Madagaskar

Part 2 – Ankunft (13. 9. 2001)

Ich sitze im staubigen Flughafen von Antananarivo und warte. Bin jetzt seit über drei Stunden in Madagaskar und habe noch nichts gesehen außer diesem Gebäude. Aus unerklärlichen Gründen wurde mein Weiterflug nach Diego-Suarez, der Stadt am nördlichsten Ende der Insel, auf unbekannte Zeit verschoben. Auch konnte mir niemand Auskunft geben, wieso bei der Einreise mein Ticket umgeschrieben wurde. Ursprünglich hatte ich gebucht, mit Air Austral zu fliegen, einer sehr renommierten Fluglinie, die sich aufs Insel-Hopping im indischen Ozean spezialisiert hat; jetzt gilt mein Ticket plötzlich für Air Mad, wie die nicht ganz unzutreffende Abkürzung von Air Madagaskar lautet.

Meine einstige Reisefreude hat sich in einen zementschweren Klumpen der Furcht und Resignation verwandelt, der wie ein Stein in meinem Magen herumzukollern scheint. Längst habe ich den Wunsch, einen spannenden Urlaub verbringen zu wollen, aufgegeben. Überleben heißt die neue Devise. Irgendwie diese verdammten vier Wochen hinter mich bringen. Unvorstellbar, dass ich vormals tatsächlich Begeisterung für jene Reise empfunden haben soll... Der Gedanke daran erscheint mir jetzt wie eine spöttische Illusion, eine Karikatur, ein Zerrbild meiner bebenden Nervosität. Ja, ich habe Angst. Wie konnte ich bloß auf diese wahnwitzige Idee kommen, mich auf solch ein Abenteuer einzulassen und nach Madagaskar fliegen zu wollen, noch dazu ganz alleine...
Wie soll ich, die schon in vertrauter Umgebung so scheu, so schüchtern ist, hier neue Bekanntschaften schließen? Aber ich will doch auch nicht die ganze Zeit über nur auf mich gestellt sein! Damals in Indien habe ich es oft so sehr genossen, mich mit den anderen europäischen Projektteilnehmerinnen austauschen zu können, Entscheidungen gemeinsam zu treffen, sich gegenseitig aufzuheitern, wenn die Bilder von Armut und Unterdrückung allzu belastend wurden, zusammen Lösungen und Erklärungen in schwierigen Situationen zu suchen...
Was also, wenn ich nun wirklich die ganze lange Zeit über keine netten Leute kennen lerne? So was kann man schließlich nicht erzwingen... Wie werde ich dann umgehen können mit den oftmals auch beängstigenden oder bedrückenden Szenen, die sich bei einer Reise in ein sogenanntes Dritte-Welt-Land unweigerlich bieten? Wer wird mir helfen, wenn ich krank bin? Wird es sehr anstrengend sein, unterwegs alles ganz alleine organisieren zu müssen, ohne auch mal entspannen oder sich die Verantwortung teilen zu können?
Diskret beäuge ich die anderen Touristen, im Hinterkopf die vielversprechenden Berichte diverser Freunde, die auf ihren Reisen offenbar nie unter der Sorge, alleine sein zu müssen, gelitten hatten... Denn auf meine wissensdurstig hervorgebrachte Frage, ob es ihnen keine Schwierigkeiten bereitet hätte, immerzu neue Bekanntschaften zu knüpfen, hatten besagte Freunde mit euphorische Berichten geantwortet, die fast ausnahmslos begannen mit Sätzen wie  „Oh, weißt du, das war alles überhaupt kein Problem, echt, eigentlich hab ich schon auf dem Flug voll die coolen, lockeren Leute kennen gelernt, mit denen bin ich dann erst mal ne Zeit zusammen rumgefahren...“
Lediglich mir ist dieses Glück verwehrt. Alle anderen sind in Gruppen oder paarweise unterwegs, scheinen sich bestens zu unterhalten und erwecken nicht gerade den Eindruck, als seien sie darauf erpicht, mit mir in Kontakt zu treten.

Als das Flugzeug schließlich auf der Landebahn anrollt stürmen meine Mitreisenden hektisch zur Tür. Geschrei, schubsende, schwitzende Menschenleiber.
Na großartig, denke ich mißgestimmt, als ob´s so wichtig ist, unbedingt als erster in dieser blöden Maschine zu hocken...
Wenig später stellt sich heraus, dass es tatsächlich wichtig ist: Die Anzahl der Sitzplätze ist nämlich begrenzt. Ich gehöre mit zu den letzten Glücklichen, die einen solchen ergattern, alle Nachfolgenden müssen im Gang stehen. Aber immerhin soll der Flug ja bloß anderthalb Stunden dauern... Wenn er eben endlich beginnen würde!
Über fünfundvierzig Minuten steht unser Flugzeug unter der glühenden tropischen Mittagssonne auf dem schattenlosen Rollfeld. Die Hitze im Inneren wird allmählich unerträglich. Zumindest gibt es ein wenig Abwechslung, da wir durch die trüben Scheiben beobachten können, wie während dieser Zeit das Gepäck mehrfach aus- und wieder eingeladen wird. Ab und zu wird dabei auch mal ein Koffer vergessen, und wenn von irgendwo im Flugzeug verzweifeltes Jammern und Wehklagen ertönt, weiß man, dass sich dort der Besitzer befindet.
Endlich röhren die Motoren auf, das Flugzeug bewegt sich in unkoordinierten Bocksprüngen über das Rollfeld und schraubt sich dann schwankend in die Höhe. Mein Sitz beginnt sich allmählich in seine Einzelteile aufzulösen. Neben mir kreischt eine junge Engländerin hysterisch. Hilfsbereit reicht der dunkelhäutige Mann hinter uns ihr eine Flasche Rum. Mir wird schon allein von dem scharfen, beißenden Geruch übel.

Ankunft in Diego-Suarez, auf malgasch Antsiranana genannt. Das Flughafengebäude erinnert allenfalls an einen mittelgroßen Bahnhof. Lärm und Hektik und Geschrei. Staub. Ein provisorisches Rollband entlässt meinen Reiserucksack in einen chaotischen Haufen aus Taschen und Koffern. Leute drängeln, jeder versucht, in dem wirren Stapel, der sich am Ende des Fließbands auf dem Boden bildet, sein eigenes Gepäck zu finden.
Lalao erwartet mich. Zum Glück! Ich wüsste sonst nicht, wohin ich mich wenden und was ich tun sollte...
Marc hat dieses Treffen für mich organisiert. Er und Lalao sind in der gleichen Umweltschutzorganisation  tätig, hatten bisher allerdings nur sehr förmlichen Kontakt über E-Mail. Dennoch hat sie auf seine Bitte eingewilligt, mich am Flughafen abzuholen und mir zumindest für die ersten Nächte ein Hotel zu organisieren.
Entgegen meinen Erwartungen handelt es sich bei ihr nicht etwa eine gediegene alte Dame, sondern um eine junge Frau, nur wenig älter als ich. Sie trägt Jeans und eine fliederfarbene Bluse, und ihr rundliches, auffallend helles Gesicht wird umrahmt von einer Wolke dichter, schwarzer Haare. Ihr Begleiter, ein muskulöser, beinahe ebenholzschwarzer Mann mit wulstigen Lippen und entblößtem Oberkörper, scheint kein Französisch zu verstehen, denn die beiden reden ausschließlich malgasch miteinander.
Draußen komische, halbverrostete Autos, die aus einem alten 60er-Jahre-Film stammen könnten. Wir steigen in eines dieser Gefährte, Lalao nimmt hinter dem Steuer Platz, ihr Begleiter auf der Rückbank und wir fahren los. Abgesehen von der Windschutzscheibe verfügt dieses Auto über keine Fensterscheiben, und der aufwirbelnde Staub lässt mich husten. Hühner, Ziegen, Enten und Zebus tummeln sich auf der Straße. Die Erde tiefrot. Wuchernde Pflanzen mit riesigen, prachtvollen Blüten. Kleine, flache Häuser, die meisten aus Holz oder Blech. Kinder spielen mit verbogenen Fahrradreifen im Schlamm. Brütende, stickige Hitze. Frauen in langen Wickelröcken bewegen sich wiegenden Schrittes vorwärts und tragen dabei schwere Lasten auf dem Kopf. Überall dröhnen Transistorradios.
Auf mich stürmt so viel Neues ein, fremd, unbekannt, anders als alles, was ich je erlebt habe... Ich bin vollkommen beschäftigt mit Wahrnehmen. Frage mich, was ich bisher mein Leben lang gemacht habe, wie ich so abgestumpft vor mich hinleben konnte, ohne derart intensive Sinneseindrücke zu kennen... Mir ist, als sei ich abrupt aus einem tiefen, anhaltenden Schlaf gerissen worden.
Und ich weiß, nach diesem Erlebnis wird für mich auch zu Hause nie wieder etwas so sein, wie es war – eine Erkenntnis, die mich gleichzeitig fasziniert und erschreckt...
Lalao redet in einem Kauderwelsch auf Deutsch und Französisch auf mich ein, hält mir einen ausführlichen Vortrag über die Geschichte Madagaskars und stopft dabei gelegentlich mit fachmännischer bzw. –fraulicher Gelassenheit die wild unter dem Lenkrad hervorwuchernden Drähte zurück an den ihnen angestammten Platz. Das meiste von dem, was sie sagt, geht im lautstarken Hupen unter.
Am Hafen machen wir eine kurze Pause. Wellen schlagen sanft gegen die Kaimauer. Der Geruch nach Fisch, Schweiß, Gewürzen und erhitztem Teer ist betäubend. Ich muss noch immer husten. Halbversunkene Schiffswracks rotten gemächlich vor sich hin, werden von badenden Jugendlichen als Sprungtürme benutzt und verbreiten eine sanfte, morbide Melancholie.
Wir fahren weiter, dringen immer tiefer ins Stadtzentrum ein. Palmengesäumte Alleen. Die Häuser sind hier aus Stein und haben mehrere Stockwerke. An den schmutzigen Wänden prangen bunte, selbstgemalte Bilder. Ohne das Tempo zu verringern rast Lalao durch die engen Lücken zwischen Autos, Radfahrern und Ochsenkarren. Alles erscheint mir so unwirklich... Nein, ich kann noch immer nicht so ganz begreifen, dass ich jetzt tatsächlich in Madagaskar bin.
Ankunft im Hotel, das Lalao für mich reserviert hat, offenbar gehobenere Travellerklasse. Mein Zimmer ist geräumig, nicht luxuriös, aber sauber. Dafür besticht das Klopapier durch ein aufdringliches Vanillearoma. Mit Lalao verabrede ich mich für 20 Uhr zum Abendessen.

Es ist halb acht. Ich sitze vor dem Hotel in einer wunderbar lauen, samtigen Tropennacht. Vor den Häusern stehen Kerzen, die gemächlich vor sich hinbrennen. Schwerer, süßer Blütenduft durchdringt die Luft. Aus einem Fenster tönt Reggae-Musik. Menschen schlendern vorbei, lächeln, aber niemand ist aufdringlich, wie ich es in solchen Situationen in Indien häufig erlebt hatte. Die Gesichter sind nur schemenhaft zu erkennen und scheinen mit dem dunklen Himmel zu verschmelzen. Alles ist so wunderbar ruhig und friedlich... Ja, ich fühle mich wohlig, sicher, geborgen. Meine Anspannung macht einer ungeheuren Erleichterung Platz. Vor Freude würde ich am liebsten laut lachen. Es ist, als hätten sich mit einem Schlag all meine Befürchtungen in Luft aufgelöst.

Lalao hat sie sich in der Zwischenzeit tatsächlich die Mühe gemacht, mir noch mal einen Abriss über die Geschichte Madagaskars am Computer auszudrucken. Es ist wirklich bemerkenswert, wie gut sie über ihr Land Bescheid weiß. Außerdem überraschen mich ihre hervorragenden Deutschkenntnisse. Ich frage, wo sie diese Sprache so gut gelernt hat. Lalao legt den Kopf schräg.
„Ich bin seit drei Jahren mit einem Deutschen zusammen,“ erklärt sie fröhlich, „der hat mir natürlich einiges beigebracht, klar, schließlich will ich mich ja auch mit seiner Familie unterhalten können, wenn wir dort zu Besuch sind...“
„Ach – dann war das vorhin gar nicht dein Freund!“ rutscht es mir heraus.
Lalao ist sichtlich verwirrt.
„Wie? Wen meinst du?“
„Na, diesen einen... Der Mann, der dabei war, als du mich vom Flughafen abgeholt hast.“
Sie lacht schallend.
„Der?! Nein, das war der Kofferträger!“
„Was?“
Es stellt sich heraus, dass Lalao offenbar der Ansicht war, ich würde meine Reise nach Madagaskar mit ungeheuren Koffermassen antreten, die wir beide nie und nimmer hätten allein ins Auto hieven können... Na ja, ist das etwa die Vorstellung, die man hier allgemein von Touristen hat?
Lalao kichert verlegen.
„Wenn ich in Urlaub fahre, brauche ich immer mindestens doppelt und dreifach so viel Gepäck wie du. Wie machst du das bloß? Und außerdem... Um ehrlich zu sein, nach dem, was Marc mir erzählt hat, dachte ich, es sei eine etwas ältere Dame, die ich abholen soll.“
Ich pruste los.
„Nein! Das ist doch nicht möglich! Und ich dachte, du wärst eine ältere Dame!“
Wir müssen beide lachen. Mit herrlich aromatischem Lycheesaft stoßen wir an auf meine große Reise, das gewaltige Abenteuer, das jetzt begonnen hat. Eine prickelnde, freudige Erregung breitet sich in mir aus.
Anschließend gehen wir Pizza essen. Die Preise erweisen sich als ziemlich hoch – nicht nur für landestypische, sondern auch für meine Verhältnisse. Bei den Gästen am Nachbartisch handelt es sich unüberhörbar um schwäbische Mitbürger. Auch sonst befinden sich ausschließlich Touristen in diesem Restaurant.
Denkt Lalao etwa, sie müsse mir, der vermeintlich wohlhabenden Europäerin, etwas ganz besonders Exquisites bieten, damit ich zufrieden bin?
Ich lasse mir meine Enttäuschung nicht anmerken und frage, ob sie schon oft in diesem Restaurant war.
„Ja, klar. Ich meine, es ist natürlich nichts Großartiges. Aber trotzdem, ich find´s ganz nett, und wenn mein Freund und ich mal zu faul sind zu kochen, kommen wir gerne hier hin. Es ist halt so familiär, so gemütlich.“
„Kennt ihr auch typisch madegassische Restaurants?“
„Schon,“ Lalao rümpft angewidert die Nase, „aber da gehen wir nie hin. Das Essen ist einfach entsetzlich!“
Auch zeigt sie sich erstaunt, fast schon empört, als ich dem Piment kräftig zuspreche, um meiner ansonsten recht faden Pizza zu etwas mehr Geschmack zu verhelfen.
Bei Piment handelt es sich um eine Art breiige Soße, bestehend aus kleingehackten Chilischoten, Knoblauch, Pfeffer, Salz, Ingwer, Essig und Öl, die je nach Mischverhältnis dieser Zutaten, mal mehr, mal weniger extrem scharf schmeckt. Ich hatte diese Beilage bereits auf La Rèunion kennen gelernt, wo sie laut Marc bei keiner Mahlzeit fehlen durfte. Ursprünglich gehören solch scharfe Speisen dort zu den Dingen, die dem Einfluss der Kultur afrikanischer Sklaven zuzuschreiben sind; die französischen Kolonialherren hingegen haben stets die Delikatessen ihres europäischen Heimatlandes bevorzugt. Davon ausgehend hat der Schärfegrad des Essens auf La Rèunion noch heute eine gewisse Funktion als Statussymbol: Wer zur Elite gehört (oder gehören möchte), verwendet so wenig scharfe Zutaten wie möglich, die Unterschicht jedoch würzt ihre Mahlzeiten stets derart vehement, dass es einem Besucher, der solches nicht gewöhnt ist, gelegentlich Tränen in die Augen treibt. Allerdings gibt es auch Leute wie Marc, die zwar durchaus zur Oberschicht gehören, aber mit Absicht so viel Piment wie möglich unter ihr Essen mischen, weil sie glauben, auf diese Weise ausdrücken zu können, dass sie gegen Standesdünkel und für eine Verschmelzung der unterschiedlichen kulturellen Einflüsse sind.
Ähnlich scheint es sich auch auf Madagaskar zu verhalten, denn Lalao erklärt mir, nur „Proleten“ würden derart viel Piment nehmen wie ich.
Es ist mir ein wenig peinlich, gleich zu Anfang unangenehm aufzufallen, aber Lalao ist so freundlich und es gibt so viel anderes zu erzählen, dass dieses Thema schnell vergessen ist.

Ich bin wie benommen vor Müdigkeit, als ich im Hotel ankomme. Durch das Fenster meines Zimmers dringt Blütenduft, vermischt mit dem Geruch nach gebratenem Fett. Stechmücken surren schrill, und ich begebe mich rasch unter mein Moskitonetz, um es mir in dem ausladenden Doppelbett bequem zu machen.
Beim Anblick des zweiten Kopfkissens überkommt mich plötzlich furchtbare Sehnsucht nach Robby. Die ganze Zeit über war ich so damit beschäftigt, all das Neue um mich herum wahrzunehmen, dass meine Aufmerksamkeit vollkommen gefesselt war und ich gar nicht an zu Hause gedacht habe, aber jetzt vermisse ihn mit einem Mal derart heftig, dass es fast schon körperlich wehtut. Alles hier ist so beeindruckend, so einzigartig, und es müsste einfach wunderbar sein, diese Erlebnisse mit Robby teilen zu können... Zusammen in dieser traumhaft warmen, sanften, berauschenden Nacht liegen, aneinandergeschmiegt, während der afrikanische Wind behutsam unsere Haut streichelt... Noch leise, flüsternd, ein bisschen erzählen, unsere Eindrücke über dieses unbekannte Land austauschen und zu einem einzigen, gemeinsamen Bild verschmelzen lassen... Langsam in den Schlaf hinüberschwimmen, im Ohr das Lachen der Leute auf der Straße... Morgen aufwachen und wissen, dass wir jeden Moment dieser herrlichen Reise fortan zusammen erleben werden...
Ich breche in haltlose Tränen aus. Die Aufregung und Anspannung der vergangenen Stunden, zusammen mit den überwältigend vielen fremden Eindrücken, fordern so ihren Tribut.

rasta vazaha

Der Hafen von Diego-Suarez