~ ° ~ * ~ ° ~ 20. Oktober ~ ° ~ * ~ ° ~
~ Nadine Kühleborn ~ Es war
Freitag Vormittags, kurz vor elf, und Nadine hatte gerade Ikarus von der Koppel geholt und in der Stallgasse angebunden. Spielerisch stubste Ikarus mit seinen samtigen Nüstern gegen Nadines Arm, als sie begann, ihn mit Striegel und Kardätsche
zu säubern. Nadine tätschelte lächelnd seinen Hals, presste kurz ihr Gesicht in sein Fell und atmete seinen herben, erdigen Geruch ein. Es tat gut, hier zu sein, an diesem friedvollen Ort, wo niemand danach trachtete, sie zu kränken und zu
verletzen und wo selbst die inneren Dämonen ihrer Angst sich meist ganz zurückzogen, anstatt Nadine mit wirren Bildern und Gedanken zu peinigen und mit ihren scharfen Krallen an Nadines Verstand zu kratzen... Ja, überlegte Nadine, es war eine
weise Entscheidung gewesen, zu Hof Vineto zu fahren, statt eine Doppelstunde Chemie über sich ergehen zu lassen, insbesondere, da Miras Date gestern offenbar nicht allzu glücklich verlaufen war und Mira sich nun in einer dementsprechend
aggressiven Stimmung befand und jede Gelegenheit nutzte, Nadine zu piesacken. Später kauerte Nadine in den Thule-Weiden neben der Ruine des ausgebrannten Gartenhauses. Irgendwo in der Ferne heulte eine Feueralarm-Sirene. Nadines Wangen glühten, und ihr Herz raste vor Aufregung. Die Bemerkungen von Frau
Berthald bohrten sich wie Messer in ihre Gedanken. Nadine verbarg das Gesicht in den Händen. Es war ihr gleichgültig, dass die Spaziergängerin mit dem kolibribunten Rock, der fransenbestzten Jacke, dem lila Halstuch aus Atlasseide und den
klirrenden Armreifen sie sah. Nadine musste unbedingt wieder zur Ruhe kommen, ehe sie in die Bahn nach Nordache stieg. In ohnmächtiger Wut krallte sie die Fingernägel in ihre Handflächen und biß sich auf die Unterlippe. Eigentlich hatte Nadine
heute wenigstens bis Kornweiler reiten wollen, wenn sie schon keine Cavaletti-Übungen in der Halle machen konnte, aber als sie merkte, wie nervös und unkonzentriert sie war, hatte sie sich anders entschieden und war schon nach einer halben
Stunde wieder umgekehrt und hatte Ikarus zurück auf die Weide gebracht. Wahrscheinlich würde sowieso auch Esther nachher noch reiten wollen. Zur Belohnung hatte Nadine Ikarus einen halben Apfel gereicht, und dankbar hatte Ikarus sie
beschnobert und dabei schaumige Speichelfetzen auf ihrem schwarzen Shirt verteilt, ehe er mit anmutigen Sprüngen über die Koppel dahinfegte und sich schließlich zu den übrigen Pferden gesellte, die dort grasten. * ° *
Kurz darauf vernahm Nadine das Klappern von Hufen. Sie wandte sich um und sah, wie Frau Berthald gerade ihre zierliche Achal-Tekkiner-Stute Loreley aus der Box
führte. Ikarus drehte Loreley mürrisch das Hinterteil zu und legte die Ohren an. Scheu wich Loreley zurück.
„Heee hooo, ruhig, mein Junge“ versuchte Nadine, Ikarus zu besänftigen, aber ihre Stimme klang zaghaft, irgendwie hohl, und
tatsächlich kümmerte Ikarus sich nicht im Geringsten darum, sondern hob noch zusätzlich drohend einen Hinterhuf. Nadine hörte, wie Frau Berthald leise vor sich hinmurmelte: „Was für ein furchtbares Pony! Genauso ungezogen wie seine
Besitzerin!“ während sie ihre Bemühungen, die heftig widerstrebende Loreley an Ikarus vorbeizuführen, aufgab und stattdessen die Stute direkt an ihrer Box anband. Die ganze Situation war Nadine entsetzlich peinlich, und wieder einmal fragte
sie sich, weshalb sie nur oft derart unsicher und verlegen reagierte, sobald andere Menschen anwesend waren. Wenn sie alleine mit Ikarus war, klappte meist alles hervorragend, aber kaum kam irgendwer hinzu, fühlte sie sich meistens ängstlich
und nervös, und Ikarus nutze das natürlich schamlos aus!
„Du gehst doch hoffentlich nicht in die Halle mit dem Pony, oder?!“ fragte Frau Berthald verdrießlich. Ihre fleckenlose marineblaue Reitweste passte perfekt zu der etwas dunkleren
Reithose mit Ganzlederbesatz, und ihre dauergewellten Haare waren von hellblonden Highlights durchzogen.
„Ich wollte... Eigentlich... Also, an sich dachte ich schon, ich könnte dort mit Ikarus Cavaletti-Übungen machen,“ stammelte Nadine. Frau Berthald verdrehte genervt die Augen. „Na
großartig! Da komme ich extra Vormittags her, damit ich garantiert die Reithalle für mich alleine habe und in Ruhe für den Inselberg-Pokal trainieren kann – aber anscheinend ist es hier grundsätzlich nicht möglich, sich ungestört auf wichtige
Wettbewerbe vorzubereiten. Ich muss unbedingt mal mit Ruth sprechen, damit sie da eine Lösung findet.“
„Schon O.K., ich kann stattdessen auch ausreiten,“ murmelte Nadine. Sie wusste, dass das ein feiger, unnötiger Rückzug war, schließlich
hatte Ruth selbst immer wieder betont, niemand hätte ein Vorrecht zur Hallenbenutzung, auch nicht die Besitzer von Turnierpferden, und wenn mehrere Personen gleichzeitig dort reiten wollten, müssten eben alle aufeinander Rücksicht nehmen, aber
Nadine hatte keine Lust auf zermürbende Diskussionen. Auseinandersetzungen jeglicher Art waren ihr seit jeher zuwider. Sie wollte bloß ihre Ruhe haben, das war alles. Für einen kurzen Moment kam ihr in den Sinn, wie selbstbewusst und souverän
Richie stets auftrat, wenn es darum ging, sich für ihre Rechte einzusetzen und zu kämpfen, und sie wusste genau, Richie würde sich in Grund und Boden schämen, ihre eigene Tochter so unbeholfen, schüchtern und nachgiebig zu sehen; doch Nadine
hatte keine Zeit, weiter darüber nachzudenken, denn die beiden Pferde waren noch immer unruhig. Ikarus bleckte jetzt die Zähne in Loreleys Richtung und Loreley schlug unruhig mit dem Schweif und trippelte so weit zurück, wie das Seil es nur
zuließ. Frau Berthald, die gerade beginnen wollte, einige Strohhalme von Loreleys Bauch zu zupfen, konnte nur noch rasch zur Seite springen, ansonsten wäre das Pferd ihr direkt auf den Fuß getreten. Das machte sie offenbar erst recht wütend.
„Übrigens, müsstest du nicht eigentlich um diese Zeit in der Schule sein?“ erkundigte sie sich bei Nadine, scheinbar beiläufig, doch ihre Augen funkelten hintersinnig, während sie fortfuhr: „Und jetzt sag bloß nicht wieder, dass du Freistunden
hast, weil bei euch zur Zeit die Grippe grassiert und deswegen sämtliche Lehrer ausfallen – diese Geschichte hast du nämlich oft genug erzählt. Ich wette, du machst mal wieder blau!“ Nadine war zu fassungslos, um irgend etwas zu entgegenen,
doch Frau Berthald erwartete auch offenbar gar keine Antwort, sondern setzte mit gezielter Boshaftigkeit noch eins drauf: „Ich verstehe echt nicht, wie Ruth so etwas tolerieren kann! Erst kürzlich habe ich mich noch mit Frau Berg darüber
unterhalten, und wirklich, wir sind beide entsetzt! Inzwischen wissen doch alle, dass du ständig die Schule schwänzt, nur um hier herumzuhängen.“ Frau Berthald ereiferte sich immer mehr: „Schließlich gehen all die Eltern, die ihre Kinder für
Reitstunden auf Hof Vineto angemeldet haben, davon aus, dass Reiten ein gesundes und sinnvolles Hobby ist, das viel Disziplin erfordert und ihre Kinder so davon abhält, in der Freizeit bloß herumzugammeln. Aber wenn sich herumspricht, dass
hier Jugendliche regelrecht darin unterstützt werden, Schulstunden ausfallen zu lassen, um sich stattdessen bei den Pferden rumzutreiben – dann kann Ruth ihren Hof bald dichtmachen!“
Nadine zitterte. Sie hatte genug gehört. Mit fahrigen
Bewegungen streifte sie Ikarus das Zaumzeug über, legte ihm den Sattel auf und löste sein Halfter, um ihn hinauszuführen. Höhnisch grinste Frau Berthald ihr zu: „Aber was rede ich?! – Ich will mich da nicht einmischen. Letztendlich ist es
Ruths Entscheidung, wenn sie so die Zukunft von Hof Vineto aufs Spiel setzt. Und da sie und deine Eltern es offenbar in Ordnung finden, dass du dauernd bei Esthers komischem Pony herumlungerst, geht mich die ganze Sache nichts an!“.
Ach was,
redete Nadine sich selbst tröstend zu, so wichtig bist du nun wirklich nicht, dass die Berthald und die Berg sich stundenlang über dich auslassen und dabei in ihrer gemeinsamen Empörung über dein ungehöriges Verhalten suhlen; die Berthald
war einfach sauer, weil ihr teures, kostbares Turnierpferd so selbstverständlich vor Ikarus gekuscht hat. Jetzt hat sie bestimmt schon wieder alles vergessen, und sie wird auch garantiert nicht mit Ruth darüber sprechen...
Doch die
unangenehmen Gedanken liessen sich nicht so einfach abschütteln. Angenommen, Ruth würde tatsächlich irgendwann auf die Idee kommen, es sei rufschädigend für Hof Vineto, dass Nadine so offensichtlich ihre Schulvormittage hier verbrachte – was
dann? Wo konnte Nadine ansonsten noch hingehen? War Ikarus nicht ihr einziger Rettungsanker, ihr letzter Leuchtturm in jenem Ozean des Grauens, das ihren Alltag beherrschte? Wie sollte sie weiterhin den wirren, widersinnigen Reigen des Wahns
mittanzen können, ohne zwischendurch auf Hof Vineto Zuflucht zu suchen? Was sollte sie tun, wo sollte sie sich verstecken, wenn die Grausamkeit ihr gegenüber wieder einmal unerträglich wurde?
Schließlich erhob Nadine sich und ging zur
Straßenbahn, nach außen hin ruhig, höflich und gelassen wie immer. Niemand würde ihr ansehen, welch immense Verzweiflung in ihr loderte und brannte...
~ Sylvia Vrikschat-Höhlerien ~ Sylvia hastete durch die Thule-Weiden, zwischen
verwilderten Rübenfeldern und Apfelplantagen hindurch, vorbei an dem umgeworfenen, verrotteten Kutschwagen, und sie war so in Gedanken versunken, dass sie selbst das leichenblasse junge Mädchen mit Augen wie Katakomben, das trotz des warmen,
sonnigen Wetters ein langärmeliges schwarzes Hemd trug und das neben der Ruine des ausgebrannten Gartenhauses auf dem Boden kauerte, bloß flüchtig wahrnahm. In der Ferne jaulte eine Feueralarm-Sirene. ... Und dann hatte Susanna an Sylvias fleckigem, schäbigen Küchentisch gesessen, in einem
korallenroten Hosenanzug mit farblich exakt passender Jacke, und sie hatte an ihrem Birne-Feigen-Tee genippt und in dieser Umgebung irgendwie ausgesprochen fehl am Platz gewirkt, wie Sylvia zugeben musste. Mit einem Mal schämte Sylvia sich für
den selbstgenähten Patchwork-Rock, den sie trug, für die nicht zueinander passenden Tassen und Teller, die sie auf dem Flohmarkt ergattert hatte, für den hässlichen Linoleum-Fußboden und für die Nachbarn, die sich nebenan schon die ganze Zeit
über deutlich hörbar mit alkoholgeschwängerten Stimmen als Scheißwixer, miese stinkende Fotze und Motherfucker beschimpften... Nein, so hatte Sylvia sich das Wiedersehen mit Susanna, die sie einst für eine gute
Freundin gehalten hatte, beileibe nicht vorgestellt. Geflissentlich ignorierte sie Susannas angeekelten Blick und lächelte freundlich: „Magst du vielleicht etwas Honig in deinen Tee, Liebes?“ Susanna lehnte dankend ab, schaute noch einmal aus
dem Fenster und schüttelte sich: „Meine Güte, das ist ja eine schaurige Gegend hier. Überall nur Stacheldraht, Betonwände, und dann dieser seltsame Parkplatz... Mich würde so eine Umgebung auf Dauer depressiv machen.“ Gleich am nächsten Nachmittag, also gestern, war Sylvia dann zu „Lilith“ gegangen
, diesem alternativen Frauenbuchladen-Projekt, dessen Flyer sie neulich im Demeter-Biomarkt gesehen hatte. Sie freute sich darauf, hier vielleicht Gleichgesinnte zu treffen; starke, unabhängige Frauen, die sich nicht einfach so den
Zwängen und Rollenmustern der bürgerlichen Gesellschaft unterwerfen wollten und die bereit waren, mutig für ihre Ideale zu kämpfen, um ihre Träume von Freiheit, Selbstbestimmung und einer gerechteren Welt zu verwirklichen... Der Eingang lag
versteckt in einem Hinterhof. Im Inneren des Ladens war es dunkel und angenehm warm. An den Wänden hingen Plakate mit Slogans wie „Käfigvögel singen von der Freiheit – wilde Vögel fliegen“ oder
„Der Frosch, der im Brunnen sitzt, ahnt nichts von der Weite des Meeres“, und mittendrin gab es vereinzelt hangeschriebene Notizzettel, die besagten, dass jede Mitarbeiterin ihre Tassen selbst spülen, ab und zu mal den Müll rausbringen,
eigenständig die Regale auffüllen, bitte an der nächsten Vollversammlung teilnehmen und sich bei Fragen jeglicher Art an Ömmi oder Alice wenden solle. Es roch nach Räucherstäbchen und frisch aufgebrühtem Kaffe. Sylvia hatte das Gefühl, nicht
ein Geschäft, sondern eine private Wohnung betreten zu haben. Sie fühlte sich verunsichert und verwirrt. Hinter der Verkaufstheke saß eine schlanke junge Frau, wahrscheinlich knapp über zwanzig, mit zerrissenen Jeans, Nietengürtel und
stachelig vom Kopf abstehenden schwarzen Haaren. Lässig grinste sie Sylvia an: „Hi, bist du zum ersten Mal hier? Also, wenn du irgendwas wissen willst, frag ruhig... Ich bin übrigens Jule.“ Mit einem Mal kam Sylvia sich entsetzlich
bieder und langweilig vor. Verlegen hatte sie gemurmelt, nein Danke, sie suche nichts Bestimmtes, sie wolle sich bloß umschauen, und dann war sie aus Höflichkeit etwa zwei Minuten lang an den Regalen entlanggestreift und hatte einzelne Bücher
in die Hand genommen und ein paar Flyer eingesteckt, ohne ihre Umgebung überhaupt richtig wahrzunehmen, ihr Herz raste und in ihren Ohren brauste es, und ihre Lippen bebten, während sie schließlich den Laden wieder verließ. Die Frau an der
Theke hatte so unverschämt jung und selbstbewusst ausgesehen, und sie, Sylvia, war dagegen so schrecklich altmodisch in ihrer geblümten Bluse und der hellbraunen Leinenhose... Ja, wahrscheinlich lebten diese Jule und ihre Freundinnen in einer
ganz andern Welt als sie selbst; für solche Frauen war es eine Selbstverständlichkeit, alleine zu wohnen, unabhängig zu sein, sich vom jeweiligen Partner zu trennen, und für Sylvias Sorgen und Probleme würden sie bloß ein müdes Lächeln übrig
haben... Und nun hastete Sylvia also durch die Thule-Weiden, getrieben von ihrer eigenen Verzweiflung, während sie über die Ereignisse der letzten Tage nachdachte. Wieder einmal lag ein endloses, einsames Wochenende vor ihr, und
selbst die Hoffnung, dass irgendwann alles besser sein würde, hatte sich in Nichts aufgelöst... Denn jetzt wusste Sylvia ja, dass sie nirgendwo wirklich dazugehörte, dass sie eine Art „Halbwesen“ oder „Zwischenwesen“ war, das grundsätzlich
anders war und stets überall ein Außenseiter sein würde; wie eine Nixe vielleicht, die weder Mensch, noch Fisch ist... Wozu also sich weiter bemühen, wozu noch kämpfen, wenn sowieso alles vergeblich ist? (...)
Die Welt war einfach so verflixt
unfair, schoß es durch Sylvias Kopf. Nachdem sie heldenhaft den Entschluss gefasst hatte, zumindest etwas Zeit verstrichen zu lassen, ehe sie erneut bei Hermann anrufen wollte, hatte sie sich solche Mühe gegeben, sich ihrer Situation
anzupassen... Noch immer empfand sie jeden neuen Tag als weitere Mutprobe, noch immer rang sie Nacht für Nacht mit ihrem quälenden Verlangen, wenn die bittersüßen Erinneruingen an ihr Herz rührten, noch immer wurde sie zwischendurch abrupt von
dem Gefühl angesprungen, im freien Fall in einen Abgrund der Leere und Einsamkeit zu stürzen; aber nichtsdestotrotz war es ihr gelungen, die allgegenwärtige, alles beherrschende Lethargie zu überwinden, und Sylvia war ungeheuer stolz darauf!
Sie hatte inzwischen Topfpflanzen gekauft, und Kunstdrucke mit Bildern von Klimt und Mucha, um damit ihrer trostlosen Wohnung etwas mehr Charme zu verleihen; und vergangenen Montag hatte sie es sogar gewagt, einen Flohmarkt zu besuchen, ohne
gleich wieder die Flucht vor all den chronisch heiteren, gutgelaunten, selbstzufriedenen Menschen zu ergreifen, und sie hatte die Gelegenheit genutzt, um sich endlich Geschirr zuzulegen, Tassen und Teller, so vielfältig und bunt
zusammengewürfelt wie eine Herde Zigeunerponys, und außerdem hatte sie noch einen Bettüberwurf aus schwarzem Samt erstanden, und einen siebenarmigen Kerzenleuchter aus Silber, der nun auf ihrem Küchentisch stand, und zu guter Letzt hatte
sie sich sogar noch ein schweres Armband aus Türkisen und Obsidianen geleistet... Ja, endlich war es ihr gelungen, sich in ihrem neuen Leben behaglich einzurichten. Das Einzige, was jetzt noch fehlte, fand Sylvia, waren Freunde, die diese Welt
zumindest ansatzweise mit ihr teilen würden. Deswegen hatte sie schließlich ihre Scheu überwunden und bei Susanna angerufen. Susanna war die Frau eines Arbeitskollegen von Manfred, und sie und Sylvia hatten sich regelmäßig gegenseitig besucht.
Zunächst hatte Susanna etwas überrascht gewirkt, als Sylvia sich am Telefon meldete, aber ihr Erstaunen schlug sogleich in überschwängliche Euphorie um: „Mensch, Sylvia, Süße, du glaubst ja gar nicht, wie schrecklich ich dich vermisst habe! Wo
hast du bloß die ganze Zeit über gesteckt?“ Es kam Sylvia in diesem Moment nicht in den Sinn, dass es für Susanna doch im Grunde genommen gar nicht so schwierig gewesen wäre, ihre neue Adresse herauszufinden, wenn die Sehnsucht tatsächlich so
groß war. Sie freute sich lediglich über die herzliche Anteilnahme und verabredete sich gleich für Mittwoch Nachmittag mit Susanna...
„Na ja, man gewöhnt
sich dran,“ antwortete Sylvia und stellte überrascht fest, dass diese Floskel offenbar tatsächlich auf sie zutraf: Natürlich, die Kasernenstrasse entsprach immer noch nicht ihrem Traum von „schöner Wohnen“, aber das heillose Entsetzen,
welches die Weststadt ihr anfangs noch eingeflösst hatte, war inzwischen verflogen. Jetzt akzeptierte sie die schmutzigen Strassen, die heruntergekommenen Gebäude, die überquellenden Mülleimer und die ziellos herumlungernden Gestalten mit
Bierdosen und Armeekleidung einfach als eine unvermeidbare, nicht mehr von ihrem Alltag zu trennende Banalität. Ja, auch wenn sie sich noch immer nach ihrem Haus in Kornweiler mit dem großen, gepflegten Garten zurücksehnte, so begann sie
offenbar allmählich doch, sich hier heimisch zu fühlen, ohne dass sie sich dessen bisher wirklich bewusst gewesen war, und mit einem Mal fühlte sie sich sehr stolz und verwegen. Nur zu gerne hätte sie Susanna an dieser Beobachtung teilhaben
lassen, aber sie ahnte, dass Susanna dies nicht verstehen konnte... Für Susanna war die Welt so klar strukturiert; mit einem ordentlichen, fürsorglichen Mann verheiratet zu sein, in einem hübschen Haus in einem gediegenen Vorort zu wohnen und
sich einen Zweitwagen und ein Mal im Jahr einen luxuriösen Urlaub in einem fernen, exotischen Land leisten zu können – das war für sie das größte Glück, ganz einfach, weil es das war, wonach so ziemlich alle Frauen strebten, die sie kannte;
und solch einen sorglosen, unbeschwerten Alltag aufgeben zu müssen, stellte somit logischerweise ein großes Unglück dar... Diese Weltsicht war für Susanna eine nicht zu hinterfragende Selbstverständlichkeit. Sylvia wunderte sich, dass sie
bisher noch nie bemerkt hatte, wie engstirnig und borniert Susanna war.
Susanna unterbrach ihre Gedanken: „Aber sag mal, ganz unter uns – was genau war denn nun der Grund, dass du dich von Hermann getrennt hast?“
„Er ist mir fremd
geworden,“ erklärte Sylvia. „Ich glaube, wir haben uns einfach verändert, sowohl Hermann als auch ich, und plötzlich gab es nichts Verbindendes mehr zwischen uns, unsere Liebe war abgestorben, wir hatten uns im Grunde genommen nichts mehr zu
sagen, und deswegen hat das Zusammenleben mit ihm mich einfach gelangweilt.“ Sie lachte verlegen, und gleichzeitig konnte sie an Susannas leerem, verständnislosem Blick erkennen, dass diese nicht im Geringsten begriff, wovon Sylvia sprach. Ja,
für Susanna war es wohl ganz normal, sich in irgendwann in einen routinehaften Alltag zu fügen, einstige Träume als Nichtigkeiten abzutun, ihre Gefühle so zu beschneiden und zurechtzustutzen, wie sie es mit den Sträuchern in ihrem Garten tat,
Wut und Zorn zu „leichten Verstimmungen“ zu degradieren und Lethargie und freudloses Abgestumpft-Sein als „geruhsames Leben“
zu bezeichnen, die eigenen Ideale der sogenannten „Vernunft“ zu opfern; und Sylvia wusste nicht, ob sie Susanna deswegen beneiden oder bemitleiden sollte...
Susanna wechselte rasch das Thema und plapperte drauflos, über ein neues
Cocktailkleid, das sie sich kürzlich hatte nähen lassen, über ihre Schwester, die sie an Weihnachten besuchen würde, über ein Zierrosenbeet, das sie angelegt hatte und darüber, dass sie immer noch nicht wußte, was sie ihrem Gatten nächste
Woche zum Geburtstag schenken könnte... Rund und perfekt geschliffen wie Perlen quollen die Worte aus ihrem Mund, reihten sich aneinander zu einer Kette aus freundlichen, wohlmeinenden Belanglosigkeiten und übertönten so das Ticken der Uhr.
Sylvia wurde schläfrig, und während sie Susannas seichte Plaudereien an sich vorbeiziehen ließ, fragte sie sich, worüber sie wohl früher miteinander gesprochen hatten, stundenlang, bei selbstgebackenem Apfelkuchen und einem heimlichen Glas
Sekt, während ihre Ehemänner arbeiteten, aber ihr fiel keine Antwort ein. Wahrscheinlich war es nichts besonders Wichtiges gewesen; nichts, was sie tief im Inneren zu berühren vermocht hatte... Sie wunderte sich, wie sie bloß dazu gekommen
war, diese fremde Frau einst als „Freundin“ zu bezeichnen.
Schließlich erhob Susanna sich: „Sorry, Liebes, aber ich muss jetzt gehen...“ Sie umarmte Sylvia flüchtig, hauchte ihr einen Kuss auf die Wange, und Sylvia fiel auf, dass Susanna
ebenfalls bedrückt aussah. Gedankenverloren setzte Sylvia das Wasser für einen neuen Birne-Feigen-Tee auf und fragte sich währenddessen, ob Susanna wohl traurig war, weil auch sie die Entfremdung zwischen ihnen gespürt hatte, oder ob sie bloß
enttäuscht war, dass Sylvia keine pikanten Details über die Trennung von Hermann berichtet hatte. Aber zumindest, dachte Sylvia zufrieden, zumindest vermochte sie nun dank Susannas Besuch endlich das Alleine-Sein nicht mehr als Qual, sondern
als Erleichterung zu empfinden. Und jetzt wurde es verdammt noch mal Zeit, dass sie Menschen kennen lernte, die ihr irgendwie ähnlich waren!



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