Madagaskar

Part 3  -  Diego-Suarez (14. 9. 2004)

Ich sitze am Frühstückstisch. Es gibt Kaffee, Marmelade, Baguette und eine undefinierbare weißlich-gelbe Masse, die sich aber, nachdem ich ein wenig davon auf mein Brot streiche, als sehr cremig und süß erweist. Vielleicht eine landestypische, mir bisher unbekannte Art von Honig?
Hoffentlich lerne ich bald ein paar nette andere Traveller kennen. Werde ich mich ansonsten jeden Abend so fühlen wie gestern – einsam, von Sehnsucht zerfressen, wünschend, jemand möge da sein, mit dem ich meine Gedanken teilen kann? Wenn ich doch nur irgendwen hätte, der mich in solchen Momenten von meinem Kummer ablenken könnte...

Lalao kommt, um mir die Stadt zu zeigen, und mit dem mir bereits vertrauten Klapperauto stürzen wir uns in den chaotischen Verkehr. Sie ist in einer richtig aufgekratzten Stimmung, und ihre überschäumend gute Laune wirkt einfach ansteckend. Fast ununterbrochen kichern und albern wir herum.
„Na, kennst du die?“ fragt Lalao augenzwinkernd, als wir an einer Reihe baufälliger Blechhütten vorbeifahren, vor denen einige ältere Männer mit zerfurchten Gesichtern hocken und sich trotz der morgendlichen Stunde an Rum laben.
„Diese Leute? Woher denn? Ich bin doch gestern erst angekommen.“
„Nein, die Häuser.“
„Bitte???“
„Schau doch mal genauer hin... Fällt dir nicht auf, dass sie ausschließlich aus Autoteilen bestehen?“
„Echt?“
„Ja, und zwar von deutschen Autos – von Trabbis!“
„Wirklich? Wie kommt das?“
„Ich habe dir doch erzählt, dass Madagaskar von 1975 bis 1993 sozialistisch war, erinnerst du dich? Auf diese Weise war es auch in das wirtschaftliche Konzept der Sowjetregierung eingebunden. In deren Fünfjahresplan war nicht nur festgelegt, was innerhalb der jeweiligen Länder produziert werden sollte, sondern auch, welche Produkte in welchen Mengen exportiert wurden. Irgendwann bestimmte man, dass Madagaskar mit in der damaligen DDR hergestellten Autos versorgt werden sollte – und zwar mit Unmengen von Autos! Die Bevölkerung konnte gar nicht so viele Autos kaputtfahren, wie immerzu geliefert wurden! Also kam man hier auf die Idee, all die unnötigen Autos als kostenloses Baumaterial für Arme zur Verfügung zu stellen...“

Wir verlassen die Stadt und fahren durch eine ausgedörrte Steppenlandschaft. Niedrige, ockerfarbene Gräser bedecken die rote Ebene. Hin und wieder ein kärglicher Strauch.
Zunächst statten wir dem Campusgelände einen Besuch ab: Es gibt drei schmale Gebäude (Bibliothek, Studentenwohnheim und Hörsaalgebäude) und eine beachtliche Menge Zebus, Buckelrinder, die gemächlich mit gesenktem Kopf über das ausgedehnte Flachland streifen und uns allenfalls einen gelangweilten Blick zuwerfen.
„Die gehören den Studenten,“ erklärt Lalao. „Weißt du, ein Großteil der Bevölkerung Madagaskars ist Selbstversorger oder zumindest nahe daran. Das bedeutet, diese Leute sind zwar nicht wirklich arm, denn sie besitzen genügend Felder und Vieh, um problemlos sich und ihre Familie ernähren zu können, aber sie verfügen über keine finanziellen Mittel. Wie also den Sohn oder die Tochter unterstützen, wenn diese studieren wollen? Viele Eltern geben ihren Kindern einfach einen kleinen Bestand an Zebus mit. Wenn ein Student mal in Geldnot gerät, kann er ein paar Zebus verkaufen und sich so fürs erste über Wasser halten; die meisten versuchen jedoch, nebenbei ein bisschen zu züchten und ihre Herde zu vergrößern. Inzwischen sind Zebus regelrecht zu einem Prestigeobjekt geworden,“ sie lacht, „so, wie bei euch die Jungs versuchen, ihre Angebetete zu beeindrucken, indem sie mit einem möglichst teuren Auto vorfahren, geben sie hier damit an, dass sie den dicksten Zebu von allen besitzen.“
„Ach, Jungs brauchen doch immer irgendwas zum Protzen!“
„Warum eigentlich? So begehrenswerte Mädels wie wir fallen doch längst nicht mehr auf darauf rein!“
„Leihen die Jungs sich eigentlich auch gegenseitig ihre Zebus aus?“ erkundige ich mich kichernd. „Ich meine, bei uns besitzen doch auch die wenigsten Studenten einen tollen eigenen Wagen... Wenn du tatsächlich mal mit einem schnittigen Auto abgeholt wirst, kannst du davon ausgehen, dass du es lediglich bei diesem ersten Date zu sehen kriegst – später stellt sich dann garantiert heraus, dass es dem Vater, dem Bruder oder irgendeinem Kumpel gehört.“
Strahlend hakt Lalao sich bei mir ein. „Du, ich muss dir was sagen – ich bin richtig froh, dass du hier bist! Ich glaube, ich hab lange nicht mehr so viel Spaß gehabt wie heute. Vom ersten Moment an war ich überzeugt, dass wir beide uns gut verstehen würden, und jetzt ist es tatsächlich eingetroffen!“
Ihr bisher so fröhliches rundes Gesicht wirkt mit einem Mal sehr ernst. „Um ehrlich zu sein, es gibt nicht viele Menschen, bei denen ich mich wohl fühle. Am liebsten bin ich allein. Klar, ich habe kein Problem damit, oberflächliche Bekanntschaften zu schließen, aber auf Dauer reicht mir das einfach nicht, und dann ziehe ich mich doch lieber zurück. Und wirkliche Freunde – die finde ich nur selten.“
„Nein! Das gibt’s doch nicht! Hey, mir geht es da ganz genau so!“
„Wirklich?! Du, wir sind uns ja noch ähnlicher, als ich gedacht habe!“
„Komm, wir machen eine kleine Pause, setzen uns irgendwo hin und erzählen ein bisschen!“

Anschließend wollen wir zurückfahren in Richtung Stadtzentrum. Die Straße ist jedoch blockiert, erst geht es nur schrittweise vorwärts, dann gar nicht mehr. Zebus kommen neugierig näher. Autos hupen. Moskitos lassen sich auf unseren verschwitzten Armen nieder. Lalao reckt ihren Kopf aus dem Fenster und spricht auf malgasch einen der Umstehen an, der heftig gestikulierend antwortet, dann wendet sie sich an mich: „Jetzt ist mir klar, warum nichts mehr läuft. Da vorne findet eine Famadihana statt.“
Über Famadihana, die „Umwendung der Toten“, hatte ich in meinem Reiseführer bereits einiges gelesen. Dieses Ritual ist nicht nur ein Ausdruck des madagassischen Glaubens, sondern drückt, finde ich, auch viel vom allgemeinen Weltbild und Lebensgefühl der Madegassen aus.
Generell empfinden die Bewohner Madagaskars sich weniger als Individuen denn als Teil einer Gemeinschaft, vorwiegend der Familie und der Dorfgemeinschaft. Diese Gruppe umfasst sowohl die Lebenden als auch die Verstorbenen, da aus madagassischer Sicht bloß der Körper vergehen kann, nicht jedoch die Seele. Der Tod stellt lediglich den Übergang in die Welt der Ahnen dar. Die Ahnen, heißt es, sind wesentlich machtvoller als die Lebenden, denn sie haben die Fähigkeit, Geschehnisse nach ihren Wünschen zu ändern, während die Lebenden sich häufig als dem Schicksal willkürlich ausgeliefert sehen. Gleichzeitig bleibt der Verstorbene aber weiterhin der ursprünglichen Gemeinschaft zugehörig. Auch wenn der Verlust eines geliebten Menschen sicherlich auch hier von den Hinterbliebenen als sehr schmerzhaft empfunden wird, so sind Beerdigungen doch nicht reine Trauerfeste, denn der Tote ist ja nicht „fort“, sondern hat nur eine andere Daseinsform angenommen, in der er einflussreicher als zuvor agieren kann. Götter spielen im madagassischen Glauben bloß eine untergeordnete Rolle. Bei Sorgen oder Wünschen wenden sich die Hilfesuchenden bevorzugt an die Ahnen, die, da sie noch immer Bestandteil der Gemeinschaft sind, auch Interesse an deren Wohlergehen haben und somit eher bereit sind, zu helfen. Andererseits wollen die Ahnen aber auch weiterhin in ihre Gemeinschaft integriert und zumindest teilweise in den Alltag mit einbezogen sein. Um dies zu gewährleisten, wird in regelmäßigen Abständen die Famadihana durchgeführt. Bei diesem Ritual werden ein oder mehrere Tote dem Familiengrab entnommen, gereinigt und in frische Tücher gewickelt. Anschließend wird in Anwesenheit der Gebeine gefeiert, gegessen, getrunken, musiziert und getanzt. Man erzählt Neuigkeiten, die sich in letzter Zeit in der Gemeinschaft ereignet haben, und zwar so nahe bei den Toten, dass auch sie zuhören können und somit auf dem Laufenden gehalten werden. Häufig tragen die versammelten Verwandten die Toten auch durch das Dorf, um ihm sozusagen „vor Ort“ zu erklären, was sich inzwischen alles verändert hat.
Zur Kolonialzeit hatte das französische Militär oft Madegassen eingezogen, um so im Krieg die eigenen Truppen zu verstärken. Für die betroffenen Personen war das besonders schlimm: Nicht nur, dass sie fern ihrer Heimat in einer Schlacht kämpfen mussten, die ihnen im Grunde genommen vollkommen gleichgültig war; nein, auch wenn sie fielen, bedeutete das für sie, dass sie nicht im Familiengrab beigesetzt werden konnten, von Famadihana- Zeremonien ausgeschlossen blieben und somit bis in alle Ewigkeit von ihrer Gemeinschaft getrennt sein würden!
Auch unsere Prozession scheint gerade damit beschäftigt zu sein, ihren verstorbenen Angehörigkeiten sämtliche Änderungen zu zeigen. Weit vorne kann ich einige Männer sehen, die auf ihren Schultern eine längliche Holzkiste tragen.
Lalao seufzt: „Ich glaube, das kann noch dauern. Jetzt sind sie gerade an einem Neubaugebiet angekommen...“ 

Zurück in Diego-Suarez begeben wir uns zum Markt. Dicht an dicht stehen kleine hölzerne Buden, zum Schutz gegen die glühende Sonne mit grellbunten Baldachins versehen. Die Enge in den schmalen Gassen dazwischen ist unbeschreiblich. Eingekeilt in Menschenleiber bewegen wir uns durch das Gewühl. Händler preisen lautstark ihre Ware an. Alle anderen müssen schreien, um sich zu verständigen und tun dies auch aus Leibeskräften. Zu kaufen gibt es alles, was man in Madagaskar offenbar zum täglichen Leben benötigt: Nahrungsmittel, Kleidung, Toilettenartikel... Leute zerren an mir. Eh, Vazaha! Achete! Achete ici! Ich fühle mich bedrängt, unsicher, doch gleichzeitig genieße ich die vielfältigen Eindrücke.
Kisten mit prallen, reifen Früchten reihen sich aneinander. Frauen durchwühlen kreischend riesige Stapel mit farbenfrohen Stoffen. Der scharfe Duft der Gewürze vermischt sich mit dem der Seifen und Parfüms. Kinder in schmutziger Kleidung quengeln. Zuckerstangen und Bonbons schmelzen in der Hitze. Leute reden erregt aufeinander ein und feilschen, als ginge es um ihr Leben. Ein Metzger hackt gerade mit einem gewaltigen Beil einen ganzen gehäuteten Zebu in Stücke. Das Blut spritzt in alle Richtungen. Auf den großen Fleischbrocken, aus denen überall Knochen hinausschauen, tummeln sich Scharen von Fliegen. Durch die Menge quetschen sich Händler und ziehen Holzkarren mit verschnürten Paketen hinter sich her. Wer mir wirklich leid tut, sind die Enten und Hühner: In enge Käfige und Verschläge gesperrt drängen sie sich aneinander und gackern und schnattern furchtsam.

Schon bald flüchten Lalao und ich in eine etwas ruhigere Seitenstraße. Noch immer atemlos frage ich, ob sie oft zum Einkaufen hierher kommt. Lalao schüttelt den Kopf.
„Ich mag den Markt nicht. Er stinkt.“
„Und wo kaufst du dann ein?“
„Das mache ich doch nicht selbst! So was erledigt mein Dienstmädchen!“
Sie schaut auf die Uhr.
„Übrigens, ich muss los. Jemand wartet auf mich. Ich bringe dich jetzt ins Hotel und hole dich heute Nachmittag wieder ab, O.K.?!“
„Oh, ich wusste gar nicht, dass du noch verabredet bist.“
Gleichgültig zuckt Lalao mit den Schultern.
„Ist´s was Privates oder was Geschäftliches? Geht ihr zusammen Mittag essen?“
„Wie gesagt, ich treffe mich noch mit jemandem.“ Ihre Stimme klingt plötzlich kalt, fast schon abweisend. Täusche ich mich, oder hat sie mich tatsächlich kurz mit einem richtiggehend feindseligen Blick gestreift? „Ab halb vier hätte ich wieder Zeit für dich. Also, wäre dir das recht?“
Beklommen nicke ich.

Ich fühle mich nicht im geringsten müde, vielmehr bin ich durch die vielen neuen Eindrücke regelrecht aufgeputscht, und so streife ich auf eigene Faust durch die Straßen von Diego-Suarez. Trotzdem – die gute Laune des Vormittags ist verflogen.
Was ist bloß los mit Lalao? Wieso dieser plötzliche Stimmungswandel? Gerade eben haben wir uns doch anscheinend noch hervorragend verstanden, und dann diese Reaktion...? Habe ich vielleicht irgend etwas Falsches gesagt oder getan? Nur was? War meine Frage zu intim, zu persönlich? Aber es ist doch ganz normal, sich auf diese Weise zu erkundigen, oder?! Schließlich haben wir uns vorher doch über wesentlich privatere Dinge unterhalten... Ich komme zu keiner Lösung.

Ich hatte beschlossen, ein paar Tage in einem der Naturreservate in der Nähe von Diego-Suarez zu verbringen, und nun mache ich mich auf die Suche nach einem Reisebüro, das solche Touren organisiert.
Zweifellos zählen die Naturreservate zu den beeindruckendsten „Sehenswürdigkeiten“ Madagaskars. Die Insel verfügt über eine einzigartige Fauna und Flora, und in den großflächigen Naturreservaten, die der ANGAP oder dem WWF unterstehen, sollen zum einen seltene Tier- und Pflanzenarten erhalten und zum anderen Forschern und Naturliebhabern der Zugang dazu ermöglicht werden. Touristen dürfen die Reservate nur in Begleitung eines einheimischen guides betreten. Diese guides haben zuvor eine entsprechende Ausbildung erhalten, und ihre Aufgabe besteht darin, die vielfältigen Tiere und Pflanzen zu erklären und darauf zu achten, dass die Besucher sich der Natur gegenüber schonend und respektvoll verhalten. Ich muss sagen, ich bin restlos begeistert von diesem Konzept! Ich finde es toll, dass auf diese Weise Arbeitsplätze für Einheimische entstehen, bei denen nicht nur niedere Dienstleistungen durchgeführt werden, sondern die eine hohe Qualifikation gewährleisten. Und ebenso freut es mich, dass diesmal durch den Tourismus die ursprüngliche Umwelt nicht zerstört, sondern erhalten wird, denn die Eintrittsgelder für die Naturparks kommen ausnahmslos der ANGAP oder dem WWF zugute. 
Meine Suche erweist sich jedoch als wenig ergiebig. In jedem Reisebüro erwartet mich das gleiche Spiel: Man ist sehr hilfsbereit, sehr zuvorkommend, erklärt mir aber, dass es ausschließlich Pauschalangebote gibt, die für eine bis sechs Personen gelten, der Preis bleibt in allen Fällen der gleiche. Klar, bei einer Gruppe von mehreren Leuten mag das, zumindest gemessen an unseren Verhältnissen, spottbillig sein, vor allem, da es stets zum Service gehört, die Teilnehmer mit hauseigenem Wagen und Chauffeur zum Reservat zu fahren und dort in einem luxuriösen Hotel unterzubringen, für mich alleine ist so etwas jedoch unerschwinglich. Ich erkundige mich jedes Mal aufs Neue, ob es vielleicht zufällig schon Gruppen mit vier oder fünf Teilnehmern gibt, denen ich mich anschließen könne, die Antwort fällt grundsätzlich negativ aus.
Ich frage weiter, wie ich denn solch eine Tour selbst organisieren könne. Man zögert. Klar, möglich ist das schon, ich müsse halt ein Taxi Brousse nehmen... Wo die abfahren? Etwas außerhalb der Stadt, leider nicht ganz einfach zu finden... Und ja, bestimmt gibt es auch Pensionen, die weniger nobel sind, aber das müsse ich halt vor Ort sehen... Und der obligatorische guide? Tja, da erkundige ich mich am besten ebenfalls, sobald ich überhaupt da bin, garantieren könne man allerdings für nichts... Aber nein, im Grunde genommen stehe solch einem Unternehmen nichts im Weg.
Mir selbst ist die Vorstellung, auf diese Art ins Ungewisse zu fahren, jedoch gar nicht geheuer. Niedergeschlagen begebe ich mich zum Hotel. Sind all meine Pläne, all meine Unternehmungen zum Scheitern verurteilt, bloß weil ich alleine reise? Ich frage Jeo, den freundlichen Hotelbesitzer, um Rat. Auch er kann mir zwar im Moment nicht weiterhelfen, verspricht aber, mir sofort Bescheid zu geben, wenn andere Gäste den Wunsch äußern, eines der Naturreservate zu besuchen, damit ich mich eventuell mit ihnen zusammentun kann.
Gegen drei ruft Lalao an. Ihre Stimme klingt noch immer sehr reserviert, sehr distanziert, als sie mir mitteilt, leider müsse sie mir für den Nachmittag absagen, es sei etwas dazwischengekommen.
 „Oh je, Lalao, so plötzlich?! Ist irgendwas passiert?“ erschrecke ich mich ins Telefon hinein.
„Wie gesagt, ich habe keine Zeit,“ wiederholt sie höflich, aber bestimmt, „morgen übrigens auch nicht, aber du kannst mich morgen gegen Nachmittag anrufen, bis dahin weiß ich, ob´s vielleicht übermorgen klappt.“
Sie gibt mir ihre Nummer, und ich habe keine Ahnung, was ich von der ganzen Situation halten soll. Nur eines ist klar – ich ertrage es nicht, länger untätig hier herumzusitzen, meinen trübseligen Gedanken nachzuhängen, mir über den weiteren Verlauf meiner Reise den Kopf zu zerbrechen und doch keine Lösung zu finden! Muss irgend etwas tun, irgendwie der quälenden, zermürbenden Ungewissheit entfliehen, und sei es auch nur für kurze Zeit...

Drückende Mittagshitze lastet in den jetzt wie ausgestorben wirkenden Straßen. Die Luft flimmert über dem glühenden Asphalt. Mein zielloser, sinnentleerter Drang nach Bewegung führt mich schließlich zu irgendeinem Traveller-Lokal. Eine großräumige Terrasse mit bunten Sonnenschirmen, dahinter der dunkle Innenraum eines nach vorne offenen Gebäudes. Ich nehme an einem der wenigen freien Tische Platz und bestelle einen Tamarinde-Saft. Angenehm säuerlich und erfrischend rinnt die Flüssigkeit durch meine Kehle. Aus dem Radio tönt Musik von Nina Hagen. Überall junge Leute. Reisende, wie ich. Am Nachbartisch wird Holländisch gesprochen. Der Mann trägt eine runde Nickelbrille und Cordhosen, trotz der tropischen Schwüle, die schulterlangen Haare hat er im Nacken zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Seine Begleiterin, ein schlankes Mädchen mit Augenbrauenring und rötlich getönten Haaren, wirft alle paar Sekunden mit hektischen Bewegungen das Ende ihres gebatikten Schals über die Schulter. Links von mir beugen sich gerade zwei junge Frauen in bauchfreien Trägershirts über einen Lonely Planet. Woanders wird fachmännisch ein Taschenmesser begutachtet. Aha, hier trifft sich also die Scene...
Niemand außer mir ist alleine da.
Ich bleibe unbeachtet.
Plötzlich stehen alle auf, gehen ins Innere der Hütte. Neugierig folge ich. Man hat sich vor einem Fernseher versammelt. Es läuft ein französischer Sender, und der hagere Sprecher mit Pferdegebiss gibt irgendwas über einen „Schock, der die Welt erschüttert hat“ zum besten. Anscheinend ist gerade Nachrichten-Zeit, und all diese politisch interessierten jungen Bürger wollen es sich auch im Ausland nicht entgehen lassen, auf dem Laufenden zu bleiben... Zwei Türme flackern über den Bildschirm. Eine gewaltige Explosion. Russverschmierte, weinende Menschen. Es dauert ein paar Sekunden, bis mir klar wird, dass es um den Anschlag auf das World Trade Center geht. Gerade erst drei Tage ist das her, aber mir erscheinen diese Geschehnisse schon so fern...
Tausend Gedanken rasen durch meinen Kopf. Es fällt mir schwer, mich auf das Programm zu konzentrieren. Viel lieber würde ich wieder nach draußen gehen und dem lebhaften Treiben auf der Straße zuschauen. Ich zwinge mich, zu bleiben. Möglicherweise gelingt es mir ja auf diese Weise, den Eindruck einer gebildeten, sympathischen jungen Frau zu erwecken... Vielleicht wird mich irgend jemand ansprechen, mich fragen, wie ich die aktuelle politische Lage beurteile, ein Gespräch wird sich entwickeln, eine Bekanntschaft sich ergeben, und ich brauche fortan nicht mehr alleine zu sein... Jetzt  ist eine Schweigeminute angesagt. Bilder von schluchzenden Angehörigen werden eingeblendet. Tragische Musik erfüllt den Raum, alle lauschen gebannt, nur eine junge Frau hinter mir flüstert leise, man hätte vielleicht Kerzen mitbringen und vor dem Fernseher aufstellen können, der Atmosphäre wegen und so, und zustimmendes Gemurmel erhebt sich.
Mit einem Mal widert mich alles an. Was, bitte schön, ist es denn, was diese aufgeblähten, selbstherrlichen Traveller dazu bringt, sich vor diesem Bildschirm zu versammeln und entsetztes Mitgefühl zu heucheln? Echte, ehrliche Anteilnahme doch gewiss nicht! Ich kann mir nicht vorstellen, dass hier, in einer derartig fremden Welt, in der jeder einzelne Tag schon eine neue Herausforderung, ein neues Abenteuer darstellt, jene Ereignisse sie tatsächlich tief in ihrem Innersten bewegen und berühren... Profilierungssucht vielleicht, der Wunsch, künftige Reisebekanntschaften mit einem profunden Wissen über die momentane Situation zu beeindrucken; oder der Herdentrieb, einfach hier stehen, weil alle es tun; vielleicht noch das Bedürfnis, das Selbstbild vom politisch engagierten jungen Menschen aufrechtzuerhalten auf dieser Reise, die jede bisherige Identität in Frage stellt, so zweckentfremdet dieses Tun auch sein mag... Aber verdammt, bin ich denn besser, schließlich stehe ich doch auch nicht hier, weil mich das Geschehen selbst und die damit verbundenen Schicksale fesseln; auch ich wollte alles doch nur als Anlass nehmen, neue Bekanntschaften zu knüpfen...
Wütend auf mich selbst bezahle ich meinen Tamarinde-Saft und gehe.

Das kleine, unscheinbare Schild einer Agence des Voyages einer Seitenstraße. Ich betrete das dämmrige Büro, ohne wirklich überzeugt zu sein, dass man mir hier weiterhelfen kann. An einem wuchtigen Schreibtisch sitzt ein junger Mann mit dunkelbrauner Haut und kurzen, wild gelockten Haaren und isst Reis. Bei meinem Anblick huscht sofort ein strahlendes Lächeln über sein Gesicht.
„Ah, bonsoir Rasta Vazaha! Ca va?“
“Pardon, Monsieur,“ antworte ich verlegen, „je ne veux pas vous déranger, et bien, si vous étiez en train de manger, je peux revenir plus tard… ”
“Ah non ! Je suis toujours heureux si quelqu’un trouve mon petit bureau !” Er lacht fröhlich und entblößt dabei eine Reihe leuchtend weißer Zähne. „Assise-toi! Tu veux aussi du riz ? Non ? Alors, d´ où viens-tu?”
“D´Allemagne.”
Ich bin verwirrt, mit solch einer herzlichen Begrüßung hätte ich nicht im Geringsten gerechnet.
„Oh, Deutschland, wie schön! Ich habe Germanistik studiert und auch schon ein Praktikum in Deutschland gemacht. Von wo genau kommst du?“
„Heidelberg.“
„Wirklich?! Ich liebe diese Stadt! Meine Praktikumstelle war in Frankfurt, also ganz in der Nähe, und am Wochenende bin ich oft nach Heidelberg gefahren... Ich mag einfach all die alten Häuser, das Schloss, den Wald... Und du, du studierst doch bestimmt, oder? Darf ich fragen, was?“
„Germanistik und Indologie.“
Seine Begeisterung kennt jetzt keine Grenzen mehr.
„Germanistik?! Du auch?! Das ist doch nicht zu fassen! Übrigens, ich bin Thomas. Also, was führt dich hierher?“
Zum wiederholten Mal für heute berichte ich von meinen Plänen und den fehlgeschlagenen Versuchen, sie zu verwirklichen. Thomas hört mir ruhig zu und nickt bloß hin und wieder.
„Das Problem besteht darin, dass die meisten angesehene Reisebüros in Diego-Suarez einen Vertrag mit bestimmten Hotels abgeschlossen haben,“ erklärt er, „dadurch erhalten sie die Möglichkeit, ihren Kunden verbilligt Zimmer anzubieten, verpflichten sich aber im Gegenzug, ausschließlich dort Übernachtungen zu organisieren.“
Ich seufze. „Dann gibt es also letztendlich keinen anderen Weg...“
Selbstbewusst lacht Thomas mich an: „Doch! Mich!“
Er erläutert mir seinen Vorschlag: Morgen könne er mit mir eine Wanderung irgendwo in der näheren Umgebung unternehmen. Der Tagessatz, den er für seine Führung verlangt, erscheint mir erstaunlich preiswert. Für den Tag drauf ist er bereits von zwei jungen Leuten gebucht, die eine Tour durch den Montagne d´Ambre-Naturpark unternehmen wollen. Dort könne ich mich selbstverständlich gerne anschließen, auf diese Weise wäre es uns möglich, die Kosten zu teilen. Und anschließend würde er mit mir ins Ankarana-Naturreservat fahren, „ganz normal mit dem Taxi Brousse, wie die Madegassen, dazu brauchen wir kein Auto mit Chauffeur“, und in einem schlichten kleinen Hotel, das ein Freund von ihm betreibt, übernachten.
Ich bin begeistert!
„Aber hat dein Reisebüro keinen Vertrag abgeschlossen?“ erkundige ich mich, und verschwörerisch blinzelt Thomas mir zu. „Doch, schon. Aber mein Chef ist in Antananarivo, der kriegt eh nicht mit, was ich hier mache. Und im Übrigen ist gerade keine Saison, da vermisst mich sowieso niemand.“
„Warum tust du das alles für mich?“ frage ich dankbar.
„Ganz einfach: Weil ich mich drauf freue, endlich wieder Deutsch zu reden und richtig zu wandern! Du siehst nämlich aus, als ob du ordentlich marschieren kannst, und das hat mir ein wenig gefehlt in letzter Zeit.“
Wir verabreden uns für den nächsten Morgen vor meinem Hotel.

Nach dem Abendessen beschließe ich, noch mal das Traveller-Lokal von Mittags aufzusuchen. Prickelnde Vorfreude braust wie ein gewaltiger Strom durch meine Adern, und ich möchte noch nicht zurück in die Abgeschiedenheit meines Zimmers...
Über der Tür prangt ein großes rotes Neonherz, das rhythmisch aufleuchtet. Die Bedienung ist noch die gleiche wie heute Mittag, doch trägt sie statt der Jeans und dem lässigen T-Shirt jetzt ein knappes, hautenges Kleid. Ich freue mich, als ich sehe, daß diesmal nicht nur Weiße hier eingekehrt sitzt, sondern auch einige einheimische junge Frauen ihre Cocktails schlürfen. Gutgelaunt nehme ich an dem letzten freien Tisch Platz. Die Bedienung wirft mir einen ungläubigen Blick zu. Ist sie überrascht, daß ich trotz meinem hektischen Abgang heute mittag so schnell wieder hierher gekommen bin?
Am Nachbartisch geht es hoch her. Eisgekühlter Champagner wird serviert. Die älteren hellhäutigen Männer lassen den Korken knallen, und die madagassischen Mädels kreischen vergnügt. Ich lächele in mich hinein. Wie schön, wenn alle so ungezwungen miteinander umgehen und die Kulturen fusionieren... Auch wenn die jungen Madegassinnen anscheinend gar keinen Alkohol vertragen, denn schon nach dem ersten Glas Sekt benehmen sie sich völlig hemmungslos, ziehen nach und nach ihre Oberteile aus, bis sie nur noch in rüschenbesetzten BHs da sitzen, und rücken immer näher an die Männer heran. Erst als ein grauhaariger, korpulenter Mittfünfziger unter saftigem Lachen einem der Mädchen ein paar Geldscheine zwischen die Brüste steckt und die beiden Arm in Arm verschwinden, begreife ich... Ich bin in einem Puff gelandet! Ich weiß nicht, ob ich lachen oder entsetzt sein soll. Wie konnte ich bloß so naiv sein! Denn jetzt erst fällt mir auch auf, daß die anwesenden Weißen ausnahmslos männlich sind und madagassischen Frauen aufreizende Kleidung tragen und nur selten lange auf ihren Stühlen sitzen, sondern immer wieder lasziv mit wiegendem Gang zwischen den Tischen entlang flanieren.
Es ist mir um so peinlicher, da ich in meinem Reiseführer gelesen habe, daß es bislang noch kaum Prostitution gibt auf Madagaskar... Wahrscheinlich existiert allenfalls eine Handvoll Bordelle, und ausgerechnet ich habe es geschafft, mich in eines davon zu verirren!
Wer hätte allerdings auch damit gerechnet, daß sich diese gerade alternative Travellerkneipe nachts in einem verruchten Tempel der Lüste verwandelt? Aber O.K., anscheinend ist man hier bereit, allen Bedürfnissen der Touristen nachzukommen – tagsüber kommen die politisch korrekten Jugendlichen auf ihre Kosten, und nachts die wollüstigen Herren...
Zum zweiten Mal an diesem Tag lege ich einen rasanten Abgang hin, amüsiert beobachtet von den übrigen Gästen, und fliehe ins Hotel. Für die Zukunft sollte ich mir wirklich vornehmen, nicht mehr so unbefangen auf alles zuzugehen, was nach vertrauter europäischer Gemütlichkeit aussieht. Erst als ich unter meinem Moskitonetz liege, breche ich in haltloses Kichern aus. Was für eine abgefahrene Situation... Und überhaupt, ich bin noch keine 48 Stunden in Madagaskar und habe schon so viele spannende und skurrile Dinge erlebt, die ich mir zu Hause nie hätte träumen lassen. Und dabei fängt meine grandiose Reise gerade erst an!

Nachts erwache ich. Mein Herz klopft. Die unbändige Vorfreude ist plötzlich in nagende Angst umgeschlagen. Gewiss, Thomas hat einen so offenen, liebenswerten, zuverlässigen Eindruck gemacht, dass ich mich in seiner Gegenwart von Anfang an richtig wohlgefühlt habe und gar nicht auf die Idee gekommen wäre, ihm irgendwelche unlauteren Absichten zu unterstellen, aber jetzt, in der Dunkelheit, kommen die Zweifel. Was, wenn mein erster Eindruck mich getäuscht hat? Gibt es für ihn vielleicht noch einen anderen Grund, mir solch ein atemberaubendes Angebot zu machen? Klar, vorhin hat er durch seine mitreißende, enthusiastische Art hundertprozentig ehrlich gewirkt, aber jetzt bin ich mit einem Mal nicht mehr überzeugt... Nein, ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand sich aus reiner Freundlichkeit einer vollkommen Fremden gegenüber so hilfsbereit zeigt! Was also hat Thomas vor? Gut, vielleicht ist es für ihn bloß ein kleiner Extraverdienst, ein bisschen Schwarzarbeit sozusagen... Sein Chef wird schließlich nichts davon erfahren, am Ende kann er das Geld in die eigene Tasche stecken und sich freuen über dieses zusätzliche Einkommen in einer Zeit der Flaute... Aber warum hat er dann nicht einen höheren Preis verlangt oder zumindest versucht, zu handeln? Will er mich am Ende gar auf diese Weise in eine Falle locken? Immerhin ist diese ganze Aktion illegal, niemand weiß, dass er mit mir unterwegs ist... Vielleicht wird er mich in eine einsame Gegend bringen und dort ausrauben? Oder...
Ach was , weise ich mich selbst ärgerlich zurecht. Als du diese Reise angetreten hast, war dir von Anfang an klar, dass du dich auch alleine der Führung eines guides wirst anvertrauen müssen. Wenn dir dazu plötzlich der Mut fehlt oder du glaubst, dich nicht auf deine Menschenkenntnis verlassen zu können, bist du selbst schuld. Dann hättest du dieses Abenteuer eben gar nicht erst wagen sollen. Aber jetzt bist du nun mal hier, und basta! Genieße die Zeit und hör auf, dir dauernd Sorgen zu machen. Bisher hat schließlich auch alles geklappt!

rasta vazaha