Madagaskar

Part 6 – Ankarana (17. 9. 2001)
Der Gesang der Zikaden, das Brausen des Windes und
leises Regenpladdern begleiten sanft meinen Schlaf - der allerdings schon um 4 Uhr morgens durch anhaltendes Krähen gestört wird. Ein neuer, aufregender Tag voll Abenteuer in einem herrlichen Land steht bevor! Hurrah! Guten morgen, liebe Welt!
Sofort bin ich hellwach. Wer hätte das je gedacht von mir, der notorischen Langschläferin, die zu Hause ihre Vormittage stets dem erquickenden Schlummer widmet und, wenn es nicht zwingend notwendig ist, vor zwölf Uhr das Haus nicht verläßt?!
Wir brechen auf zu einer unbeschreiblich schönen Dschungelwanderung gen „Tsingy“. Als wir am Tsingy ankommen bin ich wieder bester Laune und erfreue mich an den seltsamen Gesteinsformationen, der wunderbare Aussicht auf einen
rauschend in die Tiefe stürzenden Wasserfall und meiner wohlverdienten Wegzehrung. Nur die Lemuren erweisen sich hier als sehr störend: Im Gegensatz zu ihren Artgenossen, die uns unterwegs begegnet sind, haben sie all ihre graziöse Scheu und
anmutige Zurückhaltung abgelegt und gebärden sich richtig aufdringlich. Im frühen Nachmittag erreichen wir das Hotel. Ich bin erschöpft von der langen Wanderung,
vor allem aber stolz und glücklich. Der Besitzer des Hotels erkundigt sich, was wir essen möchten, und Thomas erstellt umständlich eine Liste von Nahrungsmitteln, die für seine Familie fady sind. Ich frage, ob es möglich ist, etwas ohne
Fleisch zu bekommen. Anschließend verkündet Thomas, er werde zum Brunnen gehen, um
Wasser zum Duschen zu holen, schultert einen gelben Plastikeimer und marschiert los. Endlich kommt
Thomas zurück. Ich hatte mich schon gewundert, wo er so lange bleibt. Dankbar nehme ich den Eimer mit dem im Sonnenlicht blitzenden und funkelnden Wasser entgegen. Hach, gibt es etwas Schöneres, als unter dem strahlend blauen Himmel Madagaskars zu stehen, barfuß von den Sohlen bis zum Scheitel, umschmeichelt vom sanften afrikanischen Wind, den Blick auf die Steppenlandschaft mit der rötlichen Erde,
den ockerfarbenen Sträuchern und den sich in der Ferne aufwölbenden schimmernden Hügelketten gerichtet, und dabei wohltuend kaltes, erfrischendes Wasser über den erhitzten Leib zu gießen?
Ich sitze vor meiner Bambushütte und beobachte, wie sich der Himmel von einem lodernden orange rasch zu graublau verfärbt. Die unbesiedelte Landschaft, die sich vor mir erstreckt, wirkt endlos. Ich wünschte, ich könnte diesen Moment
vollkommener Ruhe und Zufriedenheit festhalten. Inzwischen verstehe ich gar nicht mehr, wie ich mich vor Beginn meiner Reise so fürchten konnte. Ich bin rundum glücklich. Ob Jeo wohl inzwischen Lalao angerufen hat? Noch immer frage ich mich, was ihr seltsames, unausgeglichenes Verhalten mir gegenüber zu bedeuten hatte. Es verwirrt mich, daß sie einerseits über sehr persönliche
Dinge gesprochen hat, dann aber plötzlich bemüht war, alles Private vor mir geheimzuhalten... Nicht mal nach ihrer Wohnung hatte ich sie fragen dürfen! Und alles mußte immer so gediegen und nobel sein, beinahe, als ob sie verhindern wollte,
daß ich mit dem richtigen, lebendigen Madagaskar in Kontakt komme... War all ihre Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft bloß gespielt? Aber vielleicht fand sie mich ja auch wirklich nett und hätte gerne Freundschaft mit mir geschlossen,
befürchtete aber, ich als vermeintlich reiche europäische Touristin würde sie als Person gar nicht ernst nehmen und sie bloß als eine weitere Kuriosität auf meiner Reise ins ferne Afrika betrachten... Würde später bei meinen Freunden
großspurig damit prahlen, was sie mir vertraulich erzählt hat... Möglicherweise hat sie sich deswegen ganz einfach nicht getraut, mich zu sehr in ihr Privatleben einzuweihen... Dann senkt sich erneut die tropische Nacht, die schwärzeste aller Nächte, über uns herein. Wieder flackert in
der Ferne ein Feuer auf, Leute reden und lachen, Reggae-Musik dröhnt und mittendrin stimmen die Zikaden ihr monotones Lied an... Mit einem Mal fühle ich mich einsam. Nirgendwo gehöre ich wirklich dazu... Eine sanfte, friedfertige Melancholie
überkommt mich, und ich genieße es regelrecht, mich von dieser stimmungsvollen Wehmut treiben zu lassen. Nein, im Grunde genommen wünsche ich mir gar keine andere Person herbei, es ist eher eine vage, unbestimmte Sehnsucht, die langsam über
mich hinweggleitet und mich in ihre filigranen Schleier hüllt... Im übrigen ist heute Lariam-Tag. Ich muß zugeben, daß mir nun doch unheimlich wird, als ich die kleine weiße
Tablette schlucke... Schließlich hat mich meine Ärztin zu Hause sehr nachdrücklich darauf hingewiesen, daß die in dieser Malaria-Prophylaxe enthaltenen Stoffe stark die Nerven angreifen und somit als Nebenwirkung hauptsächlich psychische
Veränderungen zu erwarten sind. Auch in der Packungsbeilage war von so unterhaltsamen Phänomenen wie Halluzinationen, Verfolgungswahn, Depression oder gar Suizidgefährdung die Rede. Und das bei einem Sensibelchen wie mir...
Plötzlich beginnt meine Hütte zu beben und ein seltsames Grunzen ertönt. Ich öffne die Tür und erblicke ein Zebu, das gerade dabei ist, genüßlich die Bambuswände meiner kleinen Behausung zu verspeisen. Hinter der Hütte befindet sich die
Waschgelegenheit in Form eines Blecheimers mit kristallklarem Wasser. Auch das Klo erweist sich – um es mit Thomas´ Worten zu umschreiben – als „sehr rural“: In einem Bretterverschlag ist ein winziges Loch im Boden, welches zu treffen
nicht gerade einfach ist, wie auch die Hinterlassenschaften meiner Vorgänger mir zeigen.
Zum Frühstück gibt´s Butterbrot für mich und heißen, dampfenden Reis mit undefinierbarer klumpiger, fleischhaltiger Masse für Thomas. Der beäugt meine
Mahlzeit leicht angewidert und fragt, wie ich es nur schaffe, so was zu mir zu nehmen – noch dazu am frühen Morgen...
Der „Tsingy“ ist ein Gebirge,
das aus nadelspitzem Kalkstein besteht. Ursprünglich handelte es sich um eine Korallenbank, die aus dem Meer heraustrat. Dadurch, daß das Gestein seitdem über Jahrmillionen hinweg immerzu Sonne und Regen ausgesetzt war, hat es seine heutige,
skurril anmutende Form erhalten.
Thomas erläutert mir unterwegs sämtliche Tiere und Pflanzen, denen wir begegnen, und ich bin erneut beeindruckt von den majestätischen Bäumen, dem dichten Unterholz, den bunt blühenden Blumen, den
gewaltigen, knotigen Lianen und vor allem von den Tieren, die zu meiner Verwunderung überhaupt nicht ängstlich oder schreckhaft sind. Am Wegrand kauern Chamäleons und giftgrüne Geckos. Schwarze Vögel mit lustig gesträubter Federhaube fliegen
direkt an uns vorbei. Thomas erklärt mir, daß diese Vögel aufgrund ihrer „Krone“ den Namen „Roi des Oiseaux“ tragen. Großäugige Lepilemuren mit kugelrunden, pelzigen Gesichtern kuscheln sich behaglich in Baumhöhlen. Besonders
hingerissen bin ich von den munteren Kronenlemuren: Nur wenige Meter von uns entfernt turnen sie durch das Geäst, mustern uns halb scheu, halb neugierig aus ihren riesigen Augen und wissen offenbar selbst nicht so recht, ob sie näherkommen
oder schleunigst die Flucht ergreifen sollen. Ihre Hände und Füße sind zart und feingliedrig, aber dennoch wirken die Lemuren nicht so menschenähnlich wie Affen, sondern haben sie ihre tierhafte Geschmeidig bewahrt.
Allerdings scheinen die
Moskitos heute ungewöhnlich hartnäckig zu sein... Verdammt, wie das juckt! Vom Knöchel an die gesamten Beine hoch bis zum Hintern scheuert die Haut, und es wird von Minute zu Minute schlimmer. Ich bin ja wirklich nicht empfindlich, aber so ein
Elend wünsche ich nicht mal meinem ärgsten Feind! Thomas marschiert in rasantem Wandertempo eifrig vorneweg. Zunächst versuche ich diskret, mich im Gehen zu kratzen, aber dadurch nimmt der Juckreiz nur zu. Schließlich muß ich alle paar Meter
stehen bleiben und mich kratzen.
Thomas wendet sich um. „Was ist denn los? Ja, ich weiß, hier gibt´s eine Strauchart mit Samen, die sehr fies jucken können, das ist vor allem unangenehm, wenn man Shorts trägt, so daß die ungehindert zur
Haut vordringen können. Aber du dürftest damit doch keine ernsthaften Probleme haben!“
Schamvoll betrachte ich meine lange Hose aus dickem Cord und bin überzeugt, dass Thomas mich jetzt für einen ausgemachten Jammerlappen halten
muss. Trotzdem – nach wenigen Minuten kapituliere ich erneut. „Das ist wirklich unerträglich,“ klage ich und deute vorwurfsvoll auf meine Haut, die sich unter dem hochgezogenen Hosenbein knallrot, verquollen und mit zahllosen Pusteln
übersät präsentiert.
Jetzt stutzt auch Thomas. „Das gibt es doch nicht, wie kann... Ach, jetzt begreife ich!“
Es stellt sich heraus, dass ich das juckende Zeug tatsächlich in voller Ladung abbekommen habe: Durch den weiten Schlag meiner
Hose haben die Pflanzenteile sich hinterlistig ihren Weg ins Innere gebahnt, wo sie sich dann am Stoff festsetzten und so unentwegt meine Beine malträtierten.
„Und nun?!“ Gequält zappele ich herum.
„Zähne zusammenbeißen. Bloß nicht
kratzen, auch wenn´s schwer fällt. Hast Du irgendwas Ölhaltiges dabei – Sonnenmilch oder so? Das lindert den Juckreiz.“
Begeistert ziehe ich die rettende Tube aus meinem Rucksack.
„Moment, erst mal mußt du dein Bein waschen, sonst wird
alles nur noch schlimmer... Halt, stop, was tust du da?! Doch nicht mit unserem Trinkwasser! Wir haben bloß drei Flaschen, und die brauchen wir auch unbedingt, sonst überstehen wir nie die lange Wanderung durch die Hitze! Aber keine Angst,
bald kommen wir an einen Bach...“
„Wann ist bald?“ quengele ich.
„Oh, ich schätze, wenn wir tüchtig weiterlaufen, eine Stunde etwa. Und dann dauert´s natürlich eine Weile, bis das Öl wirkt!“
So lange noch! Am liebsten würde ich meine
Beine mit einem Messer abschälen, so peinigt mich das Jucken. Ich versuche, meine Gedanken auf den erlösenden Bach zu richten und will loseilen, doch Thomas hält mich zurück: „Langsam, du mußt mit deinen Kräften haushalten. Du bist nicht im
gemäßigten Europa, sondern in den Tropen, und wenn du dich jetzt schon verausgabst, bist du nachher in der Mittagshitze völlig K.O... Oder willst du etwa nicht zum Tsingy?“
Doch, natürlich will ich! Jetzt erst recht! Als Thomas sieht, wie
tapfer ich mich abmühe, bekommt er Mitleid und versucht, mich zu trösten: „Du bist stark, du schaffst das schon! Und wenn du zu Hause mal Probleme hast, wirst du dich daran erinnern, dass du auch diese Wanderung gepackt hast, und dann haut
dich so leicht nichts mehr um!“
Um mich abzulenken erzählt er mir, wie der Roi des Oiseaux
an seine Krone gekommen ist: Einst hatten nämlich sämtliche des Vögel Madagaskars beschlossen, einen Wettbewerb zu veranstalten und zu erproben, wer als erster bis zu Gott fliegen kann. Der Gewinner war der besagte Roi des Oiseaux
, und als Zeichen seines Sieges verlieh Gott ihm jene auffällige Krone. Allerdings war der Roi des Oiseaux
so hoch geflogen, daß sein Gefieder die Sonne berührte und daran verbrannte, weswegen er bis heute im Gegensatz zu den meisten anderen Vögeln kein farbenprächtiges Äußeres hat, sondern ganz schwarz ist.
Und auch zu den dicken braunen
Vögeln, die überall im Unterholz hocken, kann Thomas etwas berichten: Dabei handelt es sich nämlich eine Art Kuckuck, der für gewöhnlich dicht am Boden fliegt. Wenn man ihm begegnet, ist das nicht gerade erfreulich, denn gemäß dem
volkstümlichen madagassischen Glauben bedeutet das Auftauchen dieses Vogels, daß man bald kein Geld mehr hat. Je niedriger er fliegt, desto ärmer wird man in Zukunft sein. Begeistert bringe ich Thomas das Wort „Pleitegeier“ bei, das wir von
nun an jedes Mal frenetisch jubeln, sobald wir diesen Kuckuck sichten. Im übrigen finde ich es witzig, daß auch in unserem Aberglauben ausgerechnet der Kuckuck mit Geld und Reichtum verknüpft ist – wer hat schließlich nicht schon beim ersten
Kuckucksschrei eilig auf die Brieftasche geklopft, um im kommenden Jahr wohlbegütert zu sein?!
Nach und nach tauchen andere Touristen mit ihren Guides auf, unter ihnen ausgerechnet auch jenes Paar, das in Diego meine Begleitung verschmäht hatte.
Tatsächlich haben sie einen Guide nur für sich – die Behauptung, sie würden sich mit anderen Leuten zusammenschließen, entpuppt sich dadurch eindeutig als Lüge. Nichtsdestotrotz nehmen sie mich zur Seite und erkundigen sich im
Flüsterton, wie ich denn so klarkomme und ob ich mich nicht fürchte, ganz allein in fremder männlicher Begleitung... Strahlend entgegne ich, dass es mir hervorragend geht und Thomas und ich uns einfach prächtig verstehen. Die Frau mustert mich
abschätzend: Na ja, es käme natürlich immer drauf an, welche Erwartungen man an einen Urlaub habe und sie könne sich vorstellen, daß mir diese Situation durchaus Spaß macht, sie selbst aber bevorzuge doch eine andere Art des Reisens.
Ihre eisgrauen Augen spiegeln vermutlich nur einen Bruchteil der Abgründe wider, die sie mir inzwischen zutraut.
Inzwischen hat ein eifriges Lemurenfüttern eingesetzt: Sämtliche Vazahas
versuchen, die possierlichen Tierchen mit Baguette, Schokokeksen und sämtlichen anderen Leckereien, die der Rucksack hergibt, anzulocken. Eine Frau tröpfelt sogar Wasser in den Verschluß ihrer Trinkflasche und hält diesen den Lemuren hin. Die lassen sich nicht lange bitten und greifen gierig zu. Währenddessen machen die madagassischen
Guides ununterbrochen Fotos von ihren freudig schwatzenden Kunden und den zutraulichen Lemuren.
Auch Thomas scheint sich in dieser Gesellschaft nicht sonderlich wohl zu fühlen, und rasch treten wir den Rückweg an. Kaum haben wir ein
wenig Abstand zwischen uns und die anderen Touristen gebracht, beginnt er zu schimpfen: Es ist wirklich verantwortungslos, sich so die Zuneigung der Lemuren zu erschleichen, nur um zu Hause mit ein paar möglichst spektakulären Dschungelfotos
aufwarten zu können! Diese Tiere sind inzwischen völlig degeneriert, erklärt Thomas, sie haben jede angeborene Zurückhaltung verloren, könnten, sobald sie nur noch auf sich gestellt sind, wahrscheinlich gar nicht mehr überleben, und auch der
Nahrungskreislauf ist dadurch gestört, so daß es jetzt eine regelrechte Überpopulation von Lemuren am Tsingy gibt und das natürliche Gleichgewicht immer mehr aus den Fugen gerät.
„Aber was ist mit den Guides?
“, wende ich ein, „Warum haben die nichts dagegen unternommen? Ich dachte, jeder Guide wird beim WWF oder ANGAP ausgebildet und lernt dort, worauf er in einem Naturschutzgebiet achten muß.“
„Schon, aber es ist ihnen egal!“ antwortet
Thomas schroff. „Glaubst du tatsächlich, sie alle haben diese Ausbildung aus Idealismus gemacht, etwa weil es ihnen wichtig ist, die Natur ihres Heimatlandes zu erhalten? Von wegen! Aber sie wissen, daß der Tourismus eine gute und sichere
Einnahmequelle ist und daß ANGAP und WWF Wert legen auf gerechte Löhne und geregelte Arbeitszeiten. Alles andere kümmert sie nicht. Jetzt hoffen sie natürlich, sich bei den Touristen beliebt zu machen, indem sie helfen, die Lemuren anzulocken
und spekulieren auf ein üppiges Trinkgeld nach der Wanderung.“ Er schnauft wütend. „Hast du die Frau gesehen, die den Lemuren erlaubt hat, aus ihrer Wasserflasche zu trinken? Zu Hause würde sie auch nicht mit ihrem Hund aus einem Napf fressen.
Jeder weiß doch, daß gerade wildlebende Tiere Krankheiten übertragen. Aber klar, wenn wirklich was passiert, käme sie nie auf die Idee, sich selbst die Schuld zuzuschreiben - statt dessen heißt´s dann bloß wieder, Madagaskar ist ein
schmutziges, unhygienisches Land, in dem die Besucher krank werden!“
Jetzt beginne auch ich zu nörgeln und berichte von meinen unerfreulichen Erlebnissen mit jenem Paar, das mich wegen meinem mal-organisée abgelehnt hat und mir gar
unterstellen wollte, ich sei bloß auf der Suche nach einem heißen Ferienflirt. Thomas nickt: Dieses Klischee ist eine typisch europäische Vorstellung, behauptet er, in Madagaskar dagegen wird es als völlig selbstverständlich angesehen, dass
auch Frauen eigenständig reisen, wann und wohin sie wollen, und insofern käme für gewöhnlich kein Madegasse auf die Idee, eine alleinreisende Frau auszunutzen oder irgendwelche anderen Absichten hinter ihrem Tun zu vermuten. Ich schimpfe und
lästere weiter, mir ruhigem, freundlichem Gleichmut lässt Thomas mein Gemecker über sich ergehen. Plötzlich jedoch stutze ich, kann die gesamte Situation selbst nicht mehr einschätzen: Ist es wirklich so, dass ich hier mit einem netten
Menschen über Dinge spreche, die mich gerade beschäftigen, oder bin ich bloß eine hysterische Psychotussi, die, da sie sonst niemanden hat, dem Guide
ihr Herz ausschüttet, der das alles bloß erträgt, weil es ja nun mal zum Job gehört und er dafür bezahlt wird? Ich halte inne.
„Du, sag mal, bin ich arg komisch?“ erkundige ich mich vorsichtig.
„Es geht“, antwortet Thomas ohne zu Zögern. „Manchmal bist du ganz normal, und dann benimmst du dich auf einmal wieder total vazaha.“
„Wieso denn das?“
„Weil ihr Vazahas immer nur redet und redet, aber je mehr ihr redet, um
so weniger befindet sich dahinter... Wie ein Haus mit einen schönen Fassade, das innen drin leer steht – aber gerade durch die prächtige Fassade wird man erst auf die Leere aufmerksam gemacht. Du beispielsweise hast mir jetzt ausführlich
erklärt, warum jede Frau, du eingeschlossen, tun sollte, wozu sie Lust hat und warum du dich nicht davon abbringen lassen willst, auch alleine zu reisen. Also, wenn du es richtig findest – warum machst du es dann nicht einfach? Warum
interessiert es dich, was diese Leute über dich denken? Gibst du ihnen und ihren Vorstellungen nicht bereits Macht über dich, indem du ihnen Platz in deinen Gedanken einräumst? Unsere Frauen reden nicht über Emanzipation. Sie leben sie
einfach. Für sie ist es ganz normal, gleichberechtigt zu sein. Sie kennen gar kein Wort dafür. Schon allein dadurch, daß ihr eigene Begriffe kreiert habt – Feminismus, Frauenrechte, Emanzipation – ist all dies nicht mehr selbstverständlich.
Indem ihr solche Dinge benennt, stellt ihr euch selbst in Frage.“
„Aber gestern wolltest du unbedingt vor meiner Hütte Wache halten, obwohl eigentlich gar keine Gefahr gedroht hat“, begehre ich auf. „Wie kamst du denn auf diese Idee, wenn
du nicht ebenfalls glaubst, daß Frauen schwächer und deswegen ängstlicher sind?“
„Weil die Höflichkeit es gebietet, Frauen zu beschützen“, erwidert Thomas würdevoll. „Und Gleichberechtigung ist noch lange kein Grund, die guten Sitten zu
vergessen und sich respektlos gegenüber Frauen zu verhalten. Im übrigen bist du eine Vazaha, und Vazaha-Frauen fürchten sich doch immer!“
„Hast du noch nie Fleisch gegessen? Du weißt also gar nicht, wie es schmeckt?“ erkundigt sich der Hotelbesitzer neugierig.
„Doch, schon. Ich habe erst mit 16 beschlossen, daß ich es nicht mehr möchte“, antworte ich.
„Aber wie konntest du als Kind Fleisch essen, wenn es für dich fady ist? Das verstehe ich nicht. – Was haben denn deine Eltern dazu gesagt?“
„Meine Eltern essen natürlich Fleisch.“
„Dann kann es doch für dich nicht fady
sein!“ Er schüttelt den Kopf. „Ihr Vazahas seid schon seltsam.“
Wir einigen uns auf Reis mit Bohnen. Die Mahlzeit erweist sich als geschmacksneutral, aber sättigend.
Ich sitze derweil auf der provisorischen Terrasse des Hauptgebäudes, das ein wenig größer ist als meine Bambushütte und aus stabilen Holzlatten besteht.
Im Inneren des Gebäudes knien einige ältere Frauen und schrubben in einem großen Bottich Wäsche. Dabei reden sie eifrig aufeinander ein und lachen fröhlich. Ein junges Mädchen, dessen Haar zu zahllosen kleinen Schneckchen gedreht ist, spült
Geschirr. Ein anderes Mädchen wiegt auf seinen Knien ein Kind. An der Feuerstelle steht eine unglaublich dicke Frau in einem pink und orange gemusterten Wickelrock und kocht. Immer wieder fischt sie aus dem verbeulten Topf, der über den
züngelnden, rußenden Flammen hängt, einzelne Brocken und reicht sie dem Kind. Das kreischt vergnügt und streckt ihr die molligen, schmutzgesprenkelten Ärmchen entgegen. Der Mann, der uns gestern Abend am Taxi Brousse abgeholt hat, hackt
neben dem Gebäude Holz. Doch obwohl alle beschäftigt sind, wirkt niemand unzufrieden oder gehetzt, jeder führt sichtlich freudig in aller Ruhe seine Arbeit aus, ja, fast kommt es mir so vor, als könne es hier, an diesem behaglichen Ort,
überhaupt keine Eile geben.
... Abrupt wird diese Idylle jedoch durchbrochen, als ein Kleinbus mit europäischen Reisenden hält. Hektisch stürmen sie die Terrasse, nicken nur kurz mit dem Kopf in meine Richtung, nehmen sich erst gar nicht
die Zeit, sich zu setzen, rufen eilig ihre Bestellung in Richtung des Gebäudeinneren, zeigen sich empört, daß es keine Cola mehr gibt und die Limo nicht eisgekühlt ist, nehmen schließlich mit Mineralwasser vorlieb, ein Typ mit Sonnenbrand
nörgelt auf ein junges Mädchen im Batikhemd ein und behauptet, es sei „une idée emmerdante“
gewesen, diesen Umweg zu fahren und schon kurz darauf steigen sie wieder in ihren Bus und brausen weiter. Eine rote Staubwolke wirbelt hinter ihnen auf.
Ich schaue ihnen nach. Ich glaube kaum, daß sie ihr Wasser so leidenschaftlich
genießen können wie ich meines vorhin am Tsingy, und dafür bedauere ich sie aus tiefstem Herzen.
Überhaupt, seltsam... Noch vor wenigen Tagen hätte ich alles gegeben, um mich solch einer munteren Gruppe junger Traveller anschließen zu
können, doch jetzt erscheinen diese Menschen mir wie eine Invasion aus einer fernen Welt, und die Vorstellung, mit ihnen zu ziehen, wirkt auf mich nicht im geringsten erstrebenswert. Ich frage mich, was sie, die so eingebunden in ihre eigene
Gemeinschaft sind, überhaupt bewußt von Madagaskar erleben... Ob sie tatsächlich die Einzigartigkeit jedes Ortes mit all ihren Sinnen aufzunehmen vermögen, oder ob sie durch ihre Mitreisenden stets in irgendeiner Form abgelenkt sind und ihre
Erinnerungen sich letztlich beschränken werden auf einige persönliche Anekdötchen à la In Diego hat xy einen guten Witz gemacht und wir haben uns kringelig gelacht, aber in Ankarana gab´s Streit, deswegen war´s da überhaupt nicht schön...
Wird das Reiseland da nicht in gewissem Sinne austauschbar, stehen nicht Ereignisse im Vordergrund, bei denen es im Grunde genommen gleichgültig ist, ob sie sich unter Palmen oder unter heimatlichen Tannen abspielen?
„Der Duschplatz ist da drüben“, Thomas deutet auf ein wackeliges Konstrukt
aus drei schmalen Bambuswänden ohne Dach. „Dort liegen auch ausgehöhlte Kokosnußschalen, damit kannst du das Wasser aus dem Eimer schöpfen. Deine Kleider hängst du am besten über die Wand, die in Richtung des Hauptgebäudes zeigt – dann sehen
alle, daß gerade jemand duscht und du hast keine Störung zu befürchten. Übrigens, könntest du bitte versuchen, auch noch genug Wasser für mich übrig zu lassen?“
Sämtliche Hühner und Ziegen des Hofes haben sich mir inzwischen genähert.
Thomas lacht. „Die wissen schon, was dieser Eimer bedeutet! Die Dusche hier hat keinen eigenen Boden und somit auch keinen Abfluß. Die Tiere haben Durst, und jetzt warten sie darauf, das Wasser zu trinken, was beim Duschen auf die Erde fließt.“
Die Hühner und Ziegen, die sich um mich versammelt
haben, lecken durstig das Wasser auf, das von meinem Körper in schmalen Bächen hinabrinnt. Unter meinen Füßen verwandelt sich die trockene, festgestampfte Erde nach und nach in weichen Schlamm, der lustig zwischen den Zehen hervorquillt. Ich
genieße es, ausgiebig den Schweiß der anstrengenden Wanderung von mir abzuspülen. Erst als ich fertig bin, bemerke ich, daß kaum noch Wasser übrig ist.
Verlegen beichte ich Thomas meinen großen Verbrauch und biete an, selbst zum Brunnen zu
gehen. Thomas schüttelt den Kopf. „Nimm´s mir nicht übel – aber ich glaube, das würdest du nicht schaffen. Der Brunnen ist über sieben Kilometer von hier entfernt, und diese weite Strecke in der glühenden Sonne, auf dem Heimweg auch noch mit
dem schweren gefüllten Eimer... Nein, laß mal, ich gehe lieber selbst.“
Ich bin zutiefst beschämt. Wie konnte ich bloß so gedankenlos sein! Ich entschuldige mich wortreich. Mit stoischer, ungerührter Freundlichkeit wehrt Thomas ab: „Mir
macht das nichts aus. Ich bin daran gewöhnt, weit zu laufen. Mein Schulweg als Kind war noch länger. Und wer weiß, vielleicht treffe ich ja unterwegs Bekannte - dann werde ich froh sein, daß ich noch mal gegangen bin.“
Während ich Thomas
nachschaue, der allmählich in der Ferne verschwindet, frage ich mich ein wenig verdrießlich, weshalb er mir nicht einfach vorher gesagt hat, daß es derart weit ist bis zum Brunnen. Dann hätte ich bestimmt besser darauf geachtet, nicht so
verschwenderisch mit dem Wasser umzugehen und diese peinliche Situation wäre mir erspart geblieben. Aber, tröste ich mich, vielleicht ist auch das eine typisch madagassische Form der Höflichkeit – nicht extra betonen, welche Mühen man für den
anderen auf sich nimmt, sondern es einfach tun, ohne viele Worte. Ich hätte wohl selbständig darauf achten sollen, wie lange Thomas fortbleibt und dementsprechend bemerken, daß es sich um eine größere Strecke handelt.
Jetzt mache ich mir
noch größere Vorwürfe. Ich versuche, mich zu beruhigen: Möglicherweise war diese nachlässige Haltung von mir, die Erwartung, daß ich sämtliche wichtigen Informationen passend vorgesetzt bekomme, einfach nur geprägt durch mein bisheriges
wohlbehütetes Leben in einer westlichen Konsumgesellschaft... Denn wird uns nicht schon im Kindesalter alles auf vermeintlich pädagogisch sinnvolle Weise erklärt, so daß wir gar nicht auf die Idee kommen, unser Umfeld genau zu beobachten und
selbst Schlußfolgerungen zu ziehen? Und reißen sich nicht auch später die Medien, die Lehranstalten, im Grunde genommen alle Informationsquellen um uns als Konsumenten, indem sie versuchen, Sachverhalte möglichst klar und einfach zu
vermitteln? Gewiß, uns wird beigebracht, vielfältige Informationen zu verwerten, aber lernen wir je, sie eigenständig zu erschließen? Sind wir nicht überfüttert mit abstraktem Wissen, das wir uns nie selbst zu erarbeiten brauchen?
Ja,
wahrscheinlich habe ich ganz einfach verlernt, mit offenen Augen und Ohren durch die Welt zu gehen und aus dem, was ich beobachte, Schlußfolgerungen zu ziehen...
Fest nehme ich mir vor, in Zukunft aufmerksamer zu sein und mehr mitzudenken.
Bei dem Versuch, einen Brief an Robby zu verfassen, komme ich nicht
über ein paar belangslose, nichtssagende Zeilen hinaus. Es fällt mir schwer, an ihn als an eine reale, tatsächlich existierende Person zu denken. Sein Bild, das stetig in meinem Bewußtsein verhaftet ist, erscheint mir plötzlich wie ein
lebloses Gemälde, auf Leinwand gebannte, erstarrte Farbe, phantastisch und ohne jeden Bezug zur Wirklichkeit. Alles, was mir einst so wichtig war, liegt plötzlich so weit...
Ich bin angekommen im fernen tropischen Land!
Ja, es ist gut,
daß ich diese Reise alleine angetreten habe, denn nur so kann ich vollkommen frei sein, meine alte Identität so bereitwillig abstreifen und von mir werfen... Mich in jede Situation fallen lassen, einfach eintauchen, ohne durch fremde
Erwartungen gefesselt zu sein...
Es tut mir leid. Schließlich bin ich selbst doch auch ein sehr
widersprüchlicher, oftmals komplizierter Mensch, und ich denke, in Lalao hätte ich eine Freundin und Seelenverwandte finden können.
Gerade als ich beschließe, daß es Zeit ist, schlafen zu gehen und Kräfte für den morgigen Tag zu sammeln, was auch immer er an neuen Abenteuern bereithalten mag, tritt Thomas
neben mich. In der tiefen Dunkelheit kann ich bloß das Weiße seiner Augen und seine Zähne leuchten sehen. „Na, Rasta, wie gefällt dir Ankarana?“ erkundigt er sich gutgelaunt.
„Oh, es ist traumhaft hier!“ Ich breche in regelrechte
Begeisterungsstürme aus. „Immer gibt es etwas Neues zu sehen und zu entdecken, der Dschungel ist einfach faszinierend, alles ist viel größer und gewaltiger als in unseren Wäldern, und dann erst die Tiere... Ich hätte nie gedacht, daß sie so
wenig ängstlich sind ganz dicht an uns herankommen!“
„Du mußt bedenken, daß sie ihr ganzes Leben in diesem Naturreservat verbracht haben“, entgegnet Thomas. Es ist fast schon unheimlich, sich mit dieser scheinbar körperlosen Gestalt, deren
Stimme doch eigenartig vertraut klingt, zu unterhalten. „Hier haben sie noch nie schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht. Klar, du hast heute selbst mitbekommen, daß einige Guides sich nicht hundertprozentig korrekt verhalten, aber
zumindest achten sie stets darauf, die wildlebenden Tiere, die ihre Kunden doch so gerne sehen möchten, nicht aufzuscheuchen oder zu verschrecken. Das bedeutet, die Tiere hier haben nie gelernt, daß sie sich aus irgendeinem Grund vor Menschen
fürchten müssen, und wenn sie sich vielleicht ein wenig scheu, aber nie wirklich ängstlich gebärden, so ist es das natürlichste Verhalten, was Tiere nur aufweisen können. Übrigens“, fährt er fort, „weißt du schon, wann du morgen abreisen
möchtest?“ Ich verneine. Zu meinem Erstaunen stelle ich fest, daß ich in den vergangenen beiden Tagen gar nicht mehr über den weiteren Verlauf meiner Reise nachgedacht hatte. Klar, genaue Pläne hatte ich mir sowieso nicht zurechtgelegt, denn
ich bin zunächst immer davon ausgegangen, daß sich mir die Möglichkeit bieten würde, mich mit anderen Travellern zusammenzuschließen, deswegen wollte ich in der Lage sein, spontan und flexibel zu reagieren... Aber dennoch hatte mich anfangs
stets die Frage beunruhigt, wie es denn nun weitergehen sollte. Die vielen neuen Eindrücke hier haben mich aber anscheinend derart in ihren Bann gezogen, daß ich gar nicht mehr dazu gekommen bin, mir Sorgen zu machen. Nichtsdestotrotz wird mir
jetzt bei der Vorstellung, daß ich diese sichere Oase schon bald verlassen soll, schwer ums Herz. Dazu kommt, daß mir ein wenig bange davor ist, mich von Thomas zu trennen und wieder ganz auf mich alleine gestellt zu sein.
Thomas erklärt,
er selbst werde morgen direkt nach Ambanja weiterfahren, seine Familie wohne dort, und da es von Ankarana aus nicht weit ist wolle er die Gelegenheit nutzen, seine Eltern zu besuchen. Für mich besteht die Möglichkeit, entweder nach Diego
zurückzufahren oder ihn nach Ambanja zu begleiten.
„Und wie ist Ambanja so?“ will ich wissen.
„Es ist eine eher kleine, gemütliche Stadt“, berichtet Thomas. „Für die meisten Touristen ist es bloß eine unbedeutende Zwischenstation,
beispielsweise um auf Nosy Bé überzusetzen oder in den Süden zu fliegen, und sie verbringen selten mehr als ein paar Stunden dort. Das ist Schade, denn die Landschaft ist wirklich schön. Die Stadt liegt an einem großen Fluß, deswegen ist die
Vegetation üppig und sehr tropisch. Überall gibt es ausgedehnte Obst- und Gewürzplantagen, in denen man wunderbare Spaziergänge unternehmen kann. Also, wie sieht´s aus, möchtest du mitkommen?“
Die Entscheidung fällt mir nicht schwer – ich
beschließe, Ambanja einen Besuch abzustatten. Was Thomas über diese Stadt gesagt hat, klingt durchaus verlockend, und außerdem bin ich erleichtert, daß ich so den Moment, da ich wieder ganz auf mich alleine gestellt sein werde, noch etwas
hinauszögern kann. Wir einigen uns, Vormittags noch eine Wanderung in Ankarana zu unternehmen und erst danach aufzubrechen.
Vorsichtshalber
hatte ich bereits zu Hause begonnen, Lariam zu nehmen, um im Zweifelsfall in vertrauter Umgebung dem Wahnsinn zu verfallen. Dort hatten mich lediglich die ebenfalls auf dem aufmunternden Beipackzettel angekündigten „abnormen Träume“
geplagt, die sich in den Nächten direkt nach dem Lariam-Genuß immer extrem blutrünstig zu gestalten pflegten. Was aber, denke ich, wenn sich hier die Wirkung zu ihrer vollen Pracht entfaltet? Wer wird mir dann helfen, fernab jeglicher Zivilisation? Nicht mal ein Auto oder ein Telefon gibt es auf diesem abgeschiedenen Hof...
Zum Glück komme ich nicht dazu, mir weiter Sorgen zu machen, denn die Müdigkeit überwältigt mich und ich schlafe ein.
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