Part I - Abschied (13. 9. 2001)

Es ist dunkel, als ich erwache. Das Haus ruht in vollkommener Stille. Nur gelegentlich blökt draußen eines der Schafe.
Ich blinzle. Die Leuchtziffern meines Reiseweckers stehen auf viertel vor vier. Neben dem Bett kann ich schemenhaft die Umrisse meines großen, fest geschnürten Rucksacks erkennen.
Fröstelnd ziehe ich die Decke höher. Ja, die Nächte sind verdammt kalt auf La Rèunion, besonders hier im Gebirge, ungeachtet der drückenden Schwüle, die über Mittag in den engen Gassen der Städte lastet und das gesamte Leben der Insel in einer trägen, reglosen Siesta erstarren lässt.

Etwas mehr als zwei Wochen sind es nun her, dass ich hier angekommen bin. Tausend Fragen, Erwartungen und Pläne im Kopf, in der Hand nichts als eine kleine Tasche... Meinen Rucksack hatte Air France versehentlich irgendwohin ans andere Ende der Welt geschickt. Total übermüdet war ich, da inzwischen fast dreißig Stunden vergangen waren, seit ich meine Wohnung verlassen hatte. Und voller Unsicherheit, wie ich mich wohl verstehen werde mit meinem Onkel Marc, mit dem mich seit über fünfzehn Jahren kein intensiverer Kontakt verbunden hatte als der gelegentlich ausgetauschter belangloser Floskeln auf Weihnachtskarten.
Marc. Der jüngere Bruder meines Vaters. Beide stammen ursprünglich von einem kleinen Gut in der Normandie, doch während das ewig nagende Fernweh meinen Vater einst „nur“ nach Deutschland verschlug, beschloss Marc, zusammen mit seiner Freundin Francoise nach La Rèunion auszuwandern. Anfangs hatte ich ihn noch regelmäßig in den Sommerferien, die wir alle im Haus meines Großvaters zu verbringen pflegten, gesehen. Sportlich, braungebrannt, mit von der Sonne gebleichten Haaren, stets lachend tauchte er dort auf und zeigte der staunenden Familie Fotos von seiner neuen Heimat: Wuchernde Gärten, hochgewachsene Palmen, gewaltige Wasserfälle, farbenfrohe Häuser mit filigran verzierten Balkonen und Brüstungen, der steinerne Krater des Vulkans...
Später kam er immer seltener. Vielleicht überschnitten sich auch nur seine Ferien nicht mehr mit unseren. Es hieß, er habe sich von Francoise getrennt und lebe jetzt mit Lilette zusammen, einer Kreolin aus St. Denis, der Hauptstadt von La Rèunion. Pünktlich zu Weihnachten schickten uns die beiden stets Pakete mit exotischen, liebevoll verpackten Geschenken. Riesige Muscheln in seltsam geschwungenen Formen, hölzerne Miniaturschiffe mit abenteuerlustig geblähten Segeln, getrocknete tropische Blüten, anmutig geschliffene Karaffen mit süßlich-würzig duftenden Likören und oftmals etwas kitschig anmutende Vasen in grellbunten Farben, bemalt mit Vögeln, Sandstränden und finster dreinblickenden Piraten, bevölkerten fortan unseren Kaminsims aus Eichenholz und versetzten Besucher regelmäßig in Staunen. Kurz gesagt, eine erregende Atmosphäre von unbekannten Wirrnissen einer fernen Welt breitete sich in unserem trauten Heim aus...
Den Paketen war jedes Mal eine Karte beigefügt, auf der Marc von den Ereignissen des vergangenen Jahres berichtete und die mit der Erklärung schloss, nun ja, so weit, so gut, aber ein wenig vermisse er die Verwandtschaft schon, gerne würde er uns allen einmal die Schönheit seiner neuen Heimat zeigen, uns an der Pracht der Insel teilhaben lassen, und ob denn niemand Lust habe, ihn zu besuchen...
Ein Traum war zum Leben erwacht und nahm in meiner Phantasie immer mehr Gestalt an.

Später, als ich älter wurde, las ich mehr über La Rèunion: Dass diese ehemalige Kolonie heute ein französisches Überseedepartement ist und somit den Verwaltungsbezirken Frankreichs rechtlich und politisch gleichgestellt beispielsweise. Und dass nicht etwa nur verwegene Pioniere gen Rèunion segeln, sondern dass die sonnige Insel inzwischen gerade bei Franzosen ein beliebtes Ferienziel darstellt und somit über eine bestens ausgebaute touristische Infrastruktur verfügt. Meine Faszination war kurz davor, einer tristen Ernüchterung zu weichen...
Hätte da nicht, nur 800 km westlich, Madagaskar gelegen. Die viertgrößte Insel der Welt. Fremdartig, geheimnisvoll, unbekannt. Schon allein der Name klang nach Fernweh, Sehnsucht und Abenteuer, fand ich, wie ein verheißungsvolles Versprechen. Ein Land, von dem man hier nichts weiß, außer dass Seeleute dort einst die Pest an Bord hatten und fürchterlich zugrunde gingen.
Ja, ich war mit der Möglichkeit einer Reise in den indischen Ozean versöhnt...

Draußen braust der Wind durch das Bambusdickicht. Irgendwo kreischt eine brünstige Katze. Ich drehe mich um und lasse in Gedanken die Bilder an mir vorüberziehen...
Ich bin jetzt vierundzwanzig Jahre alt. Lebe zusammen mit meinem Freund Robby in Heidelberg und studiere Indologie – die Wahl dieses Faches war das Resultat meines zweimonatigen Aufenthaltes in Indien bei einem sozialen Dorfentwicklungsprojekt. Nein, nachdem ich das Abi in der Tasche hatte, konnte mich nichts und niemand mehr davon abhalten, die Welt zu erkunden...
Und auch an jenem Tag, der jetzt so lebhaft in meiner Erinnerung auftaucht, schwelgte ich im Gefühl einer rauschhaften, wagemutigen Freiheit und Abenteuerlust. Vormittags hatte ich nach langem Planen endlich meinen Flug gebucht. Wieder wollte ich zwei Monate unterwegs sein: Ich würde zuerst zwei Wochen bei Marc und Lilette auf La Rèunion verbringen, von dort aus für einen Monat nach Madagaskar fliegen und anschließend wieder für zwei Wochen auf La Rèunion zurückkehren. Gerade saß ich in der Mensa und gönnte mir zur Feier des Tages ein überbackenes Toast und einen großen Banane-Kirsch-Saft, als ein Mitkommilitone vorbeischlenderte.
„Na, wie läuft´s so? Hast du für die Ferien schon was vor?“
Ich berichtete von meinen Reisezielen. Er schüttelte ungläubig den Kopf.
„Madagaskar?! Na, da hast du dir wirklich noch den letzten weißen Fleck auf der Landkarte ausgesucht!“
Ähnlich reagierte auch meine Mutter bei meinem nächsten Besuch. Nur dass ihre Verwunderung rasch in gemäßigte Panik umschlug.
.„Muss das sein? So weit weg? Nach Afrika? Noch dazu ganz alleine?“ hatte sie geseufzt. „Bloß weil Robby für ein Semester nach England fliegt, während es bei dir dieses Jahr mit dem Praktikum nicht geklappt hat, willst du aus Frust...“
„Aber Mama! Das hat doch mit Frust nichts zu tun! Ich hatte mich nur so drauf gefreut, endlich mal wieder ´rauszukommen! Und Madagaskar und La Réunion sind doch ideal; auf La Réunion kann ich bei Marc wohnen, das haben wir schon längst per E-Mail geklärt, und mit dem Flugzeug ist´s nur knapp eine Stunde bis nach Madagaskar.“
„Gegen La Réunion habe ich ja auch nichts einzuwenden, das gehört immerhin noch zu Frankreich, aber ausgerechnet Madagaskar...“ Ihre Stimme drohte umzukippen. „Ein Dritte-Welt-Land! Und man weiß hier so gut wie gar nichts drüber! Da willst du hin! Warum begleitest du nicht lieber Robby nach England?“
„Was soll ich in England, wenn ich genau so gut nach Madagaskar kann?!“
 „Überhaupt, was meint eigentlich Robby zu dieser ganzen Angelegenheit?“
Ich wusste, dass dieses Argument jetzt kommen musste. Immer bemängelte meine Mutter, dass ich mich nicht wie eine „richtige“ Freundin verhalte und Robby vernachlässige. Beschwörend hob sie die Hände.
„Glaub´ mir, du setzt achtlos deine Beziehung aufs Spiel, und einen derart netten, sympathischen Freund findest du so schnell nicht wieder! So lang wie der hat´s eh noch keiner mit dir ausgehalten.“
„Ich hab´ dir doch gesagt, für Robby ist das kein Problem, genau so wenig wie für mich! Er macht jetzt sein Auslandssemester in York, ich reise nach Madagaskar, und im Winter sehen wir uns wieder und haben uns ´ne Menge zu erzählen.“
„Also, ich weiß nicht... Hast du keine Bedenken, dass er sich in der Zwischenzeit eine andere Freundin sucht? Eine, die nicht abhaut und ihn im Stich lässt? Ich meine, üblich ist das schließlich nicht, einfach so mal zwei Monate ganz allein nach Afrika...“
Ich merkte, wie meine Geduld langsam in brodelnde Wut umschlug.
„Dann wird´s aber Zeit, dass so was selbstverständlich wird,“ brummte ich missmutig. „Wenn´s irgendwann keine bequemen, angepassten Frauen mehr gibt, müssen die Männer halt umdenken und lernen, ihre Erwartungen und Ansprüche zu korrigieren! Wir haben genau so das Recht, unseren eigenen Weg zu gehen. Aber so lange keine Frau sich traut, zu tun, was sie will, bleibt alles beim alten. Und glaub´ mir, ich könnte nie glücklich werden in einer Beziehung, in der ich nicht die Freiheit habe, zu reisen... Dann bleibe ich lieber solo, und die Jungs sollen sich nur wundern, was ihnen da entgeht!“
„Dein Vater hätte mir so etwas nie erlaubt!“
„Eben! Die Zeiten haben sich geändert, und die Männer zum Glück auch – teilweise zumindest! Robby ist ein erwachsener, selbständiger Mensch, der kein langweiliges Hausweibchen will, sondern eine ebenso selbständige Frau, die alleine ihre Entscheidungen treffen kann!“
Sie seufzte. „Ja, ihr seid wirklich eine ganz andere Generation. Wahrscheinlich werde ich alt, aber ich kann´s einfach nicht verstehen. So weit weg, und dann noch ganz alleine, als Frau... Sag mal, hast du denn gar keine Angst?“
„Madagaskar zählt zu den sichersten Ländern für alleinreisende Frauen, habe ich gelesen. Und es muss so eine faszinierende Insel sein... Schon allein die Natur! Fast 90 % aller Tiere und Pflanzen dort sind endemisch, steht in meinem Reiseführer, und ein großer Teil davon ist noch immer nicht erforscht. Und es gibt ganz viele verschiedene Bevölkerungsgruppen, jede mit einer anderen Kultur und Tradition, und alle einzigartig... Jetzt habe ich mich schon so viel damit beschäftigt, und ich freu mich einfach riesig drauf, endlich alles selbst zu sehen. Und außerdem will ich doch auch meine Französisch-Kenntnisse wieder auffrischen. Kannst du meine Begeisterung denn zumindest ein kleines bisschen nachvollziehen?“
„Schon. Natürlich ist Reisen toll. Aber muss es denn gleich so was Ausgefallenes sein? Es gibt doch auch in Europa schöne Reiseziele... Wie wäre es denn mit Frankreich selbst, wenn du wieder Französisch reden möchtest? Du könntest erst ein paar Tage in Paris bleiben und dann weiterfahren... In die Provence zum Beispiel. Dort soll es landschaftlich sehr schön sein, erst letzte Woche habe ich im Fernsehen einen Bericht darüber gesehen, und zumindest gibt’s dort richtige Hotels. Und wer weiß, vielleicht findest du ja auch noch eine Freundin, die mitkommt...“
Nein, sie würde meinen Enthusiasmus, meine Abenteuerlust, meine Entdeckerfreude nie begreifen. Irgend etwas war da in mir, eine tiefe, profunde Sehnsucht nach dem Anderen, ein unstillbaren Fernweh, eine drängende, treibende Neugier... Es erstaunte mich immer wieder, dass andere Leute solche Regungen, die zu einem allgegenwärtigen Bestandteil meines Lebens gehörten, offenbar nicht kannten.
Und ich wusste, meine Mutter würde die ganze Zeit, während ich unterwegs war, keine Nacht ruhig schlafen können und kam mir kalt und herzlos vor.

Mein Wecker piept. Anscheinend bin ich doch eingedöst. In der Küche klappert Geschirr, und ich höre das behagliche, anheimelnde Geräusch der Kaffeemaschine.
Ein rascher Blick auf meine Checkliste zeigt mir, dass alles vorbereitet ist. Die notwendigen Kleidungsstücke sind im Rucksack verstaut, ebenso wie die Reiseapotheke, der Leinenschlafsack und – sehr wichtig für solche Expeditionen – eine Packung Klopapier. In meinem kleinen Rucksack befinden sich die beiden Reiseführer, das Tagebuch, mein erprobtes Schweizer Taschenmesser, eine Rolle Bindfaden sowie Kopien von allen wichtigen Papieren. Die Originale selbst, d.h. Reisepass, Impfausweis, Traveller-Cheques, Flugticket und – für alle Fälle – die Adressen der deutschen und französischen Botschaft in Madagaskar, stecken in der eng anliegenden Bauchtasche.
Ich gehe ins Bad. Alles so vertraut. Ja, zwei Wochen sind es nun her, dass ich hier angekommen bin...
Die selbstverständliche Herzlichkeit, mit der ich sofort im Kreise der Familie aufgenommen wurde, hat mich von Anfang an überrascht. Nie hatte man mir während der ganzen Zeit in irgendeiner Form das Gefühl gegeben, ein fremder Eindringling zu sein, vielmehr wurde ich behandelt, als sei ich eine innig geliebte Tochter, die endlich nach Hause zurückgekehrt ist. Weder an meinen wallenden Dreads hatte man Anstoß genommen, noch daran, dass es erst mal ein paar Tage dauerte, bis ich mich wieder an die französische Sprache gewöhnt hatte und flüssig kommunizieren konnte. Auch La Rèunion mit ihrer berauschenden Blütenpracht, ihrer facettenreichen Landschaft, der wechselhaften Geschichte und der liebenswert eigenwilligen Bevölkerung hatte ich kennen- und lieben gelernt. Selbst die dicken schwarzen Spinnen mit ihren haarigen Beinen, die sich mit Vorliebe direkt an und auf der Tür von Marcs Haus aufzuhalten schienen, flößten mir inzwischen keine Angst mehr ein. Schon bald war mir klar geworden, dass La Rèunion nur über sehr wenige Badestrände verfügt; stattdessen laden jedoch die hohen Berge und schroff abfallenden Schluchten des Vulkanmassivs ein zu ausgedehnten Wanderungen in touristisch kaum erschlossene Gegenden. Und gerade diese Begeisterung für ausufernde Touren durch unwegsames Gelände, bei denen es immer etwas Neues zu entdecken gab, war es, die mich sofort mit meinem Onkel Marc verbunden hatte. Bei unseren vielfältigen Unternehmungen erweckte er kein einziges Mal den Eindruck, das alles nur gezwungenermaßen aus einer moralischen Verpflichtung zur Gastfreundschaft zu tun, sondern schien jedes Mal genau so viel Vergnügen daran zu finden wie ich. Auch mit seinen drei Töchtern verstand ich mich bestens.
Eine ganz besondere Freundschaft allerdings verband mich inzwischen mit Lilette... Noch selten war mir solch eine warmherzige, liebevolle und dennoch selbstbewusste Frau begegnet. Wir genossen es, gemeinsam über die lebhaften, farbenfrohen, typisch kreolischen Märkte zu streifen, bunte Gewänder anzuprobieren, exotische Früchte zu kosten und mit den heftig gestikulierenden Händlern zu feilschen. Abends zeigte sie mir, wie man aus den Zutaten, die wir auf diese Weise erstanden hatten und die ich zum größten Teil noch nie im Leben gesehen hatte, eine wohlschmeckende Mahlzeit zubereitet, und später, wenn der Rest der Familie bereits schlafen gegangen war, saßen wir oft noch lange zusammen und unterhielten uns, erzählten von unseren Gedanken, Gefühlen, Ängsten und Freuden, und wunderten uns immer wieder, wie es möglich ist, dass wir uns, obschon so weit entfernt voneinander an völlig unterschiedlichen Orten aufgewachsen, doch so ähnlich sind...
Und dieses friedvolle, vertraute zu Hause, an dem ich eine Geborgenheit erleben durfte, welche ich bisher kaum gekannt hatte, sollte nun also verlassen, um mich in ein unbekanntes, möglicherweise gefahrvolles Abenteuer zu stürzen... Wehmut überkommt mich plötzlich. Ich wünschte, ich könnte hier bleiben.

Auf der Veranda sitzt bereits Marc, nippt an seinem Kaffe und hört Radio. Irgendwelche uralten französischen Schlager. Täusche ich mich, oder ist er tatsächlich etwas blasser als sonst?
„T´as toutes tes affaires préparée?“
Ich nicke.
„Alors, il nous reste encore une demi heure pour boire notre café.“
Im Radio meldet sich ein sogenannter Terrorismus-Experte zu Wort, gibt die neuesten Erkenntnisse bezüglich des Anschlags auf das World Trade Center zum Besten und warnt angesichts der ungewissen politischen Situation davor, ausgerechnet jetzt große Reisen zu unternehmen.
Wir schreiben den 13. September 2001.
Kommentarlos schaltet Marc das Radio aus. Er fragt mich nicht, ob ich Angst habe. Wahrscheinlich weiß er es auch so. Und ebenso ist es selbstverständlich, dass ich trotzdem fliegen werde.
Auch wenn der Abschiedsschmerz mir im Moment die Kehle zuschnürt.

      Madagaskar

rasta vazaha

  Ü  Auf La Réunion