Ein dünner, gläsern wirkender Abend am menschenleeren Strand.Machtvoll steht das strahlende, vielarmige Kreuz der Sonne am Himmel und taucht alles in sein glühendes Licht. Allein der allmählich länger werdende Schatten eines verdorrten Baumes in den Dünen zeigt an, dass sich der Tag dem Ende zuneigt. Möwen schreien klagend.
Eine von vier schnaubenden, schweißglänzenden Pferden gezogene Droschke naht.
Das Antlitz des Kutschers verdeckt eine Maske aus gleißenden, funkelnden Pailletten. Es gelingt ihm nur mühsam, die ungestümen, heftig vorwärts drängenden Rösser zu bändigen. Unter dem rastlosen Stampfen ihrer Hufe erbebt der Boden, dennoch ist kein einziger Laut zu hören. Sanft weht der schwere, obsidiandunkle Stoff, mit dem die Fenster der Droschke verhängt sind, im Fahrtwind.
Das Meer braust und tost. Riesige Wellen wölben sich unentwegt auf, verharren für einen winzigen Augenblick wie monströse Statuen  in ihrem Zenit, stürzen dann donnernd nach vorne und schlagen strudelnd und sprühend auf den Sand.
In der Ferne bellt heiser ein Hund. Aus einem Restaurant oben auf der asphaltierten Seepromenade wehen unverständliche Gesprächsfetzen herüber. Es riecht nach Fischen, Teer und getrockneten Algen. Inzwischen hat der Himmel eine rötliche Tönung angenommen und wirkt wie mit Blut benetzt.
Ganz kurz lüftet sich der samtene Vorhang, und aus dem Fenster der Droschke schaut ein uraltes, von Falten durchzogenes Gesicht mit hellblauen Augen. Über der Nasenwurzel ist ein winziger Dreizack eingraviert.
Ein Nicken. Der Kutscher zügelt die Pferde, steigt von seinem Sitz herab und schirrt die beiden vorderen Tiere aus. Langsam führt er sie in die schäumende Brandung. Brodelndes Wasser umspült die Fesselgelenke der sich sträubenden Tiere. Wellen lecken wie die Zungen lüsterner Dämonen genüsslich an ihren Beinen entlang. Das dahinschwindende Sonnenlicht zeichnet runengleiche Muster auf ihre muskulösen, angespannten Körper.
Immer tiefer schreitet der Kutscher ins Meer. Schließlich lässt er die Zügel los und zieht stattdessen eine lange Peitsche unter seiner Kutte hervor. Nach und nach treibt er die zögernden, immer wieder zurückweichenden Pferde weiter in Richtung der tiefen See. Mit ängstlich rollenden Augen und weit geblähten Nüstern gehorchen die Tiere, bahnen sich durch die strudelnden, wirbelnden Wassermassen ihren Weg und beginnen dann zu schwimmen. Krampfhaft recken sie ihre Köpfe gen Himmel, schnaufend, prustend, während das azurne Wasser ihre bebenden Körper umschließt. Wie erschlaffte Schwingen gleiten Mähne und Schweif über die Meeresoberfläche und tanzen im Rhythmus der Wogen leicht auf und ab.
Die Peitsche knallt.
Plötzlich bäumt sich eine mächtige Welle vor den erschrockenen Pferden auf, wirft sich über sie und drückt sie nach unten. Panisch kämpfen sie dagegen an; strampeln, treten, schnauben, schlucken Wasser; schaffen es schließlich unter qualvollen Anstrengungen, ihre Köpfe emporzurecken und schnappen verzweifelt nach Luft. Die Strömung zieht sie immer weiter fort vom Strand, ohne dass sie sich dagegen zu wehren vermögen, und schon donnern die nächsten Wogen heran, schlagen über ihren Köpfen zusammen und pressen sie gewaltsam unter Wasser. Noch ein letztes Mal versuchen die beiden Pferde, sich aufzulehnen. Mit dahinschwindenden Kräften stemmen sie sich gegen die brausenden Wogen. Schließlich erlahmt ihr Mut, sie geben den verzweifelten Kampf auf und gleiten reglos hinab in das dunkle, strömende Reich der Quallen, Medusen und Korallenpaläste...
Sorgfältig bedeckt das Wasser ihre schlaffen Körper, und schon kurz darauf wirkt die Meeresoberfläche wieder vollkommen glatt und unberührt.

Inzwischen ist leise die Nacht herbeigekrochen und das Firmament hat sich tintenschwarz verfärbt. Eine schmale Mondsichel sendet ihre blassen, gleichgültigen Strahlen über den Strand. Die auf den Sand gespülten Algen wirken in diesem Licht weich wie das Haar Anadyominaes. Durch die kargen, dürren Dünengräser saust hexenhaft kichernd der Wind.
Wieder schlägt der Hund an, doch diesmal geht sein Bellen über in ein wolfsähnliches Geheul.
Oben auf der Promenade lacht irgend jemand schrill und kreischend.
Der Kutscher kehrt mit nasser Kutte zu seinem Gefährt zurück, nimmt erneut auf dem Kutschbock Platz und treibt mit einem Zungenschnalzen die beiden übriggebliebenen Pferde an.
Lautlos setzt die Droschke ihren Weg gen Westen fort, ohne auf dem weichen, nachgiebigen Sandboden auch nur die geringste Spur zu hinterlassen
.

  Äquinox

Ich freue mich über Kritik, Verbeserungsvorschläge oder natürlich gerne auch mal ein Lob...