psychischen Belastung, wie sie durch den Aufenthalt in jenem oben beschriebenen
Irrgarten hervorgerufen wird, sollte jedoch mit allem gerechnet werden, und ein verantwortungsbewußter Veranstalter wird gewisse Vorsichtsmaßnahmen als unvermeidlich ansehen. Als solche würde ich
vorschlagen:
a) Es muß grundsätzlich ein Team aus Mitarbeitern bereitstehen, welche sich im Innern des Labyrinths perfekt auskennen und darüber hinaus über die nötigen technischen Navigationsgeräte
verfügen. b) Jeder Teilnehmer erhält ein
Funkgerät oder Handy (vielleicht hat ja Nokia Interesse daran, dieses Projekt zu sponsern!), über das man seinen genauen Standort ermitteln kann. Sobald er das Gefühl hat, das Labyrinth verlassen zu wollen oder auf irgendeine Weise der
Situation nicht mehr gewachsen zu sein, vermag er sich damit an oben genanntes Mitarbeiter-Team zu wenden. Von dort aus ist ihm unverzüglich ein Helfer zu senden, der ihn auf dem schnellsten Weg nach draußen
geleitet. c)Darüber hinaus erachte ich es als unumgänglich, daß jene Mitarbeiter regelmäßig mit den Teilnehmern in Kontakt treten und sich von deren
Wohlergehen überzeugen. Hierzu würde ich einen halbstündlich erfolgenden Anruf vorschlagen. Sollte ein Teilnehmer darauf nicht reagieren, muß augenblicklich seine Position ermittelt und ein Helfer zu ihm gesandt werden!
Interpretationen:
a) Der psychologische
Aspekt:
Der unheilvolle Irrgarten vermag interpretiert zu werden als das Wesen eines/ einer stolzen, unnahbaren Geliebten, der/ die - im wahrsten Sinne des Wortes - ein “Herz aus Eis” besitzt. Man fühlt
sich gefangen im unergründlichen, Qualen bereitenden Verhalten dieser Person und in der Liebe zu ihr, die doch nur mit Kälte und trostloser Gleichgültigkeit entgegnet wird; man sehnt sich nach einem Ausweg aus dieser fatalen, ins
Verderben führenden Situation... Dieser ist möglich durch die “Rettung” durch einen jener Helfer, d.h. durch die Begegnung mit einem anderen, “warmherzigen” Menschen. Diese Begegnung kann symbolisch stehen für eine Loslösung
von jenem/ jener Geliebten, die den “Gefangenen” allmählich zugrunde richtet und eine Hinwendung in Richtung freundlicher gesinnter Menschen; man kann sie jedoch auch begreifen als einen Sinneswandel des/ der Geliebten, welcher diese Person
nun nicht mehr wie ein überwältigendes Abstraktum, sondern wie einen realen Menschen erscheinen
läßt.
b) Der sozialkritische Aspekt:
Des weiteren spiegelt dieses Projekt die Lebenssituation des modernen Menschen in unserer heutigen Gesellschaft wider.
Hier ist Dasein kaum noch geprägt durch persönliche Kontakte, sondern vorrangig durch ein starres, “kaltes”, labyrinthhaftes Geflecht aus formell festgelegten Sozialstrukturen. Der Einzelne fühlt sich hier winzig, unbedeutend,
unverstanden, verloren, möglicherweise sogar bedroht. Erst das Zusammentreffen mit anderen Menschen macht es ihm möglich, einen Ausweg zu finden und diesem System
persönliche Werte, Normen und Beziehungen entgegenzusetzen.
c) Der ethnologische Aspekt:
Zu jeder Zeit und in jedem Volk hat es Initiationsriten gegeben; hierzu gehörten beispielsweise die erste Jagd, die erste Teilnahme an einem bestimmten Zeremoniell, das Durchleben einer Zeit voll Entbehrungen, der erste Gebrauch
bewußtseinsverändernder Rauschmittel u.ä. Dieses Bedürfnis nach sogenannten “Übergangsritualen” besteht bis in unsere heutige Zeit fort und äußert sich zum einen in “offiziellen”, oft sogar religiösen Bräuchen (z.B. Firmung/
Konfirmation/ Jugendweihe), zum anderen jedoch auch in gerade jugendtypischen Wertschätzungen (“erwachsen” ist, wer den Führerschein gemacht/ geraucht/ eine Nacht durchgefeiert/ bestimmte sexuelle Erfahrungen gemacht hat) oder den gelegentlich
sogar kriminellen “Mutproben” bestimmter Banden (U-Bahn-Surfen/ die erste Prügelei/ Kaufhausdiebstahl/ “Schlammtaufe” bei den
Bikern).
Fast allen Initiationsriten, so unterschiedlich sie auf den ersten Blick auch scheinen mögen, ist gemeinsam,
daß
a) sie bestimmte physische und psychische Fähigkeiten (Mut, Stärke, Durchhaltevermögen,...)
erfordern
b) das Individuum in einer Extremsituation auf sich alleine gestellt wird c) anschließend eine Versicherung des Rückhalts durch die Gruppe erfolgt All dies ist auch bei meinem Projekt der Fall; man könnte also sagen, auf
diese Weise wird ein archaisches Initiationsritual simuliert, welches für die Teilnehmer sicherlich ein bedeutsames Ereignis darstellt!

