Farewell Story
Ich lebe in einer zwar eintönig wirkenden, sich aber ununterbrohen wandelnden Stadt. Pausenlos ist hier irgend etwas in Bewegung: Die schachtelartigen
Häuserkolonnen verschieben sich kontinuierlich, wie von unsichtbaren Fäden gezogen; Kreuzungen entstehen, wo zuvor noch keine waren, dehnen sich aus und werden mit der Zeit immer weiter, bis sie schließlich ganze Plätze bilden, oder ziehen
sich an anderen Stellen so eng zusammen, daß sie fast völlig verschwunden sind und von ihnen lediglich schmale, narbenähnlich erscheinende Durchgänge und Passagen zwischen den Rücken an Rücken stehenden Bauwerken zurückbleiben; mächtige
Brücken wölben sich, von stetig wachsenden Pfeilern getragen, langsam auf beziehungsweise sinken herab; die langen Straßenketten formen sich unaufhaltsam um und ändern ihren Verlauf, falten sich und bilden dadurch Treppen, lassen steinerne,
quadratische Verkehrsinseln entstehen, teilen sich und treffen später wieder aufeinander, nur um schon bald erneut durch wandernde Siedlungen gespalten und zerrissen zu werden... Es ist unmöglich, den Überblick zu behalten und zu wissen, wo
man sich augenblicklich befindet. Morgens stehe ich regelmäßig auf, verlasse mein jeweiliges, angeblich sicheres und geschütztes
Nachtquartier und beginne einen Weg mit für mich nicht planbarer Strecke und unvorhersehbarem Ziel. Gebe mich einfach nur resigniert und fatalistisch der hier herrschenden Willkür hin. ... Aber warum sollte ich auch versuchen, mich nach etwas Bestimmten
zu richten?! Im Grunde genommen ist es doch egal, wohin ich gehe; die einzelnen Häuser, Straßen und Plätze sind sich so ähnlich wie ein Ei dem anderen; nichts wirkt auf irgendeine Art "herausragend" und könnte mich deshalb besonders
erschrecken, erfreuen oder faszinieren...
Aber es ist Nacht, als wir vollkommen zufällig zusammentreffen. Wir lassen uns nieder, schauen einander in die styxdunklen Augen und beginnen jetzt endlich zu sprechen... Schließlich graut der Morgen über unserem Feld und wie immer können für die Dauer einer kurzen Zeitspanne Tag und Nacht miteinander verschmelzen. Wie eine gewaltige, mitleidlose Bestie schlägt der kommende Tag seine scharfen Klauen durch die Wolkendecke, zerreißt diese und greift nach
uns. Kurz darauf gelangen wir zu der Einmündung in eine schmale, gepflasterte Passage.
Unsere letzte Chance zur Freiheit ist somit endgültig vertan. Dann setzt mit einem Mal die alltägliche morgendliche Hektik ein;
automatische Schiebetüren öffnen sich und speien Menschenmassen aus, welche sich rasch über die gesamte Straße ergießen; Leute huschen konfus umher; abgenutzte Aktentaschen tragend und nervös auf ihre digitalen Uhren schauend, die doch alle
unterschiedliche Zeiten angeben; getrieben von ihrem sinnentleerten, zwanghaften Hang zur Bewegung durchkreuzen sie grob und rücksichtslos unser Blickfeld und zerstören so - unabsichtlich und ohne sich dessen überhaupt bewußt zu sein - jene
letzte, wirkliche, intensive Berührung unserer Seelen... Kompakte, einförmige Fabrikgebäude reihen sich aneinander. Dazwischen hin und wieder provisorisch verbarrikadierte Schächte zu Unterführungen. Kasernenhöfe. Irgendwann gabelt sich die Straße
vor mir, und erst jetzt wird mir mit einem Mal bewußt, daß ich tatsächlich wieder ganz auf mich alleine angewiesen bin: Es gibt keinen konkreten Menschen mehr, an dem ich mich orientieren und dem ich - aus welchen mehr oder weniger unsinnigen,
in blinder Verzweiflung erdachten Prinzipien auch immer - folgen und somit zumindest zeitweise die Verantwortung für unseren gemeinsamen Weg übertragen darf... ... Trotzdem: Da ich sowohl Umgebung als auch Mitmenschen aufmerksamer betrachte denn je
registriere ich jetzt plötzlich Szenen und Situationen, die ich früher wohl kaum bewußt wahrgenommen hätte... Das vielarmige Kreuz der Sonne steht jetzt im Zenit. Plötzlich vernehme ich einen heiseren, zu Tode entsetzten
Schrei, und im nächsten Moment den dumpfen Aufprall... Ganz in meiner Nähe ist irgendwer vom Ende einer der unzähligen, geländerlosen Brücken, welche hier meist lediglich ins Leere führen und abrupt, fast wie abgeschnitten, mitten in der
Luft enden, hinuntergestürzt und liegt nun mehrere Meter tiefer auf dem grauen Boden. Scheu blicke ich in jene Richtung und bin mit einem Mal überzeugt, bei dieser Person könne es sich um niemand anderes als meinen einstigen Gefährten
handeln... Von heilloser Panik erfaßt stürme ich los, bahne mir hektisch meinen Weg zwischen den betriebsam umhereilenden Menschenleibern hindurch, stemme mich gegen den Sog der Masse und versuche, so rasch wie möglich zu ihm zu
gelangen; komme jedoch nur langsam und mühselig vorwärts, da ich unentwegt anderen Leuten ausweichen muß beziehungsweise immerzu unsicher zaudere oder gar stolpere, wenn vor mir der Boden erhitzt oder mit für mich gefährlichem Unrat übersät
ist... ... Wirklich erleichtert? ... Oder vielleicht wandert genau jetzt eine
andere Gestalt verlassen durch das kompakte, unbegreifliche Chaos im Irrgarten unserer Stadt; ebenso wie ich ängstlich hoffend, irgend jemand möge es im Notfall auf sich nehmen, einen ihr einzigartig vertraut und wichtig erscheinenden Menschen
zu retten, und ahnt nicht, daß ich ihn erst vor wenigen Augenblicken habe von der Brücke stürzen sehen, ohne einzugreifen... Rein äußerlich bin ich also wieder ein
uniformes Element der Menge geworden; niemandem wird auffallen, daß tief in mir etwas Unfaßbares geschehen ist, was sich nicht mit Worten beschreiben läßt und trotzdem irgendwie alles verändert hat und für mich nichts mehr so erscheinen läßt,
wie es einmal war... Müde kauere ich mich in eine leerstehende Wellblechbude.
Auch einen Kompaß zu Hilfe zu nehmen wäre vollkommen unsinnig: Was würde es mir nützen, zwar einschätzen zu können, in welcher Richtung Norden liegt, wenn ich doch keine Ahnung habe, was mich dort
erwartet...
Maßeinheiten für Distanzen sind angesichts der permanenten Mobilität aller Strukturen dieser Stadt nichts weiter als euphemistische Illusion!
Zufälle der Zivilisation treiben mich orientierungslos umher.
Apathisch akzeptiere ich, was sie mir bieten, ohne auch nur im geringsten dagegen aufzubegehren...
Sogar die Grenze zwischen "bekannt" und "unbekannt" verschwimmt für mich: Da die gesamte Stadt einheitlich und steril ist, vermag ich zu nichts eine wirkliche Beziehung
aufzubauen, so daß grundsätzlich alles auf mich fremd wirkt; und dennoch sind die einzelnen Elemente in ihrem Hauptmerkmal, nämlich der totalen Charakterlosigkeit, völlig identisch und mir deshalb ausnahmslos sofort vertraut; egal, wo ich mich
gerade aufhalte.
Auch Menschen sind hier bloß konforme Masse, verloren auf der trostlosen Oberfläche ihres Planeten, und keine Individuen.
Anstatt sich darauf zu konzentrieren, ein eigenes , interessantes und ganz persönliches
Leben zu führen, übernimmt jeder lieber das banale, leidenschaftslose Verhalten der anderen; er gibt sein einzigartiges Wesen auf und wird dadurch austauschbar und unwichtig...
Leicht ersetzbar und langweilig, sowohl für sich selbst als auch für die übrigen Bürger.
Man begegnet einander, legt hin und wieder ein Stück seiner Route zusammen zurück und trennt sich dann irgendwann, ohne daß der Abschied schwer
fällt.
Den Wunsch, manche Leute oder Orte wiederzusehen, verspürt in dieser tristen, anonymen Welt für gewöhnlich niemand.
In den überfüllten Straßenbahnen stehen wir meist dichtgedrängt; verschwitzte Leiber reiben und
stoßen sich gegenseitig, vom allgemeinen Menschengewühl willkürlich umhergeschubst; doch unsere leeren, durch subtile Angst und Einsamkeit geplagten Seelen können sich trotz dieser Nähe noch immer nicht berühren...
Kontaktlos irrt jeder für sich alleine umher, der ständigen Unsicherheit ausgeliefert. Namen tragen wir alle nicht - wozu auch?! Da es keinerlei Kommunikation, geschweige denn wirkliche Bindungen zwischen einzelnen Menschen gibt, hat auch
niemand das Bedürfnis, ein konkretes Gesicht aus der Menge herauszugreifen, um es durch eine eigene Bezeichnung von den anderen abzugrenzen und so zu etwas Besonderem zu machen. Das letzte Merkmal, welches mich noch von den restlichen Bürgern
unterscheidet, ist eine private Nummer, mit der ich bei der Stadtverwaltung registriert und als Einwohnerin gemeldet bin.
Zusammengehalten werden wir längst nicht mehr durch irgendeine Form von Gemeinschaftsgefühl oder gegenseitiger
Verantwortung, sondern lediglich durch bürokratische, institutionell festgelegte Sozialstrukturen.
Absolute Beziehungsunfähigkeit und bedingungsloser Egoismus, häufig als "fortschrittliche Autonomie des Individuums"
propagiert, dominieren unser Leben, und die dadurch entstehenden Defizite im emotionalen Bereich versuchen wir zu kaschieren, indem wir uns völlig den Zwängen und Regeln dieser unpersönlichen, seelenlosen Gesellschaft unterwerfen, nur um der
tröstlichen Illusion zu erliegen, "dazuzugehören" und so endlich jenes quälende, peinigende Alleine-Sein überwunden zu haben...
Auf Werbeplakaten aus Papier prangen zwar in grellbunten, riesigen Lettern Worte wie
"Freundschaft", "Heimat" oder "Geborgenheit", aber da man ihren eigentlichen Sinn vergessen hat, handelt es sich in Wahrheit nur noch um billige, zur Banalität verkommene Floskeln, die niemand mehr versteht oder
die höchstens eine unbestimmte nostalgische Sehnsucht und Melancholie hervorrufen...
Vor anderen alten Begriffen, beispielsweise "Treue" oder "Vertrauen", fürchtet man sich inzwischen regelrecht.
Kein weiteres menschliches Wesen befindet sich auf der öden, wie ausgestorben wirkenden Straße; wir sind allein. Über uns wölbt sich schweigend das hohe, dunkle,
gleichgültige Firmament; durchbrochen nur vom kalten Strahl eines uralten Mondes. Eine Zeitlang schreiten wir nebeneinander her, ohne eigentlich erklären oder rechtfertigen zu können, wieso.
Wir hatten uns beide nie nach dieser Begegnung
gesehnt und vermutlich sind wir zunächst nicht einmal sonderlich erfreut darüber; seltsamerweise wollen wir jedoch trotzdem keinesfalls mehr darauf verzichten.
Wind kommt auf und treibt schwarze, zerrissene
Wolkenfetzen vor sich her, zunächst noch vereinzelt, doch rasch ballen diese faserigen Objekte sich zusammen, verdichten sich immer mehr und erscheinen fast schon wie der neu entstehende Körper eines unheilvollen Schattentieres aus fernen
Dimensionen, welches leise in unsere Welt eingedrungen ist und für das ich nun keine genauere Bezeichnung weiß, da man mir nie beigebracht hat, mich mit derartigen Phänomenen auseinander zu setzen... Absolute Finsternis breitet zärtlich ihren
samtenen Mantel über uns aus.
Plötzlich jedoch zuckt ein greller Blitz durch diese Düsterkeit und zerschneidet mit einem Hieb die glatte Wand des Himmelszeltes, dumpfer Donner grollt, und im nächsten Moment setzt der prasselnde
Regen ein. Schwere Tropfen trommeln auf die mit Asphalt versiegelte Erde, und anstatt wie früher im weichen Boden zu versickern ist das Wasser jetzt gezwungen, in Form eines schmutzigen Rinnsals am Bordstein entlang zu strömen, wobei es Kot
und Unrat mit sich spült und schließlich in der Öffnung zum Schacht irgendeines Kanalisationssystems verschwindet, welches einst angelegt wurde, um die Stadt vor drohenden Überschwemmungen zu schützen... Geduckt laufen wir fort, drängen uns
durch den gleißenden Vorhang des Regens, dringen tiefer in die Nacht ein und taumeln dabei durch mehrere Pfützen, so daß der glatte, matt glänzende Ölfilm, von dem sie überzogen sind, zerbirst und sich in eine flimmernde Fusion farbiger,
regenbogenbunter Wellen, Tröpfchen, Spritzer und Miniaturfontänen verwandelt... Ich schaue genauer hin und erblicke dort unten, vom Schimmer einiger langsam erlöschender Glühbirnen in gesplitterten Straßenlaternen erhellt, mein eigenes
fragmentarisches Spiegelbild, welches in diesem bewegten Wasser irgendwie uneinheitlich wirkt; facettenhaft, mosaikähnlich; fast so, als sei es gerade im Begriff, sich auf apokalyptische Weise selbst aufzulösen und zu zerstören... Das dichte
Netz des Regens umschließt uns wie ein kristallener Vorhang. Seine sprühenden Schleier hüllen uns beide sanft ein.
Mir fällt auf, daß unsere Straße ihre Form geändert hat; statt wie zu Anfang mit ihren breiten, absolut starren
Bürgersteigen strikt geradeaus zu führen schlängelt sie sich nun kurvenreich als gewundene Gasse an den uniformen Gebäuden vorbei.
Auch der Abendstern leuchtet.
Feuchtigkeit hat sich auf den Dächern ausgebreitet und läßt nun deren verschiedenfarbige Schindeln alle gleich glänzen.
Aufgrund der kalten Luft steigt zwischen unseren spröden Lippen der Atem als kleine Dampfwölkchen
empor, welche wie zerfließende, essentielle Geister vor uns herschweben und manchmal scheinbar vergeblich danach streben, zu einer einzigen, phantomhaften Gestalt zu verschmelzen, ehe sie sich ins Nichts auflösen...
Wasser perlt über mein Gesicht.
Irgendwann erreichen wir den Stadtrand - jene sagenumwobene Grenze, an deren Existenz ich bisher nicht einmal zu denken gewagt hatte... Die ordentlich asphaltierte Straße endet; wir schreiten unter
einer Art verrostetem Torbogen mit rauen Spitzen und einer Verzierung aus kunstvoll geschwungenen Metallornamenten hindurch und befinden uns auf einem freien, verwilderten Feld jenseits der Konventionen. Anscheinend gibt es hier schon lange
keine Bauern mehr, die sich für Aufgaben wie pflügen oder gar säen verantwortlich fühlen... Zwischen den Schollen wuchert Unkraut. Über die halbgeöffneten Knospen und auf den ersten Blick fleischig wirkenden Blätter dieser niedrigen Pflanzen
rollen langsam klare, durchsichtige, tränengleiche Tropfen, die, ähnlich dem Glas einer Lupe, das darunter liegende filigrane Gewebe vergrößern und deutlicher erscheinen lassen und die, sobald sie die Blattenden erreicht haben, noch für einen
kurzen Moment fast freischwebend in der Luft hängen, zögernd sich dehnen, dann doch ihr Schicksal akzeptieren und schließlich lautlos herabfallen... Instinktiv wollen wir weiter, doch ständig versinken wir knöcheltief in den vom Regen
aufgeweichten, morastartigen Furchen, und zäher, schwarzer Schlamm klebt an unseren Sohlen, so daß unsere Beine bleischwer wirken und jeder einzelne Schritt zur kampfähnlichen Anstrengung wird. Letztlich entscheiden wir uns in schweigender
Übereinkunft, unsere Schuhe auszuziehen. Das Gehen ist nun wesentlich angenehmer; zum ersten Mal im Leben spüre ich die Beschaffenheit des Bodens direkt an meiner Haut. Warmer, feuchter Lehm quillt zwischen meinen gespreizten Zehen hervor, und
manchmal trete ich versehentlich auf Steine, die ich ansonsten kaum wahrgenommen hätte.
Schuppengleiche Spritzer an meinen BlueJeans.
Der heftige Regenschauer ist inzwischen in ein leichtes, stetiges
Nieseln übergegangen. Auf der nachgiebigen, dunkelbraunen Erde hinterlassen unsere bloßen Füße sanft gerundete Spuren.
Nebel steigt auf, schwebt in silbrig schimmernden Schwaden über das Feld, hängt als feiner Dunst in der Luft und
verwandelt sie in eine trübe, milchige, schleierartige Masse, durch welche sich nur die Konturen eines einzelnen, skelettähnlich anmutenden Baumes schemenhaft abzeichnen, so daß dieser wie der letzte Bote einer greifbaren Realität erscheint,
von welcher wir uns jedoch allmählich mehr und mehr entfernen...
Kosmische Geschwister, zufällig auf dem gleichen Floß im weiten Universum treibend!
Mit zunächst scheuen, zitternden Worten legen wir die sieben bannenden Ringe um einen bleichen Saturn
und stellen verwundert fest, daß wir zu dieser rituellen Beschwörung die selbe rätselhafte Sprache verwenden,
weshalb sich jeder rein intuitiv den hypnotischen Zauberformeln des Anderen hinzugeben und bedingungslos anzuvertrauen vermag,
bis wir diese Worte nicht mehr nur noch hören, sondern ihren betörenden Klang richtiggehend spüren;
und während dieser sinnlichen Séance birst selbst jener letzte, imaginäre Spiegel, der noch zwischen uns stand und uns trennte,
so daß von nun an während unseres Beisammenseins nicht mehr jeder unentwegt nach seinem EIGENEN reflektierten
Bild schielen muß, sondern abdriften kann durch den finsteren, kryptischen, röhrenförmig gewundenen Brunnen in den Pupillen seines Gegenüber,
um auf diesem Weg reptiliengleich bis in dessen Hirn hineinzukriechen;
wir gleiten ängstlich, doch ohne zu Zögern entlang an versteinerten, erschreckend surrealistisch anmutenden Kreaturen,
dringen so immer tiefer vor;
auf der letzten Ebene begegnen wir uns unerwartet wieder,
irren einander entgegen,
durchschwimmen nun gemeinsam ein salziges, verwegenes Meer,
und begreifen hier die mystischen Geheimnisse fremder Unterwasserwelten -
- Tintenfische und Seesterne; weiche, pulsierende, fast schon durchsichtige, Quallen; sich in Schlick und Treibsand windende Muränen; pechschwarze, halbgeöffnete Venusmuscheln; von Ebbe und Flut sowie diversen Strudeln unerforschten
Ursprungs sanft bewegte Algen; ein allmählich verrottendes Wrack; Seeanemonen, die mit ihren feinen, phosphoreszierenden, tödlich klebrigen Tentakeln auf Beute lauern; rosengetünchte prächtige Korallenpaläste; graziös durch diese Welt
huschende Gestalten mit lilienweiß und perlmuttfarben glänzendem, wallendem Haar; bunte, drachenhaft schuppige Fische, deren Rücken von bizarr geformten Flossen geziert sind-
Venus' anmutige Tochter, heimliche Hüterin dieses
lichtlosen Kontinents, heißt uns willkommen, lädt uns ein, führt uns in ihre lieblichen Gemächer;
wir trinken dickflüssigen, blutrot und purpurfarben funkelnden Wein aus einem Pokal;
der nektarsüße, berauschende Geschmack liegt schwer auf unseren Zungen,
und so bestärkt wagen wir es, die dumpfen Särge, in welchen bisher verborgen unsere konturlosen Träume ruhten, zu öffnen -
- und jene
Träume, endlich befreit, nehmen plötzlich Form und Farbe an und entwickeln sich zu glimmenden, lodernden Feuerstellen, die sich gegenseitig immer wieder neu entzünden, sobald die eine zu erlöschen droht;
Holzstücke explodieren und zerfallen dann zu Asche;
gigantische Flammen schlagen wild und gierig empor;
und in jenem unfaßbaren, züngelnden, flackernden Scheiterhaufen glauben wir nackte, begeistert und euphorisch
umherspringende Glutgestalten zu sehen, deren neue, hexenhafte Kreaturen sich stets aus den formlos zergehenden Körpern der alten zu erheben scheinen;
ein rotgolden leuchtender Funkenregen sprüht;
alles
knistert, glimmt und schwelt, flammende Wellen rollen durch unsere Welt und machen sie zu einem imposanten Imperium lodernder Lohe;
und dank der jetzt verströmten Hitze schmelzen auch die starren,
wächsernen, künstliche Milde und Freundlichkeit ausdrückenden Totenmasken unserer Seelen dahin, so daß wir einander WIRKLICH und WAHRHAFT im rasenden Taumel erkennen können;
mit einem hölzernen Schiffchen verweben wir die hauchdünnen Fäden und herrlichen bunten Bänder unserer offenbarten Psychen zu einem einzigen
, wunderbar golddurchwirkten Teppich, welchen wir in einem katakombengleichen Keller ausbreiten,
denn nun können sich an diesem schicksalsträchtigen Ort Druiden, Magier und Troubadoure versammeln, um
HIER bei Kerzenschimmer ihre Mirakelschriften zu studieren, aphroditische, honigduftende Tränke zu brauen und Lieder zu komponieren, die das feierliche Zelebrieren jenes uralten, heidnischen Rituals zu Ehren von Blut, rauschhafter Extase und
Ewigkeit preisen soll;
tosende, wirbelnde Stürme brausen nun durch unsere Welt, erfassen und tragen uns einfach davon;
wir werden rückwärts durch enge, spiralförmige Tunnel und sternenlose Horizonte geschleudert und wissen
offenbar selbst nicht, ob wir diese Situation nun fürchten oder sie genießen sollen;
doch dann gelingt es uns, jenes rasende Element zu bändigen und auf seinen wilden Böen nebeneinander herzureiten wie auf visionären, blumenbekränzten
Zigeunerponys;
der Erdenkreis zerschmettert unter ihren Hufen, und die in allen Farben funkelnden und blitzenden Splitter spritzen fontänengleich in sämtliche Richtungen davon;
wir stoßen auf unseren stolzen Tieren immer mehr vor;
eine majestätische Sphinx erscheint zwischen den auseinanderklaffenden Rändern der Äonen, lächelt uns huldvoll an und gewährt uns so sekundenlang den Hauch einer Ahnung ihres
ewigen, unergründlichen Geheimnisses;
doch jener strudelnde Sog zieht uns weiter, weiter;
wir erreichen fremdartige, tropisch anmutende Gärten mit uns unbekannten Pflanzen;
die elegischen Lieder der Barden
sind noch immer aus weiter Ferne zu vernehmen, und zu dieser wehmütigen Musik - einer seltsamen, treibenden, doch langsam verklingenden Melodie mit dem rhythmischen Pochen unserer Herzen als Grundmotiv - lassen wir unsere sensiblen Seelen
zärtlich umschlungen einen letzten Abschiedstanz genießen...
Tautropfen glitzern in
zarten Spinnweben gleich winzigen, schmückenden Perlen, die Elfen versehentlich nach einem Ballabend vergessen haben und die deshalb nun dazu bestimmt sind, durch die warme Sonne aufgesogen und oxydiert zu werden...
Ich schaue mich um.
Über mir erhebt sich würdevoll die gewölbte, herbstlich rot und golden verfärbte Krone jener einzelnen Esche inmitten des Feldes, unter deren Laubdach wir gestern anscheinend Schutz gesucht haben, ohne
dies in der Dunkelheit zu bemerken...
Noch immer schlaftrunken lehne ich das Gesicht gegen ihren moosbewachsenen Stamm und spüre an meiner Wange die raue, von Furchen durchzogene Rinde - ähnlich der faltigen, wettergegerbten Haut im
Antlitz einer jahrhundertealten Schamanin oder einer frommen Wächterin, die gütig unser Beisammensein behütete... Im noch schwachen Morgenlicht funkeln und glänzen die feuchten Blätter und verkünden so das Anbrechen eines neuen Tages.
Ein Vogel zwitschert uns den Weckruf entgegen. Laut schallt sein Gesang über die Weiden.
Meine Hände und Füße sind vollkommen mit Schlamm verkrustet. Vorsichtig strecke und dehne ich mich, bis der größte Teil des Schmutzes abbröckelt
und ich meine Finger wieder frei bewegen kann. Ein leichter Geruch nach moderndem Laub und Pilzen hängt in der Luft.
Erst jetzt erinnere ich mich auch an meinen Gegenüber; wir blicken uns an und scheinen
gleichzeitig zu erkennen, daß wir vermutlich irgendwann im Laufe der letzten Stunden aufgehört haben, uns mit Worten zu verständigen, um stattdessen auf eine urtümliche, nicht-verbale und dennoch universelle Sprache zurückzugreifen, deren
Zauber jedoch jetzt vom schalen Tageslicht gebrochen wird...
Wir sind beide leicht von Tau benetzt.
Die Nacht neigt sich immer mehr ihrem Ende zu.
Mühsam rappeln wir uns auf; bereit, zur Stadt
zurückzukehren und dort unseren einstigen, scheinbar keiner kausalen Logik gehorchenden Weg fortzuführen. Insgeheim weiß jeder von uns tief im Inneren, dies bedeutet, wir werden einander zwangsläufig verlieren müssen, und dennoch setzen wir
beharrlich einen Fuß vor den anderen; nähern uns unaufhaltsam jenem Ort, der uns Abschiedsschmerz, Angst und dumpfe, quälende Einsamkeit bringt -
- Warum?
Vielleicht, weil wir zu stolz und
trotzig sind, uns eingestehen zu wollen, wie wenig wir eigentlich den Verlauf sämtlicher Strecken - und damit auch des ganzen eigenen Lebens - im Griff haben und selbst lenken und koordinieren können; stattdessen reden wir uns krampfhaft, fast
schon wie besessen, ein, "frei" zu sein, und hoffen nun vergeblich, uns sowohl selbst als auch gegenseitig zu beweisen, daß wir stets die Möglichkeit haben, beisammen zu bleiben beziehungsweise den anderen jederzeit wiederzufinden,
wenn wir uns nur intensiv genug bemühen...
Oder besteht der wahre Grund darin, daß es uns noch immer nicht gelungen ist, diesen alten, eigentlich völlig absurden Glauben aufzugeben, an den die Bewohner unserer Stadt sich beinahe panisch
klammern, um im sinnlosen, unberechenbaren Chaos ihres täglichen Labyrinths nicht vollends zu verzweifeln, und der besagt, alles, was um sie herum und mit ihnen geschehe, müsse wohl irgendeine wichtige, schicksalhafte Bedeutung haben und sei
nur zu ihrem allgemeinen Wohlergehen nützlich; deshalb mögen sie sich besser nicht dagegen auflehnen und versuchen, auszubrechen oder sonst in irgendeiner Form zu rebellieren, sprich: jene Trägheit bezüglich den sie beherrschenden und
kontrollierenden Ereignissen aufzugeben und ihr zukünftiges Dasein selbst in die Hand zu nehmen...
Der matte, fahle Schein einer verschlafenen Sonne läßt die gesamte Landschaft viel zu hell und grausam realistisch wirken.
In der Ferne höre ich leise einen kleinen Strom plätschern - bewegte Wellen, die sich zwischen
Mohnblumen, Schachtelhalm und blühendem Löwenzahn hindurchwinden und dabei gleichmäßig über glatte Steine rauschen, sie abschmirgeln und langsam deren ansonsten kantige Konturen körperhafter gestalten - und ganz kurz schiebt sich in mein
Bewußtsein das Bild, wie herrlich alles werden könnte, falls wir es wagten, doch noch die Richtung zu ändern, um gemeinsam dieses Gewässer zu suchen; möglicherweise gäbe es dort ja tatsächlich eine Gegend, die den traumhaften, verwunschenen
Gärten unserer versunkenen inneren Welt zumindest etwas ähnlich ist...
Aber sofort wird mir klar, daß solch eine Idee absolut illusorisch wäre: Da ich bisher ausschließlich in der Stadt gelebt hatte und somit pausenlos einem
unvorhersehbaren Wechsel der Umgebung ausgesetzt war, ist mein Orientierungssinn inzwischen völlig verkümmert; ich erachte mich keinesfalls als in der Lage, uns richtig und verantwortungsbewußt zu leiten; und selbst wenn ich meinen Begleiter
überzeugen könnte, mir zu folgen, so würden wir vermutlich niemals unser Ziel erreichen und wohl auch nicht mehr zum Ausgangspunkt zurückfinden, wären also zeitlebens gezwungen, bloß über weite, offene Wiesen und Felder zu streifen, dem Kummer
schutzlos preisgegeben, ohne Hoffnung, daß diese freudlose Situation sich für uns je verbessern wird... Die Frage, ob das nicht zumindest eine etwas angenehmere Alternative zum tristen Dahinvegetieren in der Stadt bieten könnte, wage ich
mir erst gar nicht zu stellen, und so strenge ich mich an, das verlockende Murmeln des schlangenhaft dahingleitenden Baches strikt aus meinen Gedanken zu verbannen.
Die alte Esche ist bereits aus meinem Gesichtsfeld verschwunden.
Traurig lausche ich den singenden Vögeln.
Der morgendliche Dunst hat sich inzwischen aufgelöst, selbst die Zwielicht-Zeit ist vorbei, die Nacht hat uns endgültig ausgespuckt in eine grelle, erbarmungslose Welt, unsere Entscheidung ist
gefällt, es gibt kein Zurück mehr...
In stummer, paralysierter Entschlossenheit marschieren wir konsequent weiter. Unsere dunklen, fest am Boden haftenden Schatten folgen uns, werden bei jedem Schritt mitgezogen, gleiten wie Gespenster über
die Unebenheiten des Erdreichs hinweg...
Irgendwann passieren wir zufällig einen Friedhof. Verwitterte Holzkreuze sowie von Moos bewachsene, unförmige Grabsteine mit nicht mehr leserlichen Inschriften und längst vom Zahn der Zeit zernagten
Epitaphs ragen aus dem hügeligen Lehmboden empor. Dazwischen immer wieder frisch ausgehobene Gruben. Etwas abseits sind morsche, verstaubte Särge gestapelt. Das Gras sprießt hier in dichten, fruchtbaren, saftigen Büscheln. Üppige Rosen blühen.
Die Tür des reich mit Stuck verzierten Gebeinshauses klappert trostlos im Luftzug.
Von den Hecken und Resedenbüschen fallen bereits die ersten vertrockneten Blätter ab und taumeln sanft zu Boden.
Wir gehen weiter auf einer Allee
aus ordentlich beschnittenen und zurechtgestutzten Trauerweiden mit schmalen, ästhetisch gebogenen Zweigen. In einer nicht abzuschätzenden Entfernung hebt sich die Shilouette der Stadt wie ein dunkler, gezackter Scherenschnitt vom Himmel ab.
Zinnen ragen gen Horizont. Deutlich sind die scharfkantigen Konturen eines spitzen Kirchturms zu erkennen.
Noch immer leuchtet uns schwach der Morgenstern.
Zunächst wirkt der Raum zwischen den Gebäudefronten derart eng, daß wir gezwungen sind, dicht nebeneinander herzuschreiten; manchmal berühren sich sogar unsere Hüften, und
unsere locker baumelnden Hände schlagen hin und wieder lose gegeneinander. Dennoch fällt kein einziges Wort.
Nur das hohe, monotone, elektrische Surren der Trafokästen liegt in der Luft; und zum ersten Mal nehme ich jenen leblosen
Ton bewußt als störend und in gewissem Sinne vielleicht sogar bedrohlich wahr, obwohl er doch schon seit ich mich erinnere zur stets latent im Hintergrund vorhandenen Geräuschkulisse unserer Stadt gehörte... Über den Boden der Gasse zieht sich
nun ein gerader, weißer Mittelstreifen.
Ruinen von Häusern, welche im geheimnisvoll verhüllenden Dunkel der Nacht wohl unbemerkt zusammengestürzt sein müssen und unserer Umgebung dadurch noch immer zumindest ein
flüchtiges Flair der Endzeitstimmung und melancholischen Romantik verleihen, setzen sich allmählich zusammen und bilden wieder neue, ihren Vorgängern in Sterilität und Unpersönlichkeit exakt identische Bauwerke. Mit der Zeit wird unsere Straße
breiter und entwickelt sich zu einer vielspurigen grauen Route. Ihr Asphalt dehnt sich aus; ähnlich der Haut eines Luftballons, den gerade jemand aufbläst. Die begrenzenden steinernen Fassaden stellen keine vollkommen parallelen, symmetrischen
Linien mehr dar, sondern driften immer weiter auseinander. Jeder von uns bleibt agoraphobisch streng auf seiner Seite, was dazu führt, daß wir kontinuierlich voneinander abrücken und uns so mehr und mehr entfernen, bis wir schließlich auf
verschiedenen Bürgersteigen gehen; der eine rechts, der andere links. Die Lücke, welche dazwischen klafft, wächst von Sekunde zu Sekunde. Anfangs streifen sich zwar manchmal noch die Kanten unserer weiten, sanft im Wind flatternden und sich
bauschenden Kunstledermäntel, doch schon bald ist unser Abstand so groß, daß selbst dieser minimale Kontakt nicht mehr möglich ist. Wir erscheinen unerreichbar für einander...
Keiner von uns weiß, wie er sich dagegen wehren soll; wir
gehören zu einer Generation, die vom pausenlosen, fast schon perverse Ausmaße annehmenden Existenzkamp in einer abartigen und unnatürlichen Stadt bereits derart abgestumpft ist, daß sie sich angewöhnt hat, jede Revolution aufzugeben, ehe diese
überhaupt beginnen konnte...
Am Haus neben mir ist zwischen den vergitterten Fenster ein schmutziges Schild mit der Aufschrift "Café Alba" angebracht.
Ein letztes Mal schauen wir einander hoffnungslos in die wie weit
geöffnete Pforten wirkenden Augen; unsere sehnsüchtigen Blicke umschmeicheln und umkreisen sich gegenseitig, gleiten einer ängstlich an dem anderen entlang, umschlingen sich schließlich, verflechten sich und wispern einander so Geheimnisse aus
fast vergessenen Welten zu... Mir ist, als seien wir uns in diesem Augenblick so nahe, daß nicht mal die Sonnenstrahlen zwischen uns hindurchfallen können.
Ganz schwach dringt trotz der smogartigen, abgestandenen Abgase ein
Hauch des Geruchs von Baldrian, Klee und wildem Thymian zu uns durch und streift flüchtig unsere Wahrnehmung...
Weit entfernt singt noch immer eine Nachtigall.
Auch der brausende Verkehr nimmt permanent zu. Schrilles Hupen vermischt sich mit den üblichen Motorengeräuschen sowie dem Klappern von ziellos über die harte Oberfläche
der Straße hastenden Schuhen.
Lange Masten entstehen, richten sich auf und ragen als streichholzartige Strukturen im weiten Raum nach oben; zwischen ihnen entrollen sich zahllose Hochspannungsdrähte, die schnell ein wirres
Netzwerk bilden und über uns den Himmel in einzelne, kleine, abgetrennte Parzellen zu unterteilen scheinen. Gleichzeitig platzt der Asphalt auf, und aus diesen Rissen zwängen sich eiserne Schienen empor. Eine vollbesetzte Straßenbahn mit
noch nicht festgelegter Endstation rattert darüber hinweg, genau zwischen uns hindurch, und sekundenlang sind wir total voneinander getrennt. Anschließend kann ich meinen ehemaligen Gegenüber kaum noch unter all den chaotisch
durcheinanderwogenden Personen ausfindig machen, so sehr ich mich auch bemühe... Dieses angestrengte, forcierte Umherspähen und verkrampfte visuelle Festsaugen an einem einzigen Objekt wird für mich immer mehr zu einer unangenehmen,
bedeutungslosen Verpflichtung, die ich mir einst aus allmählich in Vergessenheit geratenden Gründen und Prinzipien selbst auferlegt habe und deshalb auch einhalten muß.
Der harte, körnige Asphalt sticht und drückt unter meinen Fußsohlen,
und ich erinnere mich, bei unserem traurigen Aufbruch von dem nächtlichen Feld in einen viel zu hellen Morgen hinein derart in mein Abschiedsleid versunken gewesen zu sein, daß ich vergessen habe, meine schützenden Schuhe wieder
anzuziehen...
Inzwischen ist unsere ehemals schmale Gasse zu einem mächtigen Highway mutiert, welcher in der Mitte durch eine hüfthohe Leitplanke in zwei Hälften zerschnitten wird und von dem bereits die ersten
Ausfahrten und Nebenstrecken abzweigen. Je stärker ich mich nun gezwungenermaßen auf meinen Weg konzentriere, desto schwerer fällt es mir, zusätzlich dazu auch noch jene jetzt schon traumähnlich wirkende, langsam verblassende Erinnerung an die
Geschehnisse der vergangenen Nacht vor meinem inneren Auge lebendig zu halten...
Das heftige Gedränge eskaliert; ich werde von rastlosen Menschen, deren nächste Bewegungen grundsätzlich nicht vorauszusehen sind, umhergeschubst
und angerempelt, stolpere und drohe jeden Moment zu stürzen und unter die Räder eines zufällig vorbeifahrenden, doppelstöckigen Linienbusses zu geraten, rette mich jedoch gerade noch, indem ich mich an irgendeinem Zaun mit rostigem,
verriegeltem Tor festhalte und es so knapp schaffe, meinen Fall wieder aufzufangen. Vorbeihetzende Passanten treten mir versehentlich auf die bloßen Füße, nehmen dies durch ihre hohen, gummierten Schuhsohlen hindurch jedoch überhaupt
nicht wahr und eilen achtlos weiter, ohne mich auch nur eines Blickes zu würdigen. Von hinten kickt mir jemand schmerzhaft gegen die Ferse. Trotzdem bemühe ich mich, mit roboterhaft unbewegter Mimik mechanisch meinen Weg fortzusetzen;
peinlich darauf bedacht, meine eiserne Selbstbeherrschung zu wahren und hier keinerlei Gefühlsregung zu zeigen, geschweige denn irgendeine Art von individueller Schwäche oder gar Verletzlichkeit preiszugeben...
Dann schaue ich
mich um, aber obwohl diese ganze Aktion wohl nur wenige Minuten gedauert haben mag, kann ich jene bestimmte Person anschließend nirgends mehr erblicken... Sie ist während meiner kurzzeitigen geistigen Abwesenheit zu einem winzigen,
unauffällig geringen Partikel des einheitlich dahingleitenden Menschenstroms geworden - uniform und unwichtig wie irgendeine gewöhnliche Ähre inmitten eines sich über mehrere Kilometer erstreckenden Kornfeldes; oder wie eine einzelne,
mikroskopisch kleine Zelle im Organismus eines mammuthaft riesigen Tieres; oder wie ein Asteroid ohne Namen als Element im Spiralnebel einer für unsere Verhältnisse zwar gigantischen, aber im Grunde genommen dennoch genauso bedeutungslosen
Milchstraße im unendlichen Weltall...
Hilflose Traurigkeit schlägt gleich dunklen Meereswogen über mir zusammen, scheint mich beinahe zu ertränken; und trotzdem fühle ich mich seltsamerweise zumindest anfangs in gewissem Sinne auch
irgendwie befreit...
Bin stolz, dass ich diesen Abschied, den ich schon so lange fürchtete, nun schließlich doch noch hinter mich gebracht habe.
Genieße meine neue Ungebundenheit.
Brauche endlich keine Rücksicht mehr zu nehmen!
Jene seelische Symbiose, mit welcher wir uns über die
Sinnlosigkeit, und Leere in unserem Leben hinwegtrösten wollten, ist jetzt aufgelöst!
Eine vorher nie gekannte Einsamkeit packt mich. Ich fühle mich so ausgebrannt... Vakuum meiner Seele.
Und nicht mal ein wirklicher
Abschiedsschmerz ist noch in mir; vielmehr scheinen meine Emotionen richtiggehend betäubt zu sein - wie eine frische Wunde, die man im ersten Augenblick überhaupt nicht spürt, sondern bloß ängstlich erahnen kann; zum einen, da der gesamte
Körper zunächst zu sehr unter Schock steht, und zum anderen, da man die wirkliche Qual in ihrer vollen Intensität vermutlich gar nicht zu ertragen fähig wäre...
Hochhäuser mit verschobenen Etagen, Terrassen und Balkonen
wirken wie von spielenden Kindern achtlos aufeinandergestapelte Bauklötzchen aus Zement.
Bei diversen Gebäudefassaden wölben sich Erker nach außen und erscheinen dort wie verzerrte Beulen oder auch überdimensionale, deformierte Nasen, ehe
sie sich gemächlich zurückbilden. Türme und qualmende, rußgeschwärzte Fabrikschlote wachsen empor, streben eine zeitlang zeigefingerähnlich nach oben und sinken irgendwann wieder unauffällig in sich zusammen.
All dies ist mir momentan
egal, dennoch bewege ich mich unverwandt weiter. Allmählich nimmt jener innere Schmerz über meinen Verlust zu, breitet sich in mir aus, quält mich, hängt sich an sämtliche freie Synapsenenden meiner Gedanken und besetzt und blockiert diese,
bis ich schließlich glaube, nichts anderes mehr empfinden zu können als abgrundtiefe, beinahe unerträglich erscheinende Verzweiflung und Traurigkeit...
Ein schäbiger Wohnwagen fährt an mir vorbei; unterwegs auf seiner absurden Reise nach
Nirgendwo und getrieben von jenem Fernweh, das gleichzeitig auch Heimweh ist...
Karawanenhaft anmutende Autokolonnen.
Fußgänger mit ausdruckslosen, gleichmütigen Durchschnittsgesichtern.
Heimlich starre ich
sie mit fast schon voyeuristischer Begierde an, nur um mich jedes mal erneut für Sekundenbruchteile der trügerischen Hoffnung hingeben zu dürfen, vielleicht ausnahmsweise doch noch einmal Glück - jenes Phänomen, welches ich früher nie
benötigte, da ich, gefangen in der Monotonie meines orientierungslosen Umherirrens, keine Ideale oder Ziele hatte, die ich unbedingt erreichen wollte - zu haben und rein zufällig unter ihnen meinen ehemaligen Gegenüber wiederzufinden... Nur
langsam bin ich bereit, mir selbst einzugestehen, daß ich diesen Menschen wohl gar nicht mehr identifizieren könnte, auch wenn er jetzt direkt vor mir stünde. Selbst die letzte schemenhafte Erinnerung an ihn, jenes nebulöse Geschöpf, welches
ununterbrochen phantomhaft durch mein Denken zieht, verändert sich permanent, wird immer konturloser, "allgemeiner" sozusagen; und ich frage mich, ob diese Gestalt überhaupt noch irgendeine Ähnlichkeit mit dem echten Menschen besitzt
oder ob sie nicht inzwischen zu einem reinen Gebilde meiner Phantasie mutiert ist und im Grunde genommen nichts weiter darstellt als die Kopie meiner eigenen Ideale... Aufgrund all der uns plötzlich auferlegten Agonie ist es mir nicht
gelungen, mir auch nur ein einziges für ihn typisches Äußeres Merkmal einzuprägen; und ich fürchte, ihm geht es mit meiner Person genauso...
Bis mir plötzlich einfällt, daß ich garantiert nicht gesehen habe, wie er
vor unserem hoffnungslosen Aufbruch in Richtung Stadt seine Schuhe angezogen oder zumindest mitgenommen hat. Vermutlich irrt er nun genauso wie ich mit bloßen Füßen durch unser Labyrinth verworrener Straßen; und daran könnten wir einander möglicherweise erkennen...
Von nun an mustere ich alle Leute wieder peinlich genau.
Unzählige Personen trotten an mir vorbei. Keine einzige ist barfuß.
Ein entstellter Krüppel mit Krücken und Beinprothese schleppt sich mühselig dahin. Aussätzige schneiden Fratzen.
In einer wie
ein gläserner, isolierter Gefängnisraum wirkenden Telefonzelle erblicke ich die verwesende, aufgedunsene Leiche einer Frau mit stark geschminkten Augen und ursprünglich wohl kornblondem, jetzt jedoch chemisch aufgehelltem Haar, auf welcher
sich bereits Schwärme von gierigen Eintagsfliegen niederlassen. Fette Würmer kriechen zwischen den halbgeöffneten, farblos und blutleer erscheinenden Lippen hindurch. In ihrer steifen, verkrampften Hand hält sie noch immer einen Hörer mit
abgeschnittener Schnur. Ihr schmutziggrauer Rock ist bis zu den von Striemen, Narben und blauen Flecken übersäten Schenkeln hochgerutscht.
Mehrere Jugendliche rotten sich an einer Straßenecke zusammen und fallen gemeinsam über einen
dicken, buckligen Mann her; bespucken und treten ihn und schlagen so lange mit geballten Fäusten auf ihn ein, bis er reglos am Boden liegt; dann schlendern sie gemütlich davon und zerstreuen sich langsam wieder in alle Richtungen, ohne noch
einen einzigen Blick an jene zusammengekrümmte Gestalt auf dem Asphalt zu verschwenden. Genauso gut hätte das Schicksal dieses Menschen jeden anderen treffen können; auch mich oder sogar meinen einstigen Gefährten.
Ich frage mich, warum solche Details mir denn bisher nie aufgefallen sind.
Ich erreiche einen weiten, quadratischen Platz, der von hohen Häusern - Akademien, Laboratorien,
leerstehenden Kliniken sowie Amtsgebäuden zur zwecklosen Registrierung völlig banaler, für unsere Existenz im Grunde genommen unbedeutender Kleinigkeiten vermutlich - gesäumt ist. Aus jeder der vier Himmelsrichtungen münden jeweils zwei
absolut linear verlaufende Straßen hinein. In der Mitte befindet sich auf einem würfelförmigen Sockel ein grotesk anmutendes Monument; etwa wie ein Steinklotz, den jemand bloß laienhaft bearbeitet und durch grobe Hammerspuren verunstaltet hat,
offenbar in der vergeblichen Hoffnung, so irgendeine Art tiefe, profunde "Wahrheit" plastisch darzustellen, welcher man, wie ich inzwischen weiß, wohl nie wirklich habhaft werden kann und von der man höchstens einen unvollkommenen,
im Vergleich zur Realität peinlich plumpen Abklatsch zu schaffen vermag... Trotzdem möchte ich dieses Denkmal auch aus der Nähe besichtigen; immerhin handelt es sich doch um ein eindeutiges, für mich irgendwie tröstlich und beruhigend
wirkendes Zeugnis dafür, daß es schon vor mir Menschen gegeben haben muß, welche im Laufe ihrer Wanderung ebenfalls andere Daseinsformen als die des konformen, angepaßten Lebens in der Stadt kennen gelernt hatten; ich verlasse den belebten
Bürgersteig und trete auf jene frei daliegende Fläche... Unter meinen bloßen Sohlen brennt der erhitzte Teer wie glühende Kohlen und schleudert durch meine nackten Füße schier unerträgliche Schmerzwellen, welche von dort aus an meinen
Nervenbahnen entlang rasen, grellen Kometen gleich durch meinen gesamten Körper jagen und sich schließlich wie spitze Pfeile in mein Gehirn bohren. Ich taumele und weiche schnell wieder zurück in den Schatten der straff gespannten,
baldachinähnlichen Markisen über dem Trottoir.
Enttäuscht schlendere ich weiter, tauche erneut ein in das verästelte Wirrwarr systemloser Strukturen und suche mir einen Weg durch jene unübersichtliche Ansammlung aus Mauern, Zäunen,
Gebäuden, Türschwellen und Passagen... Allerdings kann ich mich jetzt nicht mehr so gedankenlos treiben lassen wie früher; immer wieder gerate ich in Situationen, in denen ich gezwungen bin, bestimmte Straßenzüge zu meiden, da sie ohne
Schutz dem prallen Sonnenlicht ausgeliefert sind, oder in denen ich bewußt die Entscheidung treffe, eine Gasse der anderen vorzuziehen, wenn ich dort eher die Möglichkeit habe, mich im Schatten aufzuhalten und so meine gequälten Fußsohlen zu
schonen...
Ich fühle mich deutlich in meiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt.
Eine zerschellte Bierflasche, deren Scherben und Splitter über den gesamten Gehweg verstreut sind, nimmt nun für mich die
Ausmaße eines schier unüberwindbaren Hindernisses an. Mich stört der ausgespuckte, weißlich-graue, überall auf dem Asphalt festklebende Kaugummi. Stellen, wo viele Menschen drängeln, stoßen, schieben und sich dabei möglicherweise gegenseitig
auf die Füße treten, sind strikt tabu!
Inzwischen lasse ich mich nicht mehr völlig fatalistisch von der Willkür des jeweiligen Augenblicks umherschubsen, sondern achte selbst darauf, welchen Weg ich
einschlage...
Direkt neben einem Fastfood-Restaurant, dessen Lokalraum mit lebensgroßen künstlichen Figuren - Tauben, Hasen, Schlangen, grinsenden Clowns, Zentauren und bernsteinäugigen Wildkatzen - geschmückt ist, erblicke ich ein
Schuhgeschäft. Ich zögere; sekundenlang überlege ich, ob jetzt für mich endgültig der Zeitpunkt gekommen sein soll, mit der Erinnerung an die vergangene Nacht abzuschließen, indem ich mir hier feste Stiefel besorge, meine gepeinigten Füße
erlöse, so meine alte Freiheit und Unabhängigkeit wiedergewinne und dadurch allerdings auch in Kauf nehme, von nun an nicht mehr bei jedem Schritt gleichzeitig mit stechenden, hämmernden Schmerzen auch jene wunderschönen, bereits nebulös
zerfasernden Träume und Visionen von meiner Zeit auf dem nächtlichen Feld heraufzubeschwören...
Sogar mental angepaßt sein.
Gleichmütig, unempfindlich.
Ohne jegliche Ideale; ohne Hoffnung.
Nicht mal zur Traurigkeit und tiefen Melancholie fähig.
Abgestumpft durch den freudlosen Gleichtakt des Daseins.
Das öde Dahinvegetieren in unsere Stadt nur deshalb akzeptierend, weil ich längst viel zu desillusioniert, resigniert und
lethargisch bin, um mir überhaupt vorzustellen, daß auch ein Leben außerhalb ihrer Zwänge und starren, unpersönlichen Regeln möglich sein könnte...
Vor allem jedoch spekuliere ich noch immer darauf, auch mein ehemaliger Gegenüber müßte
sich inzwischen daran erinnern, wie ich meine Schuhe vergessen habe, und würde nun aufmerksam nach mir, einer unglücklichen Gestalt mit bloßen Füßen, Ausschau halten - denn genauso bleibt auch mir selbst, um ihn wiederzufinden, letztendlich
nichts weiter übrig, als arglos darauf zu vertrauen, daß er ebenfalls stark genug ist, zugunsten von mir auf neues Schuhwerk zu verzichten und Leiden zu akzeptieren, damit er dadurch eventuell von mir erkannt werden
kann...
Barfuß marschiere ich weiter, trotzig, verwegen, mit stolz erhobenem Kopf und bereit, meine Schmerzen bis zur Neige auszukosten!
Hilfloses Schluchzen schüttelt mich.
Schließlich erreiche ich ihn doch noch, knie schwer atmend neben ihm nieder...
Der magere Körper ist grotesk verdreht und abgewinkelt, das Rückgrat in einer unnatürlichen
Stellung gekrümmt, das Gesicht entstellt wie eine skurrile wächserne Maske, aus dem mit abblätterndem Schorf überzogenen Mundwinkel rinnt ein dünner, korallenroter Blutfaden; doch glücklicherweise handelt es sich eindeutig um eine mir fremde
Person...
Zunächst erleichtert stehe ich auf, setze meinen Weg fort.
Die Bilder der Zerstörung wollen einfach nicht mehr aus meinem Gedächtnis weichen; permanent drängt sich mir die erschreckende
Vorstellung auf, daß jener Mensch, nach welchem ich suche, zur Zeit dennoch in Gefahr schweben könnte; möglicherweise irgendwo in einem ganz anderen, für mich unerreichbaren Teil der Stadt; eventuell sogar direkt in meiner Nähe, nur wenige
Passagen, Häuserblocks und Kreuzungen entfernt; und daß sich niemand dort bereit zeigt, ihm zu helfen oder zumindest tröstend beizustehen, da alle Leute sich entweder im Laufe ihres freudlosen Lebens angewöhnt haben, absolut gleichgültig und
desinteressiert zu werden gegenüber dem, was um sie herum geschieht, oder aber - genauso wie ich - viel zu egoistisch sind, um zugunsten ihrer Mitmenschen auf den individuellen Luxus einer ihrer persönlichen Meinung nach zwar heroischen,
eigentlich jedoch völlig unnötigen Quälerei zu verzichten, weshalb es ihnen nicht gelingt, sich selbst und ihre private, trotzige Verzweiflung zu überwinden, jene unsichtbare Barriere, die uns alle voneinander trennt und zu bindungslosen,
isolierten Einzelwesen macht, zu durchbrechen, veraltete Prinzipien über Bord zu werfen und so tatsächlich aktiv etwas zu ihrem eigenen Schicksal und dem der übrigen Leute beitragen zu können...
Wer weiß, wie viele der nach außen hin so emotionslos auftretenden Menschen hier insgeheim meinen Weltschmerz teilen...?
Langsam beginne ich, mich ihnen allen verbunden zu fühlen.
Gegenüber einer Häuserecke sehe ich
einen hohen, noch nicht fertiggestellten Ziegelturm, dessen Spitze beinahe bis in den wolkenverhangenen, trüben Himmel ragt. Davor huschen aufgeregte Personen mit dunklen Sonnenbrillen umher, gestikulieren nervös und reden wild aufeinander
ein, können sich jedoch offenbar nicht verständigen.
Ich setze mechanisch einen Fuß vor den anderen, Schritt für Schritt, heimatlos und vagabundenhaft, immer weiter...
Irgendwann fällt mein Blick zufällig in ein frisch poliertes, sich
allmählich verziehendes Schaufenster, und mein eigenes Spiegelbild kommt mir plötzlich fremdartig und unbekannt vor.
Schließlich, als dieser Tag sich bereits seinem Ende zuneigt und der blutrote, wie durch den Schimmer eines gewaltigen
Scheiterhaufens beleuchtet wirkende Himmel die neue Nacht ankündigt, erreiche ich eine Müllkippe. Ausgeschlachtete Autowracks reflektieren das strahlend helle Licht und erscheinen in solch einem Glanz fast schon würdevoll und majestätisch.
Über fortgeworfene Plastikpuppen mit geborstenem Kopf rankt Efeu. Dazwischen immer wieder vom Regen bis zur Unleserlichkeit durchweichte Bücher und Comichefte. Verrottende Kaffeefilter und Teebeutel wirken wie Reliquien. Weicher, formloser
Schimmel breitet sich auf einem hölzernen Fensterkreuz aus. Mohnblumen blühen. Ein alter Kühlschrank rostet stumm vor sich hin.
... HIER suche ich mir ein paar schäbiger Sandalen; bereit, MEINEN EIGENEN Weg fortzusetzen - ab jetzt
möchte ich mich nicht mehr völlig unmündig von Schmerzen oder Zufällen befehligen und dirigieren lassen, sondern will in diesem Wirrwarr aus verzweigten und verästelten Gassen, Straßen und Highways selbst über die Richtung meiner zukünftigen
Strecken bestimmen können.
Die einzige Möglichkeit, meine Individualität auszudrücken, besteht nun darin, mich durch Taten auszuzeichnen.
Noch immer denke ich sehnsuchtsvoll an meinen einstigen Vertrauten; frage mich, ob ich ihm nicht Unrecht
tue, wenn ich ihm so endgültig die letzte Chance nehme, mich wiederzufinden...
Aber andererseits... Sicherlich hat er ebenfalls aus unserer Begegnung gelernt und ist jetzt vielleicht, wo auch immer er sich gerade
aufhalten mag, genau wie ich bereit, Schuhe zu tragen und somit seine Einzigartigkeit und gleichzeitig die Hoffnung auf ein weiteres Treffen mit mir aufzugeben, um stattdessen seinen Mitmenschen besser im unberechenbaren Alltag beistehen zu
können...
Solch eine Idee läßt mir meine Entscheidung sogar noch leichter fallen; immerhin könnte demnach im Grunde genommen JEDE Person, der ich in irgendeiner Form helfe, mein heimlich rosenbekränzter Gefährte sein; auch wenn ich ihn in
diesem Augenblick möglicherweise nicht erkenne...
Darüber hinaus ist es für mich ein tröstlicher Gedanke, jene besondere Person und ich seien trotz unserer Distanz auf geheimnisvolle, mystische Weise noch immer seelisch miteinander vereint;
zum einen durch unsere Erinnerung, welche wir stets teilen werden, so fern wir uns auch sein mögen; zum anderen aber auch durch das daraus entstandene, uns gemeinsame Bedürfnis, gegen Gleichgültigkeit und Isolation - Zustände in unserer Stadt,
über deren Existenz wir beide uns wohl erst aufgrund jener Erfahrung bewußt werden konnten - anzukämpfen...
Und sollte er tatsächlich dennoch, in alten, verkrusteten Denkmustern festgefahren, egoistisch auf seinen Wunsch beharren,
ausgerechnet mich wiedersehen zu wollen, der trägen, gedankenlosen Loyalität zu einem mumifizierten alten Traum hingegeben, so ist er es eindeutig nicht wert, hat es nicht verdient, daß ich nur seinetwegen derart leide und auch andere Menschen
leiden lasse; das heißt, falls wir uns wirklich irgendwann begegneten, wären wir uns vermutlich absolut fremd und würden einander gegenüberstehen wie zwei Menschen, die nichts gemeinsam haben außer höchstens noch der Tatsache, daß sie sich so
eben selbst ihrer letzten Illusionen beraubten...
Jener immense Kummer über meine Einsamkeit ist nicht geringer geworden; der profunde Schmerz in meinem Inneren nimmt nicht
ab, er wird lediglich allmählich ein Teil von mir, brennt sich sozusagen unauslöschbar in mein Herz ein; ich gewöhne mich an ihn und akzeptiere diese Melancholie als ein nicht von meinem Dasein zu trennendes Element, gegen welches ich mich
längst nicht mehr in irgendeiner Form zu wehren brauche, da es inzwischen viel zu stark mit meiner Persönlichkeit verwoben ist und bereits zu sehr zu ihr gehört...
Es beginnt zu schneien. Weiche Flocken bedecken meinen zitternden Leib.
Ich warte.


Ich freue mich immer über Kritik, Anregungen, Verbeserungsvorschläge und natürlich gerne auch mal ein Lob! :)
atlantis