Madagaskar

Part 4 – Libertalia (15. 9. 201)

Als ich mich an den Frühstückstisch begebe sitzt dort bereits Thomas und begrüßt mich überschwänglich. Seine Herzlichkeit ist einfach überwältigend, und all meine Ängste sind sofort wie weggewischt. Es stellt sich heraus, dass er mit Jeo befreundet ist und die Gelegenheit nutzen wollte, mal wieder ein wenig mit ihm zu plaudern.
„Und, hast du dich entschieden, was wir heute unternehmen wollen?“ erkundigt er sich abenteuerlustig.
Ich nickte. „Wie wär´s mit der „Tour des Trois Baies“ von der du gestern gesprochen hast?“
Thomas lacht laut. „Du willst also nach Libertalia? Richtig, so gehört es sich für eine Pionierin wie dich!“

Bei Libertalia handelt es sich um eine Piratenrepublik, die zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts unter der Führung von Kapitän Misson  im Norden Madagaskars bei diesen drei Buchten entstanden sein soll. Die damals übliche Staatsform, die Monarchie, lehnten die Bewohner Libertalias rigoros ab; stattdessen entwickelten sie eine Art selbstverwaltete Demokratie, deren Grundlage freie Wahlen und eine politische Gewaltenteilung war. Sie waren überzeugt, daß jeder Mensch über bestimmte „Geburtsrechte“ verfügt, die ihm unter keinen Umständen verweigert werden dürfen, diese waren das Recht auf Freiheit, das Recht auf Leben und das Recht auf Nahrung. Unterdrückung jeglicher Art war verpönt und Gewaltanwendung galt nur dann als zulässig,  wenn es darum ging, die eigenen Geburtsrechte zu verteidigen. Auch Farbige wurden in Libertalia stets gleichberechtigt und respektvoll behandelt. Darüber hinaus kam es zu einer gerechten Aufteilung der Güter und es wurden Vorkehrungen getroffen, damit niemand ein Übermaß an Reichtum anhäufen und dadurch Macht über andere gewinnen konnte. Als zentrale Werte galten Humanität, Güte und Großzügigkeit. Für uns mögen solche Konzepte wenig spektakulär wirken, man muss jedoch bedenken, daß im frühen 18. Jahrhundert, also noch vor der französischen Revolution, eine derartige Gesellschaft etwas vollkommen neues, einzigartiges war. Leider fand Libertalia jedoch nach kurzer Zeit ein jähes Ende, da Eingeborene, angeblich ohne je provoziert worden zu sein, den Staat angriffen und zerstörten.
In der heutigen Forschung ist man zu der Überzeugung gelangt, dass Libertalia dem Reich der Legenden zuzuordnen ist. Weder für die Existenz des Piratenstaates, noch für die von Kapitän Misson gibt es irgendwelche Beweise. Zwar hatten sich auf Madagaskar tatsächlich Seeräuber niedergelassen, jene Männer herrschten jedoch mit einem despotischen Regime über die einheimische Bevölkerung und lebten teilweise sogar davon, dass sie diese als Sklaven an vorbeikommende Schiffe verkauften. Auch untereinander verhielten sie sich geizig und streitlustig. Von einer Verwirklichung der im Libertalia-Mythos dargestellten Ideale waren sie weit entfernt. Allerdings kann man davon ausgehen, dass die Sage von Libertalia unter Piraten aufgekommen ist und dort sehr bekannt war. Ich finde es faszinierend, dass diese rauen, ungebildeten Männer, die noch nie in ihrem Leben etwas über politische Philosophie gehört hatten, in der Lage waren, in ihrer Phantasie ein freiheitliches Gegenmodell zur bestehenden Gesellschaft zu entwerfen – und das, noch ehe solch ein Konzept in Europa existierte!
Eines der letzten Relikte der Seeräuberzeit auf Madagaskar ist das Wort Vazaha, heute ein Sammelbegriff für alle europäisch-hellhäutigen Menschen und auch die gängige Anrede, mit der hellhäutige Personen adressiert werden. Ursprünglich heißt Vazaha jedoch „Pirat“. Die Piraten waren die ersten Weißen, mit denen die madegassische Bevölkerung näheren Kontakt hatte. Ich selbst werde übrigens meist Rasta Vazaha genannt. Meine Dreads sind anscheinend das markanteste Merkmal, um mich von anderen Vazahas zu unterscheiden.

Mit dem Taxi Brousse, dem „Dschungeltaxi“, begeben Thomas und ich uns an den Ausgangspunkt unserer Wanderung.
Für den Großteil der Madegassen ist das Taxi Brousse das gängigste Fortbewegungsmittel. Es kann sich dabei um ein Auto in unterschiedlicher Größe oder sogar um einen Lieferwagen handeln. Die angegebenen Abfahrtszeiten sind eher vage Richtlinien als verbindliche Zeiten, denn das Taxi Brousse fährt immer erst dann ab, wenn sich eine bestimmte Anzahl an Passagieren eingefunden hat. Es ist erstaunlich, wie viele Menschen sich in solch einem Gefährt drängen müssen, damit es endlich losgehen kann, und das hält den Fahrer nicht davon ab, unterwegs noch weitere Leute aufzulesen. Im übrigen bestehen auch keinerlei Beschränkungen, was die Mitnahme von Gepäck angeht. Die Enge im Taxi Brousse ist dadurch unbeschreiblich, meist verbringt man die Fahrt eher ineinandergekeilt auf der Pritsche hängend als wirklich sitzend. Eine beliebte Scherzfrage unter Madagaskar-Reisenden heißt Wie viele Personen haben Platz in einem Taxi Brousse?, und die Antwort lautet Immer noch eine mehr.
Da wir sehr früh aufgebrochen sind, sind verhältnismäßig wenige Leute unterwegs, und ich kann zumindest meine Beine ausstrecken und den Blick aus dem Fenster genießen, auch wenn ich dabei halb auf dem Schoß einer recht korpulenten Mitreisenden sitze. Dieses Glück hat schlagartig ein Ende, als nach einigen Stationen ein Händler einsteigt, der gerade seine Waren zum Markt bringt. Routiniert verteilt er Säcke, Kisten und Tüten in die noch verbliebenen freien Stellen im Wagen, sprich: Auf, unter und zwischen die Fahrgäste. Ehe ich mich versehe, befindet sich zwischen meinen Beinen ein  großer Karton, so dass ich nur noch mit angewinkelten Knien sitzen kann, und auf meinem Schoß türmen sich zwei riesige Plastikbeutel voll knuspriger, verführerisch duftender Baguettes. Meine Nachbarin ist offenbar nicht gewillt, dieser Verlockung zu widerstehen: Sie bricht ein Stück Baguette ab und beginnt genüsslich zu kauen. Dabei lacht sie schallend, als hätte jemand einen tollen Witz gemacht. Große Aufregung bricht aus, jeder versucht, ebenfalls etwas von dieser Köstlichkeit zu ergattern, während der Besitzer eifrig bemüht ist, seine Baguettes gegen so viele rasch zugreifende Hände zu verteidigen. Nach der ersten Schrecksekunde wird mir schnell klar, dass es sich nur um ein scherzhaftes Spiel handelt. Heiteres, übermütiges Gekreische erfüllt das Taxi Brousse. Es wirkt ungewohnt auf mich, wie selbstverständlich und ungezwungen diese Leute miteinander umgehen, obgleich sie sich noch nie zuvor gesehen haben. Dennoch scheint jeder instinktiv zu wissen, wo die Grenze ist und der Spaß aufhört, denn nie habe ich den Eindruck, daß irgendwer böse oder gekränkt ist. Ich bin verblüfft: Wie ist es möglich, daß diese Leute, die sich doch völlig fremd sind, einander so gut einschätzen können und trotz aller Lustigkeit feinfühlig genug sind, einander nicht zu verletzen? Oder liegt es einfach nur daran, daß die Madegassen viel stärker in ihre Gemeinschaft eingebunden sind, dadurch weniger individuelle, persönliche Eigenheiten ausgeprägt haben und ein allgemeiner Verhaltenskodex so eher greift?

An einem kleinen Kiosk steigen Thomas und ich aus.
„Hast du auch genug Wasser mit?“ fragt er.
Ich nicke. “Zwei Liter. Das müsste reichen, oder?!“
Bereits in Indien habe ich gelernt, dass es unerlässlich ist, immer ausreichend Wasser dabei zu haben, auch wenn man vielleicht gerade keine Lust hat, dieses zusätzliche Gewicht mit sich herumzuschleppen. Gerade bei uns Europäern, die das tropisch heiße, schwüle Klima nicht gewöhnt sind, kann eine Unterversorgung mit Wasser jedoch schnell zum Kreislaufkollaps führen. Zu Hause mag es zwar durchaus O.K. sein, sich beim Wandern in Mäßigung zu üben und den Durst so lange zu ertragen, bis man am Ziel angekommen ist, ich kann mir jedoch schönere Urlaubserlebnisse vorstellen, als in einem Land mit nur unzureichender ärztlicher Versorgung fernab jeder menschlichen Behausung entkräftet zusammenzubrechen.

Unser Weg führt uns durch ein niedriges Dickicht aus dornigen Ranken zum Strand. Von ehemaligen Piratenfreuden ist jetzt nichts mehr zu merken, stattdessen bietet sich mir die schönste Tropenidylle, die ich je gesehen habe. Unter einem strahlenden, wolkenlosen Firmament breitet sich das leuchtend blaue Meer aus. Die kleinen Schaumkronen auf den Wellen blitzen und funkeln im Sonnenlicht. Der Sand ist ganz hell, beinahe weiß. Palmen recken ihre filigranen Zweige gen Himmel. Zwischen die sanften Wölbungen der Dünen schmiegen sich winzige Fischerkaten mit Dächern aus Rinde und Bananenblättern. Daneben ruhen schmale, ausgebleichte Pirogen. Ich habe das Gefühl, ich träume... Ja, die Herren Freibeuter wußten wohl, wo es sich gut leben lässt!
Wir machen bloß eine kurze Pause, schließlich gibt es nicht nur diese eine, sondern drei Buchten zu bewundern. Thomas erweist sich als ideale Reisebegleitung: Im zügigen, forschen Tempo marschiert er voran, ohne dabei jedoch ein Gefühl von Eile oder Hektik zu vermitteln. Gelegentlich reden wir und er erklärt mir die beeindruckende Natur; genauso gut können wir jedoch auch über einen längeren Zeitraum hinweg schweigend nebeneinander hermarschieren.
Ich muß zugeben, irgendwie erscheint mir der Gedanke, dass ich sozusagen einen Einheimischen für mich ganz alleine gemietet habe, dekadent und kolonialistisch, auch wenn ich immer wieder bemüht bin, mir klarzumachen, dass solche Unternehmungen hier zum ganz normalen Berufsalltag gehören und ich vielleicht einfach nur versuchen sollte, mich selbst als eine besonders kleine Reisegruppe zu betrachten... Dennoch frage ich mich, ob es Thomas wohl Spaß macht, mit mir zu wandern. Der Gedanke, daß er von mir furchtbar angenervt sein könnte, bedrückt mich. Woher soll ich auch wissen, ob er mich leiden kann? Klar, ich bin die Auftraggeberin und er will Geld verdienen, da wird er mir bestimmt nicht mitten ins Gesicht sagen, daß er mich ganz schrecklich findet. Ich wundere mich über mich selbst: Zu Hause gebe ich mich doch auch immer betont unabhängig und lege keinen Wert auf die Meinung, die andere über mich haben... Aber hier, in diesem fremden Land, wo ich ganz auf mich alleine gestellt bin, gewinnt die Frage, ob jemand mich mag, plötzlich eine immense Bedeutung. Es wäre so schön, zu wissen, daß es unter all den Bewohnern dieser Insel zumindest einen gibt, der mir freundschaftlich gesonnen ist.
In der zweiten Bucht präsentieren sich uns bizarre geformte, nachtschwarze Felsen, und auch das Meer wirkt dunkler und aufgewühlter. Ich bin ergriffen. So gewaltig tost die See, wild, unbändig und dennoch vollkommen gleichgültig gegenüber der Tatsache, dass sie unüberwindbar zwischen mir und meinem Geliebten steht... Gleichsam, wie sie schon seit Menschengedenken Liebende getrennt und gequält hat... Schicksale, von denen ich nie etwas erfahren werde, und die dennoch alle auf ihre Weise einzigartig sind... Unfassbar, dass ich mich gleichzeitig so erhaben und dennoch so winzig, verloren und unbedeutend fühlen kann in der Gegenwart des Meeres!
Die dritte Bucht ist erfüllt von einem bestialischen Gestank. Die Quelle dieses Übels müssen wir nicht lange suchen: Zwischen den Algen liegen mehrere riesige Schildkrötenpanzer, an denen noch immer Reste von fauligem, verwesendem Fleisch kleben. Die Tiere selbst sind inzwischen wohl im Kochtopf irgendeines Restaurants gelandet. Ihre Panzer werden die Wilderer wahrscheinlich später abholen, um daraus Schnitzereien anzufertigen, die sich als Reiseandenken großer Beliebtheit erfreuen. Offiziell ist das Fangen und Töten der vom Aussterben bedrohten Schildkröten auf Madagaskar zwar verboten, erklärt Thomas mir, aber unter der Hand wird Schildkrötenfleisch noch immer als landestypische Delikatesse gehandelt, und viele Restaurantbesitzer sind bereit, gegen einen kleinen Aufpreis ihren Gästen eine solche Mahlzeit zu servieren.
Es tut mir leid um die großen, sanftmütigen Tiere, die allein wegen der Genußsucht irgendwelcher Touristen sterben mußten. Auch bin ich empört, daß ein Wilderer derart skrupellos sein kann. Aber andererseits – ist das Verhalten dieser Menschen nicht trotz allem verständlich? Tag für Tag bekommen sie vor Augen geführt, in welch einem für sie unerreichbaren Luxus europäische Touristen schwelgen, und gleichzeitig wissen sie selbst vielleicht kaum, wie sie ihre Familien ernähren sollen... Kann ich ihnen da verdenken, dass sie ebenfalls von diesem Reichtum profitieren wollen? Würde nicht jeder bei der Sorge um die nächsten Angehörigen den Respekt vor der Natur hinten anstellen? Schuld sind doch viel eher jene Touristen, die gedankenlos solch illegalen Wünsche äußern und damit der Wilderei Vorschub leisten. Schließlich müßte doch in jedem guten Reiseführer erklärt sein, welche Tiere unter Naturschutz stehen! Aber trage ich nicht auch meinen Teil dazu bei, indem ich, eine wohlhabende Europäerin, ein armes Land wie Madagaskar bereise? Wecke ich nicht allein durch mein Auftreten vielleicht Wünsche nach Besitztümern, die ein Großteil der Bevölkerung durch ehrliche Arbeit niemals erlangen könnte? Gewiss, gemäß den Maßstäben meines Heimatlandes kann ich mich bestimmt nicht als üppig begütert bezeichnen... Aber woher soll das ein Einheimischer, der mich bloß flüchtig sieht, wissen? Er erkennt in mir bloß eine unbekümmerte Touristin, die offenbar keine materiellen Sorgen hat und nichts weiter zu tun braucht, als ihr reichlich vorhandenes Geld auszugeben für Vergnügen, die er selbst sich nie leisten könnte. Er hat keine Ahnung davon, wie viele Stunden ich am Fließband gestanden habe, um mir diese Reise leisten zu können. Und: Man bedenke, was meine Traveller-Ausrüstung gekostet hat, der Rucksack, das feste Schuhwerk, vom Flugticket erst gar nicht zu reden, und setze dies in Relation zum monatlichen Einkommen eines durchschnittlichen Madegassen... Wen wundert´s, dass da Neid und Besitzgier mit all ihren Ausprägungen Blüten treiben?
Solche Erlebnisse machen mich immer wieder sehr nachdenklich.

Der Rückweg durchs Inland erweist sich als sehr kräftezehrend. Die glühende Sonne steht jetzt im Zenit, und da das dornige Gestrüpp mir allenfalls bis zur Hüfte reicht, gibt es keinerlei Schatten. Roter Staub wirbelt bei jedem Schritt auf und setzt sich in meinen eh schon rauen, trockenen Lungen fest. Die Zunge klebt regelrecht am Gaumen. Ich wünschte, ich hätte noch eine dritte Wasserflasche mitgenommen. Nichtsdestotrotz bin ich fasziniert von der Weite der Landschaft. Das strahlende, unerbittliche Licht lässt die blattlosen Äste und Ranken silbern schimmern. Ich habe das Gefühl, mich durch ein dichtes Labyrinth aus gleißendem, blendendem Metall zu bewegen.

Schließlich erreichen wir die Taxi-Brousse-Station. Über fünfundzwanzig Kilometer haben wir zu Fuß zurückgelegt. Ja, ich bin stolz auf mich! Thomas grinst, als er sieht, wie ich genüsslich den Rest des Wassers durch meine ausgedörrte Kehle rinnen lasse.
Bei dem Taxi Brousse handelt es sich diesmal um einen Pritschenwagen. Zahlreiche Hände strecken sich mir hilfsbereit entgegen, als ich versuche, die Ladefläche zu erklimmen. Dunkle Gesichter strahlen mich herzlich an. Es ist nicht so einfach, einen Sitzplatz zu finden, denn auf dem Boden des Gefährts stehen dicht an dicht große Plastikbottiche voll glatter, sich windender Fische, so dass dort keine freie Fläche mehr ist.
„Wir haben einen ungünstigen Moment erwischt,“ flüstert Thomas mir zu, „das hier ist genau die Zeit, wenn die Fischer vom Meer zurückkehren und ihren frischen Fang nach Diego-Suarez bringen...“
Der Geruch, der sich unter der niedrigen Plastikplane entwickelt hat, ist atemberaubend. Jemand bringt einige schmale Bretter, die wir über die Kübel legen, und mit angewinkelten Beinen nehme ich zwischen den anderen darauf Platz, ängstlich bedacht, bloß nicht mit meinen Füßen die glibberige, schuppige Masse unter mir zu berühren. Es ist nicht gerade eine bequeme Haltung, denn der Fahrer legt sich vehement in die Kurven und bremst immer wieder abrupt, so dass ich mich mit aller Kraft an meiner schmalen Planke festklammern muss und trotzdem gelegentlich fast das Gleichgewicht verliere. Ständig drohe ich zwischen die glitschigen Fischleiber zu fallen. Thomas bekommt von meinen Nöten nichts mit: Er hat die Hosenbeine hochgekrempelt, streckt seine Füße leger in einen der Bottiche und ist gerade in ein anregendes Gespräch vertieft mit einer zierlichen jungen Frau, die ihr Haar zu zahllosen Zöpfchen geflochten trägt. Meine beiden Nachbarinnen hingegen, die rittlings neben mir sitzen, nehmen an meinen Bemühungen regen Anteil, sprich: Begeistert versuchen sie, mich festzuhalten, ziehen und zerren an mir, lachen fröhlich, haben an der ganzen Situation einen Riesenspaß und merken gar nicht, dass es mir dadurch nur noch schwerer fällt, mich festzuhalten. Immer wieder stoppt das Taxi Brousse, um weitere Fahrgäste samt Gepäck aufzulesen. Schließlich zählen wir auf der schmalen Pritsche zweiundzwanzig Personen, dazu kommen sechs Autoreifen, ein Fahrrad, mehrere Säcke von riesenhaften Ausmaßen sowie die besagten Fischeimer. Der Platz wird so eng, dass mir nichts anderes übrig bleibt, als es meinen madagassischen Mitreisenden gleichzutun und die Beine in einen der Bottiche zu versenken. Man mustert mich argwöhnisch, mit einem schadenfrohen Grinsen, wie mir scheint, und wartet offenbar nur darauf, dass ich Angst oder Ekel zeige. Aber von wegen! Fest beiße ich die Zähne zusammen. Tatsächlich fühlen sich die glatten, schleimigen Fischleiber, die nun an meinen Beinen entlang gleiten, nicht gerade angenehm an, aber gleichzeitig bieten sie auch eine herrliche Kühlung. Der Fahrer gibt Vollgas. Bei der „Straße“ handelt es sich lediglich um eine Schneise, die in den Dschungel geschlagen wurde, und so hüpfen wir ununterbrochen über kleine Hügel und Steine oder rattern durch Schlaglöcher. Jedes Mal spritzt das Salzwasser aus den Eimern hoch auf und vermischt sich mit dem roten Staub, der überall auf meinem Körper haftet, zu einer klebrigen, zähflüssigen Masse.
So fremd ist diese Situation, so vollkommen anders als alles, was ich je erlebt habe... Mit einem Mal bin ich nicht nur meinem bisherigen Leben in Europa, sondern auch mir selbst, meiner eigenen Persönlichkeit so fern... Bin nicht mehr Nadine Muriel aus Heidelberg, die studiert, gerne liest, sich Abends mit ihren Freunden trifft, um über ungerechte Professoren und nervenaufreibende Mitbewohner abzulästern, sondern... Ich weiß es in diesem Moment selbst nicht; Rasta Vazaha vielleicht, oder auch einfach nur irgendeine namen- und existenzlose Reisende zwischen den sich stetig drehenden Rädern der Augenblicke, so winzig, so unbedeutend angesichts der Größe und Vielfalt der Welt... Eine Vorstellung, die mir gleichzeitig Angst macht und mich in euphorische Freude versetzt. Welche Beziehung habe ich in diesem Augenblick noch zu all dem, was mir einst so wichtig erschien? Ich muss laut auflachen.
Meine Nachbarin lacht fröhlich mit. Generell habe ich den Eindruck, dass man mir jetzt, da ich bewiesen habe, dass ich keine empfindliche, verzärtelte Vazaha bin, großes Wohlwollen entgegenbringt.
Die zierliche Frau, die vorhin noch so lebhaft mit Thomas geplaudert hat, ist jetzt dabei, ihr Abendessen zu organisieren. Laut und schrill  debattiert sie mit den Besitzern der Fischeimer und versucht, einen guten Preis für eine Plastiktüte voll Fische auszuhandeln. Thomas erweist sich als Kavalier und unterstützt sie aus Leibeskräften. Nach und nach nimmt das gesamte Taxi Brousse an diesem heftigen Feilschen teil. Alle lachen und reden durcheinender. Kurz vor Diego wird man schließlich einig. Mit einem zufriedenen Grinsen steckt der Händler die Geldscheine ein.
Das Taxi Brousse bremst, wir sind angekommen. Fast tut es mir leid, aussteigen zu müssen. Mir ist, als seien wir im Verlauf der letzten anderthalb Stunden zu einer verschworenen Gemeinschaft zusammengewachsen, zu der ich nun ebenso selbstverständlich gehöre wie alle anderen auch. Ab jetzt muss ich mich wieder aufs Neue behaupten.

Thomas begleitet mich noch zum Hotel. Bilde ich mir das nur ein, oder mustern uns die Passanten tatsächlich mit einem missbilligenden Naserümpfen? Aber warum nur?
Zufällig fällt mein Blick in eine spiegelnde Pfütze, und ich muß laut auflachen: Durch die ununterbrochene Behandlung mit Wind und Salzwasser sind meine Haare völlig zerzaust und stehen wild vom Kopf ab, und ich bin über und über mit schmierigen rotbraunen Sprenkeln übersät. Insgesamt ähnle ich mehr einem Troll als einem menschlichen Wesen. Thomas sieht auch nicht viel besser aus, und der penetrant fischige Geruch, den wir verströmen, dürfte gewiß nicht gerade lieblich zu nennen sein... Ich mache Thomas darauf aufmerksam, welchen Anblick wir bieten, und er prustet ebenfalls los.
Gutgelaunt erreichen wir das Hotel. Jeo schlägt die Hände über dem Kopf zusammen, als er uns sieht. „Mais non, c’est incroyable! Was habt ihr bloß angestellt?“
Thomas berichtet von unserer abenteuerlichen Taxi-Brousse-Fahrt, und Jeo reißt ungläubig die Augen auf. „Nicht zu fassen... Da haben sich tatsächlich die richtigen Chaoten zusammengefunden! Dass Thomas immer irgendwelche verrückten Dinge erlebt, ist mir ja klar, aber dass er jetzt auch noch eine Vazaha gefunden hat, die genauso ist... Mais non, c’est incroyable!“
Mit einem kräftigen Händedruck verabschiedet sich Thomas von mir. „Also dann, bis morgen, Rasta! Macht echt Spaß, mit dir zu wandern!“ Er blinzelt mir zu, und in diesem Moment weiß ich, daß seine Worte garantiert ehrlich gemeint sind.
Während Jeo sich diskret Luft zufächelt teilt er mir mit, inzwischen sei ein Paar angekommen, das ebenfalls gerne die Naturreservate besuchen würde und unter Umständen bereit sei, sich dazu mit mir zusammenzuschließen. „Aber vielleicht solltest du erst mal duschen, ehe du mit ihnen sprichst. Ich glaube, sie sind etwas anders als Thomas und du – aber das ist ja nichts Ungewöhnliches,“ rät er mir noch, ehe er in seinem Büro verschwindet.

Ich treffe mich mit dem besagten Paar im Frühstücksraum. Beide sind Mitte bis Ende dreißig und stammen aus Paris. Er ist von kräftiger Statur und spricht mit einer dröhnenden Stimme, sie dagegen wirkt wie ein unscheinbares, verhuschtes Mäuschen. Noch immer ganz erfüllt von diesem schönen Tag biete ich ihnen überschwenglich an, Thomas und mich nach Ankarana zu begleiten. Mißtrauisch beäugen die beiden meine emphatische Freude. Wie viel das alles denn kosten solle, erkundigt er sich skeptisch, und über welches Reisebüro ich diese Tour gebucht hätte. Ich stutze. Mit einem Mal wird mir bewusst, dass ich beides längst vergessen habe. Empört runzelt der Mann die buschigen Augenbrauen, und „Tu es très mal organisée!“ nörgelt seine Frau mit spitzer Stimme auf mich ein. Er lässt nicht locker. Wie hoch in etwa der Preis sei, ob es sich um eine renommierte Agence des Voyages handle, die möglicherweise in seinem Reiseführer stehe, und überhaupt, warum ich mir solch wichtige Dinge nicht merken konnte und wie ich denn generell meine Reise planen wolle, wenn ich alles so wirr angehe. Ich bin erschöpft von dem ereignisreichen Tag, den vielen neuen Eindrücken und der anstrengenden Wanderung. Es fällt mir schwer, mich zu konzentrieren und in fehlerlosem Französisch zu antworten – noch dazu, wo man mir hier so kritisch, so wenig wohlwollend gegenübertritt. Ich erkläre, dass ich mich bei unterschiedlichen Reisebüros erkundigt habe und dieses mit Abstand das billigste sei, auch wenn ich die exakten Preise nicht mehr auswendig kenne. Aber, füge ich hinzu, die beiden könnten selbstverständlich gerne morgen früh dazustoßen, wenn Thomas mich am Hotel abholt und ihn persönlich fragen. „Er ist nämlich der liebste und hilfsbereiteste guide, den man sich wünschen kann,“ schließe ich meine Rede, und unwillkürlich huscht ein glückseliges Strahlen über mein Gesicht. Ja, die kommenden Unternehmungen mit Thomas werden bestimmt phantastisch und ich freue mich riesig darauf, egal, wie hilflos und unsicher ich mich in diesem Moment auch fühlen mag. Und die wirklich „wichtigen Dinge“ – nein, das sind nicht der Preis und der Name irgendeiner Agence des Voyages, sondern die faszinierende Landschaft, die herzlichen Menschen und die Tatsache, daß ich mich bei Thomas so unbeschwert und sicher fühle!
„So, so, der liebste guide!“ wirft die Frau mit ironischem Unterton ein und mustert mich geringschätzig. Dann legt sie los. Will mir mal ein paar allgemeine Fragen stellen – denn „schließlich möchte man sich ja auch  ein Bild von einer Person machen, ehe man sich mit ihr zusammentut“. Weshalb ich alleine reise? Ach, der Freund ist also in England. Und warum begleite ich ihn da nicht? Was sagt er überhaupt dazu, dass ich einfach so nach Afrika fliege? Kann ich denn in solch einem Fall nicht gemeinsam mit anderen Bekannten Urlaub machen? Ich fühle mich äußerst unwohl, fast schon ausgeliefert. Diese Situation erinnert mich weniger an ein interessiertes Gespräch als an ein Kreuzverhör, bei dem es darum geht, mir irgendein noch so lächerliches Vergehen nachzuweisen. Gerade nachdem ich vorhin die spontane, unkomplizierte Fröhlichkeit von all den Leuten im Taxi Brousse erlebt habe, erscheint mir solch ein reserviertes Verhalten wie ein Schlag ins Gesicht.
Meine beiden Gegenüber kommen zu dem Schluß, dass sie erst mal essen gehen und alles in Ruhe überdenken wollen.
„Und du, gehst du nicht aus?“ erkundigt sie sich mit anzüglichem Unterton. „Immerhin ist Samstag Abend, da wird jede Menge los sein in der Stadt!“

Samstag Abend hin oder her – ich bin vollkommen ausgelaugt nach diesem Tag! Gemeinsam mit ein paar madagassischen Keksen, die ich am Kiosk erstanden habe, will ich es mir in meinem Zimmer gemütlich machen, Briefe schreiben, vielleicht noch ein bisschen in meinen Reiseführern schmökern, doch kaum bin ich unter das Moskitonetz gekrabbelt, fallen mir die Augen zu und ich schlafe ein.

Eine halbe Ewigkeit später, wie mir scheint, fahre ich auf. Verdammt! Ich habe vergessen, Lalao anzurufen! Hektisch wühle ich zwischen meinen verschwitzten Bettlaken nach der Taschenlampe, die ich für gewöhnlich immer neben dem Kopfkissen zu deponieren pflege. Da, endlich! Mein Wecker zeigt kurz nach zehn. Darf man um diese Uhrzeit noch telefonieren? Ja, man darf, beschließe ich, während ich eilig aus dem Bett stolpere und mich dabei in den Ausläufern des Moskitonetzes verfange. Wer weiß, wann ich wieder eine Gelegenheit dazu habe. Schließlich wollen wir morgen von Montagne d´Ambre aus gleich nach Ankarana weiterfahren, ohne vorher ins Hotel zurückzukehren, und ich möchte nicht, daß Lalao auf ungewisse Zeit gar nichts von mir hört und sich vielleicht Sorgen macht oder denkt, ich sei beleidigt. Zum Glück ist Jeo noch wach und schaut sich gerade irgendein Fußballspiel im Fernsehen an, als ich schlaftrunken in sein Büro taumele und bitte, kurz telefonieren zu dürfen. Angespannt lausche ich dem Freizeichen. Niemand hebt ab. Na ja, denke ich, während ich in mein Zimmer zurück trotte, wahrscheinlich ist Lalao  ausgegangen. Schließlich ist Samstag Abend ja ne Menge los, wie ich aus fachkundiger Quelle erfahren habe... Am besten, ich probier´s morgen gleich nach dem Aufstehen noch mal.

rastavazaha