Madagaskar

Part 5 – Montagne d´Ambre (16. 9. 2001)
Ich erwache Nachts gelegentlich mit Halsweh und blasenbehaftetem Klumpfuß vom vielen Wandern durch Libertalia. Einmal glaube ich, draußen auf dem Gang Stimmen zu hören. Eine Frau spricht hektisch, abgehakt, fast schluchzend, ein Mann
redet ärgerlich auf sie ein. Dem Klang nach könnte es sich sogar um das mir bekannte Ehepaar handeln, doch ich bin zu müde, den genauen Wortlaut verstehen zu wollen. Meine Gedanken driften ab. Beim Weckerklingeln um 5 Uhr fühle ich mich benommen, als hätte
man mir mehrmals kräftig mit einem Hammer auf den Kopf gehauen. Mein Rachen scheint sich in ein Stück Schmirgelpapier verwandelt zu haben. Kündigen sich so bedrohliche Tropenkrankheiten an? Vorsichtshalber konsumiere ich die Tabletten gegen
Halsweh gleich in industriellen Mengen. Thomas holt mich am Hotel ab. Dank der Begleitung von Jürgen und Larissa, den beiden anderen Vazahas, die diese Tour mit uns unternehmen,
komme ich mir nicht ganz so kolonialistisch vor wie gestern. Es ist einfach ein völlig anderes Gefühl, in einer kleinen Reisegruppe mit einheimischem Führer unterwegs zu sein, als sozusagen einen Menschen für sich alleine gemietet zu haben.
Überhaupt erweisen sich Jürgen und Larissa als ausgesprochen sympathisch. Besonders beruhigt bin ich, als ich erfahre, dass sie kein Paar sind, sondern lediglich Nachbarn und Arbeitskollegen. Beide kommen aus Amsterdam, und wir verständigen
uns in einer lustigen Mischung aus Deutsch, Niederländisch, Englisch und Französisch. Für die Dauer ihres Aufenthalts in Diego haben sie einen Wagen samt Chauffeur gebucht, mit dem wir nun über unebene Pisten Richtung Montagne d´Ambre
rattern. Es stellt sich heraus, dass Jürgen und Larissa schon seit fast zwei Monaten durch Madagaskar ziehen und Diego die letzte Station ihrer Reise ist. Als sie hören, dass ich gerade erst angekommen bin und noch alles vor mir habe, werden sie fast schon wehmütig.
An der Taxi-Brouse-Station von Diego verlassen Thomas, mein Wanderrucksack und ich den Wagen. Es tut mir leid, mich von Jürgen und Larissa verabschieden zu müssen. Mir hat es Spaß
gemacht, den Ausflug gemeinsam mit diesen beiden aufgeschlossenen, begeisterungsfähigen Leuten zu unternehmen, und ich frage mich, wie lange es wohl dauern mag, bis ich wieder eine so sympathische Reisebegleitung treffe.
Es muss schrecklich sein, auf solch
einer Reise zu streiten, überlege ich mitleidig. Ob Robby und ich uns wohl vertragen würden? Mit Schrecken wird mir bewußt, daß ich darauf keine Antwort geben kann. Bisher hatte ich mir immer nur vorgestellt, wie wunderbar es sein müsste, all
diese Erlebnisse zu teilen... Was aber, wenn sich plötzlich unüberwindbare Unterschiede zwischen uns auftun würden? Zu Hause empfinden und handeln wir zwar in den meisten Situationen ähnlich – aber wäre das hier, in dieser völlig anderen Welt,
auch der Fall? Wie hätte Robby beispielsweise heute im Taxi Brousse reagiert? Hätte er die ungewohnte Lage genauso humorvoll ertragen wie ich, oder hätte er auf eine andere Fortsetzung der Reise beharrt? Würden durch solche
Meinungsverschiedenheiten möglicherweise noch tiefer liegende Konflikte zwischen uns zum Ausbruch kommen? Mir wird klar, dass ich Robbys Reaktionen auf all das Unbekannte nicht im geringsten abzuschätzen vermag. Woher auch? Bis vor kurzem
hätte ich ja nicht mal sagen können, wie ich mich fühlen und verhalten würde... Und wenn ich mir bereits selbst so fremd erscheine, wie fremd müßte mir dann erst Robby sein!
Mango, Banane und die bekannte honigähnliche Masse zum Frühstück heitern mich wieder auf. Weniger erfreulich dagegen ist das Wiedersehen mit dem Ehepaar vom Vortag: Die sitzen blaß, übernächtigt und
deutlich mißgestimmt am Nachbartisch und teilen mir unumwunden mit, sie hätten gestern Abend ein anderes Paar kennen gelernt, mit dem sie künftig ihre Touren unternehmen wollen. Es erscheint mir unwahrscheinlich, daß sie zufällig auf
jemanden mit ähnlichen Reisplänen gestoßen sein sollen, und ich vermute, daß es sich bloß um eine Ausrede handelt, um mich abzuwimmeln. Ich weiß nicht, ob ich enttäuscht oder erleichtert sein soll. Mahnend weist der Mann mich noch darauf hin,
es sei ziemlich gefährlich, wie unbekümmert und mal-organisée ich ganz alleine durch Madagaskar ziehen will, und er könne mir nur dringend empfehlen, meinen Stil des Reisens zu ändern.
Erneut probiere ich, Lalao anzurufen, doch
wieder geht niemand ans Telefon. Wo um Himmels Willen mag sie bloß Sonntags in aller Frühe stecken?! Jeo zeigt sich ebenfalls überrascht, begutachtet die Telefonnummer und meint, dies sei kein privater Anschluss, sondern der eines Büros.
Ehrlich gesagt, ich bin schon ein wenig irritiert und auch traurig, daß Lalao plötzlich rigoros alles, was irgendwie Privat ist, vor mir zu verbergen will – besonders, da wir uns doch zwischendurch so gut verstanden hatten. Verlegen schildere
ich Jeo mein Problem und bitte ihn, am Montag in Lalaos Büro anzurufen und ihr auszurichten, daß ich bereits weitergereist bin, sie jedoch herzlich grüße und ihr für alles danken möchte. Er horcht auf.
„Ach, ist das die
Lalao – die Lalao, die seit ein paar Jahren mit einem Deutschen zusammen ist“
„Kennst du sie?“
„Wir haben zusammen studiert. Kennen... Nein, das ist übertrieben.“ Jeo seufzt. „Ich glaube, kaum jemand kennt Lalao wirklich. Sie ist so...
wechselhaft. Völlig unberechenbar. In einem Moment macht sie einen vergnügten, unbekümmerten Eindruck, man versteht sich blendend, und schon wenige Minuten später kippt ihre Stimmung plötzlich und sie verhält sich unnahbar oder sogar richtig
abweisend. Der einzige Mensch, dem sie vertraut, ist ihr Freund. Frag mich nicht, wie er das erreicht hat...“
Kurz ehe ich aufbrechen will, nimmt mich noch einmal der weibliche Teil des Paares beiseite. Sie müsse im Vertrauen mit mir
reden. Es sei ja nicht so, dass sie mich prinzipiell ablehne, aber... „Weißt du, ich lebe in einer glücklichen Beziehung,“ bricht es verbittert aus ihr heraus. „und ich will nicht, dass irgend jemand zwischen uns tritt. Erst recht nicht im
Urlaub!“ Ohne ein weiteres Wort macht sie auf dem Absatz kehrt.
Ich bin erschüttert. Habe ich tatsächlich den Eindruck erweckt, nur darauf aus zu sein, mir hier einen Lover an Land zu ziehen? Aber warum? Ich habe doch nicht geflirtet,
keine schlüpfrigen Andeutungen gemacht, mich in keiner Weise mondän und aufreizend gegeben... Oder handelt es sich bloß um so hartnäckige Vorurteile gegen alleinreisende Frauen, dass im Grunde genommen gar kein Beweis notwendig ist? Sind etwa
alle Leute derart voreingenommen? Aber wie soll ich dann je Bekanntschaften schließen unterwegs?
Am Eingang des Naturparks müssen wir Eintritt bezahlen. Der Betrag für Touristen ist etwas höher als der für Einheimische, was ich jedoch angesichts der unterschiedlichen Besitzverhältnisse durchaus richtig finde. In Indien hatte es mich
oft traurig gestimmt, daß aufgrund des zunehmenden Tourismus die Preise extrem in die Höhe geschnellt waren und die Bewohner des Landes selbst es sich oft gar nicht mehr leisten konnten, die Sehenswürdigkeiten zu besichtigen. Außerdem finde
ich es gut, daß, wie Thomas sagt, ANGAP und der WWF so das Interesse der Madegassen an der Natur fördern und sie auf die Notwendigkeit, diese zu schützen, aufmerksam machen wollen.
Der dicke Mann an der Kasse, dessen dunkles Gesicht unter
den wallenden Dreads vor Schweiß glänzt, zeigt sich beinahe entrüstet, als ich ihm die Scheine reiche. Was mir denn einfalle, will er empört wissen, er könne doch von einer Schwester kein Geld annehmen! Schwester? Ich zucke fragend mit den
Schultern.
„Mais oui, bien sur, nous sommes frère et sœur en cœur,“ erklärt er. “Je suis Rasta, comme toi. Toutes les Rastafari sont des frères. Nous sommes une famille.”
Es fällt mir schwer, ihn zu überzeugen, daß es mir wirklich nichts ausmacht, den Eintrittspreis zu bezahlen.
Die Wanderung durch Montagne d´Ambre
ist einfach traumhaft. Wir ergötzen uns an gewaltigen Wasserfällen, uralten, mächtigen Baumriesen, knorrigen Lianen, seltsam gedrehten Palmen, muppetähnlichen Chamäleons mit Horn auf der Nase und wunderschönen Orchideen mit leuchtend bunten Blüten. Ich bin begeistert und vergesse sogar meine angebliche Tropenkrankheit.
Anschließend fahren wir nach Joffreville, einst ein vornehmer Ferienort, den die Franzosen zu Kolonialzeiten errichten ließen. Von der ehemaligen Pracht ist jetzt nur noch wenig zu sehen. Die Stadt ist so gut wie verlassen. Um die
verfallenen Ruinen winden sich dickblättrige Schlingpflanzen. Zum Essen trennen sich unsere Wege: Wir Vazahas werden bei einem französischen Bistrôt abgesetzt, Thomas und der Fahrer wollen einen madagassischen Imbiss aufsuchen. Ich bin
ein wenig enttäuscht: Auch in Diego hat meine Nahrungssuche mich immer nur in europäisch geprägte Restaurants geführt, und ich habe mich schon so darauf gefreut, heute vielleicht auch die landestypische Küche kennen zu lernen.
Bei Nudeln mit Tomatensoße geben Jürgen und Larissa mir hilfsbereit Tips für meine Weiterreise.
„Auch wenn du den Eindruck hast, dass es bei Gesprächen unter den Einheimischen immer sehr laut und lebhaft zugeht – die Leute hier legen großen
Wert auf einen respektvollen, höflichen Umgang miteinander,“ verrät Jürgen. „Viele Touristen glauben, angesichts des überall herrschenden Chaos müssten sie forsch und selbstbewusst auftreten, um genügend Beachtung zu erlangen, aber damit
erreichen sie eher das Gegenteil: Die Madegassen, vor allem die älteren, fühlen sich durch solch ein Verhalten provoziert und strafen diese Vazahas
durch betont auffälliges Ignorieren. Wenn du dagegen stets freundlich, gelassen, rücksichtsvoll und bescheiden bist, machst du dich sofort beliebt.“
Larissa kichert. „Gerade an den Bus- oder Taxi-Brousse-Stationen geht es oft sehr
unübersichtlich zu, und man hat den Eindruck, niemand weiß so richtig, was eigentlich los ist – am wenigsten die Leute am Schalter selbst. Ich habe schon oft erlebt, dass europäische Touristen meinten, jetzt aber mal die Sache in die Hand
nehmen zu müssen und mit der ihnen üblichen Hauruck-Methode alles organisieren wollten. Das Ergebnis war, daß sie ruhig, aber bestimmt an die letzte Stelle in der Warteschlange verwiesen wurden und noch dazu die hämischen Bemerkungen der
Mitreisenden ertragen mußten.“
„Das Falscheste, was man überhaupt tun kann ist, aufbrausend oder aggressiv zu reagieren,“ ergänzt Jürgen. „Niemand hier wird Verständnis dafür haben, daß du ärgerlich oder wütend bist, wenn mal was nicht so
klappt, wie du willst. Im besten Fall macht man sich über dich und deine Aufregung lustig, und wenn du Pech hast, fühlt sich irgendwer gekränkt und versucht, dir die Weiterreise noch mehr zu erschweren. Hektik und Ungeduld helfen also
überhaupt nicht weiter, sondern bereiten nur noch mehr Schwierigkeiten. Statt dessen solltest du stets versuchen, flexibel zu reagieren und aus jeder Situation das Beste zu machen.“
Unwillkürlich erinnere ich mich an meine erste Begegnung
mit Thomas und seine spontane Hilfsbereitschaft. Auch Jeo hatte sich mir gegenüber stets sehr zuvorkommend gezeigt. Kann der Grund dafür vielleicht in meiner eher schüchternen, zurückhaltenden Art gelegen haben? Allerdings war dieses Verhalten
von mir keinesfalls bewusst kalkuliert, sondern entspricht einfach meinem Wesen. Zu Hause haben meine Freunde mir schon oft geraten, ich müsse lernen, selbstbewusster aufzutreten und mich stärker durchzusetzen.
Klar, auch in Madagaskar mag
bestimmt nicht alles so idyllisch sein, wie die Berichte von Jürgen und Larissa vermuten lassen und ich bin überzeugt, dass mir auf meiner Reise noch manch harte Prüfung bevorsteht, aber trotzdem – ich finde es schön, daß es auch Kulturen
gibt, in denen andere Verhaltensnormen gelten als in unserer sogenannten „Ellenbogengesellschaft“ und wo Forschheit und Rücksichtslosigkeit nicht unbedingt zu Erfolg führen.
Wir treten die Heimfahrt an. In der nachmittäglichen Sonne
erscheint plötzlich alles wieder in diesem gleißenden, unwirklichen Licht. Die gesamte Landschaft wirkt wie in Öl getaucht. Immer wieder werden wir von Polizisten angehalten, die unsere Ausweise sehen wollen. Larissa erklärt mir, die
regelmäßigen Kontrollen seien noch ein Überbleibsel aus der Zeit, als Madagaskar kommunistisch war. Jürgen dagegen behauptet, auf diese Weise solle dem Viehdiebstahl entgegengewirkt werden. Besonders im Süden Madagaskars stellt der
Viehdiebstahl ein ernstzunehmendes Problem dar. Bei den dort lebenden Volksstämmen ist traditionell festgelegt, dass ein Mann erst dann um die Hand eines Mädchens anhalten darf, wenn er als Brautgeschenk eine Herde aus selbstgestohlenen Zebus
vorzeigen kann, sozusagen als Beweis für seinen Mut, sein Geschick und seine Männlichkeit. Insofern war Viehdiebstahl dort bisher ganz üblich und wurde nicht als Verbrechen, sondern allenfalls als Kavaliersdelikt geahndet. Inzwischen ist der
Süden jedoch die ärmste Gegend: Aufgrund der großen Trockenheit wächst in dieser Region kaum Reis und Gemüse, und die Bewohner sind gezwungen, sich ihre Grundnahrungsmittel zu kaufen. Da in den vergangenen Jahren – auch durch den vermehrten
Tourismus – die Preise stark gestiegen sind, leiden viele Familien jetzt große Not. Daher bewachen die Besitzer ihre Rinder streng und sind oft auch bereit, sie mit Waffengewalt zu verteidigen. Häufig ist es auf diese Weise zu regelrechten
Familienfehden gekommen, bei denen ganze Clans sich gegenseitig niedermetzelten. Seitdem die Konflikte derart große Ausmaße angenommen haben, geht die Polizei überall in Madagaskar vehement gegen Viehdiebe vor, um die Schuldigen zumindest
selbst zu bestrafen und so die ausufernden Racheakte einzudämmen.
Aber ob in unserem doch verhältnismäßig kleinen Geländewagen ein Zebu versteckt sein könnte... Die Vorstellung erscheint mir widersinnig, aber wer weiß, was diese
Taxi-Brousse-erfahrenen Männer schon so alles erlebt haben.
Thomas organisiert
die Taxi-Brousse-Fahrt nach Ankarana, wofür ich ihm unbeschreiblich dankbar bin. Keine Ahnung, wie ich mich hier, zwischen all den Menschen, die mich neugierig beäugen und halblaut tuscheln, doch deren Sprache ich nicht verstehe, allein
zurechtfinden sollte... Er bittet mich, kurz zu warten, während er sein Gepäck holen geht. Angeblich soll es nur wenige Minuten dauern, da er, so behauptet er, gleich um die Ecke wohnt, ich habe jedoch den Eindruck, eine halbe Ewigkeit hier zu
sitzen. Immer mehr Leute versammeln sich an der Station, und so ziemlich jeder, der mich sieht, glaubt offenbar, er müsse mich in ein anregendes Gespräch auf Malgasch verwickeln. Ich freue mich über dieses leutselige Interesse, fühle mich aber
gleichzeitig auch etwas hilflos. Mein schüchtern hervorgebrachtes „Mbulazaraha“ – „Guten Tag“, eines der wenigen Wörter auf Malgasch, die ich kenne – stößt jedes Mal auf große Begeisterung. Die Männer hier tragen weite, luftige
Leinenhosen, die Frauen bunt bedruckte Wickelröcke. Mir fällt auf, daß die Frauen sich sehr stolz und selbstbewußt geben, mit hocherhobenem Kopf schreiten sie umher und debattieren lebhaft. Keinesfalls wirken sie zurückhaltender als die
anwesenden Männer. Ich erinnere mich, gelesen zu haben, daß Frauen in Madagaskar bis zur Kolonialzeit die gleichen Rechte hatten wie Männer, ja, daß viele Volksstämme sogar matriarchalisch organisiert waren. Den europäischen Kolonialherren war
das äußerst suspekt, und sie setzten alles daran, diese ihrer Meinung nach „widernatürlichen“ Verhältnisse zu beseitigen. Auch heute noch liegt die politische Macht in Madagaskar bei den Männern, und genauso ist es auch die Aufgabe der Männer,
ihre Familien oder Dorfgemeinschaften nach außen hin zu vertreten. Innerhalb dieser Gemeinschaften werden Frauen jedoch gleichberechtigt behandelt und können genau so frei und unabhängig über ihr Leben bestimmen wie die Männer.
Taschen,
Körbe und Kästen werden in diverse Fahrzeuge geladen oder mit groben Stricken auf deren Dächern festgezurrt. Aus einem Sack rieseln Reiskörner auf den Boden, die von frei umherlaufenden Ziegen und Hühnern sofort gierig aufgefressen werden. Ein
muskulöser Mann mit vor Schweiß glänzendem Oberkörper ist gerade damit beschäftigt, einige Bretterkisten mit ängstlich gackernden Gänsen auf das Dach eines rostigen Pritschenwagens zu stapeln. Andere Gänse haben noch weniger Glück bei ihrer
Reise: Mit zusammengeschnürten Beinen wurden sie, den Kopf nach unten, an der Seitenwand eines Taxi Brousse festgebunden und zappeln jetzt verzweifelt, um sich aus dieser unangenehmen Lage zu befreien. Ein Taxi-Brousse-Fahrer kommt und hievt
ungeachtet meiner Proteste meinen Rucksack auf das Dach irgendeines der bereitstehenden Fahrzeuge, die Passagiere jubeln Rasta Vazaha
und drängen mich mit ausladenden Gebärden, einzusteigen. Viel lieber würde ich auf Thomas warten, um sicherzugehen, dass ich mich auch tatsächlich im richtigen Taxi Brousse befinde. Um die allgemeine Aufregung jedoch nicht eskalieren zu lassen, gebe ich nach und klettere auf die hölzerne Pritsche. Im nächsten Moment fahren wir los. Panik! Was soll ich jetzt bloß tun? Ich weiß ja nicht mal, wo ich aussteigen muss, wie lange die Fahrt überhaupt dauert, geschweige denn, was mich am Ankunftsort erwartet! Hektisch versuche ich den anderen Passagieren klarzumachen, dass ich unbedingt raus will, doch niemand spricht französisch und versteht, was ich sage. Meine Aufregung scheint allenfalls auf Schadenfreude zu stoßen. Ich bin den Tränen nahe. Schließlich erbarmen sich zwei ältere Frauen, streichen mir über den Rücken und murmeln beruhigende Worte auf malgasch. Mit Handzeichen versuche ich ihnen zu erklären, daß es da noch eine zweite Person gibt, ohne die ich keinesfalls wegfahren kann, und die beiden zeigen mir – ebenfalls nur durch Gesten –, daß das Taxi Brousse bloß ein paar Runden durch die Stadt dreht, um weitere Fahrgäste einzusammeln und dann wieder zum Ausgangspunkt zurückkehren wird. Trotzdem fühle ich mich unbehaglich: Alles ist so fremdartig hier... Wie soll ich bloß klarkommen, sobald ich wirklich ganz auf mich gestellt bin? Die beiden Frauen unterhalten sich jetzt laut und lachen kreischend. Über mich? Mehrere Männer kauen Kath, eine Pflanze mit angeblich aufputschender Wirkung. Feine grüne Speichelfäden rinnen über ihr Kinn. Fast alle Frauen haben mit gelber Paste grobe Muster ins Gesicht gemalt. Ein hageres Mädchen putzt sich ununterbrochen die Nase in ihren Wickelrock und strahlt mich dabei herzlich an.
Ein junger Mann steigt ein und begrüßt mich: „Bonjour, Rasta Vazaha! Eh, oh, Reggae Sister! Tu es très Bob Marley ? Un, deux, trois, quatre, cinq! Merci, bon nuit, au revoir.“ Alle zeigen sich sichtlich beeindruckt von seinen
Fremdsprachenkenntnissen. Es stellt sich jedoch heraus, daß sein Wortschatz damit auch so gut wie erschöpft ist. Ich wende mein gesamtes Französischvokabular auf, um ihn zu fragen, wo wir sind und ob ich wirklich sicher sein kann, daß das Taxi
Brousse noch mal zur Station zurückkehrt, stoße jedoch nur auf leicht beleidigtes Unverständnis. In gebrochenem Französisch erkundigt er sich noch, wie man bei uns „Kath“ nennt. Was für eine weltbewegende Frage im Dienste der
Völkerverständigung! Als ob ich im Moment keine anderen Sorgen hätte! Ich versuche zu erklären, dass es diese Pflanze in Europa nicht gibt, aber unsere Kommunikation scheitert erbärmlich, interessiert beobachtet von den übrigen Fahrgästen.
Schließlich erreichen wir die Station, wo Thomas aufgeregt auf einen älteren Mann einredet. Wie sich herausstellt, war er ebenfalls beunruhigt, als er entdeckte, dass ich samt Taxi Brousse spurlos verschwunden bin. Mir fällt ein ganzes Gebirge
vom Herzen! Fast ist mir, als hätte ich einen Verbündeten wiedergefunden, und unsere Begrüßung gestaltet sich dementsprechend frenetisch. Die anderen klatschen Beifall und lachen. Ich laufe vor Verlegenheit knallrot an, und man mustert mich
fasziniert: Für Leute mit dunkler Hautfarbe muss dies ja ein wahrhaft seltsamer Anblick sein. Alle reden aufgeregt auf Thomas ein und bestürmen ihn mit Fragen. Er genießt es deutlich, so im Mittelpunkt zu stehen und gibt stolz jede Menge
Erklärungen ab. Zwischendurch wendet er sich auf Deutsch immer wieder an mich, was die allgemeine Bewunderung für seine Person noch erheblich steigert. Die Fahrgäste hängen regelrecht an seinen Lippen. Thomas nutzt die Gunst der Stunde und
quetscht sich munter zwischen zwei ausnehmend hübsche junge Mädchen, die ihm ehrfürchtig Platz machen.
Wir fahren los. Draußen zieht im Dämmerlicht die Landschaft vorbei. Fahrtwind kühlt den Schweiß auf meinem Gesicht. Die kontrollierenden
Polizisten werden kollektiv beschimpft. Zunächst steigen noch ab und zu neue Passagiere ein, die von den übrigen Fahrgästen stets fröhlich begrüßt werden. Unglaublich, wie ungezwungen diese Leute miteinander umgehen, obwohl sie sich doch
völlig fremd sind! Allmählich werden jedoch alle müde und dösen vor sich hin.
Neben mir schnarcht Thomas. Was für ein Gegensatz zu Lalao er ist! So zuverlässig, so unkompliziert, so fröhlich... Noch immer erscheint mir der Gedanke, dass
ich sozusagen einen Einheimischen ganz für mich alleine gemietet habe, recht befremdlich. Nur, tröste ich mich, Dienstleistungen für andere zu vollbringen gehört zu jedem Beruf; allerdings handelt es sich dabei meist um Dinge, die auszuführen
man selbst zu bequem ist, wohingegen ich momentan nicht einfach so in Madagaskar klar käme, es ist also ganz gerechtfertigt, hier auf – bezahlte – Hilfe zurückzugreifen... Und überhaupt: Auf so lustige, persönliche Weise Geld zu verdienen ist
doch bestimmt viel schöner, als total abstrakt was zu fabrizieren... Und vorbildlichster Tourismus ist das außerdem, denn so wird der Reisende richtiggehend gezwungen, Kontakte zu Einheimischen zu haben und sich mit deren Lebensweise
auseinander zu setzen und darauf einzulassen... Ist also überhaupt nicht kolonialistisch, was ich tue, statt dessen fördere ich ideale Wirtschaftszweige... Und: Wenn ich mich irgendeiner Reisegruppe anschließe oder eine Stadtführung buche,
bekommen die Reiseleiter schließlich auch Geld dafür, nur daß man sich da eben so schön hinter der Anonymität der Masse verstecken kann... Wahrscheinlich muß ich auch hier meine europäisch geprägten, schablonenhaften Denkmuster abstreifen und
mich völlig auf die jeweilige Situation einstellen, um zu erkennen, was „gutes“ und „falsches“ Reisen ist, ungeachtet aller Klischeevorstellungen...
Irgendwann durchqueren wir eine ausgedehnte Stadt. Vor den kärglichen Holzhütten brennen
Kerzen. Menschen huschen umher. Sofort bin ich hellwach und rüttle aufgeregt an Thomas´ Schulter. „Hey, wo sind wir hier?“
„Was weiß ich... Zwischen Diego und Ankarana,“ brummt er schlaftrunken, ohne die Augen zu öffnen.
„Aber sieh
doch... Da ist eine ganz große Stadt, fast wie Diego, und auf der Landkarte ist doch in dieser Gegend sonst gar keine eingezeichnet! Bist Du sicher, daß wir im richtigen Taxi Brousse sitzen?“
Thomas gähnt und blinzelt. „Ach... Eine Schatzgräberstadt. Ja, die gibt´s öfter.“
„Wie, eine Schatzgräberstadt?“
Seufzend richtet Thomas sich auf. „Du weißt doch, daß Madagaskar berühmt ist für seine Halbedelsteine, oder?! Die Leute, die
du hier siehst, schürfen danach. Wenn irgendwo ein neues Vorkommen entdeckt wird, strömen die Edelsteingräber von überallher an diesen Ort und errichten innerhalb von wenigen Stunden eine Stadt. Sobald dort alle Steine abgebaut sind oder
woanders ein neues, ergiebigeres Vorkommen entdeckt wird, verlassen sie ihre Hütten, nehmen nur das Notwendigste mit und ziehen weiter. Das alles geht so schnell, daß es sich gar nicht lohnt, diese Städte in die Landkarten aufzunehmen. Paß
auf, bestimmt wirst du auch noch Geisterstädte sehen – verlassene Schatzgräberstädte, die vollkommen menschenleer sind, aber aussehen, als müßten die Bewohner jeden Moment zurückkehren.“
Ich bin fasziniert. Schatzgräber, Geisterstädte...
Das alles kannte ich bisher nur aus dem Fernsehen, und ich hätte nicht gedacht, daß es so etwas heute noch gibt. Fast komme ich mir vor wie eine abenteuerlustige Pionierin im Wilden Westen, als tatsächlich kurz darauf die schwarzen Silhouetten
von dunklen, leeren Holzhütten am Straßenrand auftauchen. Es ist richtig gespenstisch, durch diese öden Straßen zu fahren, die kein einziger Lichtschein erhellt...
Schließlich fallen mir die Augen zu. Meine Gedanken werden verschwommener,
unklarer, bis ich nur noch vor mich hin dämmere und das Dahingleiten durch die laue afrikanische Nacht genieße. Irgendwann muß ich wohl ganz eingeschlafen sein, denn ein heftiger Ruck weckt mich abrupt auf. Das Taxi Brousse hält. Thomas zieht
an meinem Arm. „Steh auf, Rasta, wir sind da!“ Tiefe Schwärze umfängt mich, als ich benommen auf die Straße taumele. Ich kann die Hand nicht vor den Augen sehen. Hunde bellen. Eine Ziege meckert anhaltend. Jemand drückt mir ein voluminöses,
längliches Etwas in die Arme, und ich vermute, daß es sich um meinen Rucksack handelt. Ich habe keine Ahnung, wo ich mich befinde. Vor mir höre ich Schritte, die durch trockenes Gras schlurfen. Ich nehme an, daß es Thomas ist und tappe blind
dem Geräusch nach. Mein Rücken schmerzt von der eingeengten, unbequemen Fahrt im Taxi Brousse, und die Müdigkeit benebelt meine Sinne. Plötzlich sehe ich in der Ferne einen winzigen, leuchtenden Punkt, der sich zielstrebig auf uns zu bewegt...
Ein Mann mit einer flackernden Kerze kommt uns entgegen. Erst als er direkt vor uns steht, kann ich sein schmales, ebenholzschwarzes Gesicht mit den tiefen Furchen erkennen. Er und Thomas begrüßen sich herzlich. Dann nimmt er mir meinen
Rucksack ab und geleitet uns über ein unebenes Gelände. Ich stolpere unbeholfen hinterher. Schemenhaft sehe ich, daß wir zwischen zwei niedrigen Gebäuden hindurchgehen. Fröhliche Stimmen wehen jetzt zu uns herüber. Jemand stimmt ein Lied an.
Irgendwo leuchtet ein Feuer. Ja, endlich sind wir angekommen! Es tut so unbeschreiblich gut, nach diesem ereignisreichen Tag an solch einen friedvollen Ort zu gelangen... Ich fühle mich mit einem Mal wohlig, geborgen und sicher.
Mein
Nachtquartier ist eine winzige Hütte aus getrockneten Bambusblättern. Neben dem schmalen Bett ist gerade mal genügend Platz, um meinen Rucksack abzustellen. Thomas erklärt verlegen, alles hier sei „sehr rural“, nein, nicht gefährlich,
das auf keinen Fall, aber es gäbe freilaufende Ziegen und Zebus, die sich nicht gerade leise verhalten, für viele Vazahas sei das sehr ungewohnt, und bietet mir an, selbst zu entscheiden, ob er bei mir in der Hütte auf dem Boden
übernachten oder vor der Tür sein Zelt aufschlagen soll – je nachdem, wie ich als alleinreisende Frau mich weniger fürchte... Er kann es kaum fassen, als ich antworte, ich hätte keine Angst, weder vor ihm, noch vor der „ruralen“ Umgebung, aber
im Grunde genommen sei ich schon gerne für mich, insofern könne er auch in einer der freien Hütten schlafen. Sein Beschützerinstinkt scheint ihn in ernsthafte Gewissenskonflikte zu bringen. Von solch einem edlen, großherzigen Kavaliertum
könnten sich bei uns doch manche Männer eine dicke Scheibe abschneiden! Es gelingt mir beim besten Willen nicht, Thomas davon zu überzeugen, daß es mir nichts ausmacht, alleine zu sein, und so vereinbaren wir nach einigem Hin und Her, daß er
zumindest vor meiner Tür Wache halten wird, bis ich eingeschlafen bin und dann die Hütte gleich neben meiner bezieht. Während ich mich unter dem Moskitonetz in meinen Schlafsack kuschele, höre ich, wie Thomas und der Mann, der uns hierher
geführt hat, sich draußen niederlassen und leise miteinander reden. Was soll mir mit zwei so hilfsbereiten Beschützern schon passieren? Unwillkürlich denke ich an meine Familie zu Hause, die sich gewiss große Sorgen um mich macht, und
wünschte, ich könnte ihnen auch nur einen Bruchteil dieses wunderbaren Gefühls, geborgen und behütet zu sein, vermitteln.
atlantis
