Ohne jemals darum gebeten zu haben, wurdest du in eine fremde, kalte Welt geworfen. Gleich zu Beginn erweist sich deine neue Realität als grob, rücksichtslos und
dir offenbar feindlich oder zumindest auf grausame Weise gleichgültig gesinnt. Am nächsten Morgen lichtet sich der Nebel, und nun vermagst du deine
Umgebung deutlich zu sehen: du bist völlig alleine auf dem Gipfel eines riesigen Berges, in dessen Schatten sich - weit entfernt und von deiner Position aus klein wie Miniaturspielzeuge wirkend - eine Art Siedlung befindet. Bei diesem Anblick
fühlst du dich einsam und sehnst dich nach Zuneigung und Freundschaft, doch der Berghang fällt so steil ab, daß du es dir nicht zutraust, deinen Platz zu verlassen und hinunter zu steigen in das Reich jener anderen Gestalten, deshalb wartest
du einfach ab und hoffst nur im Stillen, irgendwer möge sich vielleicht zufällig in deine Nähe verirren, dich finden und sich bereit zeigen, dich mit nach Hause zu nehmen und dort mit den Regeln und Gesetzen seines Volkes vertraut zu machen.
Dein Imperium wächst. Eines Tages beobachtest du zufällig, wie in der Stadt der "echten" Menschen ein
mageres Pferd mit struppigem, verklebtem Fell und Druckstellen von zu eng geschnalltem Zaumzeug am Kopf aus seinem erbärmlichen Stall geführt, erschossen und ausgeweidet wird. Du bist begeistert! Von jetzt an sind deiner Phantasie keine Grenzen mehr
gesetzt; glücklich bevölkerst du deine sich stetig ausdehnende Stadt mit den merkwürdigsten Gebilden und Fabelwesen... Du bist ganz versunken in die Gestaltung einer eigenen, zauberhaften und geheimnisvollen Welt. Je
intensiver du dich in deine Schöpfung vertiefst und je mehr du dich ihrer sich stetig entfaltenden Magie hingibst, desto gleichgültiger wird dir die sogenannte Realität. Längst orientierst du dich nicht mehr an solch simplen, banalen Kriterien
wie "Echt beziehungsweise unecht wirkend"... Von derartigen Zwängen bist du absolut frei. Ästhetik ist dein einziges Gesetz. All dein Bestreben besteht jetzt darin, Schönes zu erschaffen. Irgendwann hast du die kleine,
armselige Siedlung unten am Berghang einfach vergessen. Mit der Zeit erstreckt sich deine
Stadt zu ungeheuren Ausmaßen. Wenn Mittags die Sonne im Zenit steht und ihre hellen Strahlen gebündelt auf all die unzähligen zusammengesetzten Kristallscherben treffen, scheint sich die gesamte Bergkuppe in ein einziges leuchtendes, wallendes
Flammenmeer buntem, gleißendem, wild und leidenschaftlich flackerndem Feuer zu verwandeln. Dieses Schauspiel ist so gigantisch, daß man es schon von weitem sehen kann. Die Bewohner der Siedlung unten am Hang müssen immer wieder, vom
gewaltigen, apollinischen Glanz geblendet, ihre Augen schließen und sind aus diesem Grund häufig sogar gezwungen, für einige Zeit ihre Arbeit niederzulegen. Jeder hat seine eigene Theorie. ... Es ist, als sei eine mächtige Axt über die Bürger der Stadt
hereingebrochen und habe mit einem Schlag die vereiste Oberfläche des gefrorenen Sees ihrer Seelen zerschmettert! Dieser utopische Zustand währt allerdings nur für kurze Zeit. Vier Leute heben deinen zerschundenen Körper auf und tragen ihn davon, fort aus deiner Heimat, hinab in Richtung jener tristen Siedlung unten am Berghang... Der Rest der Gruppe
schreitet schweigend hinterher. Niemand von ihnen wäre jetzt noch in der Lage, zu erklären, was überhaupt geschehen ist. Dann wird dein Geist endgültig fortgezogen und gleitet
hinüber in den nächsten
Traum:
Dir ist, als habe man dich in eine fremde, unbekannte Welt gestoßen
... Währenddessen beginnt es zu regnen; anfangs
sanft und dann immer heftiger. Die plätschernden Tropfen sind dein Epitaph; und strömendes Wasser schwemmt Schlamm und Erde mit sich und spült jene Masse über die kümmerlichen Reste deiner Stadt, bis schließlich nichts mehr von ihr zu sehen
ist.
Du hast keine Ahnung, wo du dich befindest. Finsternis umgibt dich. Unter dir wölbt sich die Oberfläche eines tristen Planeten, der dich nicht will, der
dich niemals aufgefordert hat, auf ihm zu leben und den es nicht im Geringsten kümmert, wie du dich fühlst...
Ein plumpes, klumpengleiches Gebilde aus Fleisch und Sehnen engt deine bisher freie Seele ein und zwängt sie in eine bestimmte
Gestalt. Deine Umgebung, von welcher du aufgrund jener dich umschließenden Masse getrennt bist, vermagst du lediglich durch einige vergleichsweise kleine Öffnungen in deinem "Hautmantel" wahrzunehmen. Noch weißt du nicht, daß man da,
wo du gelandet bist, dieses Objekt üblicherweise als "Körper" bezeichnet...
Pulsierendes Blut rauscht in deinen Ohren.
Bei jedem einzelnen Schritt schlägt dir von unten harter Boden gegen die empfindlichen Sohlen.
Sauerstoff dringt durch deine zitternd geblähten Nasenflügel in dein Inneres ein, erfüllt dich mit eisiger Luft, so daß du glaubst, im nächsten Moment platzen zu müssen, und zwingt dich dadurch zum regelmäßigen, rhythmischen, krampfähnlichen
Dehnen und Zusammenziehen der Lungenflügel... Atmen. Wabernde Nebelschwaden hüllen dich allmählich ein; verwehren dir die Sicht; legen sich dir um Kopf, Brust, Bauch und Beine; dämpfen das Geräusch deiner sich unsicher
vorwärts tastenden Füße...
Im Grunde genommen torkelst oder taumelst du eher, als daß du gehst.
Mit einem Mal fällt von oben ein winziges, weiches und dennoch erstaunlich kompaktes
"Etwas" auf dein gen Himmel gerichtetes Gesicht, zergeht dort langsam, reizt so deine Sinne und läßt das auf diese Weise entstandene Signal in Windeseile über straff gespannte, vibrierende Nervenbahnen durch deinen gesamten Körper
rasen wie über Schnellstraßen und Highways, bis all jene einzelnen Meldungen sich wieder im Zentrum deines Gehirns konzentrieren und dort unauslöschlich als "Erfahrung"
einprägen... Weitere, gleichgeartete Objekte folgen dem ersten.
Auch für dieses Phänomen gibt es einen eigenen Namen: Regen...
Dann huscht plötzlich ein dunkles, pelziges Wesen zwischen deinen Knöcheln hindurch. Vor Schreck strauchelst du und stürzt auf den harten, felsigen Grund: Deine erste direkte
Konfrontation mit dem Schmerz.
Mehrmals versuchst du behutsam, dich zu erheben; eine unsichtbare, gewaltige, beinahe magnetische Macht - die Schwerkraft - überwältigt dich jedoch immer wieder, reißt dich nach unten und
schleudert dich stets brutal auf die Erde zurück. Letztendlich entschließt du dich, diesen Kampf aufzugeben und nur noch auf allen Vieren weiterzukriechen.
Du wagst es nicht mehr, dich erneut aufzurichten.
Dein hilfloses, noch größtenteils aus unartikulierten Lauten bestehendes Schluchzen verhallt ungehört.
Holzsplitter bohren sich in deine Fingerkuppen, feuchte Zweige und dornige Ranken peitschen gegen deinen nackten Leib
und raue, spitze Steine schürfen dir mitleidlos die Haut von Händen und Knien ab. Um dieses entsetzliche Brennen zu lindern leckst Du sie ab und lernst jetzt fassungslos den Geschmack deines eigenen Blutes kennen.
Jede Bewegung artet zur beinahe unerträglichen Qual aus.
Trotzdem schleppst du dich mühsam vorwärts: bloß fort, fort von hier... Irgendwann greifst Du dabei mit deinen scheu tastenden Fingern ins Leere und weißt
instinktiv, daß Du jetzt nicht mehr weiter darfst...
Also rollst Du Dich zusammen, schließt die Augen und läßt noch einmal bewußt alle Erfahrungen, welche diese Welt Dir bisher bescherte, auf Dich einwirken:
Unsicherheit...
Leiden...
Schmerz...
Angst...
... Begriffe, die du nur deshalb definieren kannst, weil du dich schemenhaft erinnerst, in irgendeiner wunderschönen, längst vergangenen Epoche auch die Gegenteile dieser Gefühle
gekannt zu haben... Unermeßliche Sehnsucht nach jenem alten, unwiederbringlich verlorenen Zustand Überfällt dich.
Du weinst.
So verbringst du deine erste Erdennacht.
Ein Tag vergeht, und noch einer, und noch einer. Der tonlos pfeifende und im Geäst der kahlen Sträucher flüsternde Wind ist und bleibt dein einziger Gefährte.
Aus der Ferne beobachtest du die Bürger der Stadt, wie sie Morgens in ihre
Autos steigen und zur Arbeit fahren; wie sie hektisch in großen, mal mehr, mal weniger kompakten Kolonnen auf den grauen Straßen zwischen ihren sterilen Häusern entlang eilen - teils miteinander, teils gleichgültig nebeneinander, teils sogar
gegeneinander - und wie sie Abends wieder zurückkehren, jeder für sich alleine in ihren Wohnungen verschwinden und dort nach und nach das Licht löschen, bis schließlich alles vollkommen in Dunkelheit versinkt; bloß um am nächsten Tag aus für
dich nicht nachvollziehbaren Gründen aufs Neue mit diesem sinnlosen, sich kontinuierlich wiederholenden Spiel zu beginnen... Zunächst bist du überzeugt, es müsse sich bei jenem Verhalten um irgendein wichtiges Ritual handeln, da seine
Regeln immerzu streng eingehalten werden und offenbar niemand bereit ist, von dieser allgemeinen Ordnung abzuweichen; erst mit der Zeit erkennst du an den trägen, gelangweilten, resigniert wirkenden Gesten, daß diese Leute gewiß nicht von
einer Begeisterung für das, was sie tun, getrieben werden; vielmehr scheinen sie lediglich einer täglichen Monotonie zu gehorchen, die zu hinterfragen sie sich längst abgewöhnt haben...
Du wunderst dich, wieso sie derart rigoros an
Traditionen festhalten, die ihnen doch eindeutig keine Freude mehr bereiten und wieso sie sich und ihr individuelles Leben von solch einem starren Normgefüge gestalten lassen, statt aktiv zu sein und selbst ihre Normen zu gestalten, kommst
jedoch zu keinem Ergebnis.
Jetzt bemühst du dich angestrengt, Kontakt aufzunehmen, doch die Menschen sind derart in ihre Routine vertieft, daß keiner von ihnen auf den Gedanken käme, dieses sture Einerlei zu durchbrechen und zufällig den
Kopf in Richtung deines Berges zu wenden; so sehr du dich auch bemühst, durch Winken und lautes Rufen ihre Aufmerksamkeit zu erregen...
Heiser, erschöpft und frustriert gibst du schließlich auf.
Du wirst apathisch in deiner Isolation.
Langeweile läßt die einheitlich an dir vorüberziehenden Stunden schier endlos erscheinen. Irgendwann hörst du auf, mit in die Baumrinde geritzten Kerben die Tage zu zählen, da sie es in ihrer
Freudlosigkeit nicht wert sind, einzeln registriert und gefeiert zu werden...
Stumpfsinn quält dich.
Du leidest an deinem eigenen Dasein.
Nur um irgendeine Beschäftigung zu haben und ohne dabei ein spezielles Ziel zu verfolgen
hackst du mit einem selbstgebastelten Spaten eine Grube in den Boden... Und stellst plötzlich überrascht fest, daß es sich bei deinem angeblichen "Felsen" in Wahrheit um einen riesigen Kristall handelt, dessen Oberfläche jedoch
völlig von Schmutz und Geröll überkrustet ist.
Die Begeisterung für deine Entdeckung siegt über dein bisheriges Phlegma; unter Einsatz aller Kräfte bohrst du einen schmalen, spiralförmig gewundenen, steil abwärts führenden Stollen
und dringst allmählich immer tiefer ins Innere jenes geheimnisvollen Berges ein. Auf diese Weise förderst du traumhaft schöne, milchig-durchsichtige Kristallbrocken zu Tage, die im Sonnenlicht in den verschiedensten Farben und Schattierungen
glitzern und funkeln.
Zunächst hortest du deine neugewonnenen Schätze sorgsam wie bedeutungsvolle Reliquien in einer niedrigen, geschützten Mulde, aber irgendwann reicht dort der Platz nicht mehr aus... Da kommt dir eine Idee: Von nun an
fügst du in mühseliger Kleinarbeit all die glänzenden Stückchen zu bestimmten Formen zusammen und schaffst dir so mit der Zeit eine eigene Nachbildung der menschlichen Siedlung - nur daß deine Version dieser Stadt unendlich viel feiner,
zarter, zerbrechlicher wirkt!
Du freust dich, denn in diesen Objekten vermagst du zum ersten Mal dein eigenes Spiegelbild wahrzunehmen.
Dann beginnst du, auch Bauwerke zu errichten, welche im Original der Stadt gar nicht
existieren: wundersame Paläste, Kuppelgewölbe, Pavillons; riesige pilzähnliche Gebilde; kompliziert ineinander verschachtelte Häuser, die ausgestattet sind mit prächtigen Emporen, Balkonen, Brüstungen und Kaskaden sowie mit reichhaltig und
prunkvoll verzierten, fast schon barock anmutenden Fassaden; gläserne Arkaden, durch die das Sonnenlicht fällt und sich in zahllosen winzigen Strahlen bricht; spitze, wie Schneckenhäuser gedrehte und gedrechselte Türme; durchsichtige Kegel und
Kugeln, in deren Inneren ein bunter Kern schimmert; dazwischen immer wieder Obelisken und Säulen mit pompösen Kapitellen; Mauern und Zäune, die aus Millionen und Abermillionen von Kristallsplittern zusammengesetzt sind und so ein filigranes,
mosaikähnliches Netz bilden, welches sich - im Grunde genommen ohne irgendeinen wirklichen Zweck zu erfüllen - durch deine gesamte Schöpfung zieht... überall läßt du Efeu, Lianen und andere ineinander verflochtene Schlingpflanzen ranken
und sehnsüchtig die gebogenen und gewundenen Zweige nach den einzelnen Elementen strecken.
Du bist unbeschreiblich stolz auf dein Werk!
Aus besonders schön geschliffenen Scherben formst du nun auch Tiere sowie
Menschen mit edlen, gütigen, engelhaften Gesichtszügen. Scheinbar direkt in der Bewegung erstarrt stehen sie schweigend und reglos zwischen den bisherigen Gebäuden deiner rätselhaften Traumwelt aus Glas; fast so, als ob sie nur darauf warten,
von irgendeinem gespenstischen Bann befreit und wieder zum Leben erweckt zu werden... Harlekine, Astronauten, Troubadoure, Priester in Kutte und Kapuze und spielende Kinder mit hingebungsvollem, ernsthaft-verklärtem Gesichtsausdruck
bevölkern nun deine Stadt; und ungeniert flanieren durch die Straßen glamouröse Huren, Haremsdamen sowie Prinzen und Prinzessinnen mit erstaunter oder melancholischer Miene. Sie tragen eleganten Perlenschmuck, tropfenförmige Ohrgehänge und
kunstvolle Broschen; und jede einzelne Falte ihrer vornehmen Gewänder ist exakt von dir herausgearbeitet.
Knospen sprießen und einzigartige, herrliche Blüten wuchern wild. Hinter einer gigantischen Lotusblume befindet sich ein
blutroter Stier in Angriffspositur, der von innen heraus gleich einem Grablicht leuchtet. Possenreißer vollführen die seltsamsten Verrenkungen. In einem zirkelähnlichen Kreis aus Kristallscherben liegt ein kopulierendes, zärtlich ineinander
verschlungenes Liebespaar. Raben und Sperlinge lassen sich auf den überdimensionalen Körpern von Salamandern, Pottwalen, Maulwürfen und Tauben nieder.
Das Tier tut dir leid, und du beschließt, ihm ein Denkmal
zu setzen... Etwas erhöht, auf einem Sockel aus Glas, errichtest du das Standbild einer graziösen, lilienweißen Stute, die gerade anmutig einen ihrer zierlichen Hufe hebt und deren wie eine Unzahl aus diamantbesetzten Schnüren und
Bändern wirkende Mähne im imaginären Wind weht.
Dieses Motiv gefällt dir besonders gut; und rein aus Freude am willkürlichen Experimentieren stattest du dein tapferes Roß mit riesigen Fittichen und einem hübschen
Horn auf der Stirn aus. Scherzeshalber befestigst du noch eine Rebe mit frischen Trauben daran und taufst deine neue Kreatur auf den Namen "Weinhorn".
Furchtbare Dämonen, Monster Ungeheuer und Furien hausen nun in den engen Gassen. In einer gläsernen
Grotte kauern bucklige, auf den ersten Blick erschreckend anmutende Zwerge und Gnome. Drachen speien starres, kaltes Feuer. An einem See, dessen unbewegliche, wie eingefroren wirkende Wellen du aus zahllosen winzigen Splittern und Scherben
geformt hast, knien mehrere elegante Nixen, Nymphen Undinen und Meerjungfrauen, scheinen mit rosig schimmernden, beinahe durchsichtigen Seesternen und Algen zu spielen, sich gegenseitig zu kämmen, einander Muscheln in die Haare zu stecken oder
einfach nur feinste Kristallkörner durch die schmalen Finger rieseln zu lassen wie Meeressand, während sie gleichzeitig freundlich und verstört lächeln; so, als habe man sie unerwartet in eine fremdartige, bizarre Welt gestoßen, ohne ihnen
zuvor jegliche Anleitung zu geben, wie sie sich in solch einer Situation zurechtfinden sollen...
Ein stolzer Zentaur verharrt mitten im Galoppsprung. Chimären schreiten gravitätisch durch ein weitläufiges Geflecht aus
gläsernen, paradieshaft anmutenden Gärten sowie zwischen den von dir geschaffenen, bunt gescheckten und marmorierten Planeten, Sternen, Kometen und anderen Himmelskörpern hindurch. Yetis preisen den heiligen Gral. Fische in sämtlichen Formen,
Farben und Variationen gehen spazieren und lüften grüßend ihre Zylinder vor Vögeln mit tintenschwarzem und azurblauem Gefieder. Blinde Narren und Gaukler reiten auf feingliedrigen Seepferdchen und liefern sich wilde Turniere. Gynäkologische
Meerschweinchen beschäftigen sich mit den von ihnen bevorzugten Abstrusitäten. Neben einem Brunnen, aus dem eine Hand ragt, als sei so eben jemand am Ertrinken, stehen wie versteinert ein alter Mann mit nur einem Auge und ein blauer,
vierarmiger Flötespieler und mustern einander scheu. Schlanke Elfen und Feen tanzen zusammen mit einigen girlandenbekränzten Zofen einen Reigen. Lange Karawanen von Kamelen und Dromedaren ziehen entlang an Kirchen, Kapellen, Kathedralen und
Tempeln, von denen du nicht einmal weißt, welchen Gottheiten sie überhaupt geweiht sein sollen; und Tiger schlafen friedlich zwischen Zebrafohlen - nur in deiner vollkommenen Naivität und Unschuld konntest du auf die irrsinnige Idee kommen,
sie direkt beieinander zu platzieren, weil beide Tierarten gestreift sind... Diverse reife, pralle Früchte schmücken das Ganze. Manche Scherben sind lediglich zu phantastischen, runen- oder mandalaähnlichen, fast schon sakral anmutenden
Mustern angeordnet; und auch eigentlich rein zweckmäßige, funktionale Gegenstände arrangierst du zu beeindruckenden Bildern. Sogar körperlose Phänomene wie Blitze oder Wolken werden von dir als Statuen festgehalten und in deine Stadt versetzt.
Aus einigen Scherben machst du Mobile und Windspiele, die leise klingen, sobald ein Luftzug durch sie hindurchweht und ihre einzelnen Elemente sanft schwingen und gegeneinander schlagen läßt... Dein Werk scheint auf diese Weise sein
eigenes Leben anzunehmen und nun in einer fremden, melodischen Sprache zu dir zu sprechen und dir etwas Unergründliches mitzuteilen...
Tagelang kannst du still auf einem Stein sitzen, staunend dein mystisches Imperium betrachten und dabei immer neue, spannende Abenteuer und Heldentaten erfinden,
welche die von dir kreierten kristallinen Wesen in ihrem rätselhaften Reich aus Glas bestehen müssen. Währenddessen fällt dir dann stets ein, was für Gestalten du als nächstes erstellen möchtest; genauso, wie jede weitere Figur dich wiederum
zu anderen genialen Geschichten inspiriert...
Du lebst jetzt in einer eigenen, grandiosen Welt der heroischen Träume und Mysterien, die alles übrige bei weitem übertrifft! Dein ganzes Handeln ist nur noch beseelt vom Wunsch
nach neuen, sagenhaften Gebilden. All die wundersamen Visionen, welche bisher bloß vage und unbestimmt als bleiche Imaginationen in deinem Hirn schlummerten, nehmen nun endlich Form und Gestalt an. Inzwischen ist es dir
auch nicht mehr unangenehm, das einzige "organische" Wesen in einem Land aus purem Glas zu sein; ohne es zu bemerken hast du dich an diesen Zustand gewöhnt und aufgehört, ihn zu hinterfragen...
Sie lernen rasch, solche Ablenkungen nicht nur als unabwendbares Übel hinzunehmen, sondern sie richtiggehend zu genießen.
Jeden Tag wird während dieser Pause eifrig debattiert und man stellt die absonderlichsten Vermutungen an, was
sich dort oben, weit entfernt und außerhalb der eigenen Reichweite, wohl tatsächlich abspielen mag:
Leben an diesem Ort vielleicht völlig verborgen die letzten Nachkommen altsibirischer Schamanen und probieren jetzt die gefährlichen
Zauberformeln ihrer Vorväter aus?
Wird nun ein längst vergessenen Orakel wahr?
Ist es Gott, der so das jüngste Gericht einläutet?
Oder steht hier etwa ein Atomkraftwerk, von dessen Existenz bisher niemand etwas wußte
und das regelmäßig giftige Strahlungen ausstößt?
Geht jetzt die Welt unter?
Bricht auf diese Weise die unabwendbare Apokalypse über uns alle herein?
Findet hier die blutige Rache der Tamagocchis statt?
Aber möglicherweise sind ja auch Außerirdische gelandet, die lediglich versuchen, Kontakt zu uns aufzunehmen...?
Auch nach Büro- und Fabrikschluß eilen die Leute nun nicht mehr sofort in ihre
einsamen Wohnungen und Appartements; meist bleiben sie noch lange beisammen und diskutieren. Endlich unterhält man sich wieder über andere Dinge als Beruf und Geld miteinander und tauscht mehr aus als das übliche Repertoire an belanglosen,
abgegriffenen Floskeln! Thesen werden erstellt und wieder verworfen; die Leitartikel von renommierten Zeitschriften haben ausnahmslos jenes "sensationelle Wunder auf dem Berg" zum Thema; im Fernsehen laufen regelmäßig Talkshows, in
denen berühmte Wissenschaftler zu Wort kommen und die Chance haben, ihre Meinung zu diesem unerklärlichen Phänomen kundzutun und so das allgemeine Interesse noch mehr anzustacheln; nachts träumen die Menschen von glühenden, glimmenden
Horizonten, die brennen können, ohne sich dabei jedoch selbst zu verzehren; und sogar beim Küssen denken sie nicht mehr wie bisher gelangweilt an Finanzen, Kontoauszüge und ihre rentablen Lebensversicherungen, sondern vermögen wieder die Augen
zu schließen und das gewaltige, bunte, euphorisch rasende Feuer vor sich zu sehen...
Irgendwann halten die Leute es nicht mehr aus, über die
Ursache dieses herrlichen, lodernden Brandes lediglich zu spekulieren, ohne sich dabei auf konkrete Fakten oder Tatsachen berufen zu können; es genügt ihnen nicht, immer wieder den Blick teils sehnsüchtig, teils scheu und ängstlich gen
Bergkuppe schweifen zu lassen und allein vom imposanten Anblick der fernen Pracht zu zehren; sie fordern handfeste Beweise, um logische Rückschlüsse zu ziehen, so dem Geheimnis auf den Grund zu gehen und auch der letzten Wahrheit habhaft zu
werden, deshalb schreiten sie entschlossen los in Richtung deiner Heimat... Dieser "Besuch" trifft dich völlig unerwartet.
Du hattest dich mit deinem einsamen Schicksal ausgesöhnt und all die Leute längst nicht mehr
hierher gewünscht, geschweige denn gerufen; trotzdem sind sie einfach so gekommen und gnadenlos über deine fragile Schöpfung hergefallen wie gierige Eintagsfliegen über den blutverkrusteten Leib eines todgeweihten Lebewesens...
Aufgeregt
stürmen sie durch die schmalen, labyrinthartigen Gassen, ohne Rücksicht auf die bebenden, klirrenden Objekte zu nehmen; zeigen einander besonders hübsche oder in ihren Augen auffällige Figuren; jubeln lautstark, wenn sie zauberhaft schöne
Duplikate von ihnen bekannten Gebäuden oder Personen entdecken; schubsen, stoßen, drücken, drängeln; jeder will der erste sein, der etwas Neues, ganz Einmaliges findet; ungelenk greifen sie nach den empfindlichen Glasobjekten... Die Erde
dröhnt richtiggehend unter dem Getrampel ihrer schweren, plumpen Füße.
Lautlos zerfallen prunkvolle Fassaden mit grotesken Fresken zu buntem Staub. Lange, diamantgleiche Schnüre reißen. Ein schwerfälliger Basilisk beginnt
zu wackeln und zu beben, neigt sich dann zur Seite und stürzt schließlich langsam, wie in Zeitlupentempo, ganz um und zerschellt. Die fragilen, phantastisch wirkenden Schwingen des weißen Pferdes splittern. Mit weit ausholenden Gesten deutet
ein hagerer alter Mann im abgeschabten Sacco auf diverse Gebilde um ihn herum, deklamiert pathetisch und registriert währenddessen nicht, daß er jener Figur - nun, da sie ihres einzigartigen Schmucks beraubt ist, nichts weiter als das
klägliche Abbild einer traurigen Rosinante - auch ihr magisches, silbrig schimmerndes, pfeilähnlich gen Himmel gerichtetes Horn von der Stirn schlägt. Kurz darauf zerfällt das gesamte Tier. Niemand außer dir bemerkt es im allgemeinen
Tumult.
Walküren in gläsernen Rüstungen, das kristallene Schwert angriffslustig in Richtung eines imaginären Gegners gezückt, zerbersten. Eine mächtige Esche löst sich von unten her in winzige Partikel auf und bricht
zusammen.
Mehrere Personen begutachten deine Maschinerien mit dem komplizierten, verwirrenden Getriebe; disputieren; stellen offenbar Mutmaßungen an, welche wichtige Funktion solche Objekte wohl erfüllen sollen, ohne jedoch
auch nur einen Gedanken an die Möglichkeit zu verschwenden, daß du sie allein um ihrer Schönheit willen konzipiert hast; fachmännisch nickend und technisches Verständnis heuchelnd betasten sie die einzelnen Drähte, Röhrchen, Schienen,
Schrauben und Zahnräder; versuchen, diesen ihnen unverständlichen Mechanismus irgendwie zum Laufen zu bringen und wenden sich schließlich, als das zarte Material unter ihren groben Fingern zerspringt, desinteressiert wieder ab. Andere Leute
grinsen und schütteln ungläubig den Kopf, weil du Löwen zwischen Antilopen platziert hast.
Schuppige Eidechsen, warzige, fett grinsende Kröten und Mäuse mit filigranem, straff gespanntem, funkelndem Schnurrbart und winzigen Krallen, die
vor einem deiner wenigen Hochhäuser auf dem Boden kauern, werden achtlos zertreten, da die Menschen ihre Aufmerksamkeit ausschließlich auf die ikonengleichen, zweidimensionalen Mosaike oberhalb ihrer Köpfe richten und so nicht jene Geschöpfe
weiter unten sehen. Mit lautem, frenetischen Hohngelächter prügeln einige Leute auf den buckligen, widernatürlich gekrümmten und deformierten Fährmann einer schwarzen Barke ein, bis seine dunklen Splitter und Scherben wie tödliche Regentropfen
beim Beginn einer kommenden Sintflut sprühen - augenscheinlich ist solch ein Motiv bei deinen Eindringen nicht sonderlich beliebt, auch wenn du keine Ahnung hast, warum. Genauso entsteht bei dir der Eindruck, als ob die Nacktheit der dicken,
breithüftigen Bauchtänzerinnen irgendwie anstößig und sittenwidrig wirkt, denn innerhalb kürzester Zeit hat man diese Gestalten mit Jacken und Mänteln verhüllt und so ihre üppigen Formen versteckt. Du staunst; zu provozieren war keinesfalls
deine Absicht! Viele Personen kreischen hysterisch auf, als sie deine reichhaltige Sammlung von überlebensgroßen Asseln, Schlangen, Spinnen, Schnecken, Tausendfüßlern und Hirschkäfern mit langen, bizarr
geformten Zangen erblicken und werfen angeekelt Steine nach diesen ihrer Meinung nach eindeutig abstoßenden Kreaturen... In deiner Unwissenheit wärst du früher nie auf die Idee gekommen, solche Tiere als häßlich zu empfinden; vielmehr
hast du es genossen, sorgfältig und kunstvoll jedes einzelne Glied und Segment auszuformen und anzupassen.
Du bemühst dich, das Verhalten der Menschen zu begreifen, dich in sie hineinzuversetzen und deine gläserne Stadt aus
ihrer Perspektive zu betrachten... Und tatsächlich; mit einem Mal zweifelst du selbst; es erscheint dir plötzlich ebenfalls unsinnig und sogar lächerlich, einst zahllose Treppen errichtet zu haben, welche zwar alle ein extravagant
geschwungenes, mit prachtvollen Ornamenten versehenes Geländer besitzen, davon abgesehen aber lediglich ins Leere führen und somit absolut nutzlos sind; und du schämst du dich jetzt für jene lange, beeindruckende Reihe glänzender, weit
geöffneter Türen, Tore und Pforten, von denen keine einzige in irgendeine Form von Wand oder Mauer eingelassen ist und die somit ausnahmslos einfach nur ohne einen Zweck zu erfüllen im Raum stehen und genauso gut auch nicht vorhanden sein
könnten, ohne daß es jemanden stören würde...
Ein monumentaler, purpur- und goldfarbener Elefant, der bisher ziemlich stabil gewirkt hatte, weist plötzlich überall feine Risse auf, die sich in Sekundenschnelle immer mehr ausbreiten und wie
ein Geflecht aus Spinnweben netzartig über den gesamten Körper ziehen, bis schließlich die gesamte Figur auseinander fällt. Rasch springst du herbei, in der vergeblichen Hoffnung, dieses Werk noch irgendwie retten zu können, und reißt dabei
versehentlich einen weinenden Clown, dessen schimmerndes, paillettenbesetztes Gewand du durch unzählige Splitter exakt herausarbeiten konntest, zu Boden. Dir bleibt keine Zeit, diesen Verlust zu betrauern, denn schon im nächsten Moment siehst
du, wie eine stupide lächelnde Frau im Begriff ist, einen ausgesprochen korpulenten, glücklich juchzenden Jungen auf den Rücken einer zierlichen Gazelle zu heben. Einen heiseren Warnschrei ausstoßend stürmst du auf sie zu und prallst gegen
einen anmutig die Saiten seiner Harfe zupfenden Akrobaten, der sofort in tausend Stücke zerspringt.
Mit einem Mal richtet sich die allgemeine Aufmerksamkeit auf dich.
Unzählige Augenpaare starren dich an und mustern dich neugierig.
Die analytischen Blicke, die jetzt auf dir lasten, sind röntgenstrahlengleich - alles erfassend, alles durchdringend; und dennoch vermögen sie niemals zu
begreifen, wer oder was du WIRKLICH bist...
Du fühlst dich nackt, hilflos, ausgeliefert. Bist gefangen in einem Neongeflimmer aus bleichen Gesichtern.
Überall sind Hände; man greift nach dir, streicht dir mitleidig
über das verfilzte Haar, befühlt den Stoff deiner schmutzigen Lumpen, hält dir hilfsbereit ein Taschentuch vor die triefende Nase... Furchtsam weichst du zurück und rempelst dabei einen von innen heraus illuminierten Magier mit
kirchenfensterähnlich gemusterter Robe an, der zu den zentralen Gestalten einer dir besonders wichtigen Geschichte gehörte. Von heillosem Entsetzen gepackt drehst du dich um und blickst fassungslos auf seinen Scherbenhaufen. Deine hektischen,
ungelenken, fahrigen Bewegungen rufen bei sämtlichen Beobachtern bloß größte Heiterkeit hervor. Vor Aufregung stößt du gegen ein riesiges kristallenes Piratenschiff mit wunderschönen, bunten, geblähten Segeln und einem hexenähnlichen Wesen als
Galionsfigur, so daß es, statt in See zu stechen und sagenumwobene, ferne Kontinente zu erkunden, wie du es dir in deinen Träumen bisher stets ausgemalt hattest, umstürzt und mehrere andere Figuren - Medusen, Igel und graziöse Flamingos -
unter sich begräbt.
Jemand tritt mutwillig gegen die durchsichtigen Kugeln, nur um den funkelnden Kern besser betrachten zu können. Ihre Splitter fliegen wie karnevalistisches Konfetti durch die Luft. Mehrere Leute zupfen die hauchdünnen
Schuppen vom Panzer des kolibribunten Drachen, um sie als wertvolle, besonders originelle Souvenirs mitzunehmen oder teuer an zu Hause gebliebene Bekannte zu verkaufen. Quallen und Tintenfische explodieren; majestätische Pyramiden bröckeln;
ein prächtiger Schmetterling zerschellt; und Rispen, Dolden sowie gerippte und gezackte Blätter reißen während dieser gewaltigen Apokalypse auseinander. Eine bloß fragmenthafte, noch nicht fertiggestellte Burg zerbirst. Ihre im
Licht der untergehenden Sonne rot und golden aufblitzenden Splitter schlagen zunächst gleich glühender, lodernder Lohe empor; und anschließend wirken die Überreste noch immer wie ein schwelender Scheiterhaufen aus Glas. Feingliedrige Libellen
und vorsichtig witternde Kaninchen werden zerschmettert; einst imposante Kronleuchter und Kandelaber prasseln als Scherbenregen auf farbig marmorierte Schafe und Lämmer nieder und zerreißen diese; ein krähender Hahn wird gnadenlos zerfetzt;
und Schwäne mit vornehm gebeugtem Hals und styxdunklen Augen hauchen klirrend und seufzend ihr imaginäres Leben aus. Ein festlich geschmückter Seiltänzer in orientalisch anmutender Tracht, der behutsam in einer Art golddurchwirkten, senkrecht
zwischen mehreren Hütten aufgehängten Spinnengewebe balancierte, neigt sich zur Seite, fällt hinab und zerplatzt. Kurz darauf wird seine gesamte gläserne Umgebung vom gleichen Schicksal ereilt. Nixen, Pharaonen und sphinxähnliche Kreaturen
gehen reihenweise zu Boden und zersplittern. Ihre Gesichter bleiben währenddessen bis zur letzten Sekunde stolz, milde, starr und gleichmütig; offenbar völlig unbeteiligt lächeln sie, als sei nichts geschehen und erscheinen dadurch selbst in
ihrem totalen Niedergang noch würdevoll und erhaben - im Gegensatz zu dir, die du panisch und verzweifelt, mit von Wut und Angst besessenem Blick, durch diesen Wahnsinn irrst, ohne jedoch auch nur im Geringsten irgend etwas gegen die
kontinuierliche Hinrichtung deiner einzigartigen Träume tun zu können... Chaos, Zerstörung, Verwüstung und brutaler Vandalismus; egal, wohin du schaust! Eine tiefe, unermeßliche Traurigkeit, die selbst jene aus deiner ersten Erdennacht
noch in den Schatten stellt, überkommt dich.
Dir wird klar, daß dein Reich jetzt, da die Menschen es gefunden und offenbar zu ihrem Eigentum erklärt haben, endgültig dem Untergang geweiht ist; im Grunde genommen bleibt nur noch
eine einzige Möglichkeit, welche es dir erlaubt, sowohl deine eigene Ehre als auch die deines Werkes zu wahren: Eigenständig das Finale einläuten und deine Stadt letztlich selbst zerstören, damit all diesen Leuten zumindest nicht der Triumph
vergönnt ist, wenigstens für kurze Zeit vollkommen Herr über dich und deine Schöpfung gewesen zu sein...
Feierlich trittst du einen Schritt zurück, zögerst unsicher; dann plötzlich springst du entschlossen, gellend aufschreiend und mit
stolz erhobenem Kopf, gegen irgendein Glasobjekt, das sofort zerbricht... Barfuß stampfst du auf den Scherben herum und nimmst den Schmerz kaum wahr. Bereits im nächsten Moment wirfst du dich auf eine weitere Figur; scharf bohren sich
ihre Splitter in deine Haut; und gemeinsam stürzt ihr in einer gigantischen Fontäne von aufsprühendem Kristall zu Boden... Auf diese Weise zerstörst du in einem wilden, sakralen, orgastischen Rausch die gesamte Stadt; ungeachtet der
Tatsache, daß dein Körper schon bald von Wunden bedeckt ist - du rast, tobst, schwankst, stolperst, sinkst blutüberströmt auf die Erde, wälzt dich wie in qualvollen Krämpfen umher, richtest dich trotzdem wieder auf, torkelst weiter, schlägst
blindlings um dich, fällst erneut...
Du hörst nichts mehr als das Prasseln, Krachen und Knirschen des berstenden Glases.
Irgendwann bist du derart geschwächt, daß es dir nicht mehr gelingt, dich zu erheben. Die Umgebung
verschwimmt vor deinen trüben Augen; allmählich lösen sich auch ihre schemenhaften Konturen in wallenden, farblosen, nebelähnlichen Schleiern und Schwaden ganz auf und kurz darauf fallen dir die Lider endgültig zu. Ergeben bleibst du gleich
einer ausrangierten Puppe liegen. Alles ist dir egal.
Ganz kurz kehrst du ein letztes Mal in die menschliche Welt zurück; du öffnest matt die Augen, bewegst die spröden
Lippen und flüsterst tonlos: "Mein gesamtes Dasein war bisher nichts als ein großer, unheilvoller Schlaf... Ein Schlaf, der immer wieder von entsetzlichen Albträumen heimgesucht wurde...
Doch bitte, bitte, ich flehe euch aus
tiefster Seele an; weckt mich nicht, denn ich fürchte mich so sehr vor einer Wirklichkeit, die sich möglicherweise als noch viel grausamer und schrecklicher erweisen könnte..."
Traum-Reise

Ich freue mich immer über Kritik, Anregungen, Verbeserungsvorschläge und natürlich gerne auch mal ein Lob! :)
nadine