„Und es gibt sie doch!“ Trotzig schon Alfri die Unterlippe vor und verschränkte ihre pelzigen Arme vor der Brust.
„Von wegen! Du lügst!“ entgegnete Bardha, Alfris ältere Schwester. Ihre schwarzen Knopfaugen funkelten. „Es gibt sie genauso wenig wie Gespenster, die Zahnfee oder den Weihnachtsmann.“
Inzwischen waren die zwei Wurzeltrollmädchen Alfri und Bardha bei dem großen Fliegenpilz abgebogen und näherten sich der Esche, unter der sie mit ihren Eltern lebten. Beide waren etwa so groß wie eine Hand, wobei Alfri etwas kleiner war als Bardha, hatten spitze Ohren und waren von Kopf bis Fuß mit einem strubbeligen Fell bedeckt.
Bardha strich sich eine erddunkle, lockige Strähne aus dem Gesicht und fuhr fort: „Du weißt ganz genau, Menschen gibt es nur in den alten Märchen und Schauergeschichten, aber nicht in Wirklichkeit, also hör gefälligst auf, solchen Unsinn zu erzählen. Und überhaupt, wie du wieder aussiehst... Ganz zerzaust und schmutzig! Mama wird bestimmt schimpfen, wenn sie sieht, wie du deine neuen Kleider zugerichtet hast.“ Rasch klopfte Bardha
ein paar Flecken aus Alfris neuem, aus weicher Birkenrinde genähtem Rock, strich ihren Umhang glatt und zupfte einige Brombeerdornen fort, die sich in der Kapuze festgehakt hatten. „So, wirkst bist du zumindest wieder halbwegs ordentlich.“
„Ich habe dir doch vorhin schon erzählt, dass ich das nicht extra gemacht habe,“ murrte Alfri.
„Wie gesagt, ich hatte bloß mit Gumenik, Basaja und Anikki im Unterholz Verstecken gespielt und mich dabei verirrt. Irgendwann merkte ich, dass ich mich schon weit jenseits des hohlen Baumstamms befand, und...“
Bardha schnaubte wütend: „Was fällt dir eigentlich ein?! Mama hat uns schon mindestens tausendmal gesagt, dass wir nie weiter als zum hohlen Baumstamm gehen dürfen. Alles, was sich dahinter befindet, ist unbekanntes Gelände und somit sehr gefährlich. Aber nein, mein Fräulein Schwester bildet sich ja stets ein, dass solche Verbote grundsätzlich nur für andere gelten, nicht für sie selbst!“
„Ich hab mich doch nicht mit Absicht verlaufen,“ murrte Alfri
beleidigt. „Und natürlich hab ich mich erst mal furchtbar erschreckt, als ich merkte, wie weit ich von zu Hause entfernt bin und dass ich mich außerdem noch im verbotenen Gebiet befinde... Und dann ist mir plötzlich dieses seltsame Wesen begegnet, von dem ich dir zuerst erzählt habe. Ich glaube, es war ein Tier, denn es ging auf vier Beinen. Sein Fell war viel dichter, länger und flauschiger als unser Pelz, und darüber hinaus war er braun und weiß gefleckt. Als es mich bemerkte, lief es sofort laut hechelnd und schnaufend zu mir und schnupperte mit seiner feuchten, schwarzen Nase in meinem Gesicht herum. Mann, was hab ich mich gefürchtet! Aber das Aufregendste kommt noch – dieses fremde, unheimliche Tier wurde nämlich von einem Menschen begleitet!“
Bardha runzelte schon wieder ärgerlich die buschigen Augebrauen und öffnete den Mund, um Alfri zurechtzuweisen, aber noch ehe sie auch nur ein einziges Wort sagen konnte, redete Alfri schon aufgeregt weiter: „Ehrlich, zuerst traute ich meinen Augen nicht, aber es war ganz eindeutig ein Mensch, denn schließlich sah er genau so aus wie die Menschen in dem Märchenbuch, aus dem Oma uns immer vorgelesen hat: Er war viel größer als ich und vollkommen kahl – oder na ja, zumindest so weit ich es erkennen konnte, war er kahl, denn er trug ja Kleidung, und zwar ein wunderschönes glockenblumenfarbes
Hemd und eine Hose aus einem merkwürdigen blauen Stoff. Nur auf dem Kopf hatte er Haare, aber auch die waren ganz anders als bei uns, nicht dunkel und zottelig, sondern lang, glatt und ganz hell, beinahe gelb. Und seine Ohren waren rund, nicht spitz. Glaub mir, das sieht total komisch aus! Nur eine Sache aus dem Märchenbuch stimmt offenbar nicht, nämlich dass Menschen boshaft und grausam sind, im Gegenteil: Ich glaube, mein Mensch hat sich mindestens ebenso sehr erschreckt wie ich, als er mich gesehen hat. Er hat die Augen weit aufgerissen und ist erst mal ein paar Schritte zurück getaumelt, aber schließlich kam er doch neugierig näher.  Und dann, Bardha, es ist wirklich kaum zu fassen, dann hat er seine Hand ausgestreckt und ganz behutsam meinen Rücken gestreichelt!“
Entsetzt starrte Bardha Alfri
an: „Was?! Er hat dich tatsächlich berührt, und...“ Aber dann riss sie sich zusammen. „So ein Quatsch! Jetzt ist es dir doch wirklich beinahe gelungen, mir Angst einzujagen. Aber nein, auf solche Albernheiten falle ich nicht herein. Ich glaube dir kein Wort. Du willst dich ja bloß wichtig machen, das ist alles!“
Alfri presste
beleidigt die Lippen zusammen. Na gut, wenn Bardhaihr partout nicht glauben wollte, würde sie ihr halt nichts mehr erzählen. Hauptsache, sie selbst, Alfri, wusste, dass sie die Wahrheit sagte. Und gleich morgen wollte sie wieder in das Gebiet hinter dem hohlen Baumstamm gehen, ganz bestimmt. Wer weiß, vielleicht würde sie dort ja erneut den Menschen treffen?! Er hatte so nett ausgesehen, und mit etwas Glück könnte es ihr gelingen, Freundschaft mit ihm zu schließen und mehr über ihn herauszufinden...

Währenddessen knallte in dem kleinen Dorf jenseits des Waldes, in dem Alfri und Bardha lebten, die achtjährige Vanessa wütend das Gartentor hinter sich zu. Was für eine blöde, arrogante Ziege Sophie doch war! Und so jemand bezeichnete sich als ihre beste Freundin! Jetzt war Vanessa extra noch schnell vor dem Abendessen zu Sophie gelaufen, um ihr davon zu berichten, dass ihr heute beim Spazieren gehen Strolchi weggelaufen war und dass sie ihm so lange hinterher rannte, ehe sie ihn endlich wieder einfangen konnte, bis sie sich ganz dicht bei dem hohlen Baum befand, also so tief im Wald, wie sie eigentlich gar nicht durfte... Und natürlich hatte Vanessa Sophie auch erzählt, wie Strolchi dort auf einmal dieses seltsame kleine, pelzige, Wesen mit den großen, funkelnden Kulleraugen aufgestöbert hatte, das zunächst so scheu und ängstlich wirkte und dann aber doch ganz zutraulich näher kam, als es offenbar merkte, dass Vanessa ihm kein Leid zufügen würde... Sogar streicheln ließ es sich! Ganz bestimmt war das ein kleiner Kobold oder ein Troll! Und was tat Sophie? Satt beeindruckt zu sein, bezeichnete sie Vanessa bloß als kindische Angeberin und Lügnerin. „Trolle und Kobolde gibt es nicht, genauso wenig wie die Zahnfee, den Osterhasen oder den Weihnachtsmann,“ hatte sie herablassend erklärt und dabei höhnisch das Gesicht verzogen.
Aber Vanessa
nahm sich fest vor, gleich morgen, beim Nachmittagsspaziergang mit Strolchi, erneut in den Wald zu gehen und diese Stelle in der Nähe des hohlen Baumstamms zu suchen. Der kleine Troll hatte freundlich und lustig ausgesehen... Wer weiß, vielleicht würde es ihr ja gelingen, Freundschaft mit ihm zu schließen und mehr über ihn herauszufinden.

 

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